Was Medien und Fachpublikationen über die Welt der Vögel berichten

Vogelzeitschriften-Titel kreuz und quer
8.09.2018

Nachwuchsmangel bei Brandenburgs Weißstörchen

Die Störche in Brandenburg haben in diesem Jahr nicht so viele Jungen durchgebracht, wie es eigentlich nötig wäre, um den Bestand langfristig zu erhalten. Zwei pro Horst ist dafür die Schlüsselzahl. In der Uckermark waren es aber nur 1,5 Junge pro Storchenpaar. Besser sah es im Landkreis Dahme-Spreewald aus: Da verließen tatsächlich zwei Junge pro Horst die Heimat und machten sich auf nach Süden. – Insofern freue ich mich, dass im Horst von Tristan und Isolde drei Junge groß wurden und Anfang August auf und davon flogen. Es hätten sogar vier sein können, wenn nicht einer – offenbar bei Flugübungen – unglücklich abgestürzt wäre.

Knapp 7.000 Brutpaare hat das alljährliche Monitoring der Weißstörche für 2017 ergeben. Nur wenn es stimmt, dass die süddeutschen Störche in diesem Jahr besonders erfolgreich gebrütet haben, könnte 2018 diese Zahl wieder erreicht werden. In Mecklenburg-Vorpommern geht es nämlich mit den Störchen besonders stark bergab. Kein Wunder, denn im Nordosten Deutschland wird auf riesigen, weitgehend rainlosen Äckern viel mehr Mais- und Raps angebaut als etwa in Baden-Württemberg.

Die Gründe für eine abnehmende Storchenpopulation sind bekannt: Ist es zu trocken, fehlen die zarten Regenwürmer für „Babystörche“. Durch enorme Pestizideinsätze auf den Agrarflächen für Mais und Raps mangelt es im Sommer an Feldmäusen. Es fehlen die Feuchtgebiete für Frösche und allerorten herrscht Insektenarmut. Hinzu kommt, dass die nordostdeutsche Storchenpopulation, die auf dem östlichen Weg nach Süden zieht, eine schwierigere Route haben und noch dazu weiter fliegen als Störche, die sich Richtung Spanien auf den Weg machen. Dadurch kommen die ostwärts ziehenden im Frühjahr erst relativ spät zu uns zurück und haben weniger Zeit für eine erfolgreiche Brut. Mehr Informationen dazu im verlinkten Artikel.

Gelesen in:
Der Tagesspiegel vom 4. September 2018, S.19 und online
Roland Schulz: Ein klapperdürres Jahr für den Storch

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3.09.2018

Das Usutu-Virus macht Amseln todkrank

Es ist nicht das erste Mal, dass das Usutu-Virus, dessen Ursprünge wahrscheinlich in Afrika liegen, Amseln und andere Singvögel förmlich von den Bäumen fallen lässt. Aber in diesem Jahr ist es vor allem in Norddeutschland besonders schlimm. Beim Naturschutzbund Deutschland (NABU) sind im Sommer über 5.000 Meldungen zu 10.000 totaufgefundenen Vögeln eingegangen. – Auch ich fand kürzlich in Berlin zwei tote Amseln unter den Büschen im Garten. Doch sie liegen dort schon zu lange. Darum werde sie nicht beim NABU melden oder zur Untersuchung versenden.

Es ist übrigens kein Zufall, dass besonders viele Meldungen aus Städten kommen: Überträger des Virus ist die Hausmücke (Culex pipiens). Diese Plagegeister leben vor allem in Städten und stechen nicht nur Menschen gern, sondern auch Vögel.
Bisher hat die Amselpopulation in Deutschland nicht allzu stark unter den Usutu-Epidemien gelitten, sondern sich offenbar immer wieder erholt. Aber das muss nicht so bleiben, zumal in angesagten Städten wie Berlin der Vogellebensraum und der Menschenwohnraum heftig konkurrieren: Viele Bäume, in denen Amseln üblicherweise nisten, werden gefällt.

Wer mehr darüber wissen will, warum Vögel in der Mauser besonders Infekt-gefährdet sind, welche Viren für Bartkäuze den Tod bedeuten und was WissenschaftlerInnen zu all dem sagen, der findet viele Informationen und weiterführende Links in einem Artikel, der bei den Flugbegleitern erschienen ist. Diese Online-Text-Sammlung ist übrigens ein sehr empfehlenswertes Angebot für alle Vogelbegeisterten: Viel Hintergrundinformation für wenig Geld.

