Schöne Bücher

Titelseite von "Die Sinne der Vögel" mit dem Kopf eines FlamingosDieses fein illustrierte Sachbuch ist von vorne bis hinten sachkundig geschrieben – wer hätte bei seinem Autor auch anderes erwartet. Aber das Bemerkenswerte ist: Es steckt voller persönlicher Erlebnisse an den Küsten von Wales, im Unterholz von Neuseeland, in den südamerikanischen Anden... Und es verbindet elegant unterhaltsame Forschergeschichten mit erstaunlichen Vogelgeschichten.

Alles rankt sich darum, wie Vögel die Welt mit ihren Sinnen erfassen. Genauer: was wir davon an ihrem Verhalten ablesen können, welche anatomischen Strukturen und verarbeitenden Prozesse damit verbunden sind. Nicht jedes Detail ist auf Anhieb leicht zu verstehen, aber nicht jedes muss der Leser oder die Leserin verstehen.

Das Tolle an Die Sinne der Vögel ist, dass der Verhaltensforscher Tim Birkhead uns nahe bringt, wie Sinnesleistungen von Tieren zu ihrer ökologischen Nische passen. Zum Beispiel beim flugunfähigen Kiwi: Der ist nachts im Unterholz unterwegs und fast blind, doch sein Geruchsvermögen und sein Tastsinn sind viel besser entwickelt als beim Menschen. Er braucht daher keine guten Augen, um nachts ein paar Grillen zu schnappen.

Tim Birkhead, übrigens Professor für Verhaltensökologie an der Universität Sheffield, langweilt uns nicht mit dem Erklären von komplizierten Hirnstrukturen oder dem Aufbau von Sinneszellen. Er geht in der Regel vom Verhalten der Vogels aus, kommt auf die Geschichte der Erforschung – etwa des Sehvermögens – zu sprechen und erklärt dann zum Beispiel, was die großen Pupillen des nachtaktiven Waldkauzes bedeuten: hohe Lichtempfindlichkeit mit der er auch unter Bäumen und bei Dunkelheit jagen kann.

Birkhead weiß aus eigener Forschung, wie der Bartkauz – ausgestattet mit einem phantastischen Gehör – seine Beute fängt und erklärt daran, wie große Ohröffnungen und die Federchen im Gesicht, der sogenannte Gesichtsschleier, bei der Jagd zusammenspielen. Und wir erfahren ganz nebenbei, warum die Bartkauzohren nicht links und rechts an derselben Stelle sitzen, sondern asymmetrisch angebracht sind.

Beim Thema Tasten geht es unter anderem um den Brutfleck, jenen kahlen Hautbereich im Brustgefieder brütender Vögel, mit dem sie Körperwärme an die Eier abgeben können und mit Hilfe von Sensoren in der Haut auch messen, wie warm die Eier sind. Zudem können sie ertasten, wie viele tatsächlich im Nest liegen. Und das wiederum reguliert, wie viele Eier sie noch legen, um die artgemäße Gelegegröße zu erreichen.

Außer dem Sehen, Hören, Tasten, Schmecken, Riechen und dem Magnetsinn hat dieses Buch auch ein spezielles Kapitel zum Thema Gefühle. Keine schlechte Idee! Am Schluss wissen wir nicht wirklich, wie es ist, ein Vogel zu sein. Aber wir sind um viele Erkenntnisse reicher und ... aus dem Staunen nicht herausgekommen.

Das Buch ist mit einem Glossar und vielen Quellenangaben untermauert. Das ermöglicht allen Interessierten, Sachverhalte nachzulesen und vielleicht auch die vornehmlich englischsprachigen Quellen mit eigenen aus Deutschland oder Osteuropa zu ergänzen.

Die Sinne der Vögel ist 2018 in 2. Auflage erschienen. Diese Neuausgabe mit flexiblem Umschlag enthält als Bonus den Link zur E-Book Version. Das ist praktisch.

