Wenn einer eine Reise tut, dann kann er oder sie was erleben. Das gilt auch für Fans der Gefiederten, die ganz unerwartet auf eine Vogelart stoßen, die nicht eingeplant war. So erging es mir in Barcelona mit den Mönchsittichen – oder Mönchssittichen –, die eigentlich in Südamerika zu Hause sind.
Als Neozoen leben sie in mehreren spanischen Städten. Und nicht nur dort; auch in Portugal, Frankreich und Belgien, in den Niederlanden und Großbritannien haben sie sich – von ihren Besitzern freigelassen oder eigenständig entfleucht – bereits angesiedelt.¹ Das gelingt dieser Papageienart gut, weil sie erstaunlich kälteresistent sind. Es hat sicher auch damit zu tun, dass sie große Gemeinschaftsnester bauen, in denen sie schlafen, brüten, ihre Jungen versorgen und bei Kälte ausharren. Gemeinschaft hält eben besser warm, als einsam oder zu zweit in einer Höhle zu hocken, was andere Papageienarten als typische Höhlenbrüter tun.
Als ich im Dezember eins dieser mächtigen Nester der Mönchsittiche, die einen Durchmesser von einem Meter und noch deutlich mehr haben, in Barcelona auf dem Passeig de Picasso entdeckte, erinnerte es mich sofort an die Nestbauten der afrikanischen Siedelweber. Gegen den Himmel sind die Einfluglöcher der Mönchsittichnester, die zu verschiedenen Kammern im Inneren führen, nicht gut zu sehen. Ich habe die Fotos daher etwas aufgehellt.
Mönchssittiche haben eine laute, etwas kreischende Stimme. Und da sie selten allein unterwegs sind, sondern fast immer als Gruppe – früher sprach man von „Flügen“, manchmal heißt es auch „Trupp“, was mir zu militärisch klingt – machen sie vor allem akustisch auf sich aufmerksam. Sie sind selbst dann zu hören, wenn unter den Platanen, in denen sie hocken und ihre Nester angelegt haben, der Autoverkehr rauscht.
Nicht sonderlich bunt
Papageien wie die großen Aras, übrigens relativ nahe Verwandte der Mönchsittiche, sind dafür bekannt, dass sie ein farbenprächtiges Gefieder haben. Das ist bei Mönchsittichen, die etwas kleiner und zarter sind als unsere Straßentauben, nicht der Fall. Im Grün der Bäume, in denen sie sich meist aufhalten, ist ihr beige-grünes Federkleid folglich eine gute Tarnung.
Darüber haben übrigens schon die Forschungsreisenden des 18. Jahrhundert geklagt, die Exemplare der Art für Vogelsammlungen in Europa schießen wollten.
Wer genauer hinschaut, wird neben dem grünen Gefieder der Oberseite und der hellen Unterseite noch eine wunderbare Blautönung entdecken. Sie zeigt sich zum Beispiel, wenn der Vogel fliegt und es gelingt, mit der Kamera die geöffneten Flügel einzufangen.
Zum Glück sehen wir das heute dank fantastischer optischer Techniken und müssen nicht mehr zur Flinte greifen, um einen Vogel aus der Nähe zu betrachten, zu präparieren und zu beschreiben. Auf dieser Grundlage hatten Alfred E. Brehm und seine vogelkundigen Kollegen im 19. Jahrhundert und davor jedoch gearbeitet. Man spricht von dieser Zeit als der „Flintenornithologie“.