Gelesen in:
Riffreporter: Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt 28. August 2018 (online)
Joachim Budde: Das Amselsterben ist in Norddeutschland angekommen

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8.03.2018

Altweltgeier an der unsichtbaren Grenze

Nirgendwo sonst in Europa leben so viele Geier, wie auf der Iberischen Halbinsel – die meisten von ihnen in Spanien. Besonders hoch ist die Zahl der spanischen Gänsegeier (Gyps fulvus) mit 24 000 Brutpaaren. Bei den Mönchsgeiern (Aegypius monachus), die im Folgenden ebenfalls eine Rolle spielen, sind es 1 800 Paare.

Spanische und portugiesische Biologen machen nun darauf aufmerksam, dass die aasfressenden Geier in Spanien satt werden, weil dort der Tisch gut gedeckt ist, während in Portugal der Tisch leer ist.

Das geht aus den Daten von Gänsegeiern (60) und Mönchsgeiern (11) hervor, die in Spanien mit Sendern versehen wurden und ihren jeweiligen Aufenthaltsort an die Rechner der Wissenschaftler funkten. Deren Analyse ergab: Obwohl auf beiden Seiten der Grenze zwischen Portugal und Spanien die Natur und ihre Nutzung durch den Menschen nahezu identisch sind, hielten sich die Geier fast ausschließlich in Spanien auf. Von den 24.000 Messpunkten der Gänsegeier liegen deutlich weniger als 5% auf der portugiesischen Seite, und zwar meist nah an der Grenze zu Spanien. Während alle anderen Messsignale aus Spanien stammten.

Die Wissenschaftler haben dafür nur eine Erklärung: In Spanien dürfen die Tierkadaver, etwa von verunglückten Lämmern oder Ziegen, vielfach in der Wildnis liegen bleiben – und sind für Geier ein gefundenes Fressen. In Portugal müssen Kadaver offiziell entsorgt werden. Dieser Unterschied wirkt sich auf die Vielfalt der Natur in Portugal ungünstig aus und Aasfresser werden nicht satt.

Aber was steckt dahinter? Nach der BSE-Krise („Rinderwahnsinn“) hat die Europäische Kommission eine Verordnung (EC 1774/2002) erlassen, die verbietet, Kadaver in der Natur liegen zu lassen. Was eine solche Vorschrift regional für Konsequenzen hat, schreibt Brüssel nicht im Detail vor, sondern bedarf einer Auslegung. Und die kann von Staat zu Staat und von Region zu Region unterschiedlich ausfallen (Subsidaritätsprinzip).

Infolge der Verordnung EC 1774/2002 ging es vielen Geiern schlecht, sie hungerten. Spanien nutzte frühzeitig ergänzende EU-Vorschriften, die es ermöglichen, Kadaver für Geier zurückzulassen oder auszulegen. Portugal erlaubt das bisher nur grenznah an ganz wenigen Fütterungsplätzen. Daher lohnt es sich für spanische Gänse- und Mönchsgeier nicht, über die Landesgrenze zu fliegen, und zwar obwohl der Lebensraum links und rechts der Grenze gleichartig und die Grenze eigentlich unsichtbar ist.

Um ihre Daten zu erhärten, würden die Wissenschaftler durchaus auch portugiesische Geier beringen, aber es gibt nur wenige. Außerdem liegen ausreichend viele Fakten vor. Umso wichtiger ist ihr Appell zu bedenken, dass staatliche oder regionale Unterschiede in der Auslegung von Naturschutzvorschriften für Tierarten mit ausgedehnten Revieren höchstproblematisch sind.

gelesen in:
Biological Conservation, 2018, 219, S. 46-52
Eneko Arrondo u.a.: Invisible barriers: differential sanitary regulations constrain vulture movements across country borders

Die englischsprachige Publikation findet man bei 4vultures.

