Balkonbesuch: Blaumeisen-Kids

14. Juni 2026 | Kleine Vögel | 0 Kommentare

Wenige Tage alte Blaumeise in der Johannisbeere auf dem Balkon

Die flinken, quirligen Blaumeisen zu beobachten, ist ein Vergnügen. Aber kaum haben wir sie im Gebüsch, in einer Birke, einer Ulme oder Hainbuche entdeckt, sind sie oft schon wieder weggeflattert – oder zwischen Blättern verborgen.
Bei diesem Versteckspiel hilft ihnen zweierlei: Sie sind inklusive Schwanz ziemlich klein, ausgestreckt messen sie 11 cm. Und mit ihrem gelb-grünen Gefieder sind erwachsene Blaumeisen im Gebüsch oder in Laubbäumen, wo sie sich meist aufhalten, gut verborgen. Daran ändern auch die schönen Blautöne an den Flügeln, am Schwanz und oben auf dem Kopf nichts, die es sonst nur bei einer anderen Meisenart gibt, der Lasurmeise.

Im Augenwinkel: Anflug einer Blaumeise aus den Baumwipfeln

Auch wenn sie fliegen, sind Blaumeisen, kaum gesichtet, schon bald wieder auf und davon. Ich empfinde ihren Flug als geradezu schmetterlingsartig. Blaumeisen fliegen – außer auf dem Zug – nämlich meist nicht gradlinig in eine Richtung. Im Handbuch der Vögel Mitteleuropas¹ heißt es etwas lakonisch, Seite 636

Meist nur kurze Flugstrecken zwischen Bäumen und Sträuchern und von Zweig zu Zweig. Flug über größere Distanz bogenförmig und relativ langsam, meidet möglichst das Überfliegen von Freiflächen.

Die jungen Balkonmeisen

Anfang Juni musste ich diese hübschen, aber unruhigen Geister ausnahmsweise mal nicht suchen, denn sie kamen zu mir. An das Futterhaus auf dem Balkon! Es kam auch nicht nur eine Blaumeise, sondern mehrere: zwei oder drei, manchmal auch vier. Schnell war mir klar: Bei diesen Besucherinnen handelte es sich nicht um erwachsene Meisen, sondern um den diesjährigen Nachwuchs. Also um Meisenkinder. Und vermutlich handelte es sich sogar um Geschwister.

Die Jungen hatten immer wieder ein Ziel: das Futterhaus, in dem Sonnenblumenkerne, Haferflocken, getrocknete Mehlwürmer usw. für die Vogelschar* aus unserem und des Nachbars Garten lagen. Meist landeten sie, von unten aus dem Garten kommend, zunächst auf der Balkonbrüstung.

Gerade gelandet

Balance finden

Ausrichten zum Futterhaus

Wer junge Meisen beobachtet, sieht noch etwas Anderes: Die Kleinen sind in den ersten zwei oder drei Tagen noch nicht hundertprozentig flug- und landefit. Das führt auf unserer hölzernen Balkonbrüstung, wo die Füße nicht so leicht Halt finden, zu amüsanten Manövern. Denn die Vögel können hier nicht wie üblich einen Zweig umgreifen und sich daran festklammern.

In Startposition

Abflug nach oben

 

Nicht nur ein Farbunterschied

Junge und erwachsene Meisen sind nicht immer leicht voneinander zu unterscheiden, zumal bei den Altvögeln nach der Brutzeit das Gefieder etwas zerschlissen ist und die hübschen Blautöne dann verblasst sind. Auch sind die Jungen, wenn sie das Nest verlassen haben, bereits etwa so groß wie ihre Eltern.

Ein auffälliger Unterschied ist die Färbung der Wangen: weiß sind sie bei den adulten Vögeln (vorne, 2), gelblich bei den jungen (hinten, 1). Außerdem fehlt den Kindern die Blautönung der Federn an den Flügeln weitgehend und auf dem Scheitel ganz. Das lässt sich gut der Illustration aus dem „Naumann“² entnehmen, wo außer dem männlichen auch ein Jungvogel abgebildet ist.

