Es ist faszinierend zuzuschauen, wenn die Goldregenpfeifer von Ende März bis in den Mai hinein im norddeutschen Wattenmeer rasten, bevor sie in ihre hochnordischen Brutgebiete weiterziehen: Mal sind sie wie einzelne Tupfen auf den noch blassen Wiesen unterwegs, mal ruhen sie zu Tausenden auf dem trockengefallenen Watt, mal erheben sie sich zu lockeren Wolken und brausen über die flachen Küsten.
Auf der Salzwiese
Ich konnte die durchziehenden Goldregenpfeifer zuletzt auf den Salzwiesen der Hallig Langeneß im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer beobachten. Dort zeigt sich der vergleichsweise große Vertreter aus der Familie der Regenpfeifer oft zwischen Ringelgänsen. Auch sie machen hier Station, um energetisch aufzutanken, bevor sie nordostwärts bis nach Russland ziehen.*
Der Goldregenpfeifer Pluvialis apricaria ist mit einer Körperlänge von 25 bis 28 cm etwas kleiner als ein Kiebitz. (Und für Stadtmenschen noch diese kurze Anmerkung: Im Umfang ist er einer aufrecht stehenden Amsel vergleichbar.)
Aus der Ferne lassen sich Goldregenpfeifer bei ihrer Stippvisite auf den Halligen im Wattenmeer gut beobachten, am besten mit einem guten Fernglas oder einem Spektiv.
Die aufmerksamen Vögel sind leicht irritierbar, fühlen sich rasch gestört und fliegen dann auf, um sich weiter entfernt niederzulassen – oder um ihren Zug in den Norden fortzusetzen.
Das liegt unter anderem an der Zugunruhe, die ziehende Vögel antreibt und dafür sorgt, dass sie ihr Winterquartier verlassen beziehungsweise beim Herbstzug von den sommerlichen Brutgebieten aus ins Winterquartier abziehen.
Hungrig: einzelner Goldregenpfeifer zwischen Ringelgänsen
In diesem Videoausschnitt hatte sich ein einzelner Vogel nicht von den abfliegenden Kumpanen mitreißen lassen. Auch das kommt öfter vor. Ihn konnte ich darum bei der Nahrungsaufnahme – Regenwürmer sind im Sinne von Janosch eine „Leibspeise” der Goldregenpfeifer – filmen.
Bedeutung der Zugunruhe
Wie der Begriff Zugunruhe schon nahelegt, sind ziehende Vögel auffällig unruhig. Manchmal reicht es, dass ein einzelner Vogel durch eine Kleinigkeit beunruhigt ist und auffliegt, schon schließen sich viele Artgenossen ihm an. Das ist der sogenannte Mitreißeffekt.
Die Zugunruhe hat aber einen speziellen Nutzen: Sie sorgt dafür, dass je nach Vogelart ein einzelnes Tier oder ein ganzer Schwarm sich auf den Weg macht.
In Gang gesetzt wird das Zugverhalten vornehmlich durch einen genetisch verankerten Rhythmus, der zweimal im Jahr – quasi automatisch – die Zugunruhe auslöst. Durch Umgebungsfaktoren wie Licht und Tageslänge wird er zusätzlich justiert.
Mit einsetzender Zugunruhe verbunden sind hormonelle Veränderungen, die bei einzelnen Vogelarten bereits genauer untersucht sind. Das Hormon Corticosteron der Nebennierenrinde sowie Testosteron, das Thyroxin der Schilddrüse und Melatonin der Zirbeldrüse spielen eine Rollen.¹
Bekannt ist, dass der Spiegel des Hormons Corticosteron bei zugbereiten Vögeln – etwa bei Pfuhlschnepfe und Knutt² – erhöht ist. Gemeinhin gilt das Hormon der Nebennierenrinde zwar als Stresshormon. Aber dieser Anstieg ist kein Anzeichen von Stress, sondern als Bereitschaftshormon zu werten – wie der Ornithologe Franz Bairlein In das große Buch vom Vogelzug auf Seite 225 ff. erklärt.³
Auch wachsen bereits dann die Gonaden, wenn die Reise in die Brutgebiete beginnt. Das dadurch vermehrt gebildete Testosteron sichert nicht nur den Fortpflanzungserfolg, sondern auch den Zug, weil es den Aufbau von Muskelmasse und Fettspeichern fördert. Letztere müssen gut gefüllt sein, wenn die Vögel starten. Auf Rastplätzen wie im Wattenmeer wird dann verbrauchte Energie ersetzt – in der Biologie sprechen wir vom Auftanken (to refuel).**
Während des Zugs sind also viele Vogelarten auffällig unruhig. Anders verhalten sie sich später in ihrem Brutgebiet, wo sie ja länger bleiben, ein Revier behaupten, durch Nest und Nachwuchs vorübergehend sesshaft sind.
Attraktives Prachtkleid
Mit dem Teleobjektiv der Kamera eingefangen, offenbart sich auch auf dem Frühjahrszug die wunderbare Zeichnung des Prachtkleids beziehungsweise Brutkleids. Da kontrastieren – insbesondere bei den Herren – schwarze, weiße und goldgelbe Partien. Faszinierend ist das! Und selbst bei bedecktem Himmel und aus der Distanz deutlich zu erkennen.
