Den Ringeltauben und nahverwandten Arten eilt der Ruf voraus, dass sie etwas plump, eher apathisch und nicht sonderlich erfinderisch sind. Das erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als trügerisch. Sie sind zwar nicht unbedingt fix, aber immer wieder staune ich, wie genau sie ihr Umfeld beobachten, Chancen nutzen und Gefahren gut einschätzen.
Das Leben einiger Ringeltauben spielt sich direkt vor meinen Fenstern ab: Ich höre es, wenn sie in der Ulme vorm Haus gurren und balzen, und ich weiß, wo sie beim Nachbarn brüten. Ich sehe sie im Winter Schnee trinken und beobachte fast täglich, wie sie sich auf unserem Balkon verköstigen, zur Nahrungsbeschaffung auf der Dachrinne herumspazieren oder mit den Haussperlingen um Futter konkurrieren.
Zum Thema Fortpflanzung komme ich ein anderes Mal. Heute soll es darum gehen, wie sie an das Futter kommen, das eigentlich für Sperlinge, Stare und Spechte, Meisen und andere kleine Singvögel gedacht ist.
Auf dem Balkon
Immer wieder fliegen die Ringeltauben von den Robinien im Garten aus auf die Balkonbrüstung und müssen resignierend feststellen, dass dieses Futterhaus für sie zu klein ist – beziehungsweise sie zu voluminös. Sie haben aber längst herausgefunden, dass es andere Möglichkeiten gibt, um an die Sämereien zu kommen.
Wenn nämlich die Stare zu Besuch sind, fliegt allerhand Futter aus dem Haus auf den Balkonboden. Denn diese wirklich wilden Gesellen und Gesellinen haben es eigentlich nur auf die getrockneten Mehlwürmer abgesehen, die ich unter das Futter aus Sämerein, Haferflocken, Erdnüssen und Nüssen gebe. Und wenn sie mit ihren spitzen Schnäbeln in diesem Gemisch herumsortieren, geht eine Menge über Bord.
Kaum waren also „meine Stare“¹ vor Ort, lassen sich die Ringeltauben auf der Brüstung blicken und beäugen den Boden. Da gibt es manchmal größeren Andrang, wie hier als der hungrige Buntspecht anflog.
Die Ringeltauben haben mit dem Specht kein Problem. Er besucht das Futterhaus, indem er sich außen festklammert und dann nimmt, was er mit dem Schnabel erreicht. Mit dieser Taube hatte er aber offenbar nicht gerechnet, als er seitlich anflog. So drehte er gleich wieder Richtung Garten ab.
„Meine Ringeltauben“ – es gibt hier zwei Brutpaare – begrüße ich spaßeshalber mit geschlechtstypischen Vornamen²: Wenn sie ein weibliches Verhalten zeigen, heißen sie durch die Bank Kleopatra. Denn sie tun immer so schön und sind von sich derart überzeugt. (Diese Klischees!)
Und Ringeltauben mit einem eher männliche Gehabe – sie balzen unermüdlich und vor ihnen nehmen die Gefährtinnen oft Reißaus – nenne ich Caesar.
Mit bloßem Auge lassen sich männliche und weibliche Ringeltauben nicht unterscheiden, es besteht kein offensichtlicher Sexualdimorphismus. Ich finde also nicht zufällig beide gleichermaßen apart. Obwohl sie mitten in Berlin-Steglitz leben, sind sie etwas scheu – echte Wildtauben eben – und fliegen nur dann von der Brüstung auf den Balkonboden, wenn sie sich sicher und nicht (von mir oder einem Berliner Habicht) beobachtet fühlen.
Sie zögert und ist sich nicht sicher, ob sie herunterfliegen soll.
Die Stimmen aus der Umgebung stören im dritten Stock nicht, aber diese Frau hinter dem Fenster mit einem Fotoapparat vorm Auge lädt nicht zu einer Landung auf dem Boden ein. Es ist für diese rund 500 Gramm schweren Vögel nämlich gar nicht so leicht von dort hochzufliegen. Ringeltauben bevorzugen es bekanntlich, sich von einem Ast oder einem Gebäude aus in die Luft zu schwingen, indem sie zunächst abwärts gleiten, den Fahrtwind nutzen und erst dann ihre Flügel einsetzen, um Höhe zu gewinnen.
Und die Vogelpsyche
Die Ringeltaube ist ursprünglich eine Waldbewohnerin, wie die Amsel, und hat erst nach und nach die Gärten und auch die Grünanlagen der Stadt für sich entdeckt. Viele von ihnen haben inzwischen die Scheu vor Menschen verloren, zumal sie hierzulande nicht (mehr) geschossen oder als Jungvögel aus dem Nest genommen werden, um sie zu verspeisen.
