Auf diesem Einstiegsfoto sind drei langbeinige Vogelarten zu sehen. Wer genau hinschaut, kann sie vielleicht unterscheiden – trotz der für Fotos ungünstigen Lichtverhältnisse. Ich werde nach und nach aufschlüsseln, um welche Vögel es sich handelt und was sie dort treiben. Zur ersten Orientierung: Wir befinden uns im Süden des Omans nahe Salala auf dem Gelände einer Kläranlage, der eine offene Müllkippe angeschlossen ist.**
„Auf dem Gelände” ist übrigens nicht ganz korrekt, denn die kleine Gruppe von deutschsprachigen Vogelguckern und Vogelguckerinnen bekam keinen Zugang und musste draußen bleiben. Meine Fotos sind daher aus größerer Entfernung gemacht, das starke Teleobjektiv richtete ich dabei durch den Maschendrahtzaun auf die Vögel aus … und das Ganze am Rand einer Straße und bei großer Hitze. Für die miese Qualität möchte ich mich somit entschuldigen: Flimmernde Luft und ungünstige Lichtverhältnisse, unebener Untergrund und große Entfernung sorgen eben nicht für scharfe Fotos.
Dennoch scheint mir die Situation an diesem Zwischenstopp von Zugvögeln berichtenswert. Zumal ich froh bin, nicht erst jetzt im Februar 2026, sondern bereits vor einem Jahr im Nahen beziehungsweise Mittleren Osten auf Vogeltour gewesen zu sein.
Der spezielle Ort
Kläranlagen bieten verschiedenen Vogelarten eine gute Gelegenheit, Nahrung aufzunehmen, zu trinken und zu ruhen. Das gilt insbesondere für Zugvögel am Rand oder über Wüsten und Steppen, die aus der Luft solche grünen Rastmöglichkeiten erkennen. Ich stelle mir diesen Anblick von oben wie die Sicht auf eine fruchtbare Oase in der Sahara vor.
Hier hatten wir (und die Störche) es am Rand der Kläranlage allerdings auch mit einer Mülldeponie und staubiger Trockenheit zu tun. Die folgenden Fotos illustrieren, was ich meine.
Was auf uns unangenehm wirkt, sichert vielen Vögeln in ihrem Winterquartier und auf ihrem Zug zwischen Norden und Süden das Überleben. Es ist längst kein Geheimnis, dass Weißstörche auf Mülldeponien nach Nahrung suchen und von den Abfällen der menschlichen Gesellschaft leben. Das wurde insbesondere für Überwinterungsgebiete in Spanien vielfach berichtet.
Auch lautes Motorengeräusch wird ertragen. (Die unruhige Kameraführung ist den Aufnahmebedingungen geschuldet.)
Die Weißstörche, die sich hier niedergelassen hatten, waren vermutlich auf dem Weg nach Osteuropa, denn Ringfunde im Oman haben ergeben, dass ihre Brutgebiete dort liegen. Von Mitteleuropa aus betrachtet sind sie demnach Ostzieher, die also zum Überwintern östlich vom Mittelmeer nach Ostafrika beziehungsweise in den Mittleren Osten fliegen.*
Nicht nur Weißstörche
Aber nicht nur Weißstörche hatten sich zwischen Müll und Klärbecken mit vorgereinigtem Wasser, von dem sie ausgiebig tranken, niedergelassen. Auch eine große Gruppe von Abdimstörchen konnte ich dort erstmals beobachten.
Diese Storchenart Ciconia abdimii ist nah verwandt mit dem Weißstorch Ciconia ciconia und erinnert wegen der dunklen Silhouette sofort an den Schwarzstorch Ciconia nigra. Allerdings ist der Abdimstorch etwas kleiner als diese beiden anderen Störche aus der Familie der Ciconiidae.
Über den Abdimstorch gibt es einige Besonderheiten zu berichten. Mit dem auffälligen Namen möchte ich anfangen:
Der Vogel wurde zuerst von dem deutschen Zoologen und Forschungsreisenden Hinrich Lichtenstein wissenschaftlich beschrieben. Er hat den Abdimstorch nach Abdim Bey (1780–1827), dem Gouverneur von Dongola, das im heutigen Sudan liegt, benannt. Lichtenstein hat ihm somit eine besondere Ehre erwiesen und in der wissenschafltichen Nomenklatur gewissermaßen als Ciconia abdimii verewigt.¹
Zu den Besonderheiten des Abdimstorches – oder kurz des Abdims – zählen neben dem Äußeren einige Verhaltensweisen. Während zum Beispiel andere Storcharten meist in der Nähe von Wasser zu finden sind, zeichnet den Abdim aus, dass er sich viel in trockenen Gebieten nahe der Sahelzone aufhält. Hier findet er seine Nahrung, die vornehmlich aus Heuschrecken und anderen Insekten, aus Skorpionen, weiteren Spinnen und wohl auch kleinen Kriechtieren besteht.