Wie „Tiervater Brehm“ das Gefieder des etwa 27 cm langen Sittichs beschrieb, ist unbedingt lesenswert – auch wenn man mit Begriffen wie „Mantel“, „Unterflügeldecken“ usw. vielleicht nicht allzu viel anfangen kann. Ich jedenfalls staune, wie differenziert die Farbschattierungen wiedergegeben sind, und zitiere aus meinem Brehms Tierleben (Band V, Vögel II, 3. Auflage, 1900), Seite 289
Das Gefieder ist grasgrün, in der Mantelgegend, blaß, olivenbräunlich, grau verwaschen; Stirn, …
Die Handschwingen wie der Eckflügel, indigoblau, außen grün, innen breit schwärzlich gerandet, die Deckfedern der Handschwingen und die Armschwingen, mit Ausnahme der letzten grünen, dunkler indigoblau, alle Schwingen unterseits dunkel meerblau, grünlich verwaschen, die großen Unterflügeldecken gleich gefärbt, die kleinen, aber grün, die Schwanzfedern endlich innen hellgrünlich, unterseits grünlich meerblau, innen gelbgrün gerandet.
Dass mir das Nest am Passeig de Picasso aufgefallen war, ist übrigens kein Zufall. Denn im angrenzenden Stadtpark, dem Parc de la Cíutadella, finden die Sittiche in den blühenden und fruchtenden Büschen und Bäumen reichlich Nahrung.² Zusätzlich werden sie dort von Einheimischen, von Touristen und Touristinnen mit Obst und Sämereien wie Sonnenblumenkernen gefüttert. Kein Wunder, dass die Vögel sich tagsüber in dieser großflächigen Anlage aufhalten.
Sittiche sind laute Nachbarn und nicht überall beliebt. Immer wieder gibt es in europäischen Städten mit den Alexandersittichen und den Halsbandsittichen Ärger. Längst wird versucht, eine zu große Ausbreitung einzelner gebietsfremder Arten zu verhindern. In Barcelona sind einige Individuen mit Ziffern markiert. So lässt sich die Population der dortigen Mönchsittiche beobachten und kontrollieren.
Auch auf der Hand sind die Farbnuancen des Gefieders gut zu erkennen: Was auf den folgenden Fotos blaugrün leuchtet, sind jene Bereiche an Hand- und Armschwingen, die Alfred E. Brehm als indigoblau bezeichnet hat.
Außerdem zeigt das folgende Foto, dass hier ein noch junger Vogel von einem anderen Mönchsittich gefüttert wird. Er ist an dem kürzeren Schwanz und etwas blasseren Farben zu erkennen, gleicht aber im Aussehen ansonsten den beiden erwachsenen Sittichen. Da sich die Geschlechter äußerlich nicht unterscheiden – weibliche Tiere sind eher etwas kleiner – und beide Eltern den Nachwuchs versorgen, kann ich nicht feststellen, ob hier das weibliche oder männliche Elternteil füttert. Wie üblich geschieht das von Schnabel zu Schnabel, wobei der Nachwuchs typischerweise leicht den Kopf dreht.
Mönchsittich: ein Gesellschaftstier
Es ist kein Geheimnis, dass sich Sittiche und andere Papageien nur in Gemeinschaft wohlfühlen.³ Als Gesellschaftstiere werden sie daher bezeichnet. Auch die Mönchssittiche von Barcelona waren keine Einzelgänger, sondern flogen als Gruppe durch das Parkgelände, saßen zu zweit oder zu mehreren im Geäst, widmeten sich als Paar zärtlicher Körperpflege.
Diese ist essentiell und fördert nicht nur das Wohlbefinden, sondern stärkt auch die Paarbeziehung, also die teils lebenslange Bindung der beiden aneinander.
Mönchsittichpaar bei zärtlicher Körperpflege und die Artverwandten „schnattern”.
Ein besonders spannendes Kapitel in der Lebensweise dieser Papageienart sind ihre Gemeinschaftsnester. Schon aus der Ferne war ich von deren Anlage schwer beeindruckt – vor allem von dem Gebilde in einer Konifere des Parkgeländes. Es besteht aus einem großen, kugelförmigem Nest unter den mächtigen Ästen – linksseitig hoch oben im Wipfel – und hat unter diesem „Hauptgebäude” zwei langgestreckte „Ableger”.
Bauaktivität konnte ich an dieser Konifere nicht feststellen, aber es gab eine weitere Nestanlage im Parc de la Cíutadella. Und hier war einiges los. Zudem reichte das 400 mm (x2) Objektiv meiner Lumix-Kamera, um die Bautätigkeit der Mönchsittiche einzufangen.
