Im Herzen des Tals

20. Juli 2019 | Vogelbücher | 1 Kommentar

Vogelbuch mit Cover von "Im Herzen des Tals", mit schwarzer und grüner Schrift auf hellem Grund stehen da Autor und Titel.

Die Heckenbraunelle ist genau das, was der Name sagt: ein braunes Vögelchen, das sich am liebsten in Hecken herumtreibt. Aber was Nigel Hinton aus diesem Treiben macht, das ist unglaublich und ergreifend.

Durch seine minutiöse Beschreibung all dessen, was der kleine Sperlingsverwandte sieht und hört und fühlt – ja fühlt (!) –, schlüpfen wir allmählich in dieses unauffällige grau-braune Federkleid. Jedenfalls fast.

Mit klug gewählten Worten und all seinem Einfühlungsvermögen in das, was die Braunelle ängstigt oder jubilieren lässt, wechseln wir ganz allmählich die Perspektive und leben irgendwann ein Vogelleben in diesem abgelegenen südenglischen Tal – vermutlich der Heimat des Autors –, wo die wenigen menschlichen Bewohner eher Statisten sind.

Das Buch beginnt mit dem Schrecken von Kälte und Schnee, auf den die junge Heckenbraunelle nicht vorbereitet ist. (Seite 12)

Die von dem Wind abgewandte Seite einer Birke bot etwas Schutz vor dem wirbelnden Weiß, und als sie dort landete hämmerte ihr Herz vor Verstörung und Angst.

Vor allem braucht sie einen guten Schlafplatz, und findet ihn. (Seite 15)

Nahe dem Hauptstamm hatten sich lange Grashalme um den untersten Ast geschlungen und so einen schützenden Tunnel gebildet, der gerade groß genug für den kleinen Körper war. Sie zwängte sich hindurch und fand die Gemütlichkeit und Sicherheit ihres Heimes wieder.

Aber es wird dann doch rasch ungemütlich, denn die Schleiereule geht auf die Jagd und auch die Füchse sind in der Dunkelheit unterwegs.

Frühlingserwachen

Bald kommt mit den wärmeren Tagen eine glückliche Zeit – und der Braunellenmann. (Seite 40)

Ihr Herz schlug wild vor Freude und Aufregung über die Jagd. Das war etwas ganz anderes als ein Streit mit einem anderen Vogel; die Angst, die sie empfand, war erregend und in den Tönen, die sie ihm entgegenschmetterte, vibrierten Verwirrung und Entzücken.

Bevor es dann an Nestbau und Brut geht, genießt die Heckenbraunelle das Leben, so könnte man meinen. (Seite 66)

Das Braunellenweibchen flog an diesem Morgen durch das Fenster des Lagerhauses hinaus und landete auf den leuchtend roten Dachziegeln, die sie noch nie gesehen hatte. Die Sonne wärmte ihren Rücken und das ganze Tal war in helles Licht getaucht. Die Schönheit der Landschaft erfüllte sie mit jubelnder Freude und sie warf sich zwitschernd in die Luft.

Ich möchte nicht verraten, welche kleinen und großen Dramen sich später noch in dem stillen Tal abspielen. Das Verdienst des Autors ist es aber, dass dabei weder die Schleiereule, noch die hungrige Fuchsfamilie oder der aus Afrika heimgekehrte Kuckuck, ein lästiger Brutparasit, schlecht wegkommen. Vielmehr malt Nigel Hinton dieses überschaubare Ökosystem so wissend und hinreißend, wie ich es noch nie gelesen habe.

Dabei formuliert der Autor, der eine Zeit lang als Lehrer gearbeitet hat, keineswegs belehrend. Ich kann nur Doris Lessing zustimmen, die einmal betont haben soll, dass sie traurig war, als das Buch zu Ende war. – Das jedenfalls verriet mir die vogelbegeisterte Gabriele Greaney, die ich bei den Singschwänen traf und die mir Im Herzen des Tals empfohlen hat.

Im Herzen des Tals
Autor: Nigel Hinton
Verlag: Zsolnay/Herder
Jahr: 2017 (3. Aufl.; auch als Taschenbuch)

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

1 Kommentar

  1. Das klingt nach einer wunderbaren Sommerempfehlung. Zumal ich gerade überlege, wie ich die Heckenbraunelle vom Sperling unterscheiden kann. Zumindest auf eine gewisse Distanz. Ich schaue schon geraume Zeit, ob ich mal eine zu Gesicht bekomme – und sie dann auch erkenne.
    Danke für den schönen Buchtipp.
    Rosi

    Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Abo-Werbung für den Blog "Flügelschlag und Leisetreter" mit einem Specht, ein Kunstwerk von M. Garff

Vogel gesucht?

Gut sortiert

5 von 749 Kommentaren

Alle sind vollständig unter dem zugehörigen Blogbeitrag zu lesen.

  • Elke Brüser zu Ein Platz für MauerseglerHallo Andrea, vielen Dank für deinen wichtigen Kommentar. Danke! Also nicht verschließen, wenn bereits andere Gebäudebrüter darin gebrütet haben. Ich konnte auch selbst beobachten, was du beschreibst:…
  • Andrea Schulz zu Ein Platz für MauerseglerHi, ich möchte was zum Verschließen der Nistkästen sagen: Haussperlinge gehören wie Mauersegler zu den ganzjährig geschützten Gebäudebrütern. Wenn sie einmal in den Nistkästen genistet haben, ist es n…
  • Elke Brüser zu Ein Platz für MauerseglerLiebe Frau oder Herr Lenk, auch bei uns wurde ja der rechte, modernere Nistkasten in diesem und dem letzten Jahr zügig von Sperlingen besetzt. Gerade dieser hat aber eine Schiebevorichtung, mit der ma…
  • c. Lenk zu Ein Platz für MauerseglerLiebe Elke Brüser, in die Fassade von mehreren unserer Genossenschaftshäuser wurden als Ausgleichsmaßnahme Einfluglöcher zu Mauerseglernistkästen eingebaut - so jedenfalls die Theorie. In der Praxis s…
  • Elke Brüser zu Ein Platz für MauerseglerLieber Michael, liebe Miriam, das freut mich natürlich sehr, dass euch meine kleine Geschichte über die Mauersegler gut gefällt. Ich bin gespannt, ob sich die Jungen irgendwann im Flugloch sehen lasse…

Birding

Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

Cookie Consent mit Real Cookie Banner