Behäbige Beobachterin

26. März 2026 | Große Vögel | 1 Kommentar

Die Aufmerksame

Den Ringeltauben und nahverwandten Arten eilt der Ruf voraus, dass sie etwas plump, eher apathisch und nicht sonderlich erfinderisch sind. Das erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als trügerisch. Sie sind zwar nicht unbedingt fix, aber immer wieder staune ich, wie genau sie ihr Umfeld beobachten, Chancen nutzen und Gefahren gut einschätzen.

Das Leben einiger Ringeltauben spielt sich direkt vor meinen Fenstern ab: Ich höre es, wenn sie in der Ulme vorm Haus gurren und balzen, und ich weiß, wo sie beim Nachbarn brüten. Ich sehe sie im Winter Schnee trinken und beobachte fast täglich, wie sie sich auf unserem Balkon verköstigen, zur Nahrungsbeschaffung auf der Dachrinne herumspazieren oder mit den Haussperlingen um Futter konkurrieren.

Zum Thema Fortpflanzung komme ich ein anderes Mal. Heute soll es darum gehen, wie sie an das Futter kommen, das eigentlich für Sperlinge, Stare und Spechte, Meisen und andere kleine Singvögel gedacht ist.

Auf dem Balkon

Immer wieder fliegen die Ringeltauben von den Robinien im Garten aus auf die Balkonbrüstung und müssen resignierend feststellen, dass dieses Futterhaus für sie zu klein ist – beziehungsweise sie zu voluminös. Sie haben aber längst herausgefunden, dass es andere Möglichkeiten gibt, um an die Sämereien zu kommen.

Zu Besuch am Futterhaus auf dem Balkon.

Wenn nämlich die Stare zu Besuch sind, fliegt allerhand Futter aus dem Haus auf den Balkonboden. Denn diese wirklich wilden Gesellen und Gesellinen haben es eigentlich nur auf die getrockneten Mehlwürmer abgesehen, die ich unter das Futter aus Sämerein, Haferflocken, Erdnüssen und Nüssen gebe. Und wenn sie mit ihren spitzen Schnäbeln in diesem Gemisch herumsortieren, geht eine Menge über Bord.

Kaum waren also „meine Stare“¹ vor Ort, lassen sich die Ringeltauben auf der Brüstung blicken und beäugen den Boden. Da gibt es manchmal größeren Andrang, wie hier als der hungrige Buntspecht anflog.

Da ist noch jemand hungrig …

… aber bereits auf dem Rückzug.

Die Ringeltauben haben mit dem Specht kein Problem. Er besucht das Futterhaus, indem er sich außen festklammert und dann nimmt, was er mit dem Schnabel erreicht. Mit dieser Taube hatte er aber offenbar nicht gerechnet, als er seitlich anflog. So drehte er gleich wieder Richtung Garten ab.

„Meine Ringeltauben“ – es gibt hier zwei Brutpaare – begrüße ich spaßeshalber mit geschlechtstypischen Vornamen²: Wenn sie ein weibliches Verhalten zeigen, heißen sie durch die Bank Kleopatra. Denn sie tun immer so schön und sind von sich derart überzeugt. (Diese Klischees!)
Und Ringeltauben mit einem eher männliche Gehabe – sie balzen unermüdlich und vor ihnen nehmen die Gefährtinnen oft Reißaus – nenne ich Caesar.

Mit bloßem Auge lassen sich männliche und weibliche Ringeltauben nicht unterscheiden, es besteht kein offensichtlicher Sexualdimorphismus. Ich finde also nicht zufällig beide gleichermaßen apart. Obwohl sie mitten in Berlin-Steglitz leben, sind sie etwas scheu – echte Wildtauben eben – und fliegen nur dann von der Brüstung auf den Balkonboden, wenn sie sich sicher und nicht (von mir oder einem Berliner Habicht) beobachtet fühlen.

Sie zögert und ist sich nicht sicher, ob sie herunterfliegen soll.

