Veritable Weltbürger

Vorgebeugt hockt ein kleiner brauner Vogel auf einem Stein und pickt nach einem Teilchen, das auf einem anderen Stein liegt.

Steinwälzer sind kleine, aber doch kräftig gebaute Vögel, die sich eigentlich nur an der „Waterkant“ – also der Meeresküste – aufhalten.

Im Binnenland sind sie normalerweise nicht zu finden.

Kräftig gebaut muss der Körper sein, denn der Vogel stochert nicht nur im Boden, sondern wendet mit dem Schnabel Steine um, die angeblich sogar sein eigenes Körpergewicht haben können. Auf, unter und zwischen Steinen sucht er seine Nahrung. Aber nicht nur dort.

Wenn ich jetzt im Oktober von diesem Watvogel berichte, hat das folgenden Grund: Wer etwa in den Herbstferien oder im Winter einige Tage am Meer verbringt, hat gute Chancen, ihn zu entdecken. Allerdings nicht im Norden, sondern westlich oder südlich von Deutschland.

Auf dunklen bewachsenen Felsen hocken zwei Steinwälzer und ein dritter kommt angeflogen. Dahinter das brausende Meer.
Steinwälzer auf Nahrungssuche an der Meeresküste; zum Vergrößern die Fotos anklicken.

Der Vogel, der etwas kleiner und kompakter ist als eine Amsel, brütet hoch im Norden, und zwar zirkumpolar an den Küsten von Grönland über Skandinavien und Russland bis Alaska und Kanada. Ab August zieht er in den Süden.

Außerordentlich weite Strecken fliegen die Vögel und verbringen den Winter in den Küstenregionen von Afrika, Asien und Amerika, teils nördlich, teils südlich des Äquators. Darum bezeichnete ihn bereits „Tiervater Brehm” als einen Weltbürger (Alfred E. Brehm, Brehms Tierleben, Leipzig & Wien, 1900, Bd. 6, S. 78).

Man hat diesen Vogel, den Steinwälzer, so ziemlich auf der ganzen Erde gefunden, an den Küsten Islands und Skandinaviens wie an denen Griechenlands … in Ägypten wie im Kaplande, in China wie in Indien, überall aber vorzugsweise am Meere … Er ist also ein Weltbürger in des Wortes eigentlicher Bedeutung.

Mehrere Male konnte ich Steinwälzer beobachten, zu unterschiedlichen Jahreszeiten und in unterschiedlicher Umgebung. Und jedes Mal zeigten sie ein anderes Gesicht:

durchgepustet an der deutschen Nordseeküste, wo nur ganz wenige Paare brüten, aber viele im Frühjahr und Spätsommer durchziehen,
im Prachtkleid an der bretonischen Küste von Frankreich, wo die Art im Sommer wie im Winter vorkommt,
auf den Kanarischen Inseln im schlichten Winterdress.

An der Nordsee

Es war Anfang Mai als ich diesen Steinwälzer an der Küste von Hooge, einer Hallig im Wattenmeer von Schleswig-Holstein, entdeckte. Er badete dort, wo die Wellen sanft auslaufen. Ich hatte wirklich großen Spaß an seinen „Wasserspielen“, die der Gefiederpflege dienen.

Ein Steinwälzer im schlammgrauen Meer. Sein Körper ist teilweise im Wasser untergetaucht.

Bei Hochkommen aus dsem Wasser schüttel der Steinwälzer seinen Kopf, dabei entsteht ein Wasserring, der den Schnabel umgibt.
Wasserspielerei – oder Schütteleffekt bei der Gefiederpflege

Wenig spektakulär sind meine Fotos von der Insel Wangerooge, wo sich Mitte August ein Grüppchen auf einer Buhne aufhielt. Aber der Aufenthaltsort ist typisch, denn zwischen Steinen, Tang und Muscheln können sie nach Nahrung suchen. Es war ein grauer, ungemütlicher Tag und ich hatte ich den Eindruck, dass sie bei dem starken Wind froh waren, ein stabiles Plätzchen gefunden zu haben.

Rechts stehen vier Steinwälzer auf einer Buhne, links ein weiterer. Sie blicken von uns weg aufs Meer, am Horizont ein Frachtdampfer.

Fünf Steinwälzer auf einer Buhne blicken von uns weg aufs Meer.
Zwischenpause auf der Buhne bei schlechtem Wetter; der mittlere im rotbraunen Prachtkleid.

Vermutlich hatten die Vögel die Brut schon hinter sich und waren auf dem Weg nach Süden: über die ostfriesischen Inseln und die Niederlande, entlang der Atlantikküste verläuft in der Regel ihr Zugweg.

An der bretonischen Küste

Blick auf die Hafenmauer, Segelschiffe, blaues Wasser und grüner Algenbelag. Dahinter die Häuser von Concarneau.
Touristische Hafenstadt Concarneau in der Bretagne

Hier faszinierten mich die Steinwälzer, weil einige – es war Anfang Juli – das volle Prachtkleid trugen. Mit seinen orange-braunen Schultern und Flügeln ist es typisch für die Brutsaison, die aber eigentlich schon vorbei war.

