Heckenbraunelle & große Schwester

Kleiner brauner Vogel sitz auf einem Zweig und ist umgeben von grünen Blättern
Wie es ihr Name schon nahelegt, ist die kleine Heckenbraunelle ein unauffälliger Vogel und leicht zu übersehen.* Sie lebt verborgen in dichter, heckenartiger Vegetation, und in ihrem Gefieder dominieren die Brauntöne. In der Stadt kommt sie in Gärten und Grünanlagen vor. Sie schlüpft mindestens so flink zwischen die Zweige von dichten Hecken wie der Haussperling. Außerhalb von Städten sind ihr bevorzugter Lebensraum** junge Fichten- und Kieferkulturen im Mittelgebirge. Ihre Schwester, die Alpenbraunelle, treibt sich hingegen im Hochgebirge herum.

Entdeckung am Morgen

Ich hatte kürzlich frühmorgens das Glück, eine singende Heckenbraunelle zu entdecken – und zwar an einem Ort, an dem ich wirklich nicht damit gerechnet hatte: auf dem Gelände der ehemals deutschen Festung Küstrin an der polnischen Uferseite der Oder.

Was dort von den Festungsanlagen nach dem 2. Weltkrieg übriggeblieben ist, ist sehenswert: Alle Häuser, die hier einst standen, sind dem Erdboden gleich gemacht, aber einige Mauerreste und die Straßenzüge sind erhalten. Sie wurden mit polnischen und deutschen Namen gekennzeichnet.

Man hat das Gelände ansonsten sich selbst überlassen – und damit der Vogelwelt, möchte ich hinzufügen. Nirgends habe ich bisher eine solche Dichte an Nachtigallenrevieren erlebt. Und als ich am frühen Morgen unterwegs war, rief nicht nur permanent der Kuckuck, sondern im nahen Schilfgürtel der Oder „krähte“ der Drosselrohrsänger und ein Pirolpärchen sang über mir.

Ein grüner Dschungel aus Bäumen, Büschen und Hecken, der wie eine grüne Wand wirkt.
Grüner Dschungel auf der Festung Küstrin

Schmaler Schnabel

Früh aus den Federn geholt hatte mich die Vorstellung, jene Heckenbraunelle ausfindig zu machen, die am Abend zuvor so zart gesungen hatte. Denn für viele Vögel gilt: Sie sind standorttreu – speziell in der Brutzeit.

Kleiner Vogel sitzt auf einem Zweig vor grauem Himmel
Leider keine Heckenbraunelle

An derselben Stelle saß allerdings nun nicht die Heckenbraunelle, sondern ein Grünfink. Der kräftige Schnabel mit breitem Ansatz passte nicht zu einer Braunelle. (Suchbild: Bitte das Foto durch Anklicken oder Ziehen vergrößern.)

In der Vogelfamilie der Prunellidae mit ihren 13 Arten sind die Schnäbel hingegen schmal und spitz zulaufend.

Das ist kein Wunder, denn sie sind ernährungstechnisch auf kleine Insekten und feine Sämereien wie Mohn und Grassamen spezialisiert. Erkundigt man sich im „Naumann“, also in der Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (Bd.1, 1905), über das Nahrungsspektrum, so findet sich dort im schönsten Deutsch des 19. Jahrhunderts, Seite 79 : Sie ernährt sich

im Sommer meistenteils von ganz kleinen Käfern, Räupchen, mancherlei Insektenlarven und Puppen, im Herbst und im Frühjahr dagegen fast bloss von vielerlei feinem Gesame, das sie von der Erde aufliest, aber nie von Bäumen oder Pflanzen selbst herabholt.

Singender kleiner brauner Vogel auf einem Zweig.
Scherenschnittartig: das Profil der singenden Heckenbraunelle

Am Boden ist die Heckenbraunelle kaum zu entdecken. Ich hatte jedoch Zeit und zudem Glück, dass der Regen bereits durchgezogen war: Nicht weit entfernt vom Standort am Vortag sang plötzlich der rotkehlchengroße Vogel. Er saß verborgen in einer Hängebirke. Der Gesang verriet ihn, denn mit seinem unauffälligen Federkleid hätte ich ihn zwischen den Zweigen und Blättern wohl kaum entdeckt.¹

Um die Braunelle besser mit der Kamera einzufangen, erlaubte ich mir einen Perspektivwechsel und war froh, dass sie sich offenbar nicht gestört fühlte.

Heckenbraunelle von hinten, so das die braune Musterung des Rückens deutlich wird
Auf dem Rücken überwiegen die Brauntöne.
Kleiner brauner Vogel im Profil
Der Schnabel ist schmal.

Die Heckenbraunelle ist einerseits eine sehr vorsichtig, verborgen lebende Vogelart, andererseits gewöhnt sie sich gut an Menschen. Davon berichten sowohl Alfred E. Brehm als auch Johann F. Naumann. Sie müssen es wissen, denn im 19. Jahrhundert war es üblich, alle möglichen Vögel selbst zu fangen oder von Vogelfängern zu erwerben, um sie in Außenvolieren oder als „Stubenvögel“ zu halten.

Wer mehr über den kleinen Vogel wissen möchte, dem empfehle ich als Lektüre Im Herzen des Tals. Darin wird unter anderem einfühlsam beschrieben, wie ein Kuckucksweibchen versucht, ein Ei in das Nest der Heckenbraunelle zu legen und wie die Braunellen reagieren … Das bezaubernde Büchlein ist weiterhin antiquarisch oder in Bibliotheken zu haben.

Gesang der Heckenbraunelle

Eine singende Heckenbraunelle „sitzt frei”, wie wir in der Ornithologie sagen. Aber bei Störungen stürzt sie sich – quasi kopfüber – in das dichte Busch- oder Blätterwerk unter ihr. In Der Kosmos Vogelführer ist nachzulesen, dass der Gesang etwa 2 Sekunden lang ist, und gemeint ist damit sicher die einzelne Strophe. Das Singen wird treffend beschrieben als

eilig zwitschernde Folge auf etwa gleicher Tonhöhe.

Was damit gemeint ist, illustriert dieser Videoausschnitt von der Küstriner Heckenbraunelle: Zuerst hören wir das eher zwitschernde Singen der Braunelle, dann lässt sich die markante Stimme einer Nachtigall hören, schließlich singt wieder die Heckenbraunelle.

Den Gesang der Heckenbraunelle hören wir ab Mitte März, wenn sie aus ihrem Winterquartier, das sich meist in Südwesteuropa befindet, zurück ist. Manche Individuen ziehen – je nach Witterung – auch gar nicht so weit weg oder bleiben gleich ganz in Deutschland. Sobald die Männchen eingetroffen sind, beginnen sie ihr Revier gesanglich zu markieren und es vehement gegen Artgenossen zu verteidigen.

Der folgende Mitschnitt gefällt mir deshalb besonders, weil die Braunelle nach ihrer Gesangsdarbietung so neugierig umherschaut. Horcht sie, wer noch in diesem verwunschenen Biotop unterwegs ist?

Auffälliger als das Aussehen ist das Verhalten von Heckenbraunellen. Wenn sie nicht singen, huschen sie meist am Boden in geduckter Haltung umher – und sind dann nur schwer zu fotografieren. Wer sie dort erkennen möchte, kann sich an den Worten des Vaters von Alfred E. Brehm, ebenfalls ein versierter Vogelkenner, orientieren. Er zitiert ihn in Brehms Tierleben auf Seite 94

In ihrem ganzen Wesen, sagt mein Vater, zeichnet sich die Braunelle so sehr aus, daß sie der Kenner schon von weitem an ihrem Betragen von anderen Vögeln unterscheiden kann. Sie hüpft nicht nur in dichtestem Gebüsche, sondern auch auf der Erde mit größter Geschicklichkeit herum, durchkriecht alle Schlupfwinkel, drängt sich durch dürres hohes Gras, durchsucht das abgefallene Laub und zeigt in allem eine große Gewandtheit. Auf dem Boden hüpft sie so schnell fort, dass man eine Maus laufen zu sehen glaubt. Ihren Leib trägt sie auf verschiedene Weise, gewöhnlich wagerecht…

Die größere Schwester

Es ist schon etwas her, aber in Armenien konnte ich eine Schwesternart der Heckenbraunelle in dieser typischen, etwas geduckten Haltung beobachten: die Alpenbraunelle. Ich sah die Art Prunella collaris auf einer Birdingtour am Viertausender Aragaz, nahe der Hauptstadt Jerewan.