Ein Blick zurück
Schon zu Brehms Zeiten wurde beobachtet, dass Mönchsittiche, die bereits damals in Deutschland gekauft und gehalten wurden, manchmal versuchen, in ihrem Käfig ein Nest zu bauen und auch zu brüten.
Ein sehr früher Bericht vom Nestbau- und Fortpflanzungsverhalten dieser Sittichart stammt von dem Tiermaler und präzisen Beobachter Gustav Mützel. Er konnte die Vögel im Zoologischen Garten von Berlin regelmäßig besuchen. Die Beobachtungen hat Alfred E. Brehm in seinem Tierleben wiedergegeben.
Von dem durchaus amüsanten Text, er dürfte rund 150 Jahre alt sein, möchte ich hier den Anfang zitieren, a.a.O. Seite 291
Das Mönchsittichpaar bewohnt einen Gesellschaftskäfig zugleich mit afrikanischen und australischen Papageien, Steindrosseln und zwei jungen Schwarzspechten. In der frei in das Zimmer ragenden Ecke des Käfigs, offenbar für seinen Zweck an geeigneter Stelle, begann das Paar in ungefährer Höhe von 3 m über dem Fußboden Besenreiser durch das Gitter zu flechten.
Der aufmerksame Wärter kam, als er Nistgelüste erkannte, den Vögeln sofort zur Hilfe, indem er drei Holzknüppel quer im Drahtnetze befestigte. Die Mönchsittiche erkannten dies dankbar an und benutzten sie sofort als Grundlage ihres zukünftigen Nestes. Der Bau wurde von jetzt an eifrig weitergeführt.
Das Männchen schleppte eifrig Reiser herbei, und das Weibchen ordnete sie, zunächst um die Grundfläche zu bilden, die möglichst glatt, rund und schüsselförmig hergestellt wurde. Hierauf wölbte es das Dach, und gleichzeitig damit wurde das Eingangsrohr angelegt, eine flach gedrückte, nach außen etwas gesenkte Röhre darstellend …
Je weiter der Bau vorschritt, umso mehr verschwand die erkennbare Form der Röhre, und das endlich fertige Nest bildete eine mächtige Stachelkugel von mehr als 1 m Durchmesser, an welcher alle Reiser mit dem dicken Ende nach außen standen, und nur eine wenig regelrechte Öffnung die Röhre noch andeutete.
Mit seinen Beobachtungen, die sich in Brehms Tierleben über mehrere Seiten erstrecken, lag Gustav Mützel durchaus richtig: Die männlichen Vögel bringen vor allem das Nistmaterial herbei, die weiblichen fügen es in den bestehenden Bau ein.
Von Baumeistern und Einflechterinnen
Das Nest des Mönchsittichs ist bis auf die Einfluglöcher geschlossen. Meist sitzt es in einer Astgabel und besteht aus Reisig, also kleinen Zweigen, die abgebrochen und zurechtgestutzt sind. Anfangs werden sie kreuz und quer gestapelt, später nur noch eingefügt bzw. eingeflochten. (Siehe: Ein Blick zurück)
Und im sogenannten Bewegtbild ist zusehen, mit welchem Engagement ein Zweiglein von der Konifere abgebrochen und transportiert wird. Dabei hilft das Greifvermögen der Sittiche (mit dem Fuß!), und wie so oft kommt auch der Schnabel zum Einsatz. Im Video sieht dann so aus:
Passendes Reisig zu besorgen, ist kein Kinderspiel!
Beim Nestbau setzen Mönchsittichpaare auf Kooperation und Arbeitsteilung. Das bedeutet: Die kleinen Zweige („Reiser“) und anderes Material schaffen die Herren herbei und stutzen es zurecht. Was angeliefert wird, bauen die Damen so gut es geht in das bestehende Geflecht des Nestes ein.
