Im Herzen des Tals

Buchcover von "Im Herzen des Tals", mit schwarzer und grüner Schrif tauf hellem Grund.

Die Heckenbraunelle ist genau das, was der Name sagt: ein braunes Vögelchen, das sich am liebsten in Hecken herumtreibt. Aber was Nigel Hinton aus diesem Treiben macht, das ist unglaublich und ergreifend.

Durch seine minutiöse Beschreibung all dessen, was der kleine Sperlingsverwandte sieht und hört und fühlt – ja fühlt (!) –, schlüpfen wir allmählich in dieses unauffällige grau-braune Federkleid. Jedenfalls fast.

Mit klug gewählten Worten und all seinem Einfühlungsvermögen in das, was die Braunelle ängstigt oder jubilieren lässt, wechseln wir ganz allmählich die Perspektive und leben irgendwann ein Vogelleben in diesem abgelegenen südenglischen Tal – vermutlich der Heimat des Autors –, wo die wenigen menschlichen Bewohner eher Statisten sind.

Das Buch beginnt mit dem Schrecken von Kälte und Schnee, auf den die junge Heckenbraunelle nicht vorbereitet ist. (Seite 12)

Die von dem Wind abgewandte Seite einer Birke bot etwas Schutz vor dem wirbelnden Weiß, und als sie dort landete hämmerte ihr Herz vor Verstörung und Angst.

Vor allem braucht sie einen guten Schlafplatz, und findet ihn. (Seite 15)

Nahe dem Hauptstamm hatten sich lange Grashalme um den untersten Ast geschlungen und so einen schützenden Tunnel gebildet, der gerade groß genug für den kleinen Körper war. Sie zwängte sich hindurch und fand die Gemütlichkeit und Sicherheit ihres Heimes wieder.

Aber es wird dann doch rasch ungemütlich, denn die Schleiereule geht auf die Jagd und auch die Füchse sind in der Dunkelheit unterwegs.

Frühlingserwachen

Bald kommt mit den wärmeren Tagen eine glückliche Zeit – und der Braunellenmann. (Seite 40)

Ihr Herz schlug wild vor Freude und Aufregung über die Jagd. Das war etwas ganz anderes als ein Streit mit einem anderen Vogel; die Angst, die sie empfand, war erregend und in den Tönen, die sie ihm entgegenschmetterte, vibrierten Verwirrung und Entzücken.

Bevor es dann an Nestbau und Brut geht, genießt die Heckenbraunelle das Leben, so könnte man meinen. (Seite 66)

Das Braunellenweibchen flog an diesem Morgen durch das Fenster des Lagerhauses hinaus und landete auf den leuchtend roten Dachziegeln, die sie noch nie gesehen hatte. Die Sonne wärmte ihren Rücken und das ganze Tal war in helles Licht getaucht. Die Schönheit der Landschaft erfüllte sie mit jubelnder Freude und sie warf sich zwitschernd in die Luft.

Ich möchte nicht verraten, welche kleinen und großen Dramen sich später noch in dem stillen Tal abspielen. Das Verdienst des Autors ist es aber, dass dabei weder die Schleiereule, noch die hungrige Fuchsfamilie oder der aus Afrika heimgekehrte Kuckuck, ein lästiger Brutparasit, schlecht wegkommen. Vielmehr malt Nigel Hinton dieses überschaubare Ökosystem so wissend und hinreißend, wie ich es noch nie gelesen habe.

Dabei formuliert der Autor, der eine Zeit lang als Lehrer gearbeitet hat, keineswegs belehrend. Ich kann nur Doris Lessing zustimmen, die einmal betont haben soll, dass sie traurig war, als das Buch zu Ende war. – Das jedenfalls verriet mir die vogelbegeisterte Gabriele Greaney, die ich bei den Singschwänen traf und die mir Im Herzen des Tals empfohlen hat.

 

Im Herzen des Tals
Autor: Nigel Hinton
Verlag: Zsolnay/Herder
Jahr: 2017 (3. Aufl.; auch als Taschenbuch)



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Kommentar zu “Im Herzen des Tals

  1. Das klingt nach einer wunderbaren Sommerempfehlung. Zumal ich gerade überlege, wie ich die Heckenbraunelle vom Sperling unterscheiden kann. Zumindest auf eine gewisse Distanz. Ich schaue schon geraume Zeit, ob ich mal eine zu Gesicht bekomme – und sie dann auch erkenne.
    Danke für den schönen Buchtipp.
    Rosi

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