Krähen

Buchcover mit schwarzer Saatkrähe. Sie dreht uns den Rücken zu und sieht uns dennoch mit einem Auge genau.Amüsant, gut informiert und von eigenen Beobachtungen flankiert, hat Cord Riechelmann über die Krähenverwandtschaft – auch Rabenvögel oder Corviden genannt –, einen Text entwickelt, der mich immer wieder fasziniert. Und ganz offensichtlich nicht nur mich, denn das elegante Büchlein liegt mittlerweile in der 7. Auflage vor. Es geht darin um Kolkraben und Elstern, um Berliner Nebelkrähen und sowjetische Saatkrähen, die heute russische sind, aber auch um Hitchcock, Konrad Lorenz, französische Philosophen, indianische Mythen, die Farbe Schwarz und Betty.

Die Erstausgabe von Krähen liegt einige Jahre zurück. Mit ihr hat die Herausgeberin Judith Schalansky 2013 den Reigen der Naturkunden eröffnet. Krähen ist die N1 dieser wunderbaren Serie bei Matthes & Seitz.

Dem Autor, der Biologie und Philosophie an der FU Berlin studiert hat und als Journalist etwa für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und neuerdings bei den Flugbegleitern aktiv ist, gelingt es durch sein zugleich tiefgründiges und schmunzelndes Berichten, an dem landläufigen Bild von Krähen zu rütteln.

Denn die elende Schwarzmalerei, die sich im finsteren Buchdeckel durchaus widerspiegelt, muss ein Ende haben. Sie geht nicht nur auf das Konto der Zunft schießaffiner Jäger, sondern es tragen auch all jene dazu bei, die nie dem klugen und spielerischen Treiben von Krähen zugeschaut haben. Dazu aber animiert dieses Buch, das die wundervollen Flugspiele der Kolkraben vorführt und von den gedächtnisstarken Elstern berichtet, die unter Dachziegeln verstecktes Futter aus üppigeren Zeiten hervorzaubern. – Und mir fällt sofort mein Nebenkrähenpaar ein, das gleich um die Ecke brütet, Turmfalken über die Hausdächer jagt und sich immer wieder als pfiffig erweist.

Russische Impressionen

Zurück zu Cord Riechelmann, der selbst am Nordkap den Krähen auf der Spur war und von Sankt Petersburg aus erkundet hat, wo jene Saatkrähen ihre Brutkolonien etablieren, die bis in die 1980er Jahre im Berliner Stadtgebiet überwinterten und sich auf den offenen Müllkippen proviantiert haben.¹

Auf seiner Recherchetour zu Zeiten der Sowjetunion staunte er über diese Szenerie südlich von Krasnoje, wo Felder privatwirtschlich bestellt wurden: idyllisch in unseren Augen (Seite 41).

Kiebitze bewachten ihre Küken, aus der Luft rufend. Ein weiteres Feld lag links zwischen den Wiesen. Es wurde mit einem Holzpflug bearbeitet, den zwei Jungen zogen und ein älterer Mann lenkte.

Kurz darauf passiert er einen Eichenwald und erlebt den beeindruckenden Geräuschpegel von Saatkrähen, die keinesfalls als Kleinfamilie leben, sondern als quirlige Kommune:

Die in den Eichen siedelnde Kolonie mit mehr als 200 Nestern, über denen ständig einige Vögel kreisten, andere an- und abflogen und immer mindestens einer am Nest saß, bot denn auch eher das Bild einer ständigen Vertretung.

Die permanente Kommunikation in den Kolonien hängt auch damit zusammen, dass sie sich ständig irgendetwas – Futter, Nistmaterial, Lebenspartner – streitig machen. Allerdings ohne sich direkt anzugreifen, meist nur indem sie eine Unachtsamkeit ausnutzen.

Und in Berlin

Statt Bewunderung lösen Krähenvögel bei vielen Westeuropäern eher Abneigung aus. Das gefällt Cord Riechelmann überhaupt nicht. Aber was tun? Elstern verspeisen beispielsweise durchaus die Jungvögel von Amsel und Co, allerdings nur in geringen Mengen. Kein Grund also, sie zu massakrieren, wie es offenbar jener Mensch plante, der seinen Hund ins Gebüsch hetzte, um

eine gerade flügge gewordene, noch unerfahrene Elster zu jagen. (Nach dem Motto) … die Biester richten sowieso nur Schaden an – und so weiter.

Das Ende der Geschichte formuliert der Autor dann augenzwinkernd so (Seite 48):

Zum Glück war der Hund so dämlich wie die Elster schlau.

Kluge Rabenvögel

Ein Beispiel für die Schlauheit der Rabenvögel liefern die Dschungelkrähen, die in Südostasien nicht nur auf dem Land verbreitet sind, sondern sich sogar im dicht bebauten Tokio etabliert haben. Besonders attraktiv waren für sie dort die Müllsäcke am Straßenrand, denn mit ihrem langen Schnabel konnten die Krähen diese öffnen und nach Fressbarem fahnden.

Dem hat die Stadtverwaltung jedoch einen Riegel vorgeschoben: Müllsäcke durften nur noch kurz vor Eintreffen der Müllabfuhr auf die Straßen von Tokio. Die Dschungelkrähen wanderten dennoch nicht ab und verhungerten auch nicht, sondern setzten ihr Hirn planvoll ein. Aus der Beobachtung, dass Nüsse aufplatzen, wenn Autos darüber hinweg fahren, entwickelten sie eine gewagte Strategie und platzierten die Schalenfrüchte auf Straßenkreuzungen (Seite 60):

Sie waren die ersten Krähen, von denen Berichte um die Welt gingen; darüber wie sie gelernt hatten, ihre Nüsse an Ampeln von Autoreifen knacken zu lassen.

Dass Krähen sich Menschen anschließen, hat für allerlei Mythenbildung, Fabeln und Legenden um die stattlichen Vögel gesorgt, so Cord Riechelmann. Als böse Krähen haben sie zudem Hitchcock ein grandioses Thema geliefert und als kluge, verspielte, lerneifrige Kumpane dem Nobelpreisträger Konrad Lorenz und der Verhaltensforschung wichtige Impulse gegeben.

Wer nun wissen möchte, wie ein Autor all das auf 150 Seiten – inklusive wunderbarer Illustrationen und Artbeschreibungen – unterbringen kann, sollte sich dieses Büchlein besorgen. Es enthält für alle, die an der Natur- und Kulturgeschichte der Krähen interessiert sind, eine Menge weiterer kleiner Überraschungen. Darunter auch Betty.

Krähen. Ein Portrait
Autor: Cord Riechelmann
Verlag: Matthes & Seitz
Jahr: 2013 (7. Auflage 2019)


¹ Es waren damals Schwärme von Zigtausenden, das weiß ich, weil ich einige Male an den morgendlichen Zählungen teilgenommen habe. Heute machen sich die Saatkrähen in Berlin rar, denn die Müllkippen der Stadt sind geschlossen. Gute Chancen, sie zu beobachten, bestehen in der kalten Jahreszeit auf dem Tempelhofer Feld.



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2 Kommentare zu “Krähen

    1. Wie schön, dass du ebenfalls das Buch „Krähen“ schätzt. Übrigens gefällt mir das neue Webdesign deines Blog gut! Und der junge Flussregenpfeifer ist wirklich entzückend. Das Junge und die elterliche Fürsorge, von der du berichtest, das sind so die kleinen beglückenden Beobachtungen am Rande. Viele Grüße nach München!

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