Vögel mit dem Label Stelze mögen es feucht: Wer an nassen Wiesenrändern unterwegs ist, am Rand von Mooren oder Sümpfen, an Gebirgsbächen oder anderen schnell fließenden Gewässern, dem begegnet vielleicht eine dieser unterseits leuchtend gelben Singvögel aus der Stelzenverwandtschaft, der Familie Motacillidae. Auch die Bachstelze gehört dazu und liebt es feucht. Sie ist aber eine schwarz-weiße Stelzen„ausgabe”, genauer gesagt Stelzenart.
Was aber macht eine Stelze aus? Nur die langen Beine? Ich komme in diesem Blogbeitrag auf drei verschiedene Stelzenarten und eine Unterart zu sprechen. Doch der Reihe nach.
Die Zitronenstelze
Die Zitronenstelze Motacilla citreola ist ein Vogel, der hierzulande selten vorkommt. Man muss sich weiter nach Osten bewegen, etwa nach Polen, um der Art zu begegnen. Allerdings breitet sich ihr Brutareal durch den Klimawandel nach Westen aus. Einzelne Vögel und auch Paare wurden etwa in Mecklenburg-Vorpommern gesichtet.
Aus der Ferne hatte ich diese Stelzenart vor Jahren in Weißrussland – heute Belarus – gesichtet, aber an ein Foto war damals nicht zu denken. Zu rasch war die helle, leuchtende „Zitrone“ abgeflogen.
Trotz ihres geradezu krassen Gefieders, muss man sie erst einmal finden… Denn nur, wenn sie auf einer Singwarte hockt, lässt sich die Art mit ihrem intensiv gelbem Gesicht entdecken und identifizieren.
Bei einer Vogelreise ins nördlichen Litauen hatte ich dann Glück im Unglück. Das Unglück bestand darin, dass der Vogel sehr weit entfernt war – und sich wohl am liebsten versteckt hätte. Denn hier zogen auch Greifvögel ihre Kreise. Das Glück bestand darin, dass die Zitronenstelze sich auf einer Wiese mit wunderschönen Blüten des Echten Beinwell (Symphytum officinale) niedergelassen hatte: Welch ein farblicher Kontrast!
Das leuchtende Zitronengelb ist typisch für die Fortpflanzungszeit. Danach verliert sich das Gelb und die Vögel sehen zunehmend blassgrau aus. Obwohl die Stelze weit entfernt war und ein böiger Wind wehte, konnte ich sie singen hören. Ihr Gesang ähnelt dem der Bachstelze und ist aus einfachen Silben und Pausen dazwischen zusammengesetzt. Mit den Kompositionen echter Sänger, wie Nachtigall oder Amsel, hat diese Singerei nichts zu tun.
Wie gesagt, der Vogel war unruhig, flog von einer potenziellen Singwarte zur nächsten, tauchte zwischen den Gräsern ab. Gerade war ein Turmfalke über die Wiese gesaust, schon machte sich die schöne Stelze davon. Im Wegfliegen zeigte sich schließlich, wie gut die Zitronenstelze ihre hellgelbe Pracht verbirgt. Mit dem grauen Mantel – also der Oberseite aus Flügeln und Rücken – ist sie im Gelände fast unsichtbar. Vor allem wenn ein Greif von oben das Gelände scannt.
Die Gebirgsstelze
Ähnlich und doch ganz anders ist die Wirkung der Gebirgsstelze Montacilla cinerea, mit der dort zu rechnen ist, wo schnell fließende Flüsse durch ihr natürliches Bett strömen können. Sie ist in Westeuropa verbreitet, und zwar vom nordafrikanischen Atlasgebirge ausgehend bis hinauf nach Schottland und Südskandinavien. Ostwärts reicht ihr Brutgebiete bis zum Kaukasus. Ein weiteres, aber separates Brutareal liegt jenseits des Urals und erstreckt sich bis nach Kamtschatka und ans Gelbe Meer.
Je nach Klima und Witterung ist sie in einer Region teils ganzjährig, teils als Zugvogel zu finden.
Wie die Zitronenstelze ist auch die Gebirgsstelze – früher auch Bergstelze genannt – oberseits, grau und unterseits gelb beziehungsweise gelblich. Aber der Kopf ist nicht gelb, sondern grau. Insofern passt der Name, den sie früher trug gut: Graue Stelze.
Bei den männlichen Vögeln fällt zudem eine tiefschwarze Kehle auf.
Äußerst elegant wirkt diese Stelze, was vor allem an ihrem besonders langen Schwanz liegt.
