Vom Ursprung der Vogelnamen

Buchcover mit einem rötlich-braunen Thorshühnchen und eine gelben Gebirgsstelze Rothalstaucher, Zilpzalp, Eichelhäher, Steppenadler… Was eigentlich steckt hinter all den wundersamen Vogelnamen? Wer hat sie geprägt? Woher stammen sie? Und weiter: Was ist die Logik hinter der Namensgebung? Gibt es da überhaupt eine? Schließlich: Wie sind die wissenschaftlichen Namen entstanden?

Für alle, die das als spannende Fragen betrachten, ist dieses Buch von Viktor Wember, das bereits in der dritten Auflage vorliegt, sicher eine Entdeckung. Denn genau diesen Fragen geht der Vogelkenner in Die Namen der Vögel Europas nach. Dabei befasst er sich nicht nur mit der Herkunft von deutschen Vogelnamen, sondern anschaulich wird vermittelt, wie die wissenschaftlichen Vogelnamen mit ihrer lateinischen und im Ursprung teils griechischen Nomenklatur zu verstehen sind.

Deutsche Vogelnamen: Die Madarinente

Nehmen wir als Beispiel die farbenprächtige Mandarinente. Was besagt ihr Name? Wer überhaupt hat ihn festgelegt?

Sicher, die ursprüngliche Heimat der Ente ist Asien. Und in dem großen chinesischen Kaiserreich gab es den Mandarin als hohen Staatsbeamten. Diesen Bezug stellen wir vielleicht intuitiv her. Aber was hat der chinesische Mandarin mit dieser Entenart überhaupt zu tun?

Viktor Wember erklärt das auf Seite 86 so:

Die aus Ostasien stammende Ente wurde nach den Mandarinen, den früheren chinesischen Staatsbeamten benannt, und zwar sowohl wegen des besonders prächtigen Gefieders, als auch wegen der orangen Färbung. – Auch der Name der Frucht Mandarine hängt mit der gelben Amtstracht jener Staatsbeamten zusammen.

Das ist eine Erläuterung, wie ich sie mir wünsche, zumal sie die auffälligen Merkmale der Mandarinente vermittelt: orangefarbene Backenbärte und Segel.

Was steckt hinter den Trivialnamen?

Wer Vögel beobachtet, fragt sich vielleicht auch irgendwann, woher der Name Möwe für die vornehmlich weißen Seevögel kommt, warum die Amsel eigentlich Amsel heißt und wie die Nachtigall zu ihrem Namen kam. Die Antwort auf diese Fragen ist nicht gerade simpel. Denn hinter den Namen stecken – wenn man so will – verschiedene Logiken. Ich nenne hier nur drei:

Markante Lautgebung: Die Familie der Möwen, zu der unter anderem die Mantel-, Herings- und Silbermöwe gehören, verdankt ihren Namen vermutlich ihrer Stimme. Auf Seite 129 von Die Namen der Vögel Europas steht, dass „maven“ im Althochdeutschen „wimmernd schreien“ bedeutet. Das passt!

Historischer Begriff: Bei der Amsel, die manche wegen des schwarzen Gefieders der männlichen Vertreter auch als Schwarzdrossel kennen, ist die Geschichte des Namens eine andere: Die Amsel ist ein eigenständiges Wort in germanischen Sprachen, das heißt ohne direkten Bezug zum Aussehn oder Verhalten, berichtet Viktor Wember auf Seite 350. Und er erklärt, dass es im Althochdeutschen das Wort amsala gab, im Mittelhochdeutschen bereits die amsel vorkommt und dass Shakespeare das Wort ousel verwendet hat – während die englischsprachigen Ornis und auch die Lexika heute von blackbird reden.

Auffälliges Verhalten: Beim Austernfischer präzisiert der Autor auf Seite 112, dass dieser Watvogel nicht auf Austern spezialisiert ist, sondern sein Name weiter zu fassen ist – der Vogel „steht auf“ Muscheln. Sein Schnabel, der von oben messerförmig schmal ist, hilft ihm im Watt nach Nahrung zu stochern und ermöglicht zum Beispiel neben Austern auch Herz- und Miesmuscheln zu öffnen. Er schiebt den Schnabel zwischen die Schalenhälften.

Was die deutschen Vogelnamen angeht, sie werden im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Namen auch als Trivialnamen bezeichnet, unterscheidet Viktor Wember generell zwei Gruppen: eigenständige Vogelnamen wie Amsel und beschreibende Vogelnamen wie Austernfischer. Aber nicht immer ist diese Unterscheidung wirklich eindeutig: Kleiber ist in unseren Augen ein eigenständiger Vogelname, ohne weiteren Bedeutungshintergrund. Doch auf Seite 10 erfahren wir:

Tatsächlich war der Kleiber früher ein Handwerker, der Lehmwände macht.

Und was macht der Kleiber? Er verklebt Lehm, um den Eingang zu seiner Nisthöhle, oft eine verlassene Spechthöhle, passend zu machen oder – wie Felsen- und Klippenkleiber – um die Bruthöhle in eine Felsnische oder an Mauerwerk zu heften.

Warum denn lateinische Begriffe?

Und dann sind da noch die wissenschaftlichen Begriffe, die jeder Art gewissermaßen einen Vornamen und einen Nachnamen verpassen – mal salopp ausgedrückt.¹ Dass sie weder auf Deutsch noch auf Englisch oder Chinesisch abgefasst sind, hat schlicht und ergreifend damit zu tun, dass in Europa wissenschaftliche Werke lange Zeit in Latein abgefasst wurden; auch als die Systematisierung der Vogelnamen im 18. Jahrhundert durch den schwedischen Arzt und Naturforscher Carl von Linné initiiert und umgesetzt wurde.

Zum Beispiel heißt der Turmfalke Falco tinnunculus und der Singschwan Cygnus cygnus. Der erste Begriff steht jeweils für die Gattung. Zu der Gattung (Genus) gehören in der Regel mehrere Arten (Spezies): Beim Schwan sind das neben dem Höckerschwan Cygnus olor unter anderem der Zwergschwan  Cygnus columbianus bewickii. Woran man sieht: Gleiche Gattung, aber unterschiedliche Arten – mit jeweils eigenem Nachnamen als Kennzeichen der Art.

Auch bei der Herkunft der wissenschaftlichen Namen klärt das Buch unkompliziert auf: Cygnus cygnus ist eine Doppelung des griechischen Begriffs für Schwan: ho kýknos. Diese Doppelung geht gewissermaßen auf das Konto von Linné, der viele Gattungs- und Artnamen festgelegt hat. Als Schwede sah er vor allem Singschwäne, die er daher zum Standard erhob – von Typus (Wiki)  sprechen wir in der Biologie. Noch ein Beispiel: Die Graugans heißt wissenschaftlich Anser anser. Das ist die Doppelung des lateinischen Wortes für Gans.

Übrigens kommt der Höckerschwan, der für uns eher der Standard ist, auch gut weg: Er heißt Cygnus olor, wobei olor das lateinische Wort für Schwan ist. Da haben wir es also mit einer griechisch-lateinischen Namensschöpfung zu tun.

Und worauf kommt es an?

Zurück zum Austernfischer, der wissenschaftlich Haematopus ostralegus heißt. Was bedeutet das? Stimmt es mit unserem Trivialnamen überein? Der Vorname, also Gattungsname, stammt aus dem Griechischen. Haematopus heißt „blutroter Fuß“, und ostralegus ist ein lateinisch-griechisches Mischwort und bedeutet „Austernsammler“ oder „Muschelsammler“. Hier sind also deutscher Trivialname und wissenschaftlicher Name zwar nicht deckungsgleich, aber beide haben ihre Berechtigung. Denn die roten Füße des Austernfischers sind markant! Auch bei der Mandarinente unterscheiden sich Trivialname und wissenschaftlicher Name, aber vielleicht möchten Sie – oder du – das doch lieber selbst lesen…

Die Namen der Vögel Europas ist mit den 440 Vogelnamen einfach phantastisch, zumal nicht nur die wahrscheinliche Herkunft der Namen erläutert wird, sondern auch die jeweilige Autorenschaft. So gesehen ist es spannend zu lesen, welche 104 ornithologisch gebildete Männer – es waren in der Tat ausnahmslos Männer – für die aktuelle Namensgebung relevant sind.

Das Sahnehäubchen oder: Was gibt es noch?

Auch die kleine Wortkunde am Ende des Buches ist wertvoll: Da werden wichtige lateinische und griechische Begriffe für Farben vorgestellt, für anatomische Merkmale wie dem Schnabel, für den Lebensraum oder die Nahrung. Und wer Lust hat, kann in einem weiteren Kapitel checken, wie sich geographische Begriff in Vogelnamen widerspiegeln:

Die Sardengrasmücke, Sylvia sarda, ist zum Beispiel auf Sardinien heimisch, und die Raubseeschwalbe, Sterna caspia, lebt am Kaspischen Meer.

Mein Fazit: Dieses Buch wirkt auf den ersten Blick sehr sachlich. Dabei sind die Grafiken und übersichtlichen Tabellen spannend, die Vogelfotos eine Bereicherung und vor allem: Der Text steckt voll lesenswerter Überraschungen.

¹Wer am PC den Zeiger oder Cursor auf einem Foto meines Blogs ruhen läßt, sieht dort jeweils den wissenschaftlichen Namen der besprochenen Vogelart.

 

Die Namen der Vögel Europas
Autor: Viktor Wember
Verlag: Aula, Wiebelsheim
Jahr: 2017 (3. Aufl.)



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