Der heimliche Rallenreiher

Rallenreiher am Ufer stehend

Der Rallenreiher hat auf den ersten Blick ein streifiges Gefieder, das zwischen Ocker, Beige und Braun changiert. Nur wenn er von seinem Sitzplatz abfliegt oder gerade landet, sind seine hellen Flügelpartien und die fast weiße Unterseite zu erkennen. Die tarnfarbene Oberseite trägt dazu bei, dass wir ihn nicht leicht entdecken.

Ganz anders verhält sich die Sache bei den Graureihern, die gerne auch mal prominent sitzen, und bei Silber- und Seidenreihern, deren schneeweißes Gefieder sich stark vom Hintergrund abhebt.

An der Meeresküste

Rallenreiher leben versteckt. Sie verbergen sich in der Uferzone von Teichen, Flüssen, Sümpfen oder ehemaligen Salinen. Wie gut ihnen das gelingt, zeigt dieses Panoramafoto. Nur wer hier mit einem Fernglas das Ufer absucht – oder zufällig den Vogel auffliegen sieht – wird ihn bemerken

Felsiges ufer mit Gebüschund im Hintergrund eine stadt mit weißen Häusern
Suchbild: Rallenreiher an den Salinen von Thessaloniki; unterhalb der weißen Steinblöcke

Auf den abgebildeten Rallenreiher stieß ich kürzlich bei einer Tour mit einer kleinen Gruppe von Ornis in Nordgriechenland. Die Art begegnete mir in zwei ganz unterschiedlichen Biotopen: in der weiten Uferzone von Thessaloniki und am Rand eines Gewässers am Kerkini-See, das heißt nahe der Grenze zu Bulgarien.

Im Uferbereich der nordgriechischen Millionenstadt, der sich bis zum Delta des Axios erstreckt, verharrte der Reiher lange bewegungslos. Und weil mein Hauptinteresse den Rosaflamingos galt, die im Wasser standen beziehungsweise am Himmel vorbeizogen (derzeit auf der Startseite meines Blogs zu sehen), überließ ich den gut getarnten Kerl bald seiner reglosen Lauer.

Rallenreiher steht am felsufer und schaut in Wasser
Fast unbeweglich in seiner Lauerstellung

Rätselhafte Verhaltenssteuerung

Nachträglich beschäftigte mich dann erneut die Frage: Wie machen Vögel das, dass sie zur Nahrungsbeschaffung oder auch zum Nestbau eine Umgebung wählen, in der sie nicht auffallen – und also sicher sind.
Welche Mechanismen wirken im Gehirn als ererbte oder früh erworbene Templates¹ und konkretisieren sich bei der Verhaltenssteuerung? Was hat sich via Evolution herausgebildet, so dass die Auswahl gelingt?
Eine einfache Antwort gibt es darauf nicht. Aber ich will diesen Fragen noch gezielt nachgehen – und werde berichten.


Im Binnenland

Einen weiteren Rallenreiher beobachtete ich in einem ganz anderen Umfeld, und zwar an einem durch heftige Regenfälle gut gefüllten Gewässer am Rande des Kerkini-Sees.

Ein ruhiger See, dahinter Wiesen, Bäume und hohe, wolkenbehangene Berge
Das Biotop am Kerkini-See mit dem 2000m hohen Gebirgszug Belles, der die Grenze zu Bulgarien bildet.

Dort hielten sich Tafelenten und Moorenten auf, außerdem Löffelenten, Blässhühner, der Zwergtaucher und eben der Rallenreiher. Eigentlich hatte er oder sie – die Geschlechter unterscheiden sich äußerlich kaum – am diesseitigen Ufer im Schatten gestanden. Erst als sich eine Handvoll Vogelgucker und Vogelguckerinnen² am Ufer breit machte, wechselte er die Seite.

Auch hier war der Vogel nicht leicht zu entdecken, aber wir hatten ja zuvor seinen Abflug gesehen. Und wer das Foto durch Ziehen oder Anklicken vergrößert, der findet den heimlichen Rallenreiher auch.

Wasser, in dem sich Bäume spiegeln, und eine grüne Wiese.Die aparte Schönheit des Rallenreihers wird auf meinen Fotos nicht deutlich. Das liegt weniger an der erheblichen Distanz als daran, dass an diesem sonnigen Oktobertag die Luft stark flimmerte.

Stehender Rallereiher auf einer Wiese am Ufer.Die Grafik im Werk des angesehenen Ornithologen Johann F. Naumann Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (1887-1905, Auflage 3, Bd. 6, Tafel 24) zeigt nicht nur das Federkleid mit den hellen und dunklen Partien, sondern hilft zu verstehen, warum die Reiherart durch einen Modetick lange Zeit extrem bedroht war.

Vorne sitzt ein Rallenreiher mit langen Schmuckfedern am Kopf, dahinter weitere Reiher sitzend und fliegend. Federhändler hatten es auf die langen Schmuckfedern am Kopf, die zur Paarungszeit besonders prächtig sind, abgesehen. Und so wurden die Tiere gejagt und fast ausgerottet.

Mit diesen Federn hat man im 19. Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert hinein vor allem Damenhüte verziert.

