Auf den ersten Kuckuck, der auf einem Baum saß und den ich aus größerer Nähe mit dem Fernglas bewundern konnte, stieß ich in Armenien. Aber noch haben wir auch in Europas Mitte gute Chancen, im Mai oder Juni einen Kuckuck zu entdecken.
Cuculus canorous – so sein wissenschaflicher Name – ist ein Bewohner von halboffenen Landschaften und von Wäldern mit zahlreichen Vogelarten. Er hält sich insbesondere zur Brutzeit auch in Verlandungszonen sowie in feuchten Wiesen- und Moorlandschaften auf.
Zwar leben hierzulande immer weniger Kuckucke, weil ihr Lebensraum in monotone Agrarflächen umgewandelt wurde und wird.
Doch der unverkennbarer Gesang – der mehr ein wiederholtes Rufen ist –, klingt weit über Wiesen und Wälder. Und verrät den Kuckuck.
Kuckucksrufe aus der Ferne, und ein lauter Zaunkönig in der Nähe
Schwierig ist es allerdings, den Vogel, der die Wintermonate jenseits der Sahara verbringt, wirklich gut zu sehen, ihn mit dem Fernglas zu erwischen, zu fotografieren oder gar samt Gesang im Video festzuhalten. Unser Kuckuck lässt sich nicht gern beobachten, wechselt zügig seinen Standort und wirkt, gegen den hellen Himmel betrachtet, wie ein finsterer Scherenschnitt.
In diesem Mai war das Glück auf meiner Seite. Bei einem Rundgang im Naturpark Nuthe-Nieplitz südlich von Berlin beobachtete ich gerade einen Zaunkönig als ein Kuckuck in der Ferne rief. Nach und nach kam er näher und ließ sich ganz oben auf einem Baumwipfel nieder.
Das war kein Zufall: Der Kuckuck singt nicht verborgen im Gebüsch – wie die Nachtigall –, und er hält sich auch nicht unten am Boden auf, sondern sucht sich einen Platz im Wipfel von Bäumen. Das ist seine Warte oder Sitzwarte, auch Singwarte genannt.

In Volksliedern steckt oft eine Mege Lebenserfahrung und Wahrheit. Das gilt auch für das Kinderlied Auf einem Baum ein Kuckuck saß, von dem weder Texter noch Komponist bekannt sind.
Darin wird der Kuckuck von einem naiven Jäger – offenbar ohne Sinn und Verstand – von seiner Singwarte auf einem Baum heruntergeschossen.
Doch der Vogel ist zur Freude vieler Menschen im nächsten Frühjahr zurück, was schon zu vielerlei Interpretationen – nachzulesen in der Wikipedia – Anlass gab. Es lässt sich indes aus biologischer Sicht leicht erklären: Wenn der Kuckuck abgeschossen wurde, war es nicht derselbe, sondern ein „Ersatzmann” …*
Gern hochoben
Der männliche Kuckuck fliegt in einem größeren Gelände verschiedene Bäume an, um sich von oben lauthals bemerkbar zu machen und Revieransprüche zu markieren. Er ist nicht stationär, sondern viel unterwegs. Das ist typisch für das Männchen. Es inspiziert dabei das Biotop und hält von hochoben nach weiblichen Kuckucken Ausschau.
Am brandenburgischen Schwanenteich ruft der Kuckuck aus großer Nähe.
Kuckucksdamen sind insgesamt stärker ortsgebunden. Sie treiben sich dort herum, wo kleine Singvögel ihre Nester bauen. Diese werden für den Nachwuchs gebraucht. Denn der Kuckuck ist bekanntlich ein sogenannter Brutparasit, der sein Ei in fremde Nester legt und sie dort vom jeweiligen Wirtsvogel ausbrüten und versorgen lässt. Ausführlich berichtet davon das wunderbare Buch Der Kuckuck. Gauner der Superlative.
Zu den unfreiwilligen Wirtsvögeln gehören Arten wie der Teichrohrsänger und der Drosselrohrsänger, die beide an Schilf-bestandenen Gewässern häufig sind. Kein Wunder also, dass nahe der Nuthe zwischen Schwanenteich und Gänselake mit ihrem breiten Schilfsaum ein Kuckuck zu hören war.
