Im Fokus: Der Schreiadler

Cover des Buches "Könige der Lüfte" mit Schreiadlerfoto und dem Titel in goldener Schrift auf grünem GrundWas für ein Werk! Thomas Krumenacker hat ein fantastisches Buch über den Schreiadler geschrieben. Oder soll ich lieber sagen: Er hat ein fantastisches Buch über den Schreiadler fotografiert? Könige der Lüfte ist nämlich beides zugleich, Sachbuch und Bildband.

Eigentlich ist das kein Wunder, denn der Autor ist nicht nur Ornithologe und arbeitet als Wissenschaftsjournalist für angesehene deutschsprachige Medien¹, sondern er ist ein erfahrener Fotograf mit dem Fokus auf die Vogelwelt.²

Und außerdem: Schreiadler beobachtet er seit vielen Jahren.

Es ist aber doch noch ein Wunder zu erwähnen: Dieses Buch, das unendlich reich an Fotos und Informationen über den recht kleinen, aber sehr wendigen Schreiadler und seinen Lebensraum ist, bescherte mir immer wieder Glücksmomente und hat mich oft zu Tränen gerührt. Geradezu wütend gemacht, hat es mich auch. Das muss ich natürlich erklären, also der Reihe nach.

Schreiadler in Gefahr

Der Schreiadler ist einer von vier Adlern, die in Deutschland vorkommen. Dies sind der Steinadler in der Alpenregion und der Seeadler an den Gewässern Nordostdeutschlands. Beide leben bei uns ganzjährig – im Gegensatz zum Fischadler und dem Schreiadler, die bei uns brüten, aber im Spätsommer in wärmere Länder abziehen.

Viel Erstaunliches gibt es über den Schreiadler zu berichten, der alljährlich nach Afrika in die Region jenseits der Sahara fliegt. Allein auf seinem Weg ins Winterquartier und wieder zurück ins Brutgebiet legt er unglaubliche 20.000 Kilometer zurück. Jahr für Jahr.

Das ist nicht nur eine weite Strecke, sondern auch eine extrem gefährliche. Vor allem im Libanon, in Syrien und der Türkei, aber auch in EU-Ländern, werden nach wie vor Greifvögel, Störche und Kraniche „abgeballert.“ So muss ich es nennen, denn immer wieder werden die toten Vögel achtlos liegengelassen, dienen nicht einmal als Nahrung oder Trophäe. Von einer kurzen Macht- und Potenzdemonstration spricht Thomas Krumenacker, Seite 104

Der Anblick eines getroffen vom Himmel gefallenen großen Vogels ist offenbar vielen der Vogelwilderer eine ausreichende Motivation für das Töten eines Vogels. Die Tiere, wie in früheren Zeiten zur Ernährung abzuschießen, ist heute in hochentwickelten Ländern wie dem Libanon nicht mehr üblich.

Um ein derartiges Ereignis geht es in dem Buchabschnitt Diethers Reise. Und wen macht dessen Geschichte nicht wütend? Denn für den etwa 14jährigen Adler, der erfolgreich in Mecklenburg-Vorpommern für Nachwuchs gesorgt hatte und dessen Nistplatz engagierte Horstbetreuer den Sommer über bewacht hatten, endet die Reise tödlich. Der Adler wird in Nahost, nahe einer Landstraße und in Sichtweite eines Dorfes, abgeschossen.

Diether ist als toter Vogel allerdings bedeutsam: Sein Schicksal ließ sich ermitteln, weil er bereits 2009 mit einem Sender ausgestattet worden war.³ Aber nur wenige Schreiadler sind besendert oder beringt, schreibt Thomas Krumenacker und mahnt, Seite 103

Sieht man wie viele der besenderten oder beringten Vögel durch Jäger im Nahen Osten umkommen und betrachtet weitere Indizien, bekommt man eine Ahnung über das Ausmaß des Adler-Massakers, das sich in jedem Jahr abspielt.

Kleine Population

Das Verbreitungsgebiet des Schreiadlers zieht sich von Nordostdeutschland weiter ostwärts in die Baltischen Republiken, nach Weißrussland (Belarus) und bis in die Ukraine. Hierzulande gibt es nur 130 Brutpaare. Das ist wenig im Vergleich zu den mittlerweile 1100 Seeadlerpaaren. Und so entstand in Brandenburg ein Projekt, das sich bemüht, mehr Jungvögel aufzupäppeln, als es für Schreiadler typisch ist. Zwei Eier legt das Weibchen in der Regel. Und eine Regel ist auch, dass von den beiden Küken nur ein Junges flügge wird. Das ältere und stärkere lässt dem jüngeren und schwächeren Geschwister meist keine Chance.

Ein solcher Kainismus hat biologische Gründe. Nicht nur das ist in Könige der Lüfte nachzulesen, sondern auch wie das zweite Ei von Naturschutzexperten dem Horst vorsichtig entnommen und das geschlüpfte Küken durchgefüttert und ausgewildert wird, ohne anschließend auf Menschen geprägt zu sein.

Nicht jeder und jede hält diese Art von Zuchtprogramm für die richtige Strategie, um den Schreiadler in Deutschland als Brutvogel zu erhalten. Auf das Für und Wider geht Thomas Krumenacker ausführlich ein. Aber was tun?