Was aber beim Beobachten der Jungen sofort auffällt, ist ihre Unbedachtheit, eine gewisse Tölpeligkeit und die große Neugier. Sie kalkulieren oft nicht gut ein, wo und wie sie landen können. Sie rutschen auch mal ab oder verlieren Körner, die sie gerade mit dem Schnabel aufgepickt haben.

Schaut man ihnen zu, gibt es daher viel zu schmunzeln. Was aber auch stimmt: Sie sind sehr aufmerksam, „wachsam“ schreibt Johann F. Naumann.² Doch Meisenkinder werden Tag für Tag vorsichtiger. Anfangs waren sie wie gebannt, wenn sie mich entdeckten, und flogen nicht sofort weg. (Das kennen ich von anderen Jungvögeln, die wie angewurzelt hocken bleiben.) Schon wenige Tage später schwirrten die jungen Blaumeisen sofort davon, wenn ich nicht ganz still saß.

Blaumeisen gewöhnen sich jedoch durchaus an Menschen und lernen relativ leicht, von der Hand Körner aufzupicken. Aber das wollte ich ihnen nicht antrainieren. Ich wollte meinen reinen Beobachterstatus beibehalten.

Körner bearbeiten

Eigentlich sind Blaumeisen ausgewiesene Insektenfresser. Aber was den Speiseplan betrifft, sind sie flexibel und gehen mit der Jahreszeit. Im Winter und Frühjahr picken sie oft nach Insekten, deren Eier und Larven, darunter sind viele Schild- und Blattläuse. Aber sie mögen auch Beeren sowie die Knospen und Früchte von Kirschen und Birnen. Dazu kommen im Sommer die Samen von Sonnenblumen, Weizen, Hafer usw. Im Winter ernähren sich Blaumeisen auch von den hartschaligen Bucheckern. Dazu passt ihr kurzer kräftiger Schnabel.

Wie die munteren Meisen – manchmal wirken sie fast hektisch – mit Sämereien umgehen, zeigt das folgende Video am Beispiel von geschälten Sonnenblumenkernen. Es macht zudem klar, dass der junge Vogel den Kern ursprünglich in die Kerbe zwischen den Birkenscheibchen stecken wollte, um ihn zu fixieren. Das klappte aber nicht, weil der Abstand – also die Kerbe – zu groß war. Und dann störte da noch ein Star …

Meisen fixieren ihre „ Beute”, um sie zu bearbeiten. Wenn es nicht anders geht, klemmen sie sich die Körner oder ein Insekt zwischen ihre kräftigen Füße und zupfen mit ihrem Schnabel dann störende Häute, Schalen und schließlich kleine Stückchen ab.

Kerne zwischen den Zehen eingeklemmt

Kerne werden mit dem Schnabel bearbeitet

Dass die pflanzliche „Beute“ gegen einen harten Untergrund gepresst oder mit den Zehen festgehalten wird, ist üblich. Aber es gelingt nicht immer. Manchmal rutscht ein Körnchen weg oder der Vogel verliert die Balance. Typisch Meisenkind!
Und das Video zeigt: Ist ein Sonnenblumenkern runtergefallen oder aufgebraucht, dreht sich der Vogel um und holt Nachschub.

Als tagsdarauf die Sonne schien, bemerkte ich noch etwas Anderes: die orangefarbenen Schneiden. Dies sind Wülste am Schnabel von jungen Vögeln, und zwar dort wo oberer und unteren Schnabel aufeinandertreffen. (Die Lage entspricht unseren Mundwinkeln.) Ihr elastisches Gewebe sorgt dafür, dass Vogelkinder den Schnabel weit aufreißen können, wenn ein Altvogel mit Futter kommt. In der Ornithologie sprechen wir vom „Sperren“.