Bekannt ist der Abdim dafür, dass er sich bei Grasbränden in der Savanne ausgiebig von den massenhaft fliehenden (oder gerösteten) Heuschrecken ernährt. Auch von Raupen des Eulenfalters Spodoptera exempta, der als Kommandowurm bekannt ist und invasionsartig auftritt, verzehrt der Storch Unmengen.
Sein Appetit auf solche Ernteschädlinge hat ihn in Afrika als Schädlingsvernichter beliebt gemacht und für einen besonderen Trivialnamen gesorgte: grasshopper bird = Grashüpfervogel.²
Aus Südafrika zum Brüten
Der Abdim überwintert im südlichen Afrika und fliegt zu Beginn der Regenfälle zum Brüten nordwärts – in das Gebiet zwischen dem Senegal und Somalia, und zwar bis in den Jemen. Salala liegt im Südwesten des Oman, und weil die Grenze zum Jemen nicht weit ist, werden Abdims in den Wintermonaten auch dort gesichtet. (Grafik: Brutgebiet grün, Überwinterung blau; verändert nach Wikimedia Commons: Ciconia_abdimii_distribution_map.png)
Gerade nahe und in der Sahelzone ist Regen für die Menschen überlebenswichtig. Und da der Abdimstorch hier mit den Regenfällen ankommt, wird er besonders in seinem Brutgebiet von der Bevölkerung verehrt und geschätzt.
Die Koinzidenz von Ankunft des Abdim und Regenfällen ist übrigens der Grund, weshalb er in afrikanischen Ländern auch als Regenstorch bezeichnet wird. Alle freuen sich über sein Eintreffen zwischen März und April, und traditionell werden Körbe auf das Dach der Hütten gestellt, um so den Storch zum Nisten und Brüten zu animieren.³ Mit anderen Worten: Auch Abdims bringen Glück!
Sehr beliebt
Der vergleichsweise kleine, dunkle Storch ist in Afrika mindestens so beliebt wie hierzulande der Weißstorch.
Er wird von den Menschen sogar als heiliger Vogel verehrt.
Dass die oft naiven beziehungsweise rücksichtlosen Forschungsreisenden des frühen 19. Jahrhunderts daher sehr aufpassen mussten, den Abdim nicht zu stören oder zu beschädigen, berichtet „Tiervater” Alfred Edmund Brehm in seinem populärwissenschaftlichen Klassiker, der auch eine Abbildung enthält.
In seinem „Tierleben” (Brehms Tierleben, Leipzig und Wien, 1900, Bd. 6, Vögel III) liest sich das im Hinblick auf die Entnahme von Vogeleiern aus dem Nest so, Seite 516
Für den mit den Sitten des Volkes nicht vertrauten Reisenden ist es sehr schwer, solche Eier zu erhalten, weil die Schädigung des Heiligen Vogels als ein Verbrechen angesehen wird, das die ganze Bevölkerung eines Dorfes in Aufruhr bringt.
Da diese Grafik aus Brehms Tierleben schwarz-weiß ist, möchte ich die präzise Beschreibung von Brehm anfügen. Sie illustriert zugleich, wie detailliert formuliert wurde, als die Farblithografie aufwändig und die Farbfotografie noch nicht erfunden war, Seite 516
Er ist … auf Kopf und Hals schwarz, mit Purpurglanz, auf dem Mantel, einschließlich der Schwingen und der Steuerfedern, schwarz, grün glänzend, auf der Unterseite weiß. Das Auge ist braun, die nackte Stelle darum blau, das nackte Gesicht und die Kehle rot, der Schnabel grünlich, an der Spitze rot, der Fuß braungrau, an den Gelenken blaßrot.
