Von Abstandsregeln und Spießen

18. Oktober 2020 | Kleine Vögel, Wissenswertes | 4 Kommentare

Eine Schwalbe mit langen Spießen und zwei ohne Spieße auf einer Überlandleitung

Der adulte Vogel hat einen Schwanz mit „Spießen“, die Jungvögel nicht.

Hier geht es definitiv nicht um jene Spieße, an die vor allem Fans von gegrilltem Fleisch, Fisch oder Gemüse denken. Vielmehr geht es um die sehr langen, schmalen Federn des Schwanzgefieders von Rauchschwalben. Sie sitzen links und rechts außen am Schwanz und überkreuzen sich, wenn der Vogel sitzt. Im Flug wird daraus ein „Gabelschwanz“.

Die auffälligen Spieße helfen uns die Rauchschwalben von den Felsen- und Mehlschwalben zu unterscheiden. Und sie erleichtern es, die Jungvögel in einer Schar von Rauchschwalben zu erkennen.

Rauchschwalben in drei Reihen auf einer Überlandleitung. Blauer Himmel und ein roter Ziegelschornstein im Hintergrund.

Ziehende Rauchschwalben beim Zwischenstopp. Durch Perspektive und Zoom scheinen die Vögel nah beieinander zu sitzen. (Ein Trick der oft genutzt wird.) Frontal fotografiert, sieht die Sache ganz anders aus.

Wenn im September die Rauchschwalben sich sammeln, um in den warmen, vegatations- und insektenreichen Süden zu ziehen, dann können wir sie mit etwas Glück aufgereiht auf einer Stromleitung sitzen sehen. Manchmal sammeln sie sich auch auf einem Dachfirst. Denn immer weniger alte Überlandleitungen stehen ihnen zur Verfügung.

Zusammensitzen

Früher habe ich mich, als forschende Verhaltensbiologin, oft mit den Abstandsregeln in der Tierwelt und auch in der Menschenwelt beschäftigt.¹ Und bis heute bin ich immer wieder fasziniert, wie diese eingehalten oder auch durchgesetzt werden. Bei Vögeln spielen hier ererbte Mechanismen die Hauptrolle, bei uns sind es vor allem kulturell geformte Vorstellungen und Normen.²

Rauchschwalben sitzen mit relativ gleichen Abständen nebeneinander

Frontal fotografiert: Abstandregeln einhalten, damit kennen sich Rauchschwalben aus.

Ich schaute mir also im September die Abstände zwischen den aufgereihten Rauchschwalben gerade genauer an, als ich darüber „stolperte“, dass die große Schar vor allem aus Jungvögeln bestand: Sie waren wohl zwei, drei Monate alt.

Jung und alt

Dass so viele Vögel in diesem Schwarms auf seinem Zwischenstopp in Brandenburg noch „Frischlinge“ waren, lässt sich zum einen an ihrer Kehle erkennen: Bei den Altvögeln ist diese intensiv rotbraun, bei Jungvögeln changiert sie je nach Lichtbedingung zwischen hellbraun und rosa.

Elf junge Rauchschwalben wie auf einer Wäscheleine sitzend

Rauchschwalben dösen und putzen sich auf der Überlandleitung.

Während Lichtverhältnisse die Zuordnung zu juvenil oder adult erschweren können, machen es die Spieße des Schwanzgefieders leicht: Adulte Vögel haben lange Spieße. Meist 4 – 6 Zentimeter lang sind sie bei den Herren, während die Damen etwas kürzere Spieße haben.

Bei juvenilen Rauchschwalben fehlen die Spieße hingegen noch. Die Jungen machen zwar bei uns ihre erste Mauser durch, nachdem sie selbständig geworden sind. Aber erst wenn sie im April oder Mai aus ihrem afrikanischen Winterquartier jenseits der Sahara zurückkehren, hat ihr Schwanzgefieder erstmals zwei Spieße.

Viele sitzende Schwalben und zwei fliegende

Im Flug: ohne Spieße die Schwanzgabel des oberen Vogels, mit kurzen Spießen der untere

Mauser im Winterquartier

In Afrika machen die Rauchschwalben, alt wie jung, nämlich einen besonders gründlichen Federwechsel durch, man spricht im Gegensatz zur kleineren „Teilmauser“ von der „Vollmauser“.³ Dabei werden außer dem „Körpergefieder“ auch die Federn der Schwingen und des Schwanzes – also die Schwung- und die Steuerfedern – gewechselt.

Zeichnung des Gabelschwanzes bei Rauch- und Felsenschwalbe

H. Bub: Lerchen und Schwalben. Oben: Felsenschwalbe

Was die Tiefe der Schwanzgabel, die sich beim Fliegen zeigt, angeht, gibt es zwischen den Schwalben individuelle Unterschiede. Außerdem sind Spieße bei vier- und fünfjährigen Schwalben länger als bei den zweijährigen.

Nicht alle Schwalbenart besitzen eine deutliche Schwanzgabel. Auffällig ist sie bei Rauch- und Rötelschalben, klein bei den Mehlschwalben und nicht vorhanden bei den Felsenschwalben.

Das illustriert diese Grafik von Günther Niethammer, die Hans Bub in Lerchen und Schwalben aufgenommen hat. (Neue Brehm-Bücherei 540, 1981, S. 81 (VerlagsKG Wolf))

Vor dem weiten Trip

Zurück zu den Rauchschwalben in Brandenburg. Es fällt bei dieser Schar auf, dass die überwiegende Mehrzahl der aufgereihten Vögel erst in diesem Jahr geschlüpft ist und sich also das erste Mal auf den Weg nach Afrika machen. Es ist ein unruhiger Haufen, der bei jeder kleineren Störung auffliegt – und dann wieder zurückkehrt. Begleitet werden sie von einigen adulten Vögeln.

Und im folgenden Videoauschnitt zeigt sich: Es ist gar nicht so leicht, auf einer dünnen Leitung Halt zu finden. Also: Kein Kinderspiel!

Ziehende Gruppen mit sehr vielen Jungvögeln sind nicht ungewöhnlich, wie Else Thomé in die Salzberger Schwalbengeschichte „menschelnd“ und eben darum sehr unterhaltsam beschrieben hat. Üblicherweise treffen sich Rauchschwalben aus verschiedenen Familien zunächst an großen Schlafplätzen im Schilf und ziehen dann in kleineren Gruppen, neu sortiert, weiter Richtung Süden oder Südwesten ab. Oft bestehen diese Gruppen dann aus vielen Jungvögeln.

Von der Überlandleitung auffliegende Rauchschwalben am blauen Himmel

Abstand halten

Und wie lassen sich die recht regelmäßigen Abstände zwischen den Individuen erklären? Sie sind gewissermaßen groß genug, dass man sich gut putzen kann: also einen Flügel ausstrecken und mit dem Schnabel zerschlissene, losgelöste Federchen herauszuppeln oder ein Insekt entfernen kann. Damit sind die Jungvögel im folgenden Video beschäftigt:

Ein Zufall ist die gleichmäßige Reihung sicher nicht. Doch inwieweit die Abstandseinhaltung vererbt ist oder erlernt wird… das ist offen. Studien dazu sind mir bisher nicht begegnet.

Junge Rauchschwalben bei der Gefiederpflege

Zähneputzen steht nicht auf der Tagesordnung, aber Gefiederpflege.

 

¹ Das Thema „soziale Distanz“ hat durch die COVID-19 Pandemie ungeahntes Interesse erfahren. Und das Virus zwingt uns tradierte Regeln per Ratschlag oder Vorschrift neu zu fassen.
² Abstandsregeln sind in menschlichen Kulturen sehr unterschiedlich. Was das angeht, hat mich vor über 40 Jahren das Buch „The Hidden Dimension“ von Edward T. Hall (Neuauflage 1990) förmlich aufgeweckt.
³ Die Unterscheidung von Teil- und Vollmauser geht auf den US-amerikanischen Ornithologen Jonathan Dwight (1858–1929) zurück. Das Mausergeschehen verläuft von Art zu Art jedoch sehr unterschiedlich und nicht immer sind die Begriffe hilfreich.

Rauchschwalbe | Hirondelle de chimnée oder des granges | Barn Swallow | Hirundo rustica

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4 Kommentare

  1. Schwalben auf „Telegrafendrähten“ (wie man früher sagte) sind leider auch ein selten gewordener Anblick. Und trotzdem muss ich gestehen, dass ich erst jetzt bei den Fotos in diesem Blog richtig hingeguckt habe. Danke fürs Aufmerksam-Machen. Zu „vererbt oder erlernt“ beim Abstandhalten: ich schlage vor: weder noch. Wenn wir uns auf eine Bank setzen, auf der schon ein paar Leute sitzen, rücken wir keinem zu dicht „auf die Pelle“, aber setzen uns auch nicht unnötig weit weg, wenn dazu kein Platz ist. Wir entscheiden das von Fall zu Fall – wir denken – warum soll das bei den Schwalben nicht auch so sein?

    Antworten
    • @Hubert Pomplun Danke für deinen Einwurf!
      Was das Abstandhalten angeht, ist die Sache kompliziert – vor allem wenn man sich dieses Verhalten über Artgrenzen hinweg anschaut. Bleiben wir bei den Tieren: Im Schwarmverhalten von Fischen und Vögeln gibt es sicher angeborene, genetisch fixierte Abstandsregeln. Beim aufgereihten Sitzen ebenfalls – dafür spricht viel. Andererseits kann man immer wieder beobachten, wie etwa eine Schwalbe, aber auch Möwen, einen Artgenossen verscheuchen, wenn er sich zu nah platziert. Oder der ursprüngliche Platzhalter fliegt weg. Ersteres ließe sich als eine Art von Bestrafung verstehen und der Jungvogel, der das vielleicht mehrmals gemacht hat, versucht nicht wieder, sich irgendwo dazwischen zu drängeln. Da also liegt die Arbeitshypothese für einen Test.
      Als Verhaltensbiologin weiß ich, dass es sich bei vielen Verhaltensweisen um eine Verschränkung von Erworbenem und Erlerntem handelt. Mit anderen Worten um ein „Sowohl-Alsauch“. So sind beim Vogelgesang Grundstrukturen angeboren, aber zusätzlich lernt etwa die Nachtigall von ihrem Vater und anderen Artgenossen viel. Und nur dann klingt das anfängliche „Gezwitscher“ später auch wie Nachtigallgesang. Es wird also quasi in die genetisch fixierte Matrix hineingelernt.

  2. Liebe Elke,
    ich muss mal wieder meine Begeisterung über deinen Blog kundtun. Vor allem darüber, dass du nicht einfach nur tolle Fotos veröffentlichst, sondern immer noch auf interessante Weise Wissenswertes vermittelst. Vielen Dank!
    Susanne

    Antworten
    • Ich danke dir, liebe Susanne. Das freut mich natürlich, wenn auch die Häppchen Wissenswertes gut ankommen. Ich möchte ja nicht belehren, aber ein wenig die Augen öffnen.

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Birding

Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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