Von einem anderen Stern

Schwarz-weiße Ente schwimmt auf dem Meer davon, blickt aber kaum erkennbar zurück.
Männliche Eiderente im Prachtkleid (Wer das Foto durch Anklicken vergrößert, sieht sogar das Auge.)

Als ich sie das erste Mal sah, erschien sie mir wie ein Geschöpf von einem anderen Stern: die Eiderente. Ich kann nicht erklären warum, vielleicht fehlen bestimmte menschenähnliche Merkmale des Gesichts. Kaum erkennbar ist beispielsweise das Auge, und der große flachstirnige Kopf geht auf gerader Linie unmerklich in den langen Schnabel über.

Jedenfalls: Obwohl ich als Norddeutsche von diesem Entenvogel und seinen wärmenden Dunen in unserem Bettzeug schon als Kind gehört hatte, habe ich ihn erst viel später entdeckt. Im Heimatkundeunterricht in der Schule haben wir im Land Bremen zwar viel über Ebbe und Flut, Deichbau, Schifffahrt, Marsch, Moor und Geest gelernt, aber die Vögel an der Nordseeküste gehörten leider auch damals nicht ins Programm und unsere ornithologische Artenkenntnis war entsprechend mager.

Doch nun bekommt der Vogel, den man an Nord- und Ostsee beobachten kann, hoffentlich viel Aufmerksamkeit: Der Verein Jordsand hat die Eiderente zum Seevogel des Jahres 2019 erkoren. Das gefällt mir gut – bei einem dermaßen ungewöhnlichen Profil – und berechtigt ist es sowieso.

An der Nordseeküste

Die faszinierende Eiderente habe ich bei einer Reise auf die Hallig Hooge beobachtet. Bei einem Rundgang Anfang Mai 2018 sah ich zunächst einen reinen „Männertrupp“ und war von den schwarz-weißen Erpeln gleich begeistert.

Ein Dutzend Eiderente schwimmen auf dem Meer, alle männlich - im schwarz-weiß gefärbten Prachtkleid..
Ein „Männertrupp“ nahe der Hallig Hooge

Später paddelte nahe der Küste eine Gruppe von männlichen und weiblichen Tieren, die offensichtlich verpaart waren, denn viele schwammen 1:1 nebeneinander.

15 männliche und weibliche Eiderenten - diese sind braun getönt - schwimmen auf dem Meer.
Männliche und weibliche Eiderenten schwimmen von der Küste aufs Meer hinaus.

Eiderenten leben an Meeresküsten und tauchen dort nach Muscheln, Schnecken und kleinen Krebstieren. Sie sind typische Meeresenten. Nur zur Brut gehen sie an Land. Man sieht sie nicht nur in Nordeuropa, sondern ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich über Grönland, Kanada und Alaska bis an die russische Küste des nördlichen Pazifiks.

Vom kleinen Unterschied

Was sofort auffällt ist der Geschlechtsdimorphismus – also der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Einerseits sind die Vögel fast gleich groß: Die männliche Ente, der Erpel, ist im Schnitt 60 cm lang und das weibliche Pendant nur wenig kürzer, auch bringen beide in guten Zeiten um die 2,5 Kilogramm auf die Waage. Aber sie unterscheiden sich in der Gefiederfärbung heftig, vor allem wenn sie im Frühjahr ihr Prachtkleid tragen.

Vier männliche und zwei weibliche Eiderenten im Prachtkleid
Auch von vorne ein faszinierendes „Gesicht“

Das Prachtkleid ist beim Erpel sehr kontrastreich. Hals und Rücken sind strahlend weiß, der Rest – bis auf die lindgrünen Wangen – ist tief schwarz.

Die weiblichen Tiere sind unauffällig gefärbt, ihr Gefieder ist weitgehend braun-grau getönt. Wen wundert’s: Sie sollten Prädatoren – also Feinden wie Polar- und Rotfuchs, Nebelkrähen und Greifvögeln – nicht auffallen. Die Bodenbrüter sind auf Salzwiesen oder Schilfflächen wochenlang mit dem Brutgeschäft und den geschlüpften Küken beschäftigt, während sich die „Herren“ frühzeitig zur Mauser an flache Meeresküsten begeben. Dort wechseln sie ihr prächtiges Gefieder.

Grün-braune Salzwiese: Links steht ein Männchen im Prachtkleid, rechts hockt das Weibchen kaum erkennbar auf seinem Nest.
Brüten auf der Salzwiese. Welch wunderbar angepasstes Federkleid des Weibchens!
Das Eiderenten-Weibchen erhebt sich vom Nest.
Der Eiderenten“herr“: „Komm mit, wir tauchen nach Muscheln.“
Das eiderenten-Paar geht gemeinsam zum Siel, wo es nach Muscheln tauchen kann.
Die Eiderenten“dame“: „Ich bin dabei, denn noch kann ich die Eier für einige Zeit verlassen, ohne dass sie auskühlen.“

Mauser: Unerlässlicher Gefiederwechsel

Jede Feder nutzt sich mit der Zeit ab, und vor allem darum wechseln Vögel ihr Gefieder. Man spricht dann von Mauser. Eiderenten haben neben einer „Teilmauser” im Herbst – da werden vornehmlich kleinere Federn gewechselt – eine große Mauser Ende des Sommers. Bei dieser „Ganzmauser” werden so viele Federn nach und nach ausgetauscht, dass die Vögel manche Tage flugunfähig sind.

