Die flinken, quirligen Blaumeisen zu beobachten, ist ein Vergnügen. Aber kaum haben wir sie im Gebüsch, in einer Birke, einer Ulme oder Hainbuche entdeckt, sind sie oft schon wieder weggeflattert – oder zwischen Blättern verborgen.
Bei diesem Versteckspiel hilft ihnen zweierlei: Sie sind inklusive Schwanz ziemlich klein, ausgestreckt messen sie 11 cm. Und mit ihrem gelb-grünen Gefieder sind erwachsene Blaumeisen im Gebüsch oder in Laubbäumen, wo sie sich meist aufhalten, gut verborgen. Daran ändern auch die schönen Blautöne an den Flügeln, am Schwanz und oben auf dem Kopf nichts, die es sonst nur bei einer anderen Meisenart gibt, der Lasurmeise.
Auch wenn sie fliegen, sind Blaumeisen, kaum gesichtet, schon bald wieder auf und davon. Ich empfinde ihren Flug als geradezu schmetterlingsartig. Blaumeisen fliegen – außer auf dem Zug – nämlich meist nicht gradlinig in eine Richtung. Im Handbuch der Vögel Mitteleuropas¹ heißt es etwas lakonisch, Seite 636
Meist nur kurze Flugstrecken zwischen Bäumen und Sträuchern und von Zweig zu Zweig. Flug über größere Distanz bogenförmig und relativ langsam, meidet möglichst das Überfliegen von Freiflächen.
Die jungen Balkonmeisen
Anfang Juni musste ich diese hübschen, aber unruhigen Geister ausnahmsweise mal nicht suchen, denn sie kamen zu mir. An das Futterhaus auf dem Balkon! Es kam auch nicht nur eine Blaumeise, sondern mehrere: zwei oder drei, manchmal auch vier. Schnell war mir klar: Bei diesen Besucherinnen handelte es sich nicht um erwachsene Meisen, sondern um den diesjährigen Nachwuchs. Also um Meisenkinder. Und vermutlich handelte es sich sogar um Geschwister.
Die Jungen hatten immer wieder ein Ziel: das Futterhaus, in dem Sonnenblumenkerne, Haferflocken, getrocknete Mehlwürmer usw. für die Vogelschar* aus unserem und des Nachbars Garten lagen. Meist landeten sie, von unten aus dem Garten kommend, zunächst auf der Balkonbrüstung.
Wer junge Meisen beobachtet, sieht noch etwas Anderes: Die Kleinen sind in den ersten zwei oder drei Tagen noch nicht hundertprozentig flug- und landefit. Das führt auf unserer hölzernen Balkonbrüstung, wo die Füße nicht so leicht Halt finden, zu amüsanten Manövern. Denn die Vögel können hier nicht wie üblich einen Zweig umgreifen und sich daran festklammern.
Nicht nur ein Farbunterschied
Junge und erwachsene Meisen sind nicht immer leicht voneinander zu unterscheiden, zumal bei den Altvögeln nach der Brutzeit das Gefieder etwas zerschlissen ist und die hübschen Blautöne dann verblasst sind. Auch sind die Jungen, wenn sie das Nest verlassen haben, bereits etwa so groß wie ihre Eltern.
Ein auffälliger Unterschied ist die Färbung der Wangen: weiß sind sie bei den adulten Vögeln (vorne, 2), gelblich bei den jungen (hinten, 1). Außerdem fehlt den Kindern die Blautönung der Federn an den Flügeln weitgehend und auf dem Scheitel ganz. Das lässt sich gut der Illustration aus dem „Naumann“² entnehmen, wo außer dem männlichen auch ein Jungvogel abgebildet ist.
Was aber beim Beobachten der Jungen sofort auffällt, ist ihre Unbedachtheit, eine gewisse Tölpeligkeit und die große Neugier. Sie kalkulieren oft nicht gut ein, wo und wie sie landen können. Sie rutschen auch mal ab oder verlieren Körner, die sie gerade mit dem Schnabel aufgepickt haben.
Schaut man ihnen zu, gibt es daher viel zu schmunzeln. Was aber auch stimmt: Sie sind sehr aufmerksam, „wachsam“ schreibt Johann F. Naumann.² Doch Meisenkinder werden Tag für Tag vorsichtiger. Anfangs waren sie wie gebannt, wenn sie mich entdeckten, und flogen nicht sofort weg. (Das kennen ich von anderen Jungvögeln, die wie angewurzelt hocken bleiben.) Schon wenige Tage später schwirrten die jungen Blaumeisen sofort davon, wenn ich nicht ganz still saß.
Blaumeisen gewöhnen sich jedoch durchaus an Menschen und lernen relativ leicht, von der Hand Körner aufzupicken. Aber das wollte ich ihnen nicht antrainieren. Ich wollte meinen reinen Beobachterstatus beibehalten.