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6.02.2018

Wenn die Wacholderdrossel in die Stadt zieht

Der typische Lebensraum einer Wacholderdrossel (Turdus pilaris) sind die Randzonen von Laub-, Nadel- und Mischwäldern, auch in Feld- und Ufergehölzen, in Alleen und Gärten halten sie sich gerne auf und brüten dort. In Deutschland ist die Wacholderdrossel vor allem in den Mittelgebirgsregionen als Brutvogel verbreitet. Aber das war nicht immer so: Erst um 1700 sind die grau-köpfigen Drosseln von Osten kommend in das Baltikum vorgedrungen, erreichten Skandinavien und wurden 1830 an der Oder gesichtet. So wurden sie in Deutschland heimisch.

All das beschreiben eine Wissenschaftlerin und ein Wissenschaftler der Baltischen Föderalen Universität Immanuel Kant in Kaliningrad, die seit etwa 20 Jahren verfolgen, wie sich die Wacholderdrossel im früheren Königsberg zunehmend wohl fühlt. Anders gesagt: Wie sich in ausgewählten Grünanlagen der Stadt der Bestand entwickelt hat. Und das ist in der Tat interessant, denn hier brüten etwa 15% der rund 170 Paare, die im Gebiet von Kaliningrad leben.

Dies ist eine neue Entwicklung, denn bis 1984 brüteten keine Wacholderdrosseln mehr in der russischen Großstadt. Die ehemalige Population war nach dem Zweiten Weltkrieg offenbar zusammengebrochen. Eine erste Stadtpopulation hatte es dort Anfang des 20. Jh. bereits gegeben: Maria S. Šukšina und Gennadij V. Grišanov berichten, dass sich diese zwischen 1901 und 1920 entwickelt und in den 1930er und 1940er Jahren stabilisiert hatte.

Am Beispiel der Neubesiedlung beschreiben die Autoren wie eine „Natur-Population“ sich nach und nach in einer Großstadt wortwörtlich einnistet. Wissenschaftler sprechen von „Synanthropisation“ (syn/gr. steht für das Miteinander, anthrop/gr. für Mensch).

Zunächst besiedelten einzelne Paare den Waldpark am Stadtrand, einige Jahre später wagten sie sich in innerstädtische Bereiche vor und brüteten zunehmend in von Menschen geprägten Gebieten. Seit 2000 ist der Bestand in den Grünanlagen Kaliningrads, die von den Wissenschaftlern kontrolliert werden, stabil.

Dankenswerterweise vergleichen die Wissenschaftler das Verhalten der Wacholderdrossel mit anderen synanthropen Vogelarten, wie der Amsel (Turdus merula) und der Ringeltaube (Columba palumbus) und sie bemerken unter anderem dies: Beim Stadtvogel ist die Fluchtdistanz geringer. Aber im Gegensatz zu anderen urbanen Vogelarten ernährt sich die Wacholderdrossel kaum von menschlichen Nahrungsresten – das wurde nur im Winter beobachtet –, sie brütet nicht an Gebäuden und nutzt zum Nestbau kein künstliches Material.

Abschließend noch das: Es ist erfreulich, dass in den Ornithologischen Mitteilungen, Monatszeitschrift für Vogelbeobachtung, Feldornithologie und Avifaunistik, russische Wissenschaftler zu Wort kommen und so unsere Perspektive Richtung Osten erweitern. Ein Dank an den Übersetzer Uwe Alex.

gelesen in:
Ornithologische Mitteilungen, 2014, Nr. 11/12, S. 279 – 288
Maria S. Šukšina & Gennadij V. Grišanov: Die Historie der Herausbildung und der heutige Status der Stadtpopulation der Wacholderdrossel Turdus pilaris in Kaliningrad

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20.12.2017

Wohin verschwindet der Große Brachvogel?

Im Wattenmeer vor der Küste von Schleswig-Holsteins und Niedersachsens kann man in vielen Monaten des Jahres den Großen Brachvogel entdecken – solange es nicht zu kalt wird auch im Winter. Im Frühsommer sind allerdings nur wenige der langschnäbligen Watvögel dort, denn die meisten fliegen zum Brüten in den hohen Norden. Wo die Brutgebiete genau liegen und welchen Weg die Tiere einschlagen, war bisher nicht bekannt.

Ein Forschungsprojekt an der Universität Kiel hat nun die Flugrouten genauer untersucht. Zunächst wurden dazu vier Vögel an der Nordseeküste von Schleswig-Holstein mit solarbetriebenen GPS-GSM-Datenloggern ausgestattet, mittlerweile sind es 13 Tiere.