Die Sinne der Vögel
oder: Wie es ist, ein Vogel zu sein

Autor: Tim Birkhead
Verlag: Springer Berlin
Jahr: 2018 (2. Auflage)

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Hoffentlich werde ich nicht dafür gescholten, dieses Buch so zu loben. Aber die Autorin Else Thomé, ausgebildet als Innenarchitektin, hat ihre jahrelangen Beobachtungen mehrerer Generationen von Rauchschwalben mitreißend zu Papier gebracht. Detailgenau und unterhaltsam sind ihre Beschreibungen der Schwalbenfamilien, die in ihrem Berchtesgardener Künstlerhaus auf dem Ofenrohr, auf einem Brettchen über der Ateliertür und sonst wo gebrütet haben.

Allerdings muss man es aushalten, dass Else Thomé das Verhalten „ihrer“ Rauchschwalben, von denen sie viele individuell kannte und nach der Rückkehr aus dem afrikanischen Winterquartier wie alte Bekannte begrüßte, ihren eigenen Wertvorstellungen folgend kommentiert oder auch bemisst. Und die stammen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts.

Über die Beurteilungen dessen, was Herr und Frau Schwalbe und deren Kinder tun, kann man sich ärgern, sie so hinnehmen oder auch lächeln. Mir gelang letzteres, zumal die Autorin wusste, dass sie hier ihre Maßstäbe ansetzte. Nun ein paar Kostproben aus dem Buch, das ich antiquarisch ergattern und dessen Titel ich abfotografieren konnte. Es ist mit vielen Zeichnungen der Autorin und mit Fotos garniert:

Der Schwälber aus dem Vorjahr, der im Haus ein Nest gebaut hatte, ohne ein Weibchen mitzubringen, kommt aus dem Winterquartier in Afrika zurück und alles ist anders (S. 21): „Er gewann das Herz einer Schwalbendame. Sie war zart und hübsch, bedeutend kleiner als er und sichtlich beeindruckt von seiner bezwingenden Männlichkeit und der komfortablen weitläufigen Häuslichkeit, die er ihr bieten konnte.“

Und als die Jungen geschlüpft sind (S. 22): „Es war wirklich ein rührendes Bild, wenn die beiden Eltern ab und zu auf dem Nestrand saßen und stolz und aufmerksam ihre für uns noch unsichtbaren Kinder betrachteten.“

Als ein Junges frühzeitig das Nest im Haus verlässt (S. 25): „Zum Glück hatten die Eltern den Ausreißer erspäht. War das eine Aufregung! Die vier im Nest schrien aus Leibeskräften hinterher, die Eltern sausten um die Tanne, der Vater mit schrillen Schreien, die sicher keine Freundlichkeiten für seinen tatendurstigen Sprößling bedeuteten. Die Mutter war die erste, die zur ruhigen Überlegung zurückkehrte.“

Und als später ein Schwälber aus unerfindlichen Gründen die Eier aus dem Nest bucksierte, tadelt die Autorin (S. 89): „Ich muss schon sagen, ich hätte es verstanden, wenn sie nun diesen Rohling von einem Mann verlassen hätte. Aber sie blieb da.“

Auch die Schwalbendame, die sich pflegt, während ihr Schwälber die Jungen füttert, bekommt einen Tadel (S. 103): „Und was macht die Mutter inzwischen? Sie machte noch einen kleinen, ganz privaten Abendausflug, setze sich dann auf den neuen Ast in der Veranda und pflegte sich. Reizend sah sie aus, das muss man zugeben, auch wenn … ihre Einstellung, selbst Lebeschön zu machen, während der Mann bis in die Nacht für zweie arbeitete, nicht kritiklos gebilligt werden konnte.“

Else Thomé hat ausführlich Tagebuch geführt über die vielen Bruten von Rauchschwalben in ihrem Haus – nicht umsonst wird die Rauchschwalbe als innere Hausschwalbe bezeichnet. Und sie hat den Vögeln alle möglichen Nistplätze, Schlaf- und Ruheplätze gestattet und sogar Fliegen im Kuhstall des Nachbarn gefangen, als die Jungen bei einem Kälteeinbruch zu verhungern drohten.

Wer das Buch liest, erfährt unglaublich viel über die Verpaarung, das Brut- und Zugverhalten von Rauchschwalben und speziell deren sehr individuelle Eigenarten. Und was die subjektive Perspektive der Autorin angeht: Es ist ja keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eben eine Schwalbengeschichte.