Kein Rausschmiss: Wirtsvögel akzeptieren Kuckuckseier
Zu den Rätseln, die der Kuckuck ornithologisch Interessierten aufgegeben hat, zählt die Frage, warum Wirt und Wirtin – durchweg kleinere Singvögel – das fremde Kuckucksei in ihrem Nest überhaupt akzeptieren und ausbrüten. Das hat vornehmlich zwei Gründe:
Obwohl der Kuckuck viel größer ist als der Wirtsvogel und rund 100 Gramm wiegt, sind seine Eier klein und wiegen nur etwa 3 Gramm. Im Nest einer 25 Gramm schweren Bachstelze oder eines Drosselrohrsängers mit rund 30 Gramm fallen sie neben deren Eier größenmäßig nicht auf.
Gleiches gilt für die Färbung. Die meisten Vogeleier sind nicht schneeweiß, sondern sie haben eine bläuliche, grünliche oder bräunliche Grundfarbe und sind teils gemustert. Kuckucksdamen produzieren individuell unterschiedliche Eischalen. Und sie bevorzugen zur Eiablage Nester von Vögeln, deren Eischale ihren eigenen Eiern gleicht. Wie kommt das?
Dahinter steckt das ewige Spiel von Mutation und Selektion. Farbe und Schalenmuster beziehungsweise Zeichnung eines Vogeleis sind genetisch bedingt. Das gilt für alle Vögel, also für Wirtsvogel sowie Kuckuck.
Wenn nun eine Kuckuckin – so wurde schon von den großartigen Ornithologen Magdalena Heinroth und Oskar Heinroth vor 100 Jahren geschlechtergerecht formuliert¹ – ihre Eier ablegt, haben diejenigen, die äußerlich den Wirtsvogeleiern gleichen, bessere Chancen ausgebrütet und nicht rausgeschmissen zu werden.
Daraus folgt: Ein weibliches Kuckuckskind, das überlebt, produziert als adulte Kuckucksdame Eier, die denen der eigenen Mutter und denen des Wirtsvogels, das heißt seiner Stiefmutter, sehr ähnlich sind.** Sie wird ihre Kuckuckseier bevorzugt in Nester dieser Art platzieren, wo sie dann meist nicht als fremd auffallen. Weil gut angepasste Kuckuckseier mit höherer Wahrscheinlichkeit „durchkommen“, wurden im Verlauf der Evolution die Eier von Brutparasit und Wirtsvogel einander zum Verwechseln ähnlich.

Eier von Gartenrotschwanz und Kuckuck (links); Foto: Grüner Flip, bearbeitet von Rosentod (Wikipedia) – Eigröße in der Natur kleiner
Kein Wunder ist es daher, dass Kuckucksdamen ihre Eier nicht wahllos verteilen:
Manche legen sie in Nester vom Drosselrohrsänger, der fleckig gemusterte Eier hat – so wie sie selbst.
Andere Kuckucksdamen produzieren schlichte, bläuliche Eier, die dem Gelege eines Gartenrotschwanzes ähneln. Logischerweise legen sie bevorzugt in dessen Nest ihr Ei.
Ein weiblicher Kuckuck produziert pro Saison 10 bis 20 Eier und legt in der Regel nur jeweils eins in das fremde Nest. Dass die Kuckuckin ihre Eier nicht nur bei einer Wirtsvogelart – etwa dem Drosselrohrsänger – unterbringt, sondern auch bei Vögeln mit weniger gut passendem Gelege, kann etwa dem sogenannten Legedruck geschuldet sein … das Ei muss raus.
Andererseits handelt es sich hier um eine Flexibilität im Verhalten, die zugleich Teil der Überlebensstrategie von Tieren ist und evolutionsbiologischer Logik entspricht: Wenn nämlich eine Wirtsvogelart in einer Region verschwindet, bleibt der auf einen einzigen Wirt spezialisierte Kuckuck ohne Nachkommen. Es macht daher Sinn, dass Kuckucksdamen immer auch den Rausschmiss ihrer nicht so gut passenden Eier riskieren.
