Waldohreulen: Vorhang auf!

Waldohreule auf einem Ast in einer Weide
Federohren in der Weide

Die Waldohreule ist ein wunderbarer Vogel. Sie ist eine geschickte Mäusefängerin – macht also biologische Schädlingsbekämpfung –, sie ist zudem eine ziemlich entspannte Tagschläferin, die sich gut beobachten lässt, und schließlich eine Eulenart, die uns mit ihren Federohren und dem katzenartigen, zugewandten Blick besonders fasziniert.

Bereits in Weißrussland, das neuerdings als Belarus firmiert, habe ich mit Begeisterung ein Weibchen mit seinen Jungen, die gerade flügge wurden, beobachten können.

Nun stieß ich durch allerlei Zufälle im Biosphärenreservat Mittelelbe auf ein Grüppchen von rund 25 Waldohreulen, die den Tag in zwei benachbarten Weiden verschliefen.

Es waren Tiere, die nachts auf den weiten Feldern am Elbufer auf Mäusejagd gehen und tagsüber ein sicheres Plätzchen suchen, um zu schlafen oder zumindest zu dösen. Vermutlich handelte es sich um eine Schlafgruppe, die sich aus Familien der weiteren Umgebung gebildet hatte. Denn sobald die Jungen selbstständig sind, leben Waldohreulen gesellig und rücken näher zusammen. Schlafbäume mit mehreren Individuen werden daher ab Mitte August oft beobachtet.¹

Schlafbaum der Waldohreule

Waldohreulen verhalten sich sehr ruhig. Sie sind im Herbst selten zu hören, und wer nicht weiß, dass eine Gruppe diese Weide als Tagesschlafplatz auserkoren hat, der findet die Vögel nicht.

Vor rotgedeckten Bauernhäuser steht eine große Weide.

Außer er oder sie stolpert über die zahlreichen Gewölle, die unter dem Geäst am Boden liegen. Sie sind das, was von den nächtlichen Mahlzeiten übrig bleibt und die Vögel im Verlauf des Tages ausspeien.

Zwei ovale Häufchen, die teils mit Federn beklebt sind.
Gewölle von Waldohreulen mit festgeklebten Federchen von ihr

Tierhaare und Knöchelchen finden sich darin. Diese sind nicht verdaut, und wer es darauf anlegt, kann auch herausfinden, ob von der Waldohreule etwa eine Schermaus, eine Feldmaus, ein Vögelchen oder ein Maulwurf zuletzt verspeist wurde.

Selbst wenn die dunklen Gewölleballen oder auch die weißen Kotflecken unter dem Baum auffallen, übersieht man womöglich die dösenden Eulen. Denn sie sitzen hoch oben im Schatten, oft hinter Zweigen verborgen, und die Maserung ihres Gefieders macht sie teils unsichtbar.²

Grünes Blätterdach einer Weide
Hinter dem Vorhang aus herabhängenden Weidenzweigen waren hier 16 Waldohreulen versteckt.

Es verblüffte mich übrigens, dass hier – wie in Weißrussland – die Waldohreulen in einer Weide saßen, denn oft wird berichtet, dass sie Nadelbäume für die Brut und zum Schlafen bevorzugen. Allerdings, so erzählte es mir der Gartenbesitzer, verschwinden seine alljährlich wiederkehrenden Eulen, wenn erstmal das Weidenlaub gefallen ist und die Äste kahl sind.

Zwei Waldohreulen im Blätterdach der grünen Weide von unten gesehen.
Zwei von 16 Eulen unter dem Blätterdach der Weide

Gut verborgen

Die Fotos in der folgenden Galerie illustrieren nochmals, dass man die Vögel leicht übersehen kann. Wer sie betrachten oder fotografieren möchte, riskiert eine Genickstarre und hat meist ein paar Zweige vor der Linse – beziehungsweise zwischen dem Fernglas oder der Kamera und dem Gesicht des Vogels. (Wie üblich lassen sich alle Fotos durch Anklicken oder Ziehen vergrößern, zurück zum Text je nach System – eventuell mit ←.)

Besonders störungsanfällig ist die Waldohreule nicht. Sie siedelt sich sogar gerne am Rand von Dörfern und Siedlungen an, sofern dort Gärten mit Baumbestand sind und in der Nähe mit Beute zu rechnen ist. Sie

verträgt Lärm und menschliche Betriebsamkeit,

heißt es dazu im Handbuch der Vögel Mitteleuropas (Urs N. Gutz von Blotzheim, als CD-Rom im Aula-Verlag, Seite 401).

Was sie aber doch stört, das sind große Kamera-Objektive und ein lauter Knall. Beides geht sehr wahrscheinlich auf das Konto der Vogeljagd, die speziell in osteuropäischen Ländern noch verbreitet ist. Und in der kalