Die Sprache der Vögel

Cover des Buches mit einer Bachstelze auf eine Stein sitzend, dahinter bergiges GrünBisher gab es in meinem Leben kein Buch, das ich von vorne bis hinten ein zweites Mal gelesen habe. Nur jetzt dieses: Die Sprache der Vögel. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich kenne.

Auch wegen der wundervollen Vogelaquarelle, die der Sohn des Autors – mit kaltem Kaffee – aufs Papier gezaubert hat.

Als der Roman von Norbert Scheuer 2015 erschien, war manchen Kritikern darin zu viel Vogelleben, anderen zu viel Eifel-Welt. Viele waren voll des Lobes. Ich selbst bin damals wie heute begeistert, und darum einige persönliche Gedanken und Wahrnehmungen.

Krieg und Frieden

Diese elegant gestrickte Geschichte erzählt auf besondere Art von Krieg und Frieden und von drei Männern, die nicht die schlichte Vogelbeobachtung verbindet, sondern eine schiere Sehnsucht nach den Freiräumen der gefiederten Kumpanen, die so leicht abheben und sich davonmachen können – immer auf der Suche nach einem geeigneten Ort.

Die drei Vogelsüchtigen des Romans sind keine Ornis, die es strikt auf die Menge der gesichteten Vogelarten abgesehen haben, sondern stehen für drei Generationen von ganz normalen Wahnsinnigen: Einerseits gelingt es ihnen, in dieser Welt eine Zeitlang unauffällig zu funktionieren, andererseits arbeiten sie daran, diese Welt auf Flügeln zu verlassen (S. 98).

In dieser Nacht schlägt in der Mitte des Lagers eine Rakete ein. Auf dem Feldbett liegend, höre ich an- und abschwellendes Pfeifen … Unsere Welt kommt mir vor wie ein großes verwinkeltes Haus mit Fluren, Stockwerken und Türen, in einigen Räumen herrscht Krieg. In diesem Augenblick weiß ich nicht, was ich da eigentlich zu suchen habe.

Der Protagonist des Romans, Sanitätsobergefreiter Paul Arimond aus der Eifel, den wir auf seinem Einsatz in Afghanistan begleiten, ist vor einem persönlichen Desaster in die Ferne geflohen. Wie nebenbei berichtet er von seinem kriegerischen Erleben (S. 76 und S. 168):

Ein etwa zehn Jahre altes Mädchen liegt auf dem Behandlungstisch. Während ich den schmutzigen Verband entfernte, werden Medikamentenkisten herein getragen.

Das Lager steht jetzt mehrmals in der Woche unter Raketenbeschuss, die Wachposten sind verstärkt worden und in ständiger Alarmbereitschaft.

Und über seinen Zimmerkameraden notiert er (S. 78):

Julian möchte Offizier werden, seine Ausrüstung muss immer entsprechend perfekt sein, er liest Bücher über Kriegstaktiken und Strategien für höhere Offiziere, geht täglich ins Fitnesscenter und joggt durchs Lager mit einem Rucksack, in den er seine Hanteln gepackt hat.

Abheben können

Paul Arimond berichtet in seinen knappen Tagebucheintragungen nicht nur, wie er zur Eifel Kontakt hält und das Lagerleben erträgt, sondern immer wieder von den Vögeln, die er auf dem Flugplatz, vom Wachturm aus (S. 88) und durch die Luke des Transportpanzers entdeckt.

Wieder auf meinem Turm beobachte ich Schwarzmilane (Milvus migrans). Sie lassen sich von einer Säule warmer Luft nach oben tragen, schweben scheinbar ohne Anstrengung in immer größer werdenden Spiralen höher und höher, ihre Schwingen ausgestreckt, ganz ruhig.

In Gedanken verfolgt er unablässig ein verbotenes Ziel, das durch Schanzwall und elektronische Sperre im Prinzip unerreichbar ist: einen vogelreichen See, den „Stillen See“, jenseits des militärischen Sperrgebietes, das sein Lager umgibt (S. 57):

Im Sperrgebiet hält sich ein Trupp Rotstirngirlitze (Serinus pusillus) auf … Einige der Männchen balzen, tragen enthusiastisch ihre Lieder vor, lassen dabei ihre Flügel hängen und richten das Kopfgefieder auf, wobei ihre rote Stirn besonders auffällt.

Und am Ufer des Sees dann wie eine Erlösung (S. 149):

Säbelschnäbler fliegen auf, strahlend weiße Flügel mit schwarzen flatternden Linien, langgestreckte blaugraue Beine, das dünne hohe Flöten aus ihren gebogenen Schnäbeln, als sie über mich hinwegfliegen.

Die Sprache der Vögel

Verwoben ist diese traurig-sehnsuchtsvolle Geschichte mit Ambrosius Arimond, einem Urahn von Paul, der im 18. Jahrhundert über Palästina und Persien bis Afghanistan reiste, um das Fliegen und den Vogelgesang – und damit die Sprache der Vögel – zu erkunden. Und verwoben ist sie auch mit dem Vater von Paul Arimond. Denn der nahm seinen Sohn mit zu den brütenden Wanderfalken an der Autobahnbrücke (S. 61) und war nicht zufällig – und mit tragischen Konsequenzen – ein eleganter Hochspringer.

Im Frühjahr 1996 beobachtete ich zusammen mit meinem Vater Wanderfalken (Falco peregrinus). Nach langer Zeit hatten sie sich wieder in unserer Gegend angesiedelt … Das Männchen kündigte sich mit schrillen Rufen an. Vater und ich saßen sehr günstig, wir konnten mit unseren Gläsern in das Nest sehen. Drei junge Wanderfalken waren gerade geschlüpft.

Das Ende des Romans möchte ich euch durchaus vorenthalten. Alles spitzt sich zu, nach dieser Tagebucheintragung von Paul, die mit den Worten beginnt (S. 222):

Es wird immer gefährlicher hier.

Die Sprache der Vögel
Autor: Norbert Scheuer
Verlag: C.H.Beck, München
Jahr: 2015 (2. Aufl.)

E-Book (C.H.Beck, München)
Taschenbuch (S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M.)



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Kommentar zu “Die Sprache der Vögel

  1. Norbert Scheuer steht gerade mit „Winterbienen“ auf der Liste des Deutschen Buchpreises – und ist für mich eine Entdeckung.
    Wie schön, dass Du gerade jetzt auf „Die Sprache der Vögel“ hinweist.
    Ich folge Deinem Blog ausgesprochen gern.
    Rosi

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