Beispiele dafür las ich in dem hübschen Heft Unser Kuckuck von Wolfgang Makatsch², das ich mir antiquarisch besorgt habe. Der Autor schrieb vor rund 80 Jahren, Seite 36
Bei der Durchsicht einer größeren Sammlung von Kuckuckseiern mit Gelegen ihrer Wirtsvögel wird uns auffallen, dass manche Kuckuckseier zwar dem Typ des Wirtsvogeleies tadellos angepasst sind, jedoch, wenn wir so sagen wollen, ins „falsche“ Nest gelegt worden sind. So besitze ich ein … Gelege des Drosselrohrsängers, in dem ein Kuckucksei liegt, das einem Goldammerei täuschend ähnlich sieht. Ein Rotkehlchengelege meiner Sammlung enthält ein Ei vom Gartengrasmückentyp, ein Zaunkönigsgelege ein typisches Ei eines „Bachstelzenkuckucks“ …
Wie der Kuckuck die Nester der passenden Wirtsvögel findet, ist eine besonders spannende Frage. Ich hebe sie mir für einen späteren Blogbeitrag auf. Stattdessen ein paar Sätze dazu, wie der geschlüpfte Kuckuck seine Konkurrenz loswird. Er beansprucht ja von seiner Größe her schon nach wenigen Tagen das ganze Nest und die ganze Fürsorge der Wirtseltern. Die müssen ihn durchfüttern, selbst dann noch, wenn er das enge Heim aus Platzgründen verlassen hat.
Der Kuckuck entledigt sich der Konkurrenz
Liegen bereits Eier der Wirtsvögel im Nest, werden sie teils bereits vom weiblichen, Ei-ablegenden Kuckuck entsorgt. Den Rest erledigt später der junge, gerade geschlüpfte Kuckuck. Selbst noch nackt und blind, befördert er die Eier und die „Kinder“ der Wirtsvögel aus dem Nest.
Abbildung:
Kuckuckskind im Rückwärtsgang beim Ei-Transport.
Grafik aus Heinroth (a.a.O.), bearbeitet von E. Brüser.
Zur besseren Verständlichkeit habe ich Schnabel (gelb),
Ei (blau) und Nestbereich (braun)
farbig schraffiert.
Lange Zeit war unklar, wie Kuckuckskinder das anstellen. Die bereits erwähnten deutschen Zoologen Magdalena und Oskar Heinroth haben die Technik vor mehr als 100 Jahren genau beobachtet und beschrieben:
Schon der ein oder zwei Tage alte Kuckuck schiebt sich demnach unter das Ei oder den Jungvogel des Wirtes, so dass das Opfer auf seinem breiten Rücken zwischen die aufgestellten Flügelchen gelangt.
Danach kraxelt der unbefiederte, kleine Kerl rückwärts am Nestrand hoch und bugsiert die ungeliebte Konkurrenz – die Jungen der Wirte werden auch Stiefgeschwister genannt – auf oder über den Nestrand hinaus.
In ihrem bis heute lesenswerten Klassiker Die Vögel Mitteleuropas¹ wunderte sich das Forscherehepaar Heinroth im Übrigen darüber, dass so lange rätselhaft und umstritten war, wie sich der junge Kuckuck seiner „Stiefgeschwister“ entledigt. Die Heinroths haben das als eine der ersten auch gefilmt und schreiben, Seite 302 ***
Es ist uns unerklärlich, wie man sich über diese Dinge so lange hat streiten können, denn man braucht ja nur einem jungen Kuckucke – draußen oder auch dem mit dem Nest ins Zimmer genommenen – junge Singvögel oder Eier beizugeben, und man kann sich dann sofort von der Kuckucksleistung überzeugen.
Derartige Experimente haben die Heinroths mehrfach gemacht, um das Verhalten des gerade geschlüpften Kuckucks zu filmen. Dies zu dokumentieren sei
… sehr leicht, denn der kleine Kerl arbeitet immer wieder unentwegt, wenn er etwas neben sich fühlt, bis es hinaus ist.