Die Stimmen aus der Umgebung stören im dritten Stock nicht, aber diese Frau hinter dem Fenster mit einem Fotoapparat vorm Auge lädt nicht zu einer Landung auf dem Boden ein. Es ist für diese rund 500 Gramm schweren Vögel nämlich gar nicht so leicht von dort hochzufliegen. Ringeltauben bevorzugen es bekanntlich, sich von einem Ast oder einem Gebäude aus in die Luft zu schwingen, indem sie zunächst abwärts gleiten, den Fahrtwind nutzen und erst dann ihre Flügel einsetzen, um Höhe zu gewinnen.

Und die Vogelpsyche

Die Ringeltaube ist ursprünglich eine Waldbewohnerin, wie die Amsel, und hat erst nach und nach die Gärten und auch die Grünanlagen der Stadt für sich entdeckt. Viele von ihnen haben inzwischen die Scheu vor Menschen verloren, zumal sie hierzulande nicht (mehr) geschossen oder als Jungvögel aus dem Nest genommen werden, um sie zu verspeisen.

Wie Johann F. Naumann, der in seinem Klassiker³  für jede Vogelart immer viele Details über die Tierpsyche zusammengetragen hat, die Ringeltaube im Abschnitt Eigenschaften charakterisiert, möchte ich euch nicht vorenthalten. Und ich möchte ergänzen: Ich war verblüfft, wie gut seine Beschreibung das trifft, was ich durchs Fenster beobachten konnte, Seite 20

Sie ist rasch und flüchtig, dabei klug und äußerst scheu, kraftvoll und gewandt, obgleich es manchmal nicht so scheint; denn in ihren Ruhestunden benimmt sie sich oft ziemlich träge und sogar etwas schwerfällig.

Und weiter im Text – natürlich in der Diktion und Orthographie, die um 1900 üblich war. Erneut entspricht dieser meinen Beobachtungen in unserem von Robinien begrenzten Garten:

Hier sind nämlich die heißen Mittagstunden gemeint, wo sie meistens von 12 bis 3 Uhr sich in einer Baumkrone versteckt hält und diese Zeit in einer Art von Unthätigkeit verlebt. So wie sie bei allen ihren Handlungen die grösste Vorsicht zeigt, so auch hier, denn aufgestöbert fliegt sie allemal auf der entgegengesetzten Seite des Baumes und so für die ersten Augenblicke ungesehen davon. Unbemerkt beobachtet sie von oben herab jede sich nahende Gefahr und entflieht ihr zeitig genug, so wie sie auch auf dem Erdboden und im Freien herum laufend und fliegend jeden Menschen von weitem beobachtet und ihm baldigst auszuweichen sucht.

Aber zurück zur Frage von Futterangebot und Futternachfrage …

 

Vor dem Küchenfenster

In diesem Futterhäuschen vor dem Küchenfenster gibt es das ganze Jahr über etwas zu naschen.

Das wissen die Eichhörnchen, die sich auf dem kleinen Dach putzen und auch hineinlangen, um sich nussige Leckereien zu holen.

Und dass es hier ein vielfältiges Futterangebot gibt, das wissen die unter dem Dach brütenden Haussperlinge sowieso.

Die Sperlinge sind mit Sonnenblumenkernen eigentlich immer gut bedient. Doch im Frühjahr ist die Kolbenhirse ein Highlight. Den Winter über wird diese übrigens nicht angerührt, was spannende Gründe hat. Aber das ist ein anderes Thema.

„Meine Sperlinge“ haben verschiedene Techniken, um die Hirsekörner abzurupfen und zu verzehren. Das illustriert das folgende Video.

Die Haussperlinge kennen sich aus und sind ziemlich akrobatisch dabei.

Sie klammern sich am rissigen Holz des Dachbalkens fest und zupfen meist kopfüber an der Hirse.
Sie zwacken von der kleinen Futterschaukel aus – erstanden auf einem Flohmarkt in Frankreich – Hirsekörnchen ab.
Sie hocken sich in den Blumenkasten – vor allem wenn sie als Konkurrenten vertrieben wurden – und schnappen sich, was den anderen runterfällt.

Und was machen die Ringeltauben? Bei ihrer Größe und ihrem Gewicht fällt die Option Festklammern ebenso aus wie die Möglichkeit, die Futterschaukel zu nutzen. Kleopatra und Caesar brauchen andere Ideen. Ihre Strategie: Sie stellen sich auf die Pflanzen – anfangs habe ich mich immer gewundert wie zerzaust diese sind – und machen den Hals gaaaaa…nz lang.