Die Salzberger Schwalbengeschichte
Autorin: Else Thomé
Verlag: Ullstein
Jahr: 1959 (antiquarisch und in Stadtbibliotheken)

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Buchcover "Im Herzen des Tals"

Die Heckenbraunelle ist genau das, was der Name sagt: ein braunes Vögelchen, das sich am liebsten in Hecken herumtreibt. Aber was Nigel Hinton aus diesem Treiben macht, das ist unglaublich und ergreifend.

Durch seine minutiöse Beschreibung all dessen, was der kleine Sperlingsverwandte sieht und hört und fühlt – ja fühlt (!) –, schlüpfen wir allmählich in dieses unauffällige grau-braune Federkleid. Jedenfalls fast.

Mit klug gewählten Worten und all seinem Einfühlungsvermögen in das, was die Braunelle ängstigt oder jubilieren lässt, wechseln wir ganz allmählich die Perspektive und leben irgendwann ein Vogelleben in diesem abgelegenen südenglischen Tal – vermutlich der Heimat des Autors –, wo die wenigen menschlichen Bewohner eher Statisten sind.

Das Buch beginnt mit dem Schrecken von Kälte und Schnee, auf den die junge Heckenbraunelle nicht vorbereitet ist. „Die von dem Wind abgewandte Seite einer Birke bot etwas Schutz vor dem wirbelnden Weiß, und als sie dort landete hämmerte ihr Herz vor Verstörung und Angst.“ (Seite 12) Vor allem braucht sie einen guten Schlafplatz, und findet ihn. „Nahe dem Hauptstamm hatten sich lange Grashalme um den untersten Ast geschlungen und so einen schützenden Tunnel gebildet, der gerade groß genug für den kleinen Körper war. Sie zwängte sich hindurch und fand die Gemütlichkeit und Sicherheit ihres Heimes wieder.“ (Seite 15)

Aber es wird dann doch rasch ungemütlich, denn die Schleiereule geht auf die Jagd und auch die Füchse sind in der Dunkelheit unterwegs.

Bald kommt mit den wärmeren Tagen eine glückliche Zeit – und der Braunellenmann. „Ihr Herz schlug wild vor Freude und Aufregung über die Jagd. Das war etwas ganz anderes als ein Streit mit einem anderen Vogel; die Angst, die sie empfand, war erregend und in den Tönen, die sie ihm entgegenschmetterte, vibrierten Verwirrung und Entzücken.“ (Seite 40)

Bevor es dann an Nestbau und Brut geht, genießt die Heckenbraunelle das Leben, so könnte man meinen. „Das Braunellenweibchen flog an diesem Morgen durch das Fenster des Lagerhauses hinaus und landete auf den leuchtend roten Dachziegeln, die sie noch nie gesehen hatte. Die Sonne wärmte ihren Rücken und das ganze Tal war in helles Licht getaucht. Die Schönheit der Landschaft erfüllte sie mit jubelnder Freude und sie warf sich zwitschernd in die Luft.“ (Seite 66)

Ich möchte nicht verraten, welche kleinen und großen Dramen sich später noch in dem stillen Tal abspielen. Das Verdienst des Autors ist es aber, dass dabei weder die Schleiereule, noch die hungrige Fuchsfamilie oder der aus Afrika heimgekehrte Kuckuck, ein lästiger Brutparasit, schlecht wegkommen. Vielmehr malt Nigel Hinton dieses überschaubare Ökosystem so wissend und hinreißend, wie ich es noch nie gelesen habe.

Dabei formuliert der Autor, der eine Zeit lang als Lehrer gearbeitet hat, keineswegs belehrend. Ich kann nur Doris Lessing zustimmen, die einmal betont haben soll, dass sie traurig war, als das Buch zu Ende war. – Das jedenfalls verriet mir die vogelbegeisterte Gabriele Greaney, die ich bei den Singschwänen traf und die mir „Im Herzen des Tals“ empfohlen hat.