Zwei alpenbraunellen auf felsigen Steinen und drumherum Schnee
Zwei Alpenbraunellen am Berg Aragaz in Armenien

Das Gefieder der Alpenbraunelle ist etwas kontrastreicher gefärbt, und sie ist ein wenig größer als die Heckenbraunelle.

In den deutschen Alpen gibt es etwa 400 – 800 Reviere, lese ich im Atlas Deutscher Brutvogelarten.

Sie sind aber nur ein kleiner Teil der insgesamt wohl stabilen Population.

Alpenbraunellen leben in der Hochgebirgszone von Süd- und Mitteleuropa. Ihr Verbreitungsgebiet schließt das nordafrikanische Atlasgebirge ein und reicht von Spanien über die Alpen, der Türkei und den Kaukasus bis nach Japan. Die Art lebt vornehmlich oberhalb der Baumgrenze und brütet – etwa in den Alpen – zwischen 1.500m und 3.000m Höhe.

Felsen und Schnee im Gebirge
Im Hochgebirge: Landschaft am Aragaz (4095 m) im Mai

Übrigens zeigen die beiden Schwesternarten etwas häufig zu Beobachtendes: In vielen äußeren Merkmalen ähneln sie einander, aber sie haben sehr unterschiedliche Biotope** erobert. In der kargen Hochgebirgszone halten es die Alpenbraunellen aus, weil sie geschickt aus Felsspalten diverse Sämereien und etwa Spinnen herausfischen. Und weil sie volumenmäßig etwas kompakter sind, ertragen sie Kälte besser als die kleineren Heckenbraunellen.

waagerecht stehender Vogel
Waagerechte Haltung
Vogel läuft über Felsgestein
Geduckt laufen
Ein Vogel springt in waagerechter Haltung von Fels zu Fels
Waagerecht springen
Kleiner bruaner Vogel auf Felsgestein
Geduckt gelandet

Die gute Nachricht zum Schluss

Wie bei der Alpenbraunelle scheint der Bestand der Heckenbraunelle relativ konstant zu sein. Er lag vor zehn Jahren in Deutschland bei 1,6 -1,9 Millionen Revieren. Gefährdet ist die Heckenbraunelle laut Roter Liste also nicht. Besonders viele Individuen leben bei uns –  wie eingangs erwähnt – in Mittelgebirgsregionen mit Nadelholzbewuchs. Dazu zählen etwa der Harz, das Sauerland, Thüringer Wald und Fichtelgebirge, Erzgebirge und Vogtland, Hunsrück, Pfälzerwald, Odenwald, Spessart, Schwarzwald und Bayerischer Wald.

Grafik mit einer Heckenbraunelle die geduckt zwischen Fichtenzweigen sitzt.
Geduckte Haltung der Heckenbraunelle zwischen Fichtenzweigen (Grafik: aus dem Naumann, a.a.O.)

 

* Da Heckenbraunellen äußerlich so wenig auffällig sind, passen sie perfekt in die Kategorie LBL (= Little Brown Birds).
** Zu den Begriffen Lebensraum, Habitat und Biotop hat mich Ursula Ott im Chrismon-Podcast „Sprachstunde” interviewt.

¹ Das sieht auf diesem Foto zwar anders aus, aber der Vogel ist viele Meter entfernt und nur dank meines relativ lichtstarken 800mm Zoom-Objektivs gut zu sehen.
² Brehms Tierleben, 1900, Leipzig und Wien, Bd. IV, Vögel 1

Heckenbraunelle | Accenteur mouchet | Dunnrock | Prunella modularis
Alpenbraunelle | Accenteur alpin | alpine Accentor | Prunella collaris



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