Die schwarze Zeichnung auf der Unterseite lässt mich immer an eine überdimensionale, dunkle Krawatte denken. Und der schwarze Bauchfleck erinnert ein wenig an die früher übliche Bauchbinde …
Das kontrastreiche Brutkleid verblasst mit der Zeit und wird erst mit dem Federwechsel neu angelegt. Zudem ist bei den Damen die „Krawatte“ nur schwach oder fast gar nicht ausgeprägt. Und ihre Kopfzeichnung ist, im Vergleich mit dem anderen Geschlecht, ebenfalls weniger beeindruckend.
Natürlich sind die weiblichen Vögel auf diese Weise besonders gut getarnt. Das gilt für die bräunliche, goldig schimmernde Rückseite der Vögel sowieso. Auf der Wiese und vor allem in Moor und Heide, wo sie gerne brüten, verschwimmen die Konturen der Goldregenpfeifer mit ihrer Umgebung. Und auf dem Nest ist der Vogel nahezu unsichtbar. Von dieser sogenannten Moormimese habe ich schon einmal berichtet.
Auf dem Watt rasten
Eines Morgens überraschte mich auf der Hallig Langeneß ein bisher unbekannter Anblick: In Richtung Föhr ersteckte sich ein schmuddelig wirkendes, dunkles Band auf dem Watt, das über Nacht durch das ablaufende Wasser trockengefallen war. Gerade war Ebbe.
Doch es handelte sich dabei weder um Verschmutzungen, noch um eine Besonderheit des Wattbodens. Hier rasteten Watvögel – auch Limikolen genannt. Bei genauem Hinsehen erwiesen sie sich als Goldregenpfeifer.
Goldregenpfeifer zählen nicht zu jenen Vögeln des Watts, die wie Austernfischer oder Pfuhlschnepfen viel im Watt stochern. Denn nach Nahrung suchen sie auf der Wiese! Dennoch entstehen manchmal mächtige Ansammlungen auf dem freiliegenden Wattboden. Hat sich nämlich bei Ebbe das Wasser zurückgezogen, ruhen die Vögel hier. In der Regel allerdings nicht lange. Es ist eher ein erholsames Pausieren, bevor sie – spätestens wenn die Flut kommt – wieder auffliegen.
Gewaltige Ansammlung zwischen Langeneß und Föhr mit einigen tausend Goldregenpfeifern
Viele der Goldregenpfeifer, die im Wattenmeer rasten, haben es nicht extrem weit zu ihren Brutplätzen.*** Hierzulande finden sie zwar längst nicht mehr die passenden Habitate, aber bereits in Südskandinavien und in Richtung der baltischen Staaten nisten sie.
Auch ihre Überwinterungsgebiete am Rand der südlichen Nordsee bis zur französischen beziehungsweise iberischen Atlantikküste und am Mittelmeer sind nicht sehr weit entfernt. Goldregenpfeifer sind daher meist nicht total ausgehungert, wenn sie etwa auf Hooge oder Langeneß eintreffen.
Das heißt: Sie können es durchaus von Wind und Wetter abhängig machen, wie lange ihr Besuch anhält und wann die Zugunruhe sie weitertreibt. Manchmal kommt dabei hier und da eine nur kurze Stippvisite heraus.
Lockere Vogelwolken
Vor allem bei sonnigem Wetter demonstrieren Goldregenpfeifer ihre ganze Pracht. Und sobald sie sich in die Luft erheben, entsteht wie aus dem Nichts eine Wolke von Vögeln. Diese Schwärme bilden jedoch keine Linien oder keilförmige Formationen, wie wir es von Kranichen und Gänsen kennen, sondern fliegen als lockere Formation, die sich mehr oder minder stark verdichten kann.
Es entstehen gewissermaßen flatternde Wolkengebilde. Den Vögeln zuzusehen, wenn sie aufsteigen und wieder landen, ist ein spezielles Erlebnis und Grund für eine Reise ins Wattenmeer. Dazu abschließend dieses kurze Video von Goldregenpfeifern über Langeneß.
¹ Ich habe hier jeweils auf Einträge in der WIKIPEDIA verlinkt, obwohl die Rolle der Hormone bei Vögeln zu kurz kommt.
³ Franz Bairlein, Das große Buch vom Vogelzug, Aula-Verlag, Wiebelsheim, 2022
² Ein großer Schwarm von Knutts ist auf dem Saisonfoto für den Monat Mai 2026 abgebildet.
* Dort liegen ihre Brutgebiete.
** Die Bedeutung von traditionsreichen Rastplätzen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Zugvögel benötigen sie, um fit in ihren Brutgebieten (bzw. im Winterquartier) anzukommen. Wichtig ist, dass sie nicht irgendwo auftanken können, sondern bestimmte Ressourcen benötigen. Das ist einer der Gründe, weshalb sie (oft und wenn möglich) Jahr für Jahr dieselben Rastplätze aufsuchen.
*** Manche Goldregenpfeifer fliegen von Norddeutschland aus bis zu ihren Brutgebieten in Island.
Goldregenpfeifer | Pluvier doré | Golden Plover | Pluvialis apricaria


































Was für ein leidenschaftlich – klug-informativ, persönlich – wissend und liebendes Blog.
Ich habe mich direkt aufs Schönste verloren in den Texten, Fotos, Verweisen und Details…
Ein Geschenk ist das. Herzlich Dank für das Teilen und die Inspiration!
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Was für ein interssanter Blogpost. Nun weiß ich endlich auch, warum die Zugunruhe bei Zugvögeln einen Sinn macht.