Im Herzen des Tals
Autor: Nigel Hinton
Verlag: Zsolnay/Herder
Jahr: 2017 (3. Aufl.; auch als Taschenbuch)

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Buchcover von ADEBAR mit einem RotkehlchenDas ist gewiss kein Buch, das man von vorne bis hinten durchliest. Das ist ein Buch für die gezielte Suche und zum Stöbern. Denn dieses wohl einmalige Werk umfasst 800 sehr große und sehr schön gestaltete Seiten, auf denen wir die Vogelarten finden, die in Deutschland brüten. ADEBAR (Atlas Deutscher Brutvogelarten) ist allerdings ein Schmuckstück. Ich nehme das Buch gern in die Hand, um etwa herauszufinden, wo Säbelschnäbler an der norddeutschen Meeresküste brüten oder wo sich im Sommer immer mehr Bienenfresser zur Brut einfinden.

Für jede Vogelart ist eine Doppelseite reserviert. Linksseitig gibt es eine handgezeichnete Grafik von Pascalis Dougalis, dazu kommen Infos zur Häufigkeit und zum Bruthabitat; ergänzend illustriert eine Weltkarte, wo Sommerquartier und Winterquartier der jeweiligen Art liegen. Rechtsseitig sind in einer Deutschlandkarte die Brutgebiete markiert und weitere Grafiken verdeutlichen die Bestandsentwicklung in den letzten Jahrzehnten.

So erfahren wir vom südamerikanischen Nandu, der ersten im ADEBAR gelisteten Art, dass rund 10 Paare in Mecklenburg-Vorpommern brüten – sie sind einem Freilandgehege entfleucht. Und die letzte Vogelart im systematischen Teil ist die Rohrammer mit immerhin rund 200.000 Brutpaare in Deutschland.

Da das attraktive Buch mit zehnjähriger Arbeit verbunden ist, möchte ich unbedingt erwähnen, dass über 4.000 VogelkundlerInnen in allen Bundesländern mitgeholfen haben, die weit über 200 Vogelarten im Gelände aufzufinden und zu kartieren. Hinter dem Projekt stehen als Herausgeber die Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und der Dachverband Deutscher Avifaunisten. – Und da der Begriff Avifaunisten nicht gerade zur Umgangssprache gehört, hier die Erklärung: Aves sind die Vögel, und Fauna bezeichnet im Gegensatz zur Flora die Tierwelt.

Der Arbeitsaufwand für dieses Nachschlagewerk scheint unermesslich und der Preis  von € 98,00 ist bei dieser hohen Druckqualität ein Witz. Dem Vorwort entnehme ich: Allein für die Kartierung mittelhäufiger und seltener Brutvögel sind 350.000 Stunden zu veranschlagen. Nimmt man Experteneinsatz und Manuskriptdurchsicht hinzu, kommen wohl insgesamt 500.000 Stunden zusammen. Vieles wurde ehrenamtlich geleistet, und wie gut, dass die Heinz Sielmann Stiftung, do-g, NABU und andere Stiftungen das Projekt von Anfang an gefördert haben.

Atlas Deutscher Brutvogelarten
Redaktion: K. Gideon, C. Grüneberg, A. Mitschke, C. Sudfeldt
Herausgeber: Stiftung Vogelmonitoring Deutschland und Dachverband Deutscher Avifaunisten
Jahr: 2014

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Buchcover mit einem sitzenden Falken

Der „Falke“ ist erst kürzlich bei uns erschienen, und doch ist es das ältere Werk von Helen Macdonald. Mit „H wie Habicht“, ihrem Erstling im deutschen Büchermarkt, ist der Britin ein Husarenstück gelungen: Sie wird unter Vogelkundigen kontrovers diskutiert, und sie fasziniert unzählige LeserInnen, weil jeder und jede spüren kann, welchen Kampf die Autorin mit ihrem Habicht und den Tiefschlägen des Lebens da ausficht. Dazu muss man weder Falkner noch Ornithologe noch Naturliebhaber sein. Die Autorin ist übrigens all dies und dazu Historikerin.

Die Originalausgabe von "Falke" kam bereits 2006 in Großbritannien in die Buchläden. Im aktuellen deutschen Vorwort erklärt Helen Macdonald, wie es zu diesem Buch kam. Kurz gesagt: Eigentlich fraß sie sich durch Literaturberge, um das Verhältnis von Falke und Mensch in einer Doktorarbeit zu erfassen. Aus dieser wurde jedoch nichts.

