Der Stimme des Pirols zu lauschen, ist ein geradezu erhebendes Gefühl. Das liegt an diesem glockenhellen Klang, der unverwechselbar ist und der sich – einmal gehört – für immer einprägt. So erging es mir jedenfalls.
Im Monat Mai war ich zweimal in der Döberitzer Heide bei Berlin, um die Heidelerche zu hören und den Wiedehopf aus größerer Nähe zu beobachten – außer diesen beiden sah ich 14 andere Vogelarten. Ein Besuch, zum Beispiel vom Haus der Sielmann Stiftung ausgehend, lohnt sich also.
Der lautstarke Pirol
Im typischen Heidebiotop ist der Pirol allerdings nicht zu Hause. Ihn finden wir vor allem in Laub- und Mischwäldern mit Eichen- und Birkenbestand. Früher war er auch in Gärten häufig zu beobachten, zumal er – eigentlich bekannt als „eingefleischter“ Insektenfresser – auch bei reifen Kirschen und anderen zarten Früchten gerne zulangt. Dadurch macht er sich oft unbeliebt. – Als „Kirschdieb” wurde er daher im Volksmund bezeichnet.
In der Döberitzer Heide hörte ich den Pirol schon aus weiter Ferne – und das ist die Regel. Bei Klaus-Dieter Feige, dem Autor der ausführlichen Monografie Der Pirol ¹ lese ich auf Seite 99, dass Pirolrufe sogar bei einer Entfernung von 1,6 km noch vernehmbar sind. Da die Heidefläche nahe der Sielmann Stiftung an ein Waldgebiet grenzt, musste ich allerdings gar nicht so weit laufen, um dem Sänger nahe zu kommen.
Flötende Pirolstrophen aus der Nähe
In der Tat ist der Pirol ein „Sänger“, obwohl oft vom rufenden oder pfeifenden Pirol gesprochen wird. Weil die Pausen zwischen einzelnen Abschnitten seines Gesang manchmal lang beziehungsweise seine Töne teils sehr leise sind, nehmen wir sein Singen nicht unbedingt als „Lied” wahr. Hinzu kommt, dass der Pirol oft seinen Standort wechselt, so dass er mal hier, mal dort singt.
Ein Erkennungszeichen des Pirols ist sein flötenartiger Pfiff. Diese besonders charakteristische Gesangsstrophe wird zum Beispiel mit didlioh in deutsche Schrift- und Lautsprache übersetzt. Welche Silbenfolge den Klang der Flötentöne besonders gut trifft, ist nicht klar. Aber jeder Disput darüber erklärbar. Es ist nämlich so, dass die Strophen des Pirols unterschiedlich aufgebaut sind und folglich auch verschieden klingen. In Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas² steht zum Beispiel über die „herrliche flötende Stimme des Pirols“, Seite 32
Sie klingt abwechselnd: gidleo, – gitatidlio, – gidilio, – gipliagiblo, – gidleah. Der Ton ist stark, rund und voll, wie die Töne auf einer kleinen Orgel, die Silben sprechend, so dass ihn die Kinder der Landleute, auf mancherleiweise nachsprechen, zum Beispiel „Pfingsten Bier hol‘n, aussaufen mehr hol‘n!*
Die hauptsächliche Tonlage der Rufe liegt in der Regel bei 1.500 bis 3.000 kHz und rangiert in einem Bereich, in dem auch menschliche Kommunikation ganz wesentlich stattfindet. Die einzelne Pirolstrophe ist nur eine halbe bis eine Sekunde lang, wird aber ähnlich oder leicht abgewandelt oft wiederholt.
Die grün eingerahmte Grafik** zeigt Sonogramme (= Sonagramme), also Frequenzverläufe über die Zeit, von verschiedenen Pirolstrophen.
Neben diesem charakteristischen Klangtyp gibt es Strophen, die mit wiächt übersetzt werden. Und es gibt krächzende Alarmlaute.
Wozu singen?
In der Regel sind es die männlichen Vögel, die singend ihr Revier markieren. Aber auch die weiblichen Pirole sind nicht stumm, allerdings singen sie leiser. Die Damen sind folglich nicht so weit zu hören. Die Hörweite beträgt für Menschen 300-400 m, schreibt Klaus-Dieter Feige.
Wenn Anfang Mai die Pirole aus dem Winterquartier bei uns eintreffen, beginnen sie sofort ihr Territorium stimmlich, also vokal, abzugrenzen. Und nicht nur das, es gibt auch heftige Kämpfe zwischen Rivalen. In dieser Zeit sind die Vögel sehr häufig zu hören.
Wer sie im Mai oder Juni entdecken möchte, sollte möglichst früh aus den Federn kommen, denn in den Morgenstunden zwischen 5 und 6 Uhr sind sie vokal besonders aktiv. „Entdecken“ bedeutet in diesem Fall tatsächlich vor allem hören. Denn Pirole sind oben in der Baumkrone zu Hause. Und sobald die Bäume belaubt sind, ist der Vogel trotz seines leuchtend gelben Gefieders kaum noch zu sehen.
Ich hatte vor einigen Jahren als Birderin großes Glück und habe davon in dem Blogpost Leuchtend in der Baumkrone berichtet.
In der Döberitzer Heide ließ sich Herr Pirol leider nicht blicken. Stattdessen sah ich erstmals die Dame: Ihr Gefieder ist blasser, eher grünlich-gelb. Sie kam durch den Wald herangeflogen – den Schnabel voll mit Nistmaterial. Aber so schnell sie zwischen Baumstämmen herankurvte, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Das Fernglas abzusetzen und gegen die Kamera einzutauschen, dafür reichte die Zeit nicht.
