Boten des Wandels

Auf dem Cover des Buches "Boten des Wandels" ist ein fliegender Storch abgebildet.Dies ist ein Buch über das extreme Leben der Weißstörche und die extremen Erlebnisse ihrer menschlichen Beobachter, das viele fesseln wird. Da bin ich mir sicher. Denn Holger Schulz (*1954) hat ein sehr persönliches Roadmovie getextet und Boten des Wandels mit eigenen Fotos illustriert.

Er hält sich nicht mit trockenen Zahlen über den Bestand und die Zugrouten des Weißstorchs auf, sondern nimmt uns mit auf seine Forschungsexpeditionen ins teils unwirtliche, teils berauschend schöne Afrika – immer auf der Spur der Störche, die uns im Spätsommer verlassen und im März, April wieder eintrudeln.

Der Biologe und Storchexperte erzählt unterhaltsam und gern etwas hemdsärmelig, wie er nach endlosen Einreiseformalitäten in Mali das erste kalte Bier genießt, bei 40° Celsius in seinem zum Büro umgerüsteten Geländewagen Daten am PC auswertet oder mit den durch jede Ritze dringenden Stechinsekten zu kämpfen hat. Und wir erfahren auch, wie riskant die Feldforschung nach dem 11. September 2001 in den islamisch geprägten Staaten Afrikas war.

Um die Routen ziehender Weißstörche aufzuspüren, hielt sich der Autor von Boten des Wandels nicht mit Ringfunden aus der Ferne auf, um so etwa Vogelzugkarten zu komplettieren. Vielmehr fuhr er direkt in die Überwinterungsgebiete und nutzt bei den Storchsuchfahrten möglichst schlaue Technik.

Das erste Großprojekt

Bei seiner ersten Tour 1986, die ihn nach Ostafrika und Südafrika im Rahmen des WWF-Weißstorchprojekts brachte, ist der junge Biologe noch primär auf gute Informanten aus der Ornithologen-Szene angewiesen, steigt in Propellermaschinen, um Störche aus der Luft zu zählen, und folgt den Vögeln per Geländewagen mit Allradantrieb. Das Vehikel, das er in Khartum ergattert hatte, ist definitiv nicht das neueste Modell. Doch als er mit zwei Kollegen einen Trupp Störche verfolgt, tut es seinen Dienst (S. 48):

Fast eine halbe Stunde lang rumpelt unser Geländewagen über die Savanne, knallt in Schlaglöcher, hoppelt über tiefe Querrinnen und kracht und knirscht, als wolle er sich in 1000 Einzelteile zerlegen. In der Ferne sehen wir die Störche landen. Nicht Hunderte, nein, Tausende sind es, die jetzt mit baumelnden Beinen dem Boden entgegenschweben.

Das Besondere an dieser Lektüre ist, dass sich Expeditionsromantik mit präziser Beobachtung verknüpft – ohne dabei belehrend zu sein. Ja, bei landenden Störche, da baumeln die Beine, bevor sie dann gezielt aufsetzen. Wie oft hat auch mich das schon fasziniert.

Im Kapitel Unterwegs auf der Ostroute benennt Schulz all die Gefahren für ziehende Störche in Afrika. Sie verdursten und verhungern in heftigen Sandstürmen, werden bei starkem Wind von ihrer Route abgetrieben, von Einheimischen geschossen und gebraten. Und Pestizide, die Heuschrecken oder anderen Insekten in Hirse- und Sojafeldern den Garaus machen sollen, vernichten ihre Nahrungsgrundlage.

Eine wichtige Botschaft steht gleich auf dem Buchdeckel und erschließt sich rasch. Der Weißstorch ist flexibel, wandelbar: Während er bei uns meist an Gräben und auf Feuchtwiesen nach schlüpfriger Nahrung sucht, sind in Afrika die hüpfenden und krabbelnden Insekten sein Grundnahrungsmittel. In Spanien verschlingt er Unappetitliches auf den offenen Müllhalden oder schnappt sich Unmengen von Krebsen in den nassen Reisfeldern.

Im deutschen Brutgebiet

Auch dem Storchendorf Bergenhusen in Schleswig-Holstein, dessen Naturschutzzentrum Holger Schulz im Auftrag des NABU geleitet hat, ist ein Kapitel gewidmet. Da geht es um die beglückende Ankunft der Störche im Frühjahr, ihre heftigen Kämpfe um einen Horst und wie schwer sie es in der trostlosen Agrarlandschaft mit der Futtersuche für sich und ihren Nachwuchs haben. Dramatisch habe sich der Naturraum durch Entwässerung und auf Ertrag gezüchtetes Grünland verändert (S. 113):

Das Flöten der Brachvögel und die aufgeregten Rufe der Uferschnepfen tönten über die feuchten Wiesen, und im Balzflug gaukelten Kiebitze über das Moor. Und heute? Das Frühlingskonzert der Wiesenvögel ist weitgehend verstummt.

