Den Pirol hören

03. Juni 2026 | Kleine Vögel | 4 Kommentare

Der Stimme des Pirols zu lauschen, ist ein geradezu erhebendes Gefühl. Das liegt an diesem glockenhellen Klang, der unverwechselbar ist und der sich – einmal gehört – für immer einprägt. So erging es mir jedenfalls.

Im Monat Mai war ich zweimal in der Döberitzer Heide bei Berlin, um die Heidelerche zu hören und den Wiedehopf aus größerer Nähe zu beobachten – außer diesen beiden sah ich 14 andere Vogelarten. Ein Besuch, zum Beispiel vom Haus der Sielmann Stiftung ausgehend, lohnt sich also.

Döberitzer Heide im Mai

Der lautstarke Pirol

Im typischen Heidebiotop ist der Pirol allerdings nicht zu Hause. Ihn finden wir vor allem in Laub- und Mischwäldern mit Eichen- und Birkenbestand. Früher war er auch in Gärten häufig zu beobachten, zumal er – eigentlich bekannt als „eingefleischter“ Insektenfresser – auch bei reifen Kirschen und anderen zarten Früchten gerne zulangt. Dadurch macht er sich oft unbeliebt. – Als „Kirschdieb” wurde er daher im Volksmund bezeichnet.

Weg zum Revier der Pirols

In der Döberitzer Heide hörte ich den Pirol schon aus weiter Ferne – und das ist die Regel. Bei Klaus-Dieter Feige, dem Autor der ausführlichen Monografie Der Pirol ¹ lese ich auf Seite 99, dass Pirolrufe sogar bei einer Entfernung von 1,6 km noch vernehmbar sind. Da die Heidefläche nahe der Sielmann Stiftung an ein Waldgebiet grenzt, musste ich allerdings gar nicht so weit laufen, um dem Sänger nahe zu kommen.

Flötende Pirolstrophen aus der Nähe

In der Tat ist der Pirol ein „Sänger“, obwohl oft vom rufenden oder pfeifenden Pirol gesprochen wird. Weil die Pausen zwischen einzelnen Abschnitten seines Gesang manchmal lang beziehungsweise seine Töne teils sehr leise sind, nehmen wir sein Singen nicht unbedingt als „Lied” wahr. Hinzu kommt, dass der Pirol oft seinen Standort wechselt, so dass er mal hier, mal dort singt.

Ein Erkennungszeichen des Pirols ist sein flötenartiger Pfiff. Diese besonders charakteristische Gesangsstrophe wird zum Beispiel mit didlioh in deutsche Schrift- und Lautsprache übersetzt. Welche Silbenfolge den Klang der Flötentöne besonders gut trifft, ist nicht klar. Aber jeder Disput darüber erklärbar. Es ist nämlich so, dass die Strophen des Pirols unterschiedlich aufgebaut sind und folglich auch verschieden klingen. In Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas² steht zum Beispiel über die „herrliche flötende Stimme des Pirols“, Seite 32

Sie klingt abwechselnd: gidleo, – gitatidlio, – gidilio, – gipliagiblo, – gidleah. Der Ton ist stark, rund und voll, wie die Töne auf einer kleinen Orgel, die Silben sprechend, so dass ihn die Kinder der Landleute, auf mancherleiweise nachsprechen, zum Beispiel „Pfingsten Bier hol‘n, aussaufen mehr hol‘n!*

Die hauptsächliche Tonlage der Rufe liegt in der Regel bei 1.500 bis 3.000 kHz und rangiert in einem Bereich, in dem auch menschliche Kommunikation ganz wesentlich stattfindet. Die einzelne Pirolstrophe ist nur eine halbe bis eine Sekunde lang, wird aber ähnlich oder leicht abgewandelt oft wiederholt.

Die grün eingerahmte Grafik** zeigt Sonogramme (= Sonagramme), also Frequenzverläufe über die Zeit, von verschiedenen Pirolstrophen.

Neben diesem charakteristischen Klangtyp gibt es Strophen, die mit wiächt übersetzt werden. Und es gibt krächzende Alarmlaute.

Wozu singen?

In der Regel sind es die männlichen Vögel, die singend ihr Revier markieren. Aber auch die weiblichen Pirole sind nicht stumm, allerdings singen sie leiser. Die Damen sind folglich nicht so weit zu hören. Die Hörweite beträgt für Menschen 300-400 m, schreibt Klaus-Dieter Feige.