Dass sich die munteren Watvögel oft an der bretonischen Atlantikküste aufhalten, ist kein Zufall: Die Bretagne ist felsig, steinig und auch im Winter mild. Es ziehen viele Steinwälzer durch, andere überwintern hier.

Die Überwinterer sind jedoch vor allem Individuen, die von Kanada und Grönland aus über den Atlantik nach Südosten fliegen, lese ich im Atlas des oiseaux de France métropolitaine (Paris 2015, S. 586). Nordeuropäische Poulationen, etwa aus Skandinavien, ziehen hingegen via Wattenmeer nach Westafrika und von dort teilweise bis an die südafrikanischen Küsten.

Ein Steinwälzer läuft auf dem grünen Algenteppich.
Im Prachtkleid: schwarz-weiß gestrichelter Scheitel, schwarzes Halsband und rotbraunes Gefieder
Drei Steinwälzer und eine Lachmöwe auf grünem Algenteppich.
Nahrungssuche zwischen Algen unter den Augen einer Lachmöwe

Steinwälzer suchen nicht nur zwischen Steinen ihre Nahrung, sondern bei Ebbe auch auf dem Meeresboden – zwischen Algen, Muscheln und Seegras. Fasziniert beobachtete ich ihre unermüdliche Nahrungssuche im Hafen von Concarneau, wo sie auf einem leuchtend grünen, weit ausgedehnten Algenteppichen herumspazierten.

Das Video zeigt, wie geschickt der kleine Weitstreckenzieher Seegras und Blasentang liftet beziehungsweise umwälzt. Auch dafür ist er bekannt. Die Lachmöwe im blassen Sommerkleid hofft vermutlich, dass für sie etwas Nahrhaftes zum Vorschein kommt, denn sie blieb immer in Nähe der Steinwälzer.

 

Auf Fuerteventura

Um Vögel zu beobachten, ist es oft nicht nötig, ein besonderes Schutzgebiet oder einen Beobachtungstand zu besuchen. Auf Wangerooge sah ich den Steinwälzer zum Beispiel bei einer Inselumrundung, in Concarneau bei einem Hafenspaziergang und auf Fuerteventura saß ich in einem kleinen Fischrestaurant am Hafen eines eher verträumten Ortes, der heute mehr vom Tourismus als vom Fischfang lebt.

Blick auf die Häuser mit Restaurant, die Promenade und das Hafenbecken.
Blick auf die Promenade und das Geröll am alten Hafen
Zwei Steinwälzer auf der Promenade am Hafenbecken, wo auch Kieselsteine liegen.
Im Schlichtkleid an der Promenade unterwegs

Es war Dezember und die Vögel trugen das winterliche Schlichtkleid, in dem sich die Jungvögel und die Altvögel nur wenig unterscheiden. Die Beine leuchten auch im Winter orange, aber dem Gefieder der Flügel und des Rückens fehlt das schwarz-rotbraune Fleckenenmuster. Und der Scheitel ist nicht schwarz-weiß gestrichelt – wie im Prachtkleid – sondern mattbraun.

Zwei Steinwälzer mit orangefarbenen Beinen suchen zwischen Steinen nach Nahrung.

Alfred E. Brehm hat anschaulich beschrieben, wie der Vogel auf uns wirkt, wenn wir ihm längere Zeit zuschauen (a.a.O. Seite 79):

Eigentlich ruhig sieht man ihn selten; höchstens in den Mittagsstunden verträumt er ein paar Minuten, still auf einer Stelle sitzend. Während der übrigen Zeit des Tages ist er in steter Bewegung, vom Morgen bis nach Sonnenuntergang, oft auch des Nachts.

Das Geröll am Rand des alten Hafenbeckens, das bei starker Flut immer wieder überspült wird, war für die Vögel und ihre Beobachterin ein idealer Ort. Nicht nur weil sich unter den Steinen Insekten und andere Nahrung verbarg, sondern weil die Vögel aus der Nähe gut zu erkennen, aus der Ferne aber kaum zu entdecken waren. Also: Geschützt vor Feinden und sichtbar nur für interessierte Touristen und Touristinnen.

Vier weißlich-braune Steinwälzer auf den Steinen am Hafen, die sehr ähnlich getönt sind.
Suchspiel mit vier Steinwälzern

Steinwälzer | Tournepierre à collier | Ruddy Turnstone | Arenaria interpres



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3 Kommentare zu “Veritable Weltbürger

  1. Hallo Elke, ein netter Ausflug ans Meer zu besonders interessanten Vögeln. Hatte diese auch schon einmal gesehen, wusste aber nicht, was es für welche sind. Vergnügte 5 Minuten. Danke!
    Gruss Fred

    1. Ja Waltraud, stimmt! In Großbritannien ist die Situation ein wenig wie in der Bretagne und im norddeutschen bzw. niederländischen Wattenmeer. Manche Steinwälzer verbringen dort den Sommer und fliegen im Winter südwärts, andere kommen offenbar im Winter von Nordamerika und Grönland dorthin, um zu überwintern. Das haben Wissenschaftler zum Beispiel durch Ringfunde erfahren.

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