Fehlen aber feuchte von Gräben durchzogene Wiesen, werden die Jungvögel nicht satt. Es mangelt an Frosch & Co. und an den zarten Regenwürmern für die „Storchenbabys“. Notfalls werden die schwächsten Nachkommen von den Eltern entsorgt. Quasi als Kontrastprogramm verfrachtet Holger Schulz uns gleich darauf vom hiesigen Notstand an die kroatischen Soave Auen. Danach wissen wir, wie ein Storchenparadies aussieht!

Das zweite Großprojekt

Nicht nur in Deutschland ist der Storchenbestand zwischen 1970 und 1990 extrem eingebrochen. In der Schweiz hat der letzte Storch bereits 1950 gebrütet. Und während manche sich dort und andernorts um Wiederansiedlungsprojekte kümmern, soll der deutsche Biologe im Auftrag der Schweizerischen Gesellschaft für den Weißstorch herausfinden, inwieweit das Desaster auch an den Zugrouten oder Überwinterungsgebieten liegt. Spannende Expeditionen unter dem Motto SOS Storch führen ihn darum nach Spanien und über Marokko in die Sahelzone südlich der Sahara.

Im Jahr 2000 nutzen Biologen bereits die teure Satellitentelemetrie. Dafür müssen Störche mit Sendern ausgerüstet und Verträge mit ARGOS geschlossen werden, damit die Positionsdaten der Vögel im PC oder dem Handy der beteiligten Forscher landen. An all den Vorbereitungen und der Besenderung lässt Holger Schulz uns teilhaben und verrät nebenbei aus welchem Holz die Menschen des Projekts geschnitzt sind (S. 176):

Idealisten, Abenteurer oder begeisterte Vogelgucker. Ums Geldverdienen geht es ihnen nicht. Ihre Bezahlung: ein Taschengeld…

Auf seinen Touren schaut der Biologe dann und wann mit einem kritischen Blick auf die Wüsten in der Agrarlandschaft, etwa die endlosen Olivenhaine in Spanien, wo unter den mit Giftmischungen besprühten Bäumen nichts mehr wächst und sich nichts mehr regt. Ansonsten stehen die schwarz-weißen Thermiksegler im Vordergrund: Wo gibt es Strommasten und andere tödlich Gefahren? Wie schaffen es die Störche, die Pyrenäen zu überqueren? Welche Temperaturen und Winde brauchen sie, um an der Straße von Gibraltar nach Afrika überzusetzen? Das und unendlich viel mehr erfahren wir über den Zug der Störche.

Schließlich geht es von Spanien aus über Westafrika in unwirtliches Gelände südlich der Sahara, wo viele europäische Störche überwintern. In dem Kapitel Unterwegs auf der Westroute suchen Holger Schulz und sein Team dort nach den besenderten Störchen, die weiterhin ihren Aufenthaltsort signalisieren. Mauretanien, Mali und Niger sollen passiert werden, was besondere Vorsicht und gut vorbereitete „Afrika-Fahrzeuge“ erfordert (S.215):

Alles muss extrem robust verzurrt und verschraubt sein, um Tausende Kilometer auf mörderischen Wellblechpisten und im Gelände zu überstehen. Ich selbst sitze im Staub und verlöte unsere Funkgeräte für den Anschluss ans Bordstromnetz.

Was dann auf dem Weg zu den vier Störchen Ciconia, René, Rudi und Francis im Binnendelta des Niger und südlich der Sahara alles passiert, möchte ich nicht verraten. Das ist – speziell für alte Afrika-Fans wie mich – im Wortsinn „mitreißend“ geschrieben. Es gibt wunderbare Natur zu bestaunen, spannende Einblicke ins Vogelleben und natürlich lesen wir allerlei Storys über Feldforschung in Afrika.

Und nun mein Aber

Wir sind rund 20 Jahre weiter. Das gilt nicht nur für Afrika, sondern auch für das Frauenbild, das dieses Buch vermittelt. Konkret: Es tauchen auf 270 Seiten neben fast 40 Männern gerade mal vier Frauen schlaglichtartig auf, darunter die Ehefrau von Holger Schulz, die aber als Biologin kaum in Erscheinung tritt. Auch zwei andere sind in erster Linie Ehefrauen von, nur eine ist beim Projekt SOS Storch in Europa auf Weißstorchsuche.

Man kann das dem Autor nicht ankreiden, denn bis vor wenigen Jahren haben Männer die Ornithologie bestimmt. Das ändert sich allmählich, die Netzwerke werden bunter, und ich habe den Eindruck, dass sich der Naturschutz und die vogelkundlichen Gesellschaften in Deutschland über den Zulauf von jungen und weiblichen Vogelfans freuen. Eine forsche Heidi Hetzer hat der Weißstorchforschung in Afrika jedenfalls gefehlt. Und das ist sicher: Auf Tagungen der Deutschen Ornithologen Gesellschaft beginnt kein Vortrag mehr mit „Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kollegen“ (S. 235) wie noch vor 18 Jahren.

 

Boten des Wandels. Den Störchen auf der Spur
Autor: Holger Schulz
Verlag: Rowohlt Taschenbuchverlag
Jahr: 2019 (1. Aufl.)



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