Dazu muss man wissen, dass heutzutage solche Eingriffe in die Natur verboten sind, denn Vogelnester und Vogeleier sind streng geschützt. Aber die Heinroths waren damals wie heute hochgeschätzte Wissenschaftler und verfolgten ein arbeitsintensives Programm, um die Entwicklungsstadien mitteleuropäscher Vögel zu dokumentieren und zu beschreiben.
Kuckuck: Rufen oder singen sie?
Wie zuletzt im brandenburgischen Naturpark Nuthe-Nieplitz hatte sich auch am Fuß des Aragat in Armenien der männliche Kuckuck hoch oben auf einem Baum platziert, als er sang. Er saß so frei, dass neben dem grauen Kopf auch seine „gesperberte“ Brust – die Querstreifen erinnern an den Sperber – zu erkennen war.
Und wie es vielfach beschrieben wird, ließ er zeitweilig beim Singen seine Flügel hängen. Zugleich streckte er seinen Schwanz durch – es heißt auch: Der Schwanz war gestelzt. Beides spricht für hohe Erregung.
Der Volksmund findet zwar: „Der Kuckuck ruft”. Aber in der Ornithologie gilt der rufende Kuckuck als Sänger, obgleich seine Lautäußerungen aus längeren Serien von ku-kuu-Klängen recht monoton sind.³ Meist sind sie zweiteilig, manchmal auch dreiteilig.
Als echte Rufe gelten demgegenüber Alarmlaute wie das tonlose hach oder goch, ein intensives gauck und auch die Kontaktrufe von Nestlingen und sehr jungen Vögeln.
Beim singenden Kuckucksmann bläht sich erkennbar die Kehle. (Dazu das Video bitte vergrößern.)
Der wissenschaftliche Name des Kuckucks (Cuculus canorus) bezieht sich nicht auf sichtbare Merkmale der Art wie zum Beispiel beim Stelzenläufer, sondern auf den hörbaren Eindruck. Er ist aus dem lautmalenden, inhaltsleeren Begriff Cuculus und aus einer Ableitung vom lateinischen Wort canere für singen zusammengesetzt. Auch der Canon hat hier seine Wurzeln.

Über die Qualität des Gesangs unseres Kuckucks haben sich schon viele Menschen Gedanken gemacht, so auch August Heinrich Hoffmann von Fallersleben.
Er hat den humoristischen Text, der die gesangliche Kompetenz des Kuckucks durchaus infrage stellt, von einem der bekanntesten Kinderlieder verfasst: Der Kuckuck und der Esel.
Das Lied entstand im frühen 19. Jahrhundert.
Die Melodie geht auf Carl Friedrich Zelters zurück, der damit ursprünglich ein Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe vertont hatte.
Und nun bitte rausgehen und den Kuckuck suchen. Im Mai und im Juni ist er oft zu hören, bevor die ersten Kuckucke Ende Juli schon wieder in Richtung Süden abfliegen, um später ihr fernes Winterquartier jenseits des Äquators zu erreichen.
*Zur Wahrheit gehört, dass der Vogel wahrscheinlich wirklich erschossen wurde und eben nicht derselbe Kuckuck aus dem Winterquartier zurückkehrte, sondern ein Artgenosse seinen Platz einnahm.
** Zu erklären, warum es keine 100% Übereinstimmung gibt, führt hier zu weit.
***Für eine bessere Lesbarkeit habe ich zwei Gedankenstriche eingefügt.
****Hier darf der Hinweis nicht fehlen, dass Wolfgang Makatsch die Gelegesammlung im Museum Alexander König ausgewertet hat und auch seine eigene, die zu wissenschaftlichen Zwecken angelegt wurde.
¹ Oskar und Magdalena Heinroth, Die Vögel Mitteleuropas, Bd. 1, Verlag Hugo Bermühler Berlin-Lichterfelde 1926
² Wolfgang Makatsch: Unser Kuckuck, Die Neue Brehm-Bücherei, Bd. 2, Leipzig 1953
³ Hans-Heiner Bergmann u.a.: Die Stimmen der Vögel Europas, Aula-Verlag, Wiebelsheim 2018
Kuckuck | Coucou gris | Cuckoo | Cuculus canorus



































0 Kommentare