Ihr Nest baut die Gebirgsstelze meist in Ufernähe, mal zwischen Baumwurzeln, mal in Felspalten. All das hatte jenes Habitat zu bieten, indem ich sie in Armenien beobachtet habe. (Aber so weit muss niemand reisen, um ihr zu begegnen. In Deutschland ist sie keine Seltenheit.) Über ihre Präferenzen für das Nest steht im Handbuch der Vögel Mitteleuropas¹ kurz und knapp, Seite 858
Mit Vorliebe in Löchern, Spalten und Nischen aller Art; unter Brücken, in Uferverbauungen, Mauem, Wehren, Schleusen, an Gebäuden (vor allem Mühlen), in
Felsnischen, Erdhöhlen oder Wurzelwerk von Abbrüchen und Böschungen, in Holzstößen, Kletterpflanzen an Gemäuern …usw.
Da hatten sie an diesem Ort im tiefen Armenien jedenfalls einen guten Nistplatz ausgewählt. Denn links und rechts des sprudelnden Gewässers gab es allerlei ungenutztes Bauwerk, es gab Böschungen, Wurzelwerk …
Übrigens kommt es vor, dass Gebirgsstelzen mit der Wasseramsel um einen Nistplatzwahl konkurrieren. Dazu passt die Anmerkung im Handbuch der Vögel Mitteleuropas, dass sie vor der Eiablage und zur Brutzeit durchaus territorial sind.¹
Doch beobachtet wurde nicht nur Nistplatzkonkurrenz, sondern es gibt auch Brutnachbarschaft ohne Streitereien. In einem Fall war sogar aufgefallen, dass Gebirgsstelzen die Nestlinge von Wasseramseln gefüttert haben.¹
Gebirgsstelzen teilen sich in der Fortpflanzungszeit die Arbeit, wenn auch nicht durchweg fifty-fifty. Jedenfalls bauen beide Geschlechter am Nest, wechseln sich beim Brüten ab und füttern die Nestlinge.
Johann F. Naumann spricht in seinem Klassiker Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas aus dem 19. Jahrhundert noch von der Grauen Bachstelze und meint die Gebirgsstelze.
Und was kommt bei den Gebirgsstelzen auf den Tisch: Sie fressen Insekten in allen Entwicklungsstadien, aber auch Spinnen, Flohkrebse, wasserlebende Schnecken und wohl hin und wieder auch ein Fischchen.
Die Zitronenstelze und die Gebirgsstelze stellen – wie auch die Schafstelze und die Bachstelze eine eigene Art dar. Das ist bei der Maskenschafstelze nicht der Fall. Sie gilt als Unterart, und zwar der Schafstelze.²
Das hört sich etwas theoretisch an, ist aber auch eine spannende Geschichte. Ich komme darauf zurück; zunächst eine kleine Vorstellung.
Die Maskenschafstelze
Auch die Maskenschaftelze Motacilla flava feldegg ist unterseits gelb, aber der Kopf ist schwarz und die Augenpartie geht ebenfalls in diesem Schwarz unter. Es gibt noch andere Vogelarten, die das Wort Maske im Namen tragen: Maskenammer, Maskengrasmücke, Maskentölpel, Maskenwürger.
Die schwarze Augenbinde, die mal schmaler, mal breiter ausfällt, überzieht wie eine Maske die Augen dieser Vögel. Dadurch ist es kaum möglich auszumachen, wohin der Vogel schaut. Das gilt bei manchen Arten als Vorteil, weil potenzielle Beute nicht erkennen kann, was der „Feind“ anvisiert.
Die Maskenschafstelze sah ich zunächst von hinten, aber dankenswerterweise drehte sie den Kopf, kam allerdings nicht wirklich näher.
Immerhin flog sie auf eine Singwarte und ließ sich hören. Ihr Ruf ist sehr simpel und ihr Gesang ebenfalls „anspruchslos“, wie Lars Svensson im Kosmos – Vogelführer auf Seite 280 formuliert.³
Die folgende Aufnahme mit der wundervollen Geräuschkulisse einer naturbelassenen Landschaft – da quaken Frösche und der Kuckuck ruft – gibt davon einen Eindruck, der im Übrigen typisch für die mageren Tonkünste der Schafstelzen ist.
Zusammenschnitt aus zwei Videosequenzen
Die Maskenschafstelze, die von Südosteuropa ausgehend ein riesiges Brutareal besitzt – und zwar über Russland und die anderen asiatischen Gebieten nördlich des Himalayas bis an die Pazifikküste – klingt im Vergleich zur hiesigen Wiesenschafstelze rauer und kräftiger. Das versichern Spezialisten für den Vogelgesang.
Und nun kommen wir endlich zu der verwickelten Geschichte über Vogelnamen und was sie uns alles verraten.
Vogelnamen am Beispiel der Stelzen
Die hier vorgestellten Vögel gehören alle in die Familie der Stelzen, zu der außer den weltweit 14 Stelzenarten auch die Pieper, wie der Wiesenpieper und der Baumpieper, zählen.