Schreiadler auf seinem Horst zwischen grün belaubten Bäumen
Am Horst: Gut verborgen brütet der Schreiadler auf Waldbäumen (Foto: ©Thomas Krumenacker)

Das Dilemma

Der Lebensraum des Schreiadlers wurde und wird bei uns kontinuierlich zerstört. Das betrifft Waldgebiete, in denen er seinen gut getarnten Horst baut und brütet, wie auch Weiden und Wiesen, wo er seine Nahrung – oft zu Fuß – ergreift. Zugesetzt hat ihm insbesondere die EU-Agrarreform, durch die naturnahe Flächen zu Mais- und Rapseinöden mutierten; getränkt mit Agrochemikalien. Ein trauriges Kapitel, aber lesen Sie selbst: Knapper Lebensraum.

Außerdem: Nicht nur während der turbulenten Balzzeit fliegen Schreiadler um ihren Horstbaum herum, sondern in einem größeren Radius auch zur Nahrungssuche. Sie stoßen dabei im wahrsten Sinne des Wortes auf ein weiteres Hindernis: Windkraftanlagen. Denen hat Thomas Krumenacker unter den 13 Buchkapiteln ein sehr nachdenklich stimmendes gewidmet. Der Titel Lebensgefahr!

Ein weiteres Problem ist die Trockenlegung von Feuchtgebieten, gerade in Osteuropa. Denn dadurch kommt der Schreiadler (Clanga pomarina) dem nah verwandten Schelladler (Clanga clanga) in die Quere. Das hat Folgen, wie der Autor spannend und anschaulich erklärt.

Zwei braune Schelladler sitzen auf einem Ast, der im blau schimmernden Flachgewässer liegt.
Der Schreiadler und diese Schelladler sind nah verwandt, bevorzugen aber unterschiedliche Biotope.

Glücksmomente

Nun aber endlich zu dem, was mich so begeistert hat. Dazu zählt neben vielen anderen Episoden der Schlüpfvorgang und wie er hier erzählt wird, Seite 43

Wenn es an der Zeit ist, den Aufbruch in ein neues Leben außerhalb des Eis zu wagen, muss ein Vogelküken, ganz wie ein menschlicher Säugling, seine Sauerstoffversorgung durch die Blutgefäße beenden und damit beginnen, seine Lungen zum Atmen zu benutzen. Seinen ersten Atemzug nimmt es, wenn es die Luftkammer anpickt, die sich … am stumpfen Ende des Eies … gebildet hat. Dieser Schritt ist vital …

Begeistert hat mich auch, wie der vielseitige Ornithologe uns die Fürsorglichkeit der Schreiadlereltern vor Augen führt. Für die Nahrungsbeschaffung sind vor allem die Männchen zuständig, berichtet er auf Seite 46

Die Weibchen bewachen während dieser Zeit den Jungvogel beinahe ununterbrochen … Sie kümmern sich rührend um den Nachwuchs, wie ich in ungezählten Stunden in meinen Fotoverstecken an Schreiadlerhorsten selbst staunend beobachten konnte. Vorsichtig zerkleinern sie in den ersten Tagen und Wochen die Beutetiere in schnabelgerechte Portionen und füttern ihr anfänglich recht ungeschicktes Küken geduldig und immer wieder, sobald es sich regt.

Glücksmomente entstehen auch, wenn Thomas Krumenacker das Habitat des Schreiadlers in der nordostdeutschen Landschaft beschreibt und bebildert. Ein Idyll, das übrigens keineswegs Menschen oder eine ökologisch orientierte Landwirtschaft ausschließt.

Und wer sich aus großstädtischen Straßenfluchten, Eigenheimsiedlungen mit versteinerten Gärten oder monotonen Agrarflächen wegbeamen möchte, dem empfehle ich das Kapitel Das gelobte (Lett)Land. Das macht sehnsüchtig, selbst wenn das Leben dort weniger idyllisch ist, als es erscheint. In Lettland brüten jedenfalls noch 4000 Schreiadlerpaare, Seite 113

Kleine Flüsse und Moore durchziehen die Landschaft. Das Grünland wird immer wieder von älteren Birken-Espen- und Erlenwäldern unterbrochen … Nahe der Gehöfte weiden einzelne Kühe oder Ziegen auf den endlos scheinenden Wiesen. Aus ihnen rufen im Frühsommer unablässig auch am hellichten Tag die Wachtelkönige – untrügliche Boten für eine ökologisch intakte Umwelt.

Zu guter Letzt: Könige der Lüfte ist ein außergewöhnlich schön illustriertes Sachbuch, das uns den Schreiadler aus verschiedenen Perspektiven nahe bringt. Bei der Lektüre des Buches entsteht sukzessive das Gefühl, den Greif gut zu kennen – auch wenn man ihn, so wie ich, noch nie zu Gesicht bekommen hat. Und übrigens, wie die Adlerart zu ihrem Namen kam, das verrät Thomas Krumenacker natürlich auch.

¹ Thomas Krumenacker arbeitet für das Online-Journal Die Flugbegleiter, für überregionale Tageszeitungen wie Süddeutsche Zeitung und für Vogelzeitschriften wie Der Falke, wo er auch der Fachredaktion angehört. Hin und wieder taucht sein Name auch in diesem Blog bei den Infos auf.
² Für seinen Bildband Vögel in Israel erhielt er 2009 den Umweltpreis des israelischen Naturschutzverbandes.
³ Viele Menschen, die sich um den Bestand des Schreiadlers kümmern, werden in diesem Buch en passant gewürdigt. Darunter sind Bernd-Ulrich Meyburg, der viele Adler besendert und beobachtet hat, Torsten Langgemach, der sich für Schutzräume des Schreiadlers einsetzt, und Horstbetreuer wie Hans Krüger und Kai Graszynski.

Könige der Lüfte
Autor:  Thomas Krumenacker
Jahr:    2022
Verlag: Frederking & Thaler



Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

2 Kommentare zu “Im Fokus: Der Schreiadler

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