Wenn Anfang Mai die Pirole aus dem Winterquartier bei uns eintreffen, beginnen sie sofort ihr Territorium stimmlich, also vokal, abzugrenzen. Und nicht nur das, es gibt auch heftige Kämpfe zwischen Rivalen. In dieser Zeit sind die Vögel sehr häufig zu hören.

Wer sie im Mai oder Juni entdecken möchte, sollte möglichst früh aus den Federn kommen, denn in den Morgenstunden zwischen 5 und 6 Uhr sind sie vokal besonders aktiv. „Entdecken“ bedeutet in diesem Fall tatsächlich vor allem hören. Denn Pirole sind oben in der Baumkrone zu Hause. Und sobald die Bäume belaubt sind, ist der Vogel trotz seines leuchtend gelben Gefieders kaum noch zu sehen.

Ich hatte vor einigen Jahren als Birderin großes Glück und habe davon in dem Blogpost Leuchtend in der Baumkrone berichtet.

In der Döberitzer Heide ließ sich Herr Pirol leider nicht blicken. Stattdessen sah ich erstmals die Dame: Ihr Gefieder ist blasser, eher grünlich-gelb. Sie kam durch den Wald herangeflogen – den Schnabel voll mit Nistmaterial. Aber so schnell sie zwischen Baumstämmen herankurvte, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Das Fernglas abzusetzen und gegen die Kamera einzutauschen, dafür reichte die Zeit nicht.

Um die Dame dennoch vorzustellen, hier die Illustration mit männlichem, weiblichem und jungem Vogel aus Naumann (a.a.O.) , Tafel IV

Außer ihren flötenden Tönen haben Pirole eine Art Gesang, der etwas schwätzend klingt. Er wird auch als Subsong bezeichnet und spielt, wenn die Jungen geschlüpft sind, offenbar eine besondere Rolle – also quasi im Familienleben. Da diese Kommunikation aber sehr leise erfolgt, wurde sie selten beobachtet und nur sporadisch beschrieben.

Als einer der ersten hat Christian Ludwig Brehm – Pastor, phantastischer Ornithologe und Vater von Alfred E. Brehm – in seinem Werk Handbuch der Naturgeschichte der Vögel Deutschlands von 1831 auf dieses schwätzende Singen, das zum Beispiel an den Teichrohrsänger er erinnert, deutlich hingewiesen. Über den Eindruck, den dieser Gesang macht, steht in der Pirol-Monografie aus Die Neue Brehm-Bücherei, Seite 96

Nach meinen Erfahrungen besteht er aus einer Serie von schwatzenden, knarrenden und vereinzelt flötenden Tönen oder Pirolrufen, die zum Teil so ineinander zusammengezogen werden, dass es wie ein Dahinsprudeln klingt.

Partner im Duett

Klaus-Dieter Feige hat eine erwähnenswerte Besonderheit des Pirols beschrieben, nämlich Paar-Dialoge, wie er sie nennt. Es handelt sich dabei um einen Wechselgesang, den wir in der Ornithologie als Duettieren bezeichnen: Da äußert das Männchen beispielsweise wiächt und das Weibchen reagiert mit einem wiächt. Diese Abfolge kann mehrmals wiederholt und natürlich auch variiert werden.

Solche lautliche Abstimmung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Partner kennen ornithologisch Interessierte insbesondere von Vögeln, die ganzjährig in tropischen, subtropischen oder auch ariden Regionen leben. (Der Rotbauchwürger, von dem ich schon mal berichtet habe, gehört dazu.) Über die Funktion des Duettierens wurde viel diskutiert. Einiges spricht dafür, dass es unterschiedliche Aufgaben erfüllen kann. Zum Beispiel kann es die Paarbindung der Vögel zu Beginn der Fortpflanzungszeit einleiten und stabilisieren. Außerdem kann es bei der Revierverteidigung nützlich sein, wenn gemeinsam und lauthals an der Reviergrenze duettiert wird.

Dass Pirole ein duettähnliches Verhalten zeigen, wundert nicht. Denn sie leben – wie schon gesagt – im Wald, und dort bevorzugt in dichten Baumkronen. Da sind sie nicht nur für uns, sondern auch für einen potenziellen Geschlechtspartner oder eine Partnerin vielfach unsichtbar. Unter solchen Bedingungen helfen akustische Signale, eine Verbindung herzustellen und zu festigen.

Und wie markant der Pirol flötet, lässt sich dem folgenden, etwas längeren Video entnehmen: Seine Stimme legt sich über alle anderen Singvogelarten, die hier vokal aktiv sind.

Pirolstrophen aus den Baumwipfeln, dazu der Gesang von Kohlmeise, Waldlaubsänger und Buchfink. Und teilweise ist das Rauschen des Windes zu hören. (Eventuell die Lautstärke erhöhen.)

„Mein“ gut verborgener, brandenburgischer Pirol ließ sich zwar auch später nicht blicken, doch er hatte mich sicherlich ständig im Blick. Beim Rückweg durch das Naturschutzgebiet Döberitzer Heide hat sein Flöten mich noch lange begleitet.

Im Mai blüht der Ginster in Brandenburgs Döberitzer Heide

¹ Klaus-Dieter Feige, Der Pirol, 1986, Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt, Bd. 578
² Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl.. Bd. 4.

* Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass der Pirol zur Pfingstzeit tatsächlich besonders viel flötet. Es ist eben die Zeit der territorialen Abgrenzung. Und traditionell feiern Menschen in dieser Zeit viel – und der Alkohol fließt.
** Grafik verändert nach Wallschläger/Feige a.a.O., Seite 91

Pirol | Loriot | Eurasian Golden Oriole | Oriolus oriolus

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

4 Kommentare

  1. Mein Beitrag über die Gesänge und andere Vokalisationen des Pirols hat viel Anklang gefunden. Unter anderem erhielt ich von Thomas Bronner aus der Uckermark wunderbare Fotos von einem Pirol-Paar in seinem Garten, der an ein Naturschutzgebiet grenzt. Die Fotos möchte ich euch nicht vorenthalten.
    Hier kommt die Pirol-Dame. (Foto: T. Bronner) Gelb-grüner Vogel in einer Birke
    Und dies ist der Pirol-Herr. (Foto: T. Bronner) Vorwiegend gelber Vogel in einer Birke

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  2. Liebe Elke, wie schön, dass ich deinen informativen Blog gefunden habe! Ich lebe in Mittelhessen und habe das große Glück, hier bei mir im Wald täglich ein Pirolpärchen zu beobachten bzw, ihnen zu lauschen. Am Anfang konnte ich ein paar Fotos machen, aber mittlerweile habe ich keine Chance mehr. Ich weiß auch nicht, ob sie ein Nest gebaut haben und brüten. Aber ich bin sehr glücklich über die hier seltenen Sommergästen!

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    • Liebe Miriam und Karin, da habt ihr meinen Pirol-Beitrag aber rasch entdeckt. Und es freut mich, dass euch diese schönen Flötentöne auch begeistern.

  3. Über den Blogeintrag freue ich mich, denn heute habe ich erstmals einen Pirol gehört und gesehen. Das war sehr besonders. Das war auf dem Gelände des Nabu-Zentrums Blumberger Mühle bei Angermünde in der Mittagszeit. Ich war überrascht, wie groß er war. Und der Klang verließ mich dann auch so schnell nicht mehr.

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Birding

Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Am Rand von Feldern, einem Teich und dörflicher Umgebung steht etwas erhöht ein grau-brauner hühnerartiger Vogel.

2026 Das Rebhuhn

Drei dunkle Hausrotschwänze in einer Grafik. Links der weibliche Vogel rechts davon der männliche, beide mit roten Schwanzfedern. Der männliche Vogel ist an weißen Federn am Kopf und auf den Flügeln zu erkennen. Ganz rechts auf der Grafik und neben den Eltern ein dunkelbraun-grauer Jungvogel.

2025 Der Hausrotschwanz

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Das Rotkehlchen

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Der Wiedehopf

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

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2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Auf grünlichem Wasser schwimmt ein grau-weißer Vogel mit dunklem Hinterkopf und einer weißen Stirn.

2026  Die Zwergseeschwalbe

Drei schwarzköpfige Möwen im sogenannten Prachtkleid oder Brutkleid. In der Mitte steht die Lachmöwe mit orangerotem Schnabel und ebensolchen Beinen.

2025  Die Lachmöwe

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Flussseeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

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2016  Der Basstölpel

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