In der wissenschaftlichen Bezeichnung oder Nomenklatur heißt die gesamte Familie Motacillidae und ist eine Komposition aus zwei lateinischen Begriffen. Solche Wortschöpfungen aus lateinischen und auch griechischen Silben sind Standard, wie ich schon einmal beschrieben habe. Die wissenschaftlichen Namen transportieren einiges an Inhalt, wie das unersetzliche Buch von Viktor Wember Die Namen der Vögel Europas für 440 Arten und Einträgen erklärt.
Die Silben „mota“ bedeutet im Lateinischen bewegen (abgeleitet von movere) und „cillidae“ bezieht sich auf den Schwanz. Das passt: Wer der einen oder anderen Stelze länger zuschaut, bemerkt sofort, dass sie viel mit dem Schwanz wippen.
Artnamen
Die Zitronenstelze heißt Motacilla citronella, das ist selbsterklärend und eine Bezeichnung mittels einer hellgelben Frucht – wie im Deutschen.
Bei der Gebirgsstelze steckt im wissenschaftlichen Namen Motacilla cinerea der graue Kopf, denn cinerea heißt grau.
Und bei der Schafstelze, die mich zu dem Beitrag „Fototermin mit Schafstelze” verführt hat, hebt der wissenschaftliche Name Motacilla flava die satte Gelbfärbung der Unterseite hervor. Denn das lateinische flava bedeutet gelb.
Namen der Unterarten
Die Maskenschafstelze hat einen dreigliedrigen wissenschaftliche Namen Motacilla flava feldegg. Und verrät bereits, dass sie als Unterart gilt.²
Sie ist eine der verschiedenen Schafstelzen-Unterarten: Die Steppenschafstelze Motacilla flava beema, die Iberienschafstelze Motacilla flava iberiae und die Thunberg-Schafstelze Motacilla flava thunbergi sind ebenfalls Unterarten dieser Stelzenart.
Der wissenschaftliche Name ist bei Unterarten immer dreigliedrig und unterstreicht, zu welcher Art sie gehören.
Und was nun sind Unterarten? Da halte ich mich für heute an Michael Wink, der in seiner Ornithologie³ dazu sagt, Seite 157
Unterarten sind meist weniger scharf umrissen als Arten. Sie beschreiben Formen innerhalb des Verbreitungsgebiet einer Art, die sich durch Größenunterschiede oder Farbabweichungen im Gefieder unterscheiden. Diese Unterschiede werden deutlich, wenn man die Bälge** der diversen Unterarten in einem Museum nebeneinander hinlegt und vergleicht. Für die Freilandbeobachter sind diese Unterschiede häufig nicht ersichtlich.
Und in Bezug auf die Möglichkeit, sich zu verpaaren und Nachkommen zu haben, ergänzt er
Typisch für Unterarten ist, dass sie sich miteinander vermischen können, sobald sie aufeinandertreffen.
Und zum Schluss: die Bachstelze
Zum Schluss noch eine Anmerkung zur Bachstelze: Sie ist eine eigene Art Motacilla alba und trägt im Gefieder keinerlei Gelb. Ihr Federkleid ist ganzjährig schwarz-grau-weiß getönt. Und das weiße (lat. alba) Gesicht ist namensgebend.
Von ihr, der „Ballerina“, habe ich schon berichtet. In einem eingefügten Video ist in dem Blogbeitrag gut nachvollziehbar, was nicht nur für die Bachstelze, sondern auch für verwandte Arten so typisch ist: Sie wippen mit dem Schwanz, sie haben lange Beine und am Boden hüpfen sie nicht beidbeinig – wie so viele andere Singvögel –, sondern gehen beziehungsweise laufen schrittweise.
Soweit die Antwort auf meine eingangs gestellte Frage: Was macht eine Stelze aus?
¹ Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Hrsg. Urs N. Glutz von Boltzheim, Aula-Verlag, Wiesbaden 1985, 2. Aufl., Bd. 10.2, S. 858 ff
² Lars Svensson, Kosmos – Vogelführer, 2023 (3. Aufl.), Kosmos
³ Michael Wink, Ornithologie für Einsteiger und Fortgeschrittene, 2025, Springer
* Es wird auch diskutiert, ob die Maskenschafstelze eine eigene Art ist oder sich dazu entwickelt. Der wissenschaftliche Name wäre dann zweigliedrig: Motacilla feldegg.
** Das sind die ausgestopften Vogelkörper.
Schafstelze | Bergeronnette printanière | Blue-headed Wagtail | Motacilla flava
Zitronenstelze | Bergeronnette citrine | Citrine Wagtail |Motacilla citronella
Gebirgsstelze| | Bergeronnette des ruisseaux | Grey Wagtail | Motaacilla cinerea
Maskenschafstelze | Bergeronette printanière | Blue-headed Wagtail | Motacilla flava feldegg
Bachstelze | Bergeronnette grise | White Wagtail | Motacilla alba












































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