In der Paläarktis sank dadurch die Zahl der Brutpaare von 16.400 zwischen den Jahren 1850 und 1900 auf nur noch 6.800 in den Jahren 1900 bis 1920.

 

Grafik:
Vorne steht ein Männchen, dahinter ein junges Weibchen.
Gut sichtbar sind neben den Schmuckfedern auch die weißen Partien im Federkleid und die gelben Beine.

Die Liste der Gefahren für Rallenreiher ist zwar nicht lang, aber der Mensch bedroht den Bestand erheblich. Das Hauptproblem diverser Reiherarten ist längst nicht mehr die Mode, sondern die Habitatzerstörung. Schon im Grzimeks Tierleben (Kindler 1968, Bd. 7, Vögel 1) schreibt dazu Helmuth Kramer vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn, Seite 181

Der größte Feind der Reiher ist der Mensch, wenn er sie verfolgt und ihren Lebensraum zerstört.

Und man muss es ganz deutlich sagen: Dass ich in Nordgriechenland erstmals Rallenreiher beobachten konnte, liegt nicht so sehr daran, dass die Art bei uns nicht brütet³, sondern daran, dass ich in zwei naturgeschützten Gebieten unterwegs war. Sowohl die Mittelmeerküste bei Thessaloniki – mit dem Axios Delta und der Kalochori Lagune – als auch der Kerkini-See sind Natura 2000 Gebiete; also Schutzzonen und sichere Zwischenstationen auf dem Weg in die afrikanischen Winterquartiere.

Die „Schleichkatze“

Wenn der Rallenreiher nicht am Ufer stehend lauert, erinnert sein Verhalten an das Anschleichen einer Katze an ihre Beute. Geduckt und die Augen starr nach vorne gerichtet, bewegt er sich zögernd vorwärts. „Schleichkatze“ könnte man ihn taufen.

Am Ufer geht ein langestreckter Rallenreiher mit starr nach vorne gerichteten Augen.

Er heißt jedoch aus guten Gründen Rallenreiher, lese ich bei Viktor Wember in Die Namen der Vögel Europas (Seite 74). Denn diese Reiherart ähnelt in ihrer verborgenen Lebensweise den Rallen, zu denen etwa die Wasserralle und das Blässhuhn gehören. – Und außerdem: Gewandt wie eine Ralle bewegen sich Rallenreiher im Schilf.

Den hungrigen Rallenreiher bei der Nahrungssuche zu beobachten, ist ein Vergnügen: Er macht sich sehr flach und ist mit ausgreifenden Schritten unterwegs. Immer länger wird der dicke Hals, wenn er Beute entdeckt hat. Plötzlich hält er inne und schnappt zu.

Bräunlicher Vogel, der am Ufer schreitet.
Beute ist in Sicht: Anpirschen mit langen Schritten.
Rallenreiher am Ufer auf der Pirsch mit lang vorgestrecktem, dickem Hlas.
Kurz vor dem Ziel: Angespannt wie eine „Schleichkatze“.

In diesem Videoschnipsel lässt sich das Anschleichen und Zuschnappen trotz der flimmernden Luft gut verfolgen:

Zu sehen ist zwar nicht, wonach er oder sie da schnappt. Doch das Nahrungspektrum ist gut untersucht: Rallenreiher fressen keine ansehnlichen Fische, wie wir das vom Graureiher kennen, sondern sie bevorzugen kleine Fische und goutieren unter anderem Wasserkäfer, Froschlarven, Grashüpfer, Spinnen, Schnecken…

¹ Templates kann man sich vorstellen wie jene neuronal verankerten Raster oder Schablonen, die dafür sorgen, dass zum Beispiel eine junge Amsel den Gesang des Vaters und anderer Artgenossen lernt, nicht aber Gesangsstrophen einer Nachtigall.
² Ich war hier mit der Organisation Bartmeise-Reisen auf Tour, die ich zumindest einmal lobend erwähnen möchte.
³ Das Brutvorkommen liegt in Südeuropa. Es erstreckt sich zwischen Spanien und dem Iran, reicht bis zum Aralsee.

Rallenreiher | Grabier chevelu | Squacco Heron | Ardeola ralloides



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2 Kommentare zu “Der heimliche Rallenreiher

    1. Wichtige Frage, aber ich kann darauf nur als Vogelguckerin antworten: Das Schutzgebiet nahe Thessaloniki ist als solches ausgewiesen, und dort sind Birder aus aller Welt unterwegs. Es gibt Erklärungstafeln und Ausgucke. Es wird auch weder das Feuchtgebiet entwässert noch gebaut. Auch wird kein Vogel gefangen oder schießend vom Himmel geholt. Doch allein die Vermüllung – offenbar durch Fischer – war und ist mir ein Greuel. Auch am Kerkini-See könnte manches besser sein. Es liegt zu viel Plastikmüll herum, und die von der EU-finanzierten Einrichtungen sollten pfleglicher beahndelt werden… Aber das Biotop als solches wird zumindest erhalten.
      Es mangelt meines Erachtens vor allem am Bewusstsein der Menschen, die ihre Natur nicht wertschätzen. Dort wie bei uns.

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