Ein Albatros namens Amelia

Ein segelnder Albatros über dem blauen Meer.Es ist eine halbe Ewigkeit her, dass ich die mehr als 500 Seiten über das Leben eines Laysan-Albatros verschlungen habe. Das war 2004, im Erscheinungsjahr der deutschen Ausgabe.

Und der so realistische und zugleich emotional aufgeladene Bericht, ist mir danach nie mehr aus dem Kopf gegangen.

Vermutlich auch deshalb, weil der Autor die uns so fremde ferne Welt, in der diese Sturmvögel leben, besonders anschaulich beschreiben kann.

Ich habe das Buch, das es nur noch antiquarisch oder in Bibliotheken gibt, jetzt erneut durchstöbert; und ich war wieder fasziniert. Denn einerseits ist der Text unglaublich einfühlsam (Seite 55):

Ein Männchen und ein Weibchen sitzen viele lange Minuten nebeneinander, knabbern sich gegenseitig sanft am Gesicht, putzen einander mit außerordentlicher Zärtlichkeit und geben sich dem hin, als sei es der größte Luxus.

Und anderseits nimmt der Biologe und Umweltschützer Carl Safina kein Blatt vor den Mund, wenn er uns vorhält, wie wir nicht nur den Albatros, sondern seinen Lebensraum – der letztlich auch der unsere ist – durch Plastikmüll, Chemikalien oder Raubbau an der Natur gefährden. Diesen Albatros, der sein Junges nicht mehr satt bekommen, beobachtete Safina mit Entsetzen (Seite 399):

Langsam kommt aus dem Hals des Vogels die Spitze – nur die Spitze einer grünen Kunststoffzahnbürste zum Vorschein. Der Anblick ist so unwirklich – so deplatziert, so falsch –, dass mein irritiertes Hirn immer wieder meine Augen befragt: Seid ihr sicher, dass das eine Zahnbürste ist? …

Das Küken, das offensichtlich großen Hunger hat, bedrängt die Mutter. Aber:

Mit gebogenem Hals kann der Vogel die gerade Zahnbürste nicht herauswürgen. Er schluckt den Fremdkörper wieder und wieder … Es ist ein schmerzliches Erlebnis. Die Albatrosmutter schluckt ein letztes Mal und entfernt sich mit der Zahnbürste im Leib von ihrem Jungen.

Nicht nur anrührende Geschichten

In diesem Buch gibt es viele anrührende, viele unterhaltsame und auch schreckliche Geschichten. Aber vor allem erfahren wir jede Menge über Albatrosse, die ihre ersten Lebensjahre unablässig segelnd über den Ozeanen verbringen, irgendwann einen Lebenspartner finden und mit ihm ihre Jungen großziehen. Allerdings gibt es immer nur ein Ei – und auch das nicht jedes Jahr, denn hin und wieder muss ein Albatros sein Gefieder wechseln. Und dann hat er nicht genug Reserven für eine Brut.

Ist einmal das Junge geschlüpft, machen sich die Eltern abwechselnd auf eine weite Reise, um vor allem Tintenfische zu jagen und sie im Magen zu einer öligen Flüssigkeit zu transformieren. Damit wird nach ihrer Rückkehr der Jungvogel gefüttert. Mehrere Tage ist ein Altvogel unterwegs, und welche gewaltigen Strecken er zurücklegt, erfahren wir, weil Carl Safina die Albatros-Mutter Amelia mit einem Sender ausgestattet hatte; natürlich im Rahmen eines Forschungsprojekts.

Der mitreißende Bericht über das Familienleben von Amelia und anderen Laysan-Albatrossen auf einem der Atolle der nordwestlichen Inselkette von Hawaii, erzählt auch von den anderen Seevögeln, den Robben und Schildkröten, die hier leben.

Ganz nebenbei erfahren wir auch, welche Rolle die Inselkette im 2. Weltkrieg gespielt hat und wie der Mensch durch rigoroses Eiersammeln, als Schlächter der Jungvögel und durch Langleinen-Fischfang den Bestand der Albatrosse bedroht.

Und gerade wenn es mal wieder zum Verzweifeln ist, dann muntert Carl Safina uns auf und berichtet unterhaltsam von engagierten Biologen auf einer gottverlassenen Insel im Hawaii-Archipel, von tapferen Umweltschützern, neugierigen Ökotouristen und den Fischern an der Küste von Alaska, die ihre Langleinen so auslegen, dass möglichst der Fisch und nicht die Albatrosse anbeißen.

Im Wissenschaftsjahr 2016*17 – Meere und Ozeane ist dies eine fesselnde Lektüre – und das sogar für Jung und Alt, mit und ohne biologische Vorkenntnisse.

Ein Albatros namens Amelia
Autor: Carl Safina
Verlag: marebuchverlag
Jahr: 2004



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