Wie Johann F. Naumann, der in seinem Klassiker³ für jede Vogelart immer viele Details über die Tierpsyche zusammengetragen hat, die Ringeltaube im Abschnitt Eigenschaften charakterisiert, möchte ich euch nicht vorenthalten. Und ich möchte ergänzen: Ich war verblüfft, wie gut seine Beschreibung das trifft, was ich durchs Fenster beobachten konnte, Seite 20
Sie ist rasch und flüchtig, dabei klug und äußerst scheu, kraftvoll und gewandt, obgleich es manchmal nicht so scheint; denn in ihren Ruhestunden benimmt sie sich oft ziemlich träge und sogar etwas schwerfällig.
Und weiter im Text – natürlich in der Diktion und Orthographie, die um 1900 üblich war. Erneut entspricht dieser meinen Beobachtungen in unserem von Robinien begrenzten Garten:
Hier sind nämlich die heißen Mittagstunden gemeint, wo sie meistens von 12 bis 3 Uhr sich in einer Baumkrone versteckt hält und diese Zeit in einer Art von Unthätigkeit verlebt. So wie sie bei allen ihren Handlungen die grösste Vorsicht zeigt, so auch hier, denn aufgestöbert fliegt sie allemal auf der entgegengesetzten Seite des Baumes und so für die ersten Augenblicke ungesehen davon. Unbemerkt beobachtet sie von oben herab jede sich nahende Gefahr und entflieht ihr zeitig genug, so wie sie auch auf dem Erdboden und im Freien herum laufend und fliegend jeden Menschen von weitem beobachtet und ihm baldigst auszuweichen sucht.
Aber zurück zur Frage von Futterangebot und Futternachfrage …
Vor dem Küchenfenster
In diesem Futterhäuschen vor dem Küchenfenster gibt es das ganze Jahr über etwas zu naschen.
Das wissen die Eichhörnchen, die sich auf dem kleinen Dach putzen und auch hineinlangen, um sich nussige Leckereien zu holen.
Und dass es hier ein vielfältiges Futterangebot gibt, das wissen die unter dem Dach brütenden Haussperlinge sowieso.
Die Sperlinge sind mit Sonnenblumenkernen eigentlich immer gut bedient. Doch im Frühjahr ist die Kolbenhirse ein Highlight. Den Winter über wird diese übrigens nicht angerührt, was spannende Gründe hat. Aber das ist ein anderes Thema.
„Meine Sperlinge“ haben verschiedene Techniken, um die Hirsekörner abzurupfen und zu verzehren. Das illustriert das folgende Video.
Die Haussperlinge kennen sich aus und sind ziemlich akrobatisch dabei.
Sie klammern sich am rissigen Holz des Dachbalkens fest und zupfen meist kopfüber an der Hirse.
Sie zwacken von der kleinen Futterschaukel aus – erstanden auf einem Flohmarkt in Frankreich – Hirsekörnchen ab.
Sie hocken sich in den Blumenkasten – vor allem wenn sie als Konkurrenten vertrieben wurden – und schnappen sich, was den anderen runterfällt.
Und was machen die Ringeltauben? Bei ihrer Größe und ihrem Gewicht fällt die Option Festklammern ebenso aus wie die Möglichkeit, die Futterschaukel zu nutzen. Kleopatra und Caesar brauchen andere Ideen. Ihre Strategie: Sie stellen sich auf die Pflanzen – anfangs habe ich mich immer gewundert wie zerzaust diese sind – und machen den Hals gaaaaa…nz lang.
So kommen sie an die Hirsekolben heran, aber das Objekt der Begierde schaukelt, sobald man daran zupft. Also alles nicht so einfach!
Was Kleopatra und Caesar natürlich auch kennen, ist das Fallgesetz: Hirsekörner fallen nach unten. Man kann sie aus dem Blumenkasten picken oder aus der Dachrinne, die unmittelbar darunter verläuft.
Von den Körnern in der Dachrinne haben sie sich übrigens hochgearbeitet, da bin ich mir sicher. Denn ihre tapsigen Schritte und ihr ungestümes Wegflattern aus der Rinne kenne ich schon seit Jahren. Dass sie sich gezielt an die Hirse machen, beobachte ich erst seit dem Sommer 2024.
¹ Das ist etwas doppelsinnig formuliert. Ich meine die beiden Paare, die in der Nachbarschaft brüten, und meine zugleich den kleinen Schwarm, der im Winter regelmäßig das Futterhaus anfliegt.
² Auch sind es natürlich nicht meine Ringeltauben, aber sie sind wohlbekannte und liebenswerte Nachbarinnen.
³ Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. VI, Gera-Untermhaus
Ringeltaube | Pigeon ramier | Woodpigeon | Columba palumbus




































Ich meine auch, dass Ringeltauben höchst liebenswerte und originelle Vögel sind. Bei mir haben sie auch einen witzigen Weg gefunden, ans Futter für die Kleinvögel zu gelangen – sie haben herausgefunden, dass ihr Hals lang genug ist heranzukommen, wenn sie auf dem Dach des kleinen Futterhauses landen…
Vielen Dank für die immer informativen und kurzweiligen Blogeinträge!
Ach so, leider werden Ringeltauben durchaus noch immer bejagt, in einigen Bundesländern sogar in Grössenordnungen…