Äußerst gesellig
Abdims gelten als besonders gesellig: Sie brüten oft nah beieinander – etwa als regelrechte Kolonie in Bäumen oder auf benachbarten Hütten. Auch außerhalb der Brutzeit sind sie in großen Gruppen unterwegs. Ich konnte an dieser Kläranlage im Oman etwa 150 Abdims zählen. Andernorts waren es sogar rund 300.
Übrigens gelten diese Störche nicht nur als untereinander sehr verträglich, sie vergesellschaften sich auch oft mit anderen Vogelarten. Genau das konnte ich nun beobachten. Sie standen mit Weißstörchen und Rosaflamingos nahe der Klärbecken einträchtig zusammen.
Sogar Rosaflamingos
Völlig überrascht haben mich die Rosaflamingos Phoenicopterus ruber an diesem so trockenen, heißen Ort. Immerhin gab es hier Wasser, auf das sie auf Grund ihrer Lebensweise ja angewiesen sind. Direkt an den Wasserbecken sah ich die Flamingos – im Gegensatz zu den dort trinkenden Störchen – allerdings nicht. Dafür erstaunten mich hier die langbeinigen Stelzenläufer und einige kleine Limikolen. Sogar eine Handvoll schneeweißer Kuhreiher hatte sich an einem separaten Wasserbecken eingefunden. Von ihnen möchte ich in einem anderen Blogbeitrag berichten.
Nicht nur Weißstörche trinken hier, sondern im Vordergrund auch Stelzenläufer und kleinere Watvögel.
Zurück zu den Rosaflamingos: Vielleicht war für sie der späte Vormittag einfach nicht die richtige Zeit, um zu trinken. Manche hatten den Schnabel zwischen die Federn geschoben und dösten, andere waren mit der Pflege des Gefieders beschäftigt. Neben den adulten Flamingos, die gut an den leuchtend rosa Beinen zu erkennen sind, waren auch eine ganze Reihe von Einjährigen in der Gruppe. Ihre Beine sind grau und das Gefieder ist teils weiß und teils grau-braun. In den Salzlagunen von Theassaloniki konnte ich Jung und Alt eimal gut beobachten.
Diese Flamingogruppe machte vermutlich Station auf ihrem Weg aus Ostafrika in die weiter nördlich liegenden Brutgebiete. Wo diese aber liegen, ist ungewiss. Rosaflamingos brüten am Mittelmeer, sowohl in östlichen Regionen – wie etwa Nordgriechenland – als auch weit westlich – etwa in der französischen Camargue. Andere Rosaflamingos führt ihr Weg vom Oman aus zu Brutgebieten im Iran und weiter nach Kasachstan.
Beringungsdaten haben jedenfalls ergeben, dass Rosaflamingos viel unterwegs – quasi umtriebig – sind. Zum Beispiel identifizierten ornithologisch Versierte in Zypern, Israel, der Türkei, Griechenland und Libyen Vögel aus dem Iran. Weite Strecken zu überwinden, ist für sie kein Problem. Sie sind nachts unterwegs und überfliegen dann durchaus 500 bis 600 km in einem Stück.
Angesichts des Krieges im Nahen und Mittleren Osten, kann man ihnen nur Glück wünschen, auf dass sie nicht zerfetzt und ihre Gewässer nicht zerbombt oder verseucht werden.
* Wer mehr über Weißstörche und ihre Verwandten erfahren möchte, findet weitere Blogartikel unter Storchenleben.
** Über meine Vogelreise in den Oman 2025 und andere Touren in die Welt der Vögel steht eine Menge im Abschnitt über mich.
¹ Über derlei Zusammenhänge habe ich bereits am Beispiel der Hemprichmöwe berichtet
² Der zweite „grashopper bird“ ist übrigens der Weißstorch. Ich konnte ihn vor Jahren in Marokko am Rand der Sahara beim Heuschreckenfang beobachten.
³ Handbook of the Birds of the World, Hrsg.: Josep del Hoyo, Andrew Elliott, Jordi Sargatal, Barcelona 1992, Bd.1, S. 440)


































Müllkippen (und Klärbecken) spielen eine wichtige Rolle beim Vogelzug für bestimmte Arten. Gibt es Forschungen zu der Frage, ob sich dort auch Infektionen verbreiten?
Lieber Hubert, das ist eine wichtige Frage, aber ich weiß nicht, ob ich dazu Informationen bekomme. Aktuell weiß ich es nicht. Viele Grüße in Kranichland!