In dieser Zeit sind sie besonders gefährdet. Daher verwundert es nicht, dass sie entweder auf dem Wasser ziellos dahindümpeln oder auf einer Sandbank ruhen. Ich hatte das Glück, solche Gruppen zu entdecken. Allerdings waren sie ziemlich weit draußen. (Darum die unbefriedigende Schärfe der Fotos.) Aber ich wollte mich nicht weiter annähern, dadurch die Tiere beunruhigen und sie weiter aufs Meer hinaus treiben. All das kostet Kraft und verbraucht zusätzlich Energie, die nach der Brutzeit und durch die Mauser gewissermaßen Mangelware ist.

Über 30 Eiderenten stehen auf einer Sandbank, die von Meerwasser umspült ist. Am Horizont ein Leuchtturm
Männliche und weibliche Eiderenten während der Mauser auf einer Sandbank vor Wangerooge.

Man muss sich das mal vorstellen: Nach der Brut ist das Körpergewicht der weiblichen Eiderenten, die den „Vätern“ mit den flugfähigen Küken an die Meeresküste folgen, um etwa ein Drittel gesunken. Manchmal bleiben von ihren ursprünglichen 2,5 bis 3 Kilo Gewicht nur noch 1,5 Kilo übrig.

Immer noch jagdbar

Dass die Eiderente vom Verein Jordsand zum Seevogel des Jahres 2019 gewählt wurde, ist kein Anlass zu reiner Freude, sondern ein ernster Fingerzeig. Denn so der Verein:

Der Brutbestand dieser großen Meeresente ist in Europa innerhalb der letzten 27 Jahre um mehr als 40 Prozent zurückgegangen, und auch die Zahlen überwinternder Eiderenten im Wattenmeer und an der Ostsee nehmen deutlich ab.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum Beispiel wird die Nahrung knapp, wenn zu viele Muschelfischer unterwegs sind oder Muschelbestände zurückgehen, sobald in warmen Sommern im Meerwasser der Sauerstoffgehalt sinkt. Außerdem werden die Enten beim Tauchen nach Nahrung durch Fischerei, Freizeitangebote und Offshore-Baumaßnahmen gestört. Und viele Tauchenten, so auch die Eisente, verfangen sich und ertrinken in den Stellnetzen von Fischern.

Vorne ein Eiderentenpaar auf dem Meer, im Hintergrund eine Hallig
Im Bereich der norddeutschen Halligen und Inseln sind Eiderenten das ganze Jahr über vor JägerInnen sicher.

Im Gebiet der ostfriesischen Inseln und westfriesischen Halligen sind die Eiderenten durch den Nationalpark Wattenmeer vor menschlicher Verfolgung geschützt. Etwas weiter nördlich, in Dänemark, sind die Erpel ihres Lebens allerdings nicht sicher und gelten vom 1. Oktober bis 31. Januar als jagdbares Wild.

An die 50.00 Tiere werden allein in Dänemark jährlich geschossen, lese ich auf der Webseite des Vereins Jordsand. Und frage mich: Ist es nicht genug, dass Großmöwen, Nebelkrähen und diverse Greifvögel junge und schwache Eiderenten ins Visier nehmen, Fuchs und Marderhund sich über Gelege und Küken hermachen?

Und das ist kein Jägerlatein, sondern auf der Webseite eines Jagdausrüsters samt Kochrezept nachzulesen:

Wann ist die beste Jagdzeit?
Mitte Oktober gibt es sehr gute Chancen, einen Eidererpel zu erlegen, denn dann kommen viele Zugvögel aus dem Norden an. Allerdings bleiben viele Eiderenten in den dänischen Gewässern über den Winter, sodass man bei der Jagd auf dem Meer noch bis Januar auf Eiderenten waidwerken kann. Besonders in milden Wintern sieht man viele Eiderenten an den Küsten in Südost-Dänemark.

Was braucht man zur Jagd?
Die klassische Jagd auf Eiderenten findet auf dem Meer statt. Das heißt, Jagd von einem Boot mit einem Motor, mit dem man näher an die Eiderenten-Schwärme heranfährt, sodass man in Schussweite ist, wenn die Vögel abstreichen. Da Eiderenten sehr schusshart sind, muss man zur Schussabgabe nah genug sein. Zu weit abgegebene Schüsse sollten vermieden werden, da ein angebleiter Vogel sehr lange tauchen.*

Eiderentenpaar auf dem Wasser.
Sicher im norddeutschen Wattenmeer, aber nicht beim Nachbarn Dänemark. In Finnland wurden die Erpel sogar im Frühjahr bejagt und daher das Land von der EU verklagt.

* Dieser grammatikalische Fehler stammt von der zitierten Website. Richtig wäre „tauchen kann“.

Eiderente | Eider à duvet | Common Eider | Somateria mollissima



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