Stattdessen wurde aus der Fülle des Materials, den Notizen und Randnotizen ein Buch. Keine Naturfibel, sondern Helen Macdonald schreibt eine Kulturgeschichte des Falken. Aus zahlreichen Mosaiksteinchen setzt sie ein Bild des Falken in menschlichen Gesellschaften zusammen und illustriert/garniert alles mit Fotos, die neugierig machen: auf der Hand eines Falkners am persischen Hof des 15. Jahrhunderts, als Jäger von Wildgänsen auf einem russischen Aquarell, als Ikon in der Werbung für den rasanten Ford Falcon der 1950er Jahre…

Nicht nur der Falkenbiologie und der Falknerei ist ein Kapitel gewidmet, sondern auch der Rolle von Falken – und dem Mythos des kühnen, blitzschnellen Jägers – in der Kriegsmaschinerie. Natürlich geht es auch um die Bedrohung zahlreicher Falkenarten durch Pestizide, industrielle Landwirtschaft und den Abverkauf der begehrten Vögel in Asien.

Aber wie gut, dass Helen Macdonald uns Mut macht: Sie beschreibt, wie der Wanderfalke in den USA im letzten Moment gerettet wurde und welche Chancen Großstädte den geflügelten Stadtbewohnern bieten können.

Dieses Buch ist definitiv kein Krimi, aber ich finde darin viele überraschende Häppchen zum Thema Falke.

Von einem will ich erzählen: Helen Macdonald beschreibt, welche außerordentliche Rolle die Jagd mit Falken über Jahrhunderte in Europa spielte. Bis sie im 19. Jahrhundert an Bedeutung verlor … außer für eine „Handvoll Exzentriker wie des Vaters von Henri Toulouse-Lautrec. Toulouse-Lautrec senior beliebte es, mit flatternden Schößen und Falken auf der Faust durch die Straßen von Albi zu flanieren.“

Als ich diesen Sommer im südfranzösischen Albi, Heimat zahlloser Tauben und von Henri Toulouse-Lautrec, ein paar Urlaubstage verbrachte und gerade der „Falke“ gelesen hatte, stieß ich im Musée Toulouse-Lautrec der Stadt auf das tolle Gemälde eines Falkners – gemalt vom 16jährigen Künstler. Noch mehr begeisterte mich sein Wanderfalke – in Öl gemalt auf Holz – aus demselben Jahr.

Aber man muss nicht über Toulouse das nahegelegene Örtchen Albi ansteuern, um diese „Falke“-Lektüre mit Gewinn zu lesen.

Falke
Autorin: Helen Macdonald
Verlag: C.H. Beck
Jahr: 2017

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Ein segelnder Albatros über dem blauen Meer.

Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich die mehr als 500 Seiten über das Leben eines Laysan-Albatros verschlungen habe. Das war 2004, im Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe. Und der so realistische und zugleich emotional aufgeladene Bericht, ist mir danach nie mehr aus dem Kopf gegangen. Ich habe das Buch, das es nur noch antiquarisch oder in Bibliotheken gibt, jetzt erneut durchstöbert; und war wieder fasziniert. Denn einerseits ist der Text unglaublich einfühlsam.

(Seite 55):
Ein Männchen und ein Weibchen sitzen viele lange Minuten nebeneinander, knabbern sich gegenseitig sanft am Gesicht, putzen einander mit außerordentlicher Zärtlichkeit und geben sich dem hin, als sei es der größte Luxus.

Und anderseits nimmt der Biologe und Umweltschützer Carl Safina kein Blatt vor den Mund, wenn er uns vorhält, wie wir nicht nur den Albatros, sondern seinen Lebensraum – der letztlich auch der unsere ist – durch Plastikmüll, Chemikalien oder Raubbau an der Natur gefährden. Diesen Albatros, der sein Junges nicht mehr satt bekommen, beobachtete Safina mit Entsetzen.
(Seite 399):
Langsam kommt aus dem Hals des Vogels die Spitze – nur die Spitze einer grünen Kunststoffzahnbürste zum Vorschein. Der Anblick ist so unwirklich – so deplatziert, so falsch –, dass mein irritiertes Hirn immer wieder meine Augen befragt: Seid ihr sicher, dass das eine Zahnbürste ist? ...
Das Küken, das offensichtlich großen Hunger hat, bedrängt die Mutter.