Körner bearbeiten
Eigentlich sind Blaumeisen ausgewiesene Insektenfresser. Aber was den Speiseplan betrifft, sind sie flexibel und gehen mit der Jahreszeit. Im Winter und Frühjahr picken sie oft nach Insekten, deren Eier und Larven, darunter sind viele Schild- und Blattläuse. Aber sie mögen auch Beeren sowie die Knospen und Früchte von Kirschen und Birnen. Dazu kommen im Sommer die Samen von Sonnenblumen, Weizen, Hafer usw. Im Winter ernähren sich Blaumeisen auch von den hartschaligen Bucheckern. Dazu passt ihr kurzer kräftiger Schnabel.
Wie die munteren Meisen – manchmal wirken sie fast hektisch – mit Sämereien umgehen, zeigt das folgende Video am Beispiel von geschälten Sonnenblumenkernen. Es macht zudem klar, dass der junge Vogel den Kern ursprünglich in die Kerbe zwischen den Birkenscheibchen stecken wollte, um ihn zu fixieren. Das klappte aber nicht, weil der Abstand – also die Kerbe – zu groß war. Und dann störte da noch ein Star …
Meisen fixieren ihre „ Beute”, um sie zu bearbeiten. Wenn es nicht anders geht, klemmen sie sich die Körner oder ein Insekt zwischen ihre kräftigen Füße und zupfen mit ihrem Schnabel dann störende Häute, Schalen und schließlich kleine Stückchen ab.
Dass die pflanzliche „Beute“ gegen einen harten Untergrund gepresst oder mit den Zehen festgehalten wird, ist üblich. Aber es gelingt nicht immer. Manchmal rutscht ein Körnchen weg oder der Vogel verliert die Balance. Typisch Meisenkind!
Und das Video zeigt: Ist ein Sonnenblumenkern runtergefallen oder aufgebraucht, dreht sich der Vogel um und holt Nachschub.
Als tagsdarauf die Sonne schien, bemerkte ich noch etwas Anderes: die orangefarbenen Schneiden. Dies sind Wülste am Schnabel von jungen Vögeln, und zwar dort wo oberer und unteren Schnabel aufeinandertreffen. (Die Lage entspricht unseren Mundwinkeln.) Ihr elastisches Gewebe sorgt dafür, dass Vogelkinder den Schnabel weit aufreißen können, wenn ein Altvogel mit Futter kommt. In der Ornithologie sprechen wir vom „Sperren“.
Übrigens ist die leuchtende Farbe kein Zufall: In der Baumhöhle oder im Nistkasten, wo die Blaumeisen brüten und rund zweieinhalb Wochen ihre Jungen durchfüttern, ist es nicht eben hell. Das Orange der Schnabelspaltwinkel – wie sie bei Alfred E. Brehm heißen – ist bei Höhlenbrütern eine gute Orientierungshilfe für die Vogeleltern: Sie erkennen blitzschnell, wo Schnäbel zu stopfen sind.
Und der Meisenball
Von den Kohlmeisen, die ebenfalls Anfang Juni zum Balkon kamen und dort den Meisenball aufsuchten, wird noch in einem anderen Blogpost zu berichten sein. Jedenfalls machten die jungen Blaumeisen das den größeren Kohlmeisen rasch nach. Und das bedeutete: Ich musste früher als sonst für Nachschub sorgen.³
Zeterndes Meisenkind
Übrigens ist es nicht nur beim Pirol so, dass man ihn leichter zu hören bekommt, als man ihn sieht. Auch die Blaumeisen sind oft verborgen, wie ich eingangs bereits schrieb. Vor allem die erwachsenen Männchen singen allerdings viel, um etwa das Revier abzugrenzen, und fallen uns dadurch auf. Besonders durchdringend ist ihre warnende Stimme, die oft zu hören ist und sie verrät. Die stereotype Lautfolge wird auch als ein Zetern beschrieben. Und diesen angeborenen Ruf lassen schon die jungen Meisen hören.
Auch hier sucht die junge Blaumeise eine fest Unterlage – auf einem Zweig der Johannisbeere –, um ein Körnchen aus dem Meisenball zu bearbeiten. Kurz darauf holt sie wieder Nachschub. Und so geht das unablässig, wenn nicht gerade hungrige Stare oder die Nebelkrähen mit ihrem Nachwuchs vorbeikommen.
* Zu dieser Vogelschar zählen im Sommer folgende Arten: Haussperling, Amsel, Kohl- und Blaumeise, Star, Bunt- und Grünspecht, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, Eichelhäher, Nebelkrähe …
¹ Urs N. Glutz von Boltzheim, u.a. (Hrsg.), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Aula-Verlag, Wiesbaden 1985, 2. Aufl., CD-ROM, Bd. 13,1 Seite 581
² Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd 2, Tafel 18
³ Es ist nach wie vor strittig, ob Gartenvögel ganzjährig gefüttert werden sollen.






































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