Platznehmen auf dem Blumenkasten

Konzentration auf die Kolbenhirse.

Den Hals recken.

So kommen sie an die Hirsekolben heran, aber das Objekt der Begierde schaukelt, sobald man daran zupft. Also alles nicht so einfach!

Was Kleopatra und Caesar natürlich auch kennen, ist das Fallgesetz: Hirsekörner fallen nach unten. Man kann sie aus dem Blumenkasten picken oder aus der Dachrinne, die unmittelbar darunter verläuft.

Vielleicht liegt ja genug Hirse in der Dachrinne … Wäre bequemer!

Von den Körnern in der Dachrinne haben sie sich übrigens hochgearbeitet, da bin ich mir sicher. Denn ihre tapsigen Schritte und ihr ungestümes Wegflattern aus der Rinne kenne ich schon seit Jahren. Dass sie sich gezielt an die Hirse machen, beobachte ich erst seit dem Sommer 2024.

¹ Das ist etwas doppelsinnig formuliert. Ich meine die beiden Paare, die in der Nachbarschaft brüten, und meine zugleich den kleinen Schwarm, der im Winter regelmäßig das Futterhaus anfliegt.
² Auch sind es natürlich nicht meine Ringeltauben, aber sie sind wohlbekannte und liebenswerte Nachbarinnen.
³ Johann F. Naumann, Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. VI, Gera-Untermhaus

Ringeltaube | Pigeon ramier | Woodpigeon | Columba palumbus

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1 Kommentar

  1. Ich meine auch, dass Ringeltauben höchst liebenswerte und originelle Vögel sind. Bei mir haben sie auch einen witzigen Weg gefunden, ans Futter für die Kleinvögel zu gelangen – sie haben herausgefunden, dass ihr Hals lang genug ist heranzukommen, wenn sie auf dem Dach des kleinen Futterhauses landen…
    Vielen Dank für die immer informativen und kurzweiligen Blogeinträge!
    Ach so, leider werden Ringeltauben durchaus noch immer bejagt, in einigen Bundesländern sogar in Grössenordnungen…

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5 von 874 Kommentaren

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  • Renate zu Behäbige BeobachterinIch meine auch, dass Ringeltauben höchst liebenswerte und originelle Vögel sind. Bei mir haben sie auch einen witzigen Weg gefunden, ans Futter für die Kleinvögel zu gelangen - sie haben herausgefunde…
  • Elke Brüser zu Treffen der LangbeinigenLieber Hubert, das ist eine wichtige Frage, aber ich weiß nicht, ob ich dazu Informationen bekomme. Aktuell weiß ich es nicht. Viele Grüße in Kranichland!
  • Hubert Pomplun zu Treffen der LangbeinigenMüllkippen (und Klärbecken) spielen eine wichtige Rolle beim Vogelzug für bestimmte Arten. Gibt es Forschungen zu der Frage, ob sich dort auch Infektionen verbreiten?
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Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Am Rand von Feldern, einem Teich und dörflicher Umgebung steht etwas erhöht ein grau-brauner hühnerartiger Vogel.

2026 Das Rebhuhn

Drei dunkle Hausrotschwänze in einer Grafik. Links der weibliche Vogel rechts davon der männliche, beide mit roten Schwanzfedern. Der männliche Vogel ist an weißen Federn am Kopf und auf den Flügeln zu erkennen. Ganz rechts auf der Grafik und neben den Eltern ein dunkelbraun-grauer Jungvogel.

2025 Der Hausrotschwanz

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Das Rotkehlchen

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Der Wiedehopf

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Auf grünlichem Wasser schwimmt ein grau-weißer Vogel mit dunklem Hinterkopf und einer weißen Stirn.

2026  Die Zwergseeschwalbe

Drei schwarzköpfige Möwen im sogenannten Prachtkleid oder Brutkleid. In der Mitte steht die Lachmöwe mit orangerotem Schnabel und ebensolchen Beinen.

2025  Die Lachmöwe

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Flussseeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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