Aber:
Mit gebogenem Hals kann der Vogel die gerade Zahnbürste nicht herauswürgen. Er schluckt den Fremdkörper wieder und wieder … Es ist ein schmerzliches Erlebnis. Die Albatrosmutter schluckt ein letztes Mal und entfernt sich mit der Zahnbürste im Leib von ihrem Jungen.

In diesem Buch gibt es viele anrührende, viele unterhaltsame und auch schreckliche Geschichten. Aber vor allem erfahren wir jede Menge über Albatrosse, die ihre ersten Lebensjahre unablässig segelnd über den Ozeanen verbringen, irgendwann einen Lebenspartner finden und mit ihm ihre Jungen großziehen. Allerdings gibt es immer nur ein Ei – und auch das nicht jedes Jahr, denn hin und wieder muss ein Albatros sein Gefieder wechseln. Und dann hat er nicht genug Reserven für eine Brut.

Ist einmal das Junge geschlüpft, machen sich die Eltern abwechselnd auf eine weite Reise, um vor allem Tintenfische zu jagen und sie im Magen zu einer öligen Flüssigkeit zu transformieren. Damit wird nach ihrer Rückkehr der Jungvogel gefüttert. Mehrere Tage ist ein Altvogel unterwegs, und welche gewaltigen Strecken er zurücklegt, erfahren wir, weil Carl Safina die Albatros-Mutter Amelia mit einem Sender ausgestattet hatte; natürlich im Rahmen eines Forschungsprojekts.

Der mitreißende Bericht über das Familienleben von Amelia und anderen Laysan-Albatrossen auf einem der Atolle der nordwestlichen Inselkette von Hawaii, erzählt auch von den anderen Seevögeln, den Robben und Schildkröten, die hier leben. Ganz nebenbei erfahren wir auch, welche Rolle die Inselkette im 2. Weltkrieg gespielt hat und wie der Mensch durch rigoroses Eiersammeln, als Schlächter der Jungvögel und durch Langleinen-Fischfang den Bestand der Albatrosse bedroht.

Und gerade wenn es mal wieder zum Verzweifeln ist, dann muntert Carl Safina uns auf und berichtet unterhaltsam von engagierten Biologen auf einer gottverlassenen Insel im Hawai-Archipel, von tapferen Umweltschützern, neugierigen Ökotouristen und den Fischern an der Küste von Alaska, die ihre Langleinen so auslegen, dass möglichst der Fisch und nicht die Albatrosse anbeißen.

Im Wissenschaftsjahr 2016*17 - Meere und Ozeane ist dies eine fesselnde Lektüre – und das sogar für Jung und Alt, mit und ohne biologische Vorkenntnisse.

Ein Albatros namens Amelia
Autor: Carl Safina
Verlag: marebuchverlag
Jahr: 2004

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Auffliegende schwarz-weiße Mönchskraniche aus dem BuchcoverDas ist nicht einfach nur ein wunderschöner Bildband. Das ist ein wirklich beeindruckender Blick in die zauberhafte Welt der Kraniche rund um den Globus. Der Fotograf und Autor Carl-Albrecht von Treuenfels (CvT) war viele Jahre weltweit unterwegs, unter anderem auf der Spur der Kraniche.

Auf dem Cover sind die wundervollen Mandschurenkraniche zu sehen, im Buch Fotos von allen 16 Kranicharten. Es gibt eine wunderbare Verbreitungskarte, die Brutgebiete und Zugrouten unseres Grauen Kranichs ebenso enthält wie die seiner Verwandten - etwa des Kanadakranichs, der im Winter Richtung Mexiko fliegt und des seltenen Schneekranichs, der zwischen Sibirien und China pendelt.

Was mich ganz besonders begeistert sind die unaufgeregten Erläuterungen eines wirklichen Kranichkenners, der zum Beispiel das Foto eines Kranich"babys" so ergänzt: "Im Alter von zwei Tagen kann sich der junge Mandschurenkranich im Gefolge seiner Eltern schon ziemlich selbständig einen Weg durch das abgestorbene Schilf des Vorjahres bahnen. Nur dort, wo er nicht weiterkommt, helfen ihm die Altvögel, indem sie zu dicht stehende Halme niedertreten."

