Ausflüge in die Welt der Gefiederten sind immer für eine Überraschung gut. Das gilt auch für meinen Besuch der sehens- und besuchenswerte Hallig Langeneß. Dorthin hatten mich die Ringelganstage und eine Tagung über die Zugroute von Küstenvögeln gelockt. Ganz nebenbei stolperte ich dann über ein Paar Bluthänflinge.
Von den Bluthänflingen und wie sich ihre Gefiederfarbe im Jahreslauf verändert, habe ich schon in Mal schlicht, mal rotbrüstig und in Den Bluthänfling entdecken berichtet.¹ Ein interessanter Aspekt ist, dass die rötliche beziehungsweise „blutige“ Rotfärbung bei den Herren im Sommer noch auffälliger wird, als sie es im Frühjahr bereits ist. Das ist durchaus verwunderlich, aber erklärbar.
Wiedersehen: Kein Zufall
Nun, im Frühjahr 2026, schaute ich aus meinem Hotelfenster auf der Hallig Langeneß im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein und sah erneut: Bluthänflinge. Dieses Wiedersehen hat mich insofern fasziniert, als ihr Aufenthaltsort „total“ dem Habitat auf der Hallig Hooge entsprach, wo ich die hübschen Finken bereits 2018 vor dem Hotel hatte beobachten können!
Was mich so fasziniert hat, muss ich vielleicht erläutern: Auf den Halligen ist – in den Augen vieler Großstädter – nicht viel los. Es gibt großflächige Salzwiesen, das Meer und ein paar aufgeschüttete Warften oder Wurten, wo die Halligbewohner leben. Ansonsten viel Himmel und ein fernen Horizont.
Auf den Wiesen rasten zwischen März und Mai viele Tausend Zugvögel auf ihrem Weg in den Norden. Aber dazu zählen Bluthänflinge nicht. Und sie sind auch keine Wiesenvögel, sondern suchen eher buschige Habitate auf, die etwa an Gärten oder Äcker grenzen.
Dazu lese ich im Atlas Deutscher Brutvogelarten (ADEBAR), Seite 664
Der Bluthänfling besiedelt in Deutschland aufgrund der fast rein pflanzlichen Ernährung überwiegend offene bis halboffene, sonnige Lebensräume mit kurzer, samentragender Krautschicht sowie Gebüschen, Sträuchern und jüngeren Nadelgehölzen, die als Brutplätze dienen. Verbreitet tritt diese Art daher in der hecken- und grünlandreichen Kulturlandschaft mit kleinen, flächig wechselnden Acker- und Grünlandschlägen … auf.
Diese Beschreibung passt zu dem Lebensraum, der auf den Halligen von den Vögeln in Anspruch genommen wird: Es sind kleinwüchsige Bäume und das Buschwerk, das an und zwischen den Häusern wächst. Hier gibt es für Hänflinge in den Vorgärten, auf krautig bewachsenen Beeten und den angrenzenden Wiesen allerlei Nahrhaftes zu fressen. Und es gibt zudem Windschutz und Nistplätze.

Wurt auf Langeneß: Hier stehen reetgedeckte Häuser und im Fething wird Regenwasser gesammelt.
Eine spannende Frage ist, wie die Vögel solche passenden Habitate finden. Also, wie entdecken sie Naturräume beziehungsweise Umgebungen mit Strukturen, die „in ihren Augen“ dafür sprechen, dass sie hier leben und eventuell brüten und Nachkommen großziehen können? Generell kann man sagen: Vögeln sind einige Parameter für das passende Habitat angeboren und somit genetisch angelegt. Durch Lernen werden diese gewissermaßen geschärft.
Zur Frage, wie Bluthänflinge auf die Halligen im Wattenmeer kommen, kann ich mindestens zwei plausible Erklärungen anbieten:

Richtung des Herbstzugs von in Deutschland zur Brutzeit beringten Bluthänflingen (verändert nach: F. Bairlein u.a., Atlas des Vogelzugs, Aula-Verlag, 2024, Seite 533)
Zum einen kehren Vögel an die Brutplätze aus dem Vorjahr – wo sie gebrütet haben oder aus dem Ei geschlüpft sind – zurück. Sofern sie sich nicht sowieso das ganze Jahr über in derselben Gegend herumtreiben.
Deutsche Bluthänflinge ziehen im Spätsommer nach Südwesten ab, überwintern in Belgien, Südfrankreich oder Spanien und kommen im zeitigen Frühjahr zu uns zurück. Das belegen hierzulande beringte Vögel, die später tot oder lebend gefunden wurden.
Zum anderen brüten in Norddeutschland, und speziell in Schleswig-Holstein², relativ viele Bluthänflinge.
Dass sie von dort aus auch die Halligen besiedeln, ist nicht verwunderlich. Denn sehr weit sind diese (und auch die Inseln) nicht von der Küste entfernt.
Hierzulande immer weniger
Früher war der Bluthänfling in Deutschland ein Allerweltsvogel, aber wie ich im ADEBAR lese, ist der Bestand von 1990 bis 2010, also innerhalb von 20 Jahren, um mehr als die Hälfte zurückgegangen. Das hat Gründe und ist symptomatisch, Seite 664
„Die Ursachen der anhaltenden Bestandsabnahme sind in erster Linie in der Intensivierung der Landwirtschaft zu suchen, vor allem in der Reduzierung der Nahrungsbasis durch die Vernichtung von Wildkräutern auf den Agrarflächen und die Abnahme von ruderalen Randstreifen und Brachen. Aber auch durch Flurbereinigung, die Umwandlung von Grün- in Ackerland und verstärkte Dünung tragen zu erheblichen Nahrungsengpässen bei. Habitatverluste sind auch in den Ortslage und Stadtrandbereichen durch fortschreitende Versiegelung und die Beseitigung von Ruderalflächen eingetreten.”
Das Paar im Fortpflanzungsmodus
Bei Bluthänflingen ist der Geschlechtsdimorphismus offenkundig: Die rötliche Färbung auf der Bauchseite und am Kopf haben die weiblichen Vögel nicht (3. Foto von oben). Sie müssen ja nicht imponieren und attraktiv wirken, sondern sollten lieber unauffällig sein. Leicht kann man die Damen mit den Haussperlingen verwechseln, die übrigens ebenfalls am Hotel – allerdings unterm Dach eines Nebengebäudes – ein Nest hatten.
Ich war ziemlich überrascht als sich Herr Bluthänfling plötzlich auf den grauen Dachpfannen vor meinem Fenster niederließ. Hatte er da einen besonders guten Überblick?
So überlegte ich jedenfalls.
Während ich noch darüber nachdachte, duckte er sich und flog …
… mit Tempo zu dem Gebüsch, wo die Hänflingsdame hockte und sich anbot, um dort zu kopulieren. Weder ich noch meine Kamera waren darauf vorbereitet. Das Foto ist darum nicht scharf – aber die Szene eindeutig.
Beeindruckender Sänger
Männliche Bluthänflinge singen auch dann, wenn sie längst verpaart sind und bereits gebrütet wird. Wie viele andere Vogelarten nutzen sie dabei ein erhöhtes Plätzchen, die Singwarte. Glücklicherweise war diese von meinem Hotelfenster nicht weit entfernt.
Immer wieder flog der kleine Kerl sie an, pflegte manchmal sein Gefieder und kontrollierte das Umfeld.
Vor den Haussperlingen und vor dem Star, der auch am Haus brütete und manchmal ebenfalls die Singwarte nutzte, nahm er allerdings Reißaus.
Mit menschlichen Hotelgästen wollte er auch nicht viel zu tun haben. Aber als ich das Fenster weit geöffnet und mich versteckt platziert hatte, hieß es nur noch abwarten.
Dann gelang mir eine kleine Videoaufnahme, die trotz Nordseewind seinen hübschen, aber etwas eintönigen Gesang festgehalten hat. Hin und wieder sind die schilpenden Sperlinge zu hören und gegen Ende dann die tiefen Töne der Ringelgänse.
Über den Gesang des Bluthänflings ist in Brehms Tierleben (Bd. 4, Leipzig und Wien,1900) zu lesen, Seite 293
Der Gesang, einer der besten, den ein Fink überhaupt vorträgt, fängt gewöhnlich mit dem (bereits)* erwähnten „Gäckgäck“ an; diesen Lauten werden aber flötende, klangvolle Töne beigemischt und wie jene mit viel Abwechslung und Feuer vorgetragen. Jung eingefangene Männchen lernen leicht Gesänge anderer Vögel nachahmen oder Liedchen nachpfeifen, fassen aber leider auch unangenehme Töne auf und werden dann zu unleidlichen Stümpern.³
Den letzten Satz hat Alfred E. Brehm für die Vogelhalter, die seinerzeit alle möglichen Vogelarten in Käfigen oder Volieren hielten und züchteten, ergänzt. Aber gekäfigte Stubenvögel singen nicht nur besondere Lieder, sondern sie verlieren auch ihre rötlich Tönung. Woran das liegt, habe ich in Mal schlicht, mal rotbrüstig zusammengefasst.
¹ Mein Blog „Flügelschlag und Leisetreter” besteht im September 2026 bereits seit 10 Jahren. Es haben inzwischen über 200 Vogelarten einen Auftritt bekommen, und über manche habe ich mehrfach berichtet. Alle Arten und Beiträge sind über das Vogel-ABC zu finden.
² Das liegt sicher auch daran, dass es in Schleswig-Holstein in manchen Regionen noch Hecken als Begrenzung von Äckern gibt. Es sind die für viele Vögel und Insekten so wichtigen Knicks.
³ Wir würden heute formulieren: Jung eingefangene Männchen lernen leicht, Gesänge anderer Vögel nachzuarmen oder Liedchen nachzupfeifen, fassen aber leider auch unangenehme Töne auf und werden dann zu unleidlichen Stümpern.
* „Bereits” ist von mir eingefügt, denn Brehm hatte im Abschnitt zuvor erklärt, dass das „Gäckgäck” eine Art Starter bei der Lauterzeugung ist.
Bluthänfling | Linotte mélodieuse | Linnet | Linaria cannabina = Carduelis cannabina






































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