Die Datenlogger werden als federleichter Rucksack (27 g) mit Teflonbändern auf dem rund 850 g schweren Vogel befestigt. Sie senden regelmäßig Signale, die über Tageszeit und Aufenthaltsort des Vogels informieren. Bei brütenden Vögeln bleibt diese Ortsinformation via GPS über einige Wochen konstant.

Und das Ergebnis?

Im deutschen Wattenmeer sind die Vögel sehr ortstreu, sie fliegen nur wenige hundert Meter von ihrem Rastplatz weg, um nach Nahrung zu suchen. Im April machen sich die erwachsenen Vögel dann in nord-östlicher Richtung auf, fliegen mehr oder minder küstennah über die Ostsee, gönnen sich eine kurze Verschnaufpause im Baltikum und erreichen kurz darauf ihre russischen Brutgebiete. Diese liegen nördlich von Sankt Petersburg: zwischen Moskau und dem Weißen Meer.

Und obwohl die Region viele hundert Kilometer entfernt ist – ein Vogel flog 2070 km weit –, schaffen sie das in weniger als fünf Tagen. Knapp zwei Monate bleibt der Große Brachvogel dann am Brutplatz und zieht den Nachwuchs groß. Anschließend geht es – allerdings meist langsamer – zurück. Auch dann sind die Großen Brachvögel „konservativ“, landen nicht irgendwo im Wattenmeer, sondern ziemlich genau da, wo sie zuvor gefangen und mit einem Sender bestückt worden waren.

Interessant ist, dass der besenderte Jungvogel nicht ins russische Brutgebiet flog, sondern sich vor allem in Polen herumtrieb.

Wichtig ist ein anderer Punkt: Da der Große Brachvogel auf seinem Zug die Ostsee überquert oder ihrer Küstenlinie folgt, ist er durch Windkraftanlagen gefährdet. Das Kollisionsrisiko ist vor allem deshalb bedeutsam, weil 40 – 50% der Population im norddeutschen Wattenmeer die nordöstliche Route nutzen. Andere fliegen nach Finnland.

Der Biologe Philipp Schwemmer, Erstautor der Publikation über die vier besenderten Vögel im Journal of Ornithology, berichtete kürzlich auf der 150. Tagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft in Halle, dass sich die ersten Ergebnisse bestätigt haben: Was das Brutgebiet, die Rast- und Überwinterungsplätze angeht, sind die Großen Brachvögel äußerst standorttreu. Auch bei der Zugroute setzen sie nicht auf Abwechslung, sondern wählen alljährlich etwa dieselbe Strecke.

Das ist ein hübsches Ergebnis, wird aber für die schönen Watvögel umso gefährlicher je mehr Windkraftanlagen in der Ostsee und im Baltikum entstehen. Die Sorgen der Biologen um den gefährdeten Großen Brachvogel nehmen also nicht ab.

gelesen in:
Journal of Ornithology (2016, 157, S. 901 – 905)
Schwemmer, P., Enners, L. & Garthe, S.: Migration routes of Eurasian Curlews (Numenius arquata) resting in the eastern Wadden Sea based on GPS telemetry

Vortrag auf der DO-G 2017 in Halle:
Schwemmer, P., Enners, L. & Garthe, S.: Zugmuster von im Wattenmeer rastenden Großen Brachvögeln

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10.08.2017

Berliner Turmfalken sind der Stadt treu

Hier geht es um spannende Daten, die im Jahresband der „Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft e.V.“ veröffentlicht sind und nicht online zur Verfügung stehen. Der Band mit knapp 150 Seiten für 15€ ist allerdings bestellbar und sein Geld wert.

Darin befasst sich Ludwig Schlottke, seit vielen Jahren als Beringer in vielen Türmen Berlins unterwegs, mit den Turmfalken der Stadt. Mehr als 200 Paare brüten in Berlin. Seine zentrale Aussage: Wer als Turmfalke in der Hauptstadt das Licht der Welt erblickt, indem er die Eischale sprengt, der bleibt.

Das geht aus den Beringungen und Ringsichtungen hervor, die im Westteil der Stadt seit 30 Jahren von ehrenamtlichen Beringern durchgeführt werden. Mit einem Metallring beringt wurden und werden hauptsächliche nestjunge Turmfalken im Alter von 15 – 20 Tage: Seit 1996 erhalten sie auch einen Farbring.

Drei unermüdliche Beringer haben auf diese Weise im Westen Berlins 6.255 junge Turmfalken beringt. Auch in Ostberlin sorgten drei engagierte Vogelkundige dafür, dass viele junge Turmfalken beringt wurden – knapp 2.500 seit 1986.

Vogelringe lassen sich – außer bei toten Tieren – nur mit Fernglas, Spektiv oder von guten Fotos – ablesen. Bei Turmfalken gelingt das am ehesten am Brutplatz, wo sie allerdings keinesfalls gestört oder beunruhigt werden dürfen. Am Brutplatz halten sich die weiblichen Tiere besonders lange auf – obwohl auch männliche Tiere am Brutgeschäft beteiligt sind. Daher liegen mehr Daten von Weibchen vor.

Bei vielen Sichtungen wurde nur die Farbkennung identifiziert. Das reichte allerdings, um festzustellen, wie alt ein Turmfalke ist und ob er ein Berliner oder eine Berlinerin ist. Der Grund: Nur in der Hauptstadt wird dieser Greif mit einem zusätzlichen Farbring markiert. Wobei jede Farbe eindeutig für ein „Geburts“jahr steht.

Die Auswertung von 503 Turmfalkensichtungen im Stadtbereich ergab nun einige Überraschungen:

◊ Turmfalken brüten bereits als Einjährige selbst. Unter den gesichteten Brutvögel waren 15,5% im Vorjahr als Nestjunge beringt worden.
◊ Sie wechseln meist alljährlich ihren Partner, ihre Partnerin. Dass dasselbe Paar erneut gemeinsam Junge großzieht, ist die Ausnahme.
◊ Der Brutplatz ist meist nur wenige Kilometer vom eigenen „Geburts“ort entfernt – im ersten Jahr im Mittel unter 10 km; später ist er nicht wesentlich weiter weg. Wobei die Weibchen unternehmungslustiger sind.
◊ Nur fünf Individuen wurden weit entfernt von Berlin gesichtet und haben zwischen 40 km und 120 km vom „Geburts“ort entfernt gebrütet.
◊ In Berlin wurden zwei weibliche Brutvögel gesichtet, die von weither gekommen waren: Sie hatten 203 km bzw. 321 km entfernt ihren Ring erhalten. Aus dem Umland – etwa aus Brandenburg – kommen kaum Turmfalken zum Brüten nach Berlin.

Mit anderen Worten: Berliner Turmfalken sind flexibel in der Partnerwahl und nicht Geburts- oder Brutorts-treu. Auf den Lebensraum „Stadtlandschaft“ sind sie jedoch offenbar geprägt. Sofern sie geeignete Brutplätze finden, bleiben sie hier.

gelesen in:
Berliner ornithologischer Bericht, Bd. 26, 2016, S. 29 – 40
L. Schlottke: Die Population des Turmfalken Falco tinnunculus in West-Berlin

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06.07.2017

Warum sind nicht alle Eier rund?

Schon in einem Sechserpack mit Hühnereiern vom Biohof oder aus dem eigenen Garten gleicht kein Ei dem anderen. Viel extremer sind die Unterschiede zwischen den Vogelarten. Straußeneier sind riesig, weiß und beinah rund, Eier des Seeregenpfeiffers hingegen braungefleckt, klein, etwas länglich und an einem Ende leicht zugespitzt.

Größe, Farbe und Form der Vogeleier haben zu allerlei Theorien über den möglichen Nutzen beziehungsweise den Adaptationswert Anlass gegeben. Betrachtet man nur die Form oder Gestalt von Eiern so ist wohl die bekannteste Überlegung: Vögel, die am Kliff brüten, wo unten das Meer rauscht, legen keine runden Eier, die leicht wegkullern könnten, sondern längliche, die an dem einen Ende stärker zulaufen als am anderen. Statt Ende sagt man auch Pol.

Diese Form einer asymmetrischen Ellipse hat den Vorteil, dass ein solches Ei nicht wegrollt, wenn es angestoßen wird und ins Rollen kommt, sondern um den schmaler zulaufenden Pol kreiselt. Aber ist das der wichtigste Motor für die Entwicklung einer nicht-runden Eischale?