Aber nicht nur die Naturfotografien von CvT sind bezaubernd, sondern auch das Kapitel "Als Kult- und Kulturträger unter den Vögeln unübertroffen". Wir sehen Reliefdarstellenungen von Kranichen in altägptischen Grabkammern, Kranichmotive aus dem Palastmuseum in Peking, ein Holzornament mit Kranich aus dem Schloss Sanssouci in Potsdam, aber auch Kraniche auf Briefmarken, als Wandbemalung in Chinarestaurants und als modernes Kunsthandwerk - zusammengeschweißt aus Schrottteilen - als ein afrikanischer Exportartikel. Zum Schluss ein kleiner Wermutstropfen: Das Buch gibt es derzeit nur noch antiquarisch.

Zauber der Kraniche
Autor: Carl-Albrecht von Treuenfels
Verlag: Knesebeck
Jahr: 2006 (2. Aufl.)

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Habicht im Schnee stehend blickt uns an.Dieses Buch und der Besuch eines Habichts in unserem Garten haben mich zu einem Habicht-Fan gemacht. Schon beim Durchblättern der rund 140 Seiten war ich von den phantastischen Fotos aus dem Leben von Habichten begeistert. Mal fliegt einer mit geschlagener Beute flach übers Gebüsch, mal blicken Habichtküken aus dem Horst, mal jagt ein Habicht Nebelkrähen, mal sie ihn. Und wir sehen, wie ein Biologe einen Baum erklimmt, um die Nestlinge zu beringen.

Was mir gut gefällt: Die Fotos werde nicht vom Text erschlagen, sondern es gibt gerade so viel Text, wie man braucht, um die Fotos gut zu verstehen.
Ein gelungenes Buch, das ich immer wieder gern in die Hand nehme. Die Autoren sind Greifvogelexperten, Beringer und Naturfotografen, die in Zusammenarbeit mit dem NABU dieses informative Buch gestaltet haben.

Der Habicht. Vom Waldjäger zum Stadtbewohner
Autoren: L. Artmann, N. Kenntner, C. Neumann, S. Schlegl
Verlag: Oertel+Spörer
Jahr: 2015

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Cover des Buches "Die Evolution des Fliegens"mit drei Flugbildern eines KolibrisWer sich fürs Fliegen interessiert, der ist hier richtig. Es geht nicht nur um die Vögel, die ihr Flugvermögen auf ganz unterschiedliche Weise perfektioniert haben. Es geht auch um Insekten und Fische, die sich in die Luft begeben. Selbst manche Schlangen heben ab.

Unter den Säugetieren gleiten die Flughörnchen sehr elegant, aber gerade die Fledermäuse dürfen wir nicht vergessen ... Das Tolle an dem Buch von drei Wissenschaftlern: Man schlägt eine Seite auf und kann sich durchaus mit dem begnügen, was dort an Fotos und Text abgedruckt ist. Wer will, kann den Verweisen auf andere Buchseiten folgen. Immer wieder gibt es auch Hinweise auf wissenschaftliche Artikel der Autoren. Aber das ist eher etwas für Spezialisten.

Mich hat begeistert, dass hier durch das Verschmelzen von Fotos die Bewegungsabläufe wirklich klar werden. Die Autoren selbst sprechen von multiplen Bildern. Dadurch sehen wir, was unserem Auge im Alltag sowieso entgeht und was in der Zeitlupe unserem Gehirn meist entwischt: Der 10 Gramm schwere Hirschkäfer nutzt beim Abheben zum Beispiel seine Flügeldecken, während der Gigant unter den Käfern, der afrikanische Goliathkäfer, die Flügel unter diesen Flügeldecken nur herausschiebt. Sein Körpergewicht: bis 35 Gramm. Auch das war mir völlig neu: Es gibt fünf Arten von Flugschlangen! Einer ihrer Tricks: Sie stellen die Rippen seitlich auf und gewinnen so an Breite!

Jetzt muss ich mal zu den Vögel kommen: Wer kennt nicht den Pfau. Und wer das männliche Tier mit seinem schmucken, langen Schwanz betrachtet, der fragt sich irgendwann: Kann der überhaupt abheben? Ja, er kann! Und man muss nur auf zwei Seiten dieses Buches schauen, um zu erfahren warum und wie. An dieser Stelle höre ich einfach mal auf und verweise nur auf den jungen Weißstorch, den ich bei einer seiner ersten Landungen am Boden beobachten konnte.

Das Buch ist voll phantastischer Beispiele von Flugkünstlern in der Natur. Dass hier Flugphysik, Biologie und Kunst sich genial verschränken, ist kein Zufall. Da haben ein Mathematiker und Tierfotograf, ein Evolutionsbiologe und der Flugbiophysiker Werner Nachtigall - für mich als Biologin eine Koryphäe auf dem Gebiet -, zusammengearbeitet haben.

Die Evolution des Fliegens
Autoren: G. Glaeser, H. F. Paulus, W. Nachtigall
Verlag: Springer
Jahr: 2017

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Das Cover des Buches "Der Wanderfalke" mit dem Bild des gesprenkelten Gefieders."Das ist ein Gedicht", sagte früher mein Vater, wenn er etwas ganz hervorragend fand. Dabei konnte es sich um ein Stück Sahnetorte, eine sanfte Hügelkette oder einen jungen Hengst handeln. Was ein Gedicht ist, das ist jedenfalls ganz außergewöhnlich, großartig. Genau das empfand ich beim Lesen von "Der Wanderfalke".

Der Autor ist im Südosten Großbritanniens einigen Wanderfalken auf der Spur, die dort das Winterhalbjahr verbringen und vor allem dieses tun: jagen, töten, fressen, beobachten, dösen, schlafen. Er folgt ihnen stundenlang, meist im miesen südenglischen Winterwetter. Über den Buchautor erfahren wir so gut wie nichts, obwohl er es ist, der uns auf seinen Streifzügen mitnimmt. J.A. Baker erzählt keine Geschichte oder Geschichtchen, etwa über den einen Wanderfalken und seine Überlebensstrategien. Es gibt auch keinerlei Dramatik oder Spannung, keinen unterhaltsamen Erzählton. Vielmehr verfasst Baker ein zugleich gleichmütiges und betörendes Tagebuch.

Die Kapitel beginnen mit einem Datum als Überschrift, zum Beispiel so auf Seite 67:

20. Oktober
Groß und glänzend schwebte der Wanderfalke bei kräftigem Südwind und herbstfrischer Morgensonne zwischen dunklen Ringen aus Staren über den Flussauen. In weiten Bögen stieg er in die Höhe, stieß dann gelangweilt kreisend nieder, mit goldenen in der Sonne glitzernden Fängen. Kopfüber trudelnd wie ein Kiebitz, versprengte er im Fall die Stare.

Wer „Der Wanderfalke“ zur Hand nimmt, sollte definitiv keine Story erwarten. Die gibt es nicht. Dafür malt J.A. Baker malt ein wundervolles Gemälde von der englischen Winterlandschaft und setzt die jagenden Wanderfalken mitten hinein. Wer die Vögel und die Marschlandschaft in England und anderswo nahe der Küste liebt, der ist bei diesem Buch richtig. Er kann ein Gedicht erwarten.

Um das zu illustrieren noch ein Zitat, Seite 75:

28. Oktober
Pfeif- und Krickenten trieben mit der Flut herein: Watvögel bevölkerten die hochstehenden Salzwiesen. Lauthals warnend flog ein Bausch Spatzen heran, gefolgt vom Falken, der langsam über tausend am Boden hockende Watvögel hinwegsegelte. Seine ellenbogenartig eingeknickten Handwurzelgelenke standen seitlich ab wie der gespreizte Nackenschild einer Kobra und wirkten ebenso gefährlich.

Der Wanderfalke
Autor: J.A. Baker
Verlag: Matthes & Seitz
Jahr: 2014

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Buchtitel "Die Salzberger Schwalbengeschichte"

Buchtitel "Im Herzen des Tals"

Buchcover von ADEBAR mit einem Rotkehlchen

Buchcover mit einem sitzenden Falken

Buchcover: Ein segelnder Albatros über dem blauen Meer.

Buchcover: Auffliegende schwarz-weiße Mönchskraniche

Buchcover: Drei Flugbilder eines Kolibris

Habicht im Schnee stehend blickt uns an.

Buchcover: Bild des gesprenkelten Gefieders - grafisches Muster in Grautönen.