Um die Dame dennoch vorzustellen, hier die Illustration mit männlichem, weiblichem und jungem Vogel aus Naumann (a.a.O.) , Tafel IV
Außer ihren flötenden Tönen haben Pirole eine Art Gesang, der etwas schwätzend klingt. Er wird auch als Subsong bezeichnet und spielt, wenn die Jungen geschlüpft sind, offenbar eine besondere Rolle – also quasi im Familienleben. Da diese Kommunikation aber sehr leise erfolgt, wurde sie selten beobachtet und nur sporadisch beschrieben.
Als einer der ersten hat Christian Ludwig Brehm – Pastor, phantastischer Ornithologe und Vater von Alfred E. Brehm – in seinem Werk Handbuch der Naturgeschichte der Vögel Deutschlands von 1831 auf dieses schwätzende Singen, das zum Beispiel an den Teichrohrsänger er erinnert, deutlich hingewiesen. Über den Eindruck, den dieser Gesang macht, steht in der Pirol-Monografie aus Die Neue Brehm-Bücherei, Seite 96
Nach meinen Erfahrungen besteht er aus einer Serie von schwatzenden, knarrenden und vereinzelt flötenden Tönen oder Pirolrufen, die zum Teil so ineinander zusammengezogen werden, dass es wie ein Dahinsprudeln klingt.
Partner im Duett
Klaus-Dieter Feige hat eine erwähnenswerte Besonderheit des Pirols beschrieben, nämlich Paar-Dialoge, wie er sie nennt. Es handelt sich dabei um einen Wechselgesang, den wir in der Ornithologie als Duettieren bezeichnen: Da äußert das Männchen beispielsweise wiächt und das Weibchen reagiert mit einem wiächt. Diese Abfolge kann mehrmals wiederholt und natürlich auch variiert werden.
Solche lautliche Abstimmung zwischen einem männlichen und einem weiblichen Partner kennen ornithologisch Interessierte insbesondere von Vögeln, die ganzjährig in tropischen, subtropischen oder auch ariden Regionen leben. (Der Rotbauchwürger, von dem ich schon mal berichtet habe, gehört dazu.) Über die Funktion des Duettierens wurde viel diskutiert. Einiges spricht dafür, dass es unterschiedliche Aufgaben erfüllen kann. Zum Beispiel kann es die Paarbindung der Vögel zu Beginn der Fortpflanzungszeit einleiten und stabilisieren. Außerdem kann es bei der Revierverteidigung nützlich sein, wenn gemeinsam und lauthals an der Reviergrenze duettiert wird.
Dass Pirole ein duettähnliches Verhalten zeigen, wundert nicht. Denn sie leben – wie schon gesagt – im Wald, und dort bevorzugt in dichten Baumkronen. Da sind sie nicht nur für uns, sondern auch für einen potenziellen Geschlechtspartner oder eine Partnerin vielfach unsichtbar. Unter solchen Bedingungen helfen akustische Signale, eine Verbindung herzustellen und zu festigen.
Und wie markant der Pirol flötet, lässt sich dem folgenden, etwas längeren Video entnehmen: Seine Stimme legt sich über alle anderen Singvogelarten, die hier vokal aktiv sind.
Pirolstrophen aus den Baumwipfeln, dazu der Gesang von Kohlmeise, Waldlaubsänger und Buchfink. Und teilweise ist das Rauschen des Windes zu hören. (Eventuell die Lautstärke erhöhen.)
„Mein“ gut verborgener, brandenburgischer Pirol ließ sich zwar auch später nicht blicken, doch er hatte mich sicherlich ständig im Blick. Beim Rückweg durch das Naturschutzgebiet Döberitzer Heide hat sein Flöten mich noch lange begleitet.
¹ Klaus-Dieter Feige, Der Pirol, 1986, Ziemsen Verlag, Wittenberg Lutherstadt, Bd. 578
² Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl.. Bd. 4.
* Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass der Pirol zur Pfingstzeit tatsächlich besonders viel flötet. Es ist eben die Zeit der territorialen Abgrenzung. Und traditionell feiern Menschen in dieser Zeit viel – und der Alkohol fließt.
** Grafik verändert nach Wallschläger/Feige a.a.O., Seite 91
Pirol | Loriot | Eurasian Golden Oriole | Oriolus oriolus



























Mein Beitrag über die Gesänge und andere Vokalisationen des Pirols hat viel Anklang gefunden. Unter anderem erhielt ich von Thomas Bronner aus der Uckermark wunderbare Fotos von einem Pirol-Paar in seinem Garten, der an ein Naturschutzgebiet grenzt. Die Fotos möchte ich euch nicht vorenthalten.

Hier kommt die Pirol-Dame. (Foto: T. Bronner)
Und dies ist der Pirol-Herr. (Foto: T. Bronner)
Liebe Elke, wie schön, dass ich deinen informativen Blog gefunden habe! Ich lebe in Mittelhessen und habe das große Glück, hier bei mir im Wald täglich ein Pirolpärchen zu beobachten bzw, ihnen zu lauschen. Am Anfang konnte ich ein paar Fotos machen, aber mittlerweile habe ich keine Chance mehr. Ich weiß auch nicht, ob sie ein Nest gebaut haben und brüten. Aber ich bin sehr glücklich über die hier seltenen Sommergästen!
Liebe Miriam und Karin, da habt ihr meinen Pirol-Beitrag aber rasch entdeckt. Und es freut mich, dass euch diese schönen Flötentöne auch begeistern.
Über den Blogeintrag freue ich mich, denn heute habe ich erstmals einen Pirol gehört und gesehen. Das war sehr besonders. Das war auf dem Gelände des Nabu-Zentrums Blumberger Mühle bei Angermünde in der Mittagszeit. Ich war überrascht, wie groß er war. Und der Klang verließ mich dann auch so schnell nicht mehr.