Eine aktuelle Auswertung der Fotos von fast 40.000 Vogeleiern, die von 1.400 verschiedenen Arten stammen, präsentiert ein anderes Argument für die Evolution dieser Eiform: Die an einem Ende spitzer zulaufenden länglichen Eier („konisch“) werden von Vögeln mit hoher Flugleistung produziert, die einen stromlinienförmigen Körper mit engem Becken haben.

Dazu muss man wissen – und wer schon ein Huhn selbst ausgenommen hat, der weiß es –, dass die Eier im Eierstock zunächst rund sind. Sie bestehen dann nur aus Eidotter. Erst im Eileiter und nach der Befruchtung wird das Ei mit Eiweiß umhüllt. Im nächsten Schritt wird es mit einer doppelschichtigen zarten Haut umgeben und bekommt dann seine Schale.

Die Autoren der Studie argumentieren, dass bereits die Schalenhaut für die jeweilige Form sorgt und die Schalenbildung sich ihr dann anpasst. Als Hauptfaktoren betrachten die Wissenschaftler, die die Fotos einer Datenbank vom Museum für Wirbeltier-Zoologie in Berkeley genutzt haben, nun also die Flugleistung. Denn die korrelierte am stärksten mit der Eiform, wenn Nesttyp, Nistplatz, Gelegegröße, Nahrung und Flugleistung – gemessen als Hand-Flügel-Index – berücksichtigt werden.

Das Gewebe, das den Eileiter umgibt, könnte bewirken, dass aus der Eidotter-Eiweiß-Kugel ein längliches Ei wird. Denn so kann bei den schmaler gebauten Vielfliegern der Durchmesser des Eis verringert werden, ohne dass an der Eimasse gespart werden muss. Und wenn diese Eier an einem Pol schmaler sind, könnte das die Eiablage erleichtern. Das Paradebeispiel der Wissenschaftler dafür ist der amerikanische Wiesenstrandläufer, bei dem das kleine Ei außergewöhnlich konisch ist.

Wer mehr zu der Hypothese und den Argumenten wissen möchte, kann sich jetzt leider nicht mehr online im zunächst frei zugänglichen im frei zugänglichen Science Artikel schlau machen. Frei ist weiterhin Außerdem gibt es ein elegantes Scrollytelling zu dem Text.

Man fragt sich natürlich, wer kann das bezahlen. Und da stoße ich auf L‘Oréal USA als Financier der Erstautorin dieser Science-Publikation. Kosmetik, Frauenförderung und Eier … das konnte ich mir nicht verkneifen.

gelesen in:
Science: Avian egg shape: Form, function, and evolution
Scrollytelling: Cracking the mystery of egg shape

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04.05.2017

Die Chance der Wanderfalken

In einem wunderbaren Text beschreibt der Biologe und Wissenschaftsjournalist Patrick Barkham, warum heute die Millionenstadt London und die Wanderfalken so gut miteinander auskommen, nachdem diese ungeheuer schnellen Greifvögel in Großbritannien praktisch verschwunden waren. Schuld waren – wie überall in Mitteleuropa – vor allem Pestizide wie DDT.

Heute brüten in der britischen Hauptstadt mindestens 30 Wanderfalkenpaare, und es werden seit der Jahrtausendwende immer mehr. Aber nicht zufällig, sondern weil Naturschutz und längst auch aufmerksame Bauarbeiter die Wanderfalken-Behausungen auf Schornsteinen und hohen Gebäuden im Auge haben.

All das erzählt Patrick Barkham durchaus unterhaltsam – vor allem wenn es darum geht, wie sich die Greife ernähren. Da sind nämlich neben den üblichen Haustauben auch Krähen und Bussard, schließlich die grün schillernden Halsbandsittiche zu erwähnen. Nicht nur in London nehmen diese Neubürger derzeit Überhand.

Das Überleben von Wanderfalken ist nicht nur eine Frage von Behausung und Beute, sondern auch von Sicherheit. Mittlerweile sind die Greife in Großstädten sicherer als auf dem Land. Dort werden sie noch immer geschossen oder vergiftet. Illegal und ein Verbrechen.

gelesen in:
The Guardian: Flying high: why peregrine falcons are kings of the urban jungle
faz.net: Der „Vogel der Vögel“ kehrt zurück

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25.04.2017

Wie Langstreckenflieger im Flug schlafen

Zu den Vögeln, die im Schlaf fliegen können beziehungsweise im Flug schlafen können, gehören flinke Schwalben, kleine Singvögel und große Seevögel. Von ihnen ist bekannt, dass sie manchmal tagelang in der Luft unterwegs sind. Und seit langem wird vermutet, dass sie dann bestimmte Hirnfunktionen zeitweise abschalten und mit anderen wachsam bleiben. Das ist nun bewiesen.

Niels Rattenborg und sein Team haben einigen Fregattvögeln auf den Galapagos-Inseln Datenlogger verpasst, die nicht nur Flughöhe und Kopfbewegungen aufzeichnen, sondern auch Gehirnströme messen können. So konnte der Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen beweisen, dass die imposanten Seevögel wichtige Areale einer Hirnhälfte einfach abschalten, quasi halbseitig Navigieren. Und kurzfristig schalten sie sogar beidseitig diese Kontrollfunktionen ab. Das erinnert an das „power napping“, dass uns rasch wieder fit machen kann.

In der Tat müssen Fregattvögel sehr aufmerksam sein, wenn sie mehrere tausend Kilometer am Stück fliegen. Denn sie machen knapp über der Meeresoberfläche Beute und dürfen z.B. bei der Jagd nach fliegenden Fischen nicht ins Meer stürzen. Daraus kommen sie nämlich nicht wieder hoch.

Dass Fregattvögel auf zehntägigen Langstreckenflügen binnen 24 Stunden nur etwa eine dreiviertel Stunde schlafen, wirft viele Fragen auf. Wieder an Land schlafen sie rund 12 Stunden täglich.
Und vom Datenlogger wurden die Vögel nach einem solchen Ausflug schnell wieder befreit.

gelesen in:
Nature Communication: Evidence that birds sleep in mid-flight
Max-Planck-Gesellschaft: Vögel schlafen beim Fliegen

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13.03.2017

Mit DNA-Schnipseln Wilderern auf die Spur kommen

Für viele Zugvögel ist Zypern eine lebenswichtige Station, wenn sie das Mittelmeer überfliegen. Doch unzählige landen dort in den Kochtöpfen. Im Schnitt sind es jedes Jahr 2,3 Millionen kleine Singvögel, die – raffiniert angelockt – sich in Netzen verheddern oder an klebrigen Leimruten hängen bleiben, um in den Kochtopf zu wandern.

Dass unter den gefangenen Vögeln viele geschützt sind, ist keine Frage: Auf Zypern haben Ornithologen rund 400 Vogelarten gezählt, 117 davon sind vom Aussterben bedroht. Einer der Vögel, die besonders häufig auf dem Teller landen, ist übrigens die Mönchsgrasmücke.

Aber den Wilderern ihren illegalen Vogelfang und Restaurantbesitzern die verbotene Speise nachzuweisen, das ist schwer. Denn die etwa in Essig konservierten oder frisch an Restaurants verkauften Tiere sind zum Beispiel kopf- und federlos oder durchgegart; also nicht mehr zu identifizieren.

Ein junger Biologe aus Zypern hat in seiner Masterarbeit und dem Blog von der British Ornithologist Union (BOU) klar gemacht, wie wichtig das DNA-Barcoding ist, wenn Kontrolleure oder die Polizei Wilderer überführen wollen. Denn mit der Sequenzierung spezieller Abschnitt der DNA lässt sich eine Art eindeutig bestimmen: auch ohne Federkleid, Kopf und Füße, und selbst im verdorbenen oder geschmorten Zustand.

gelesen in:
British Ornithologist’s Union: DNA-barcoding against poaching: the Cyprus paradigma

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08.03.2017

Verräterische GPS-Signale

Mit dem drastischen Titel „Schiess mich tot“ macht Hanno Charisius in der Süddeutschen Zeitung darauf aufmerksam, dass besenderte Vögel zwar einerseits wertvolle Daten liefern, um etwa ihr Zugverhalten zu verstehen. Andererseits sind die GPS-Signale von Wilderern und anderen Kriminellen zu knacken. Wie Forscher, z.B. vom Max-Planck-Institut für Ornithologie, sich bemühen die Bewegungsdaten von Tieren zu schützen, steht ebenfalls in dem wichtigen Artikel über eine desaströse Entwicklung.

gelesen in:
Süddeutsche.de: Schieß mich tot

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