Auch bei der Fortpflanzung, operieren diese Sittiche weniger als Individuen, denn als Paar: Nach der Eiablage wird das brütende Weibchen vom Männchen mit Nahrung versorgt, und sind die Jungen geschlüpft, bringt er für alle das Futter herbei, das das Weibchen in an den Nachwuchs verteilt. Erst nach einer Woche, wenn bei den anfangs nackten Jungen allmählich Federn sprießen und sie nicht mehr so leicht auskühlen, verlässt die Mönchsittichdame kurzzeitig die Nestkammer.
Verhasst in der südamerikanischen Heimat. Und hier?
Die Heimat der Mönchsittiche liegt in Südamerika: in Argentinien, Bolivien und Brasilien, in Paraguay und Uruguay. Nicht nur in bewaldeten Gebieten und in der Savanne, auch in Palmenhainen, Gärten und Parks leben sie dort, zudem im landwirtschaftlich genutzten Farmland. Dort sind sie verhasst, weil sie zu mehreren Hundert Vögeln auf Mais- und Hirsefeldern einfallen und diese teils radikal leeren.
Kurt Kolar berichtet in Grzimeks Tierleben von 1969 (Kindler, Band 8, Vögel 2, Seite 337), wie schwer es ist, die Vögel zu vertreiben, und dass es unmöglich ist, sie alle einzeln abzuschießen. Man habe darum in Argentinien die Nester, die diese Sittiche häufig in den Bäumen am Rand der Felder anlegen würden, mit Brandgeschossen entflammt. Und bei Alfred E. Brehm lese ich, dass in Südamerika sogar ein Kopfgeld auf Mönchsittiche ausgelobt wurde, um den „gefräßigen Dieben“ beizukommen. Da wundert es nicht, dass speziell Argentinien lange Zeit den Export von Mönchsittichen erlaubt hat …
Auch frisches Gras schmeckt den Mönchsittichen von Barcelona. Und um Leckerbissen gibt es in der Gruppe natürlich auch immer Konkurrenz.
In Europa sind Papageien gebietsfremd. Manche Arten haben sich insbesondere in Großstädten angesiedelt. Sie stammen teils aus Süd- oder Mittelamerika, teils aus Asien oder Afrika und machen sich als Neubürger beziehungsweise Neubürgerinnen aus anderen Gründen als in ihren Ursprungsländern unbeliebt: Städter stört zum Beispiel an diesen Neozoen, dass sie sich von früh bis spät lauthals bemerkbar machen. Und die riesigen Gemeinschaftsnester der Mönchsittiche, die auch auf den Masten von Stromleitungen entstehen, sind Versorgungsbetrieben ein Dort im Auge.
Andererseits sind sie nicht nur im Parc de la Cíutadella eine kleine touristische Attraktion. Und hiesige Vogelhalter und Vogelhalterinnen möchten eher nicht auf den verhältnismäßig pflegeleichten Papagei verzichten, der sich – solange er nicht alleine ist – in einer geschützten Außenvoliere ziemlich wohlfühlt. Davon zeugen viele Internetseiten mit Haltungstipps und Kaufangeboten.
Für mich waren allerdings die freifliegenden Mönchsittiche von Barcelona eine Überraschung und eine Freude. Eingesperrt möchte ich sie mir nicht vorstellen.
¹ Auch in Deutschland wurden sie gesichtet und Ansiedlungsversuche gab es in den 1980er und 1990er Jahren. Aber aktuell siedeln sie nicht in Deutschland, wie ich von Michael P. Braun erfuhr.
² In diesem Park fand übrigens 1888 die allererste Weltausstellung auf spanischem Boden statt.
³ Das sollten auch Vogelliebhaber respektieren, obwohl sich ein einzelner Papagei stärker an Menschen bindet als ein Paar. Aber tiergerechter ist die Haltung in der Gruppe.
Mönchsittich | Conure veuve | Monk parakeet | Myiopsitta monachus











































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