Orangefarbenen Schneiden, die sich bereits zurückgebildet haben. (Foto bitte vergrößern.)

Übrigens ist die leuchtende Farbe kein Zufall: In der Baumhöhle oder im Nistkasten, wo die Blaumeisen brüten und rund zweieinhalb Wochen ihre Jungen durchfüttern, ist es nicht eben hell. Das Orange der Schnabelspaltwinkel – wie sie bei Alfred E. Brehm heißen – ist bei Höhlenbrütern eine gute Orientierungshilfe für die Vogeleltern: Sie erkennen blitzschnell, wo Schnäbel zu stopfen sind.

Und der Meisenball

Von den Kohlmeisen, die ebenfalls Anfang Juni zum Balkon kamen und dort den Meisenball aufsuchten, wird noch in einem anderen Blogpost zu berichten sein. Jedenfalls machten die jungen Blaumeisen das den größeren Kohlmeisen rasch nach. Und das bedeutete: Ich musste früher als sonst für Nachschub sorgen.³

Auf zum Meisenball

Abflug zum Meisenball

Allein oder …

… zu zweit am Meisenball.

Zeterndes Meisenkind

Übrigens ist es nicht nur beim Pirol so, dass man ihn leichter zu hören bekommt, als man ihn sieht. Auch die Blaumeisen sind oft verborgen, wie ich eingangs bereits schrieb. Vor allem die erwachsenen Männchen singen allerdings viel, um etwa das Revier abzugrenzen, und fallen uns dadurch auf. Besonders durchdringend ist ihre warnende Stimme, die oft zu hören ist und sie verrät. Die stereotype Lautfolge wird auch als ein Zetern beschrieben. Und diesen angeborenen Ruf lassen schon die jungen Meisen hören.

Auch hier sucht die junge Blaumeise eine fest Unterlage – auf einem Zweig der Johannisbeere –, um ein Körnchen aus dem Meisenball zu bearbeiten. Kurz darauf holt sie wieder Nachschub. Und so geht das unablässig, wenn nicht gerade hungrige Stare oder die Nebelkrähen mit ihrem Nachwuchs vorbeikommen.

 * Zu dieser Vogelschar zählen im Sommer folgende Arten: Haussperling, Amsel, Kohl- und Blaumeise, Star, Bunt- und Grünspecht, Mönchsgrasmücke, Rotkehlchen, Eichelhäher, Nebelkrähe …

¹ Urs N. Glutz von Boltzheim, u.a. (Hrsg.), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Aula-Verlag, Wiesbaden 1985, 2. Aufl., CD-ROM, Bd. 13,1 Seite 581
² Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd 2, Tafel 18
³ Es ist nach wie vor strittig, ob Gartenvögel ganzjährig gefüttert werden sollen.

 

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

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Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Am Rand von Feldern, einem Teich und dörflicher Umgebung steht etwas erhöht ein grau-brauner hühnerartiger Vogel.

2026 Das Rebhuhn

Drei dunkle Hausrotschwänze in einer Grafik. Links der weibliche Vogel rechts davon der männliche, beide mit roten Schwanzfedern. Der männliche Vogel ist an weißen Federn am Kopf und auf den Flügeln zu erkennen. Ganz rechts auf der Grafik und neben den Eltern ein dunkelbraun-grauer Jungvogel.

2025 Der Hausrotschwanz

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Das Rotkehlchen

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Der Wiedehopf

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Auf grünlichem Wasser schwimmt ein grau-weißer Vogel mit dunklem Hinterkopf und einer weißen Stirn.

2026  Die Zwergseeschwalbe

Drei schwarzköpfige Möwen im sogenannten Prachtkleid oder Brutkleid. In der Mitte steht die Lachmöwe mit orangerotem Schnabel und ebensolchen Beinen.

2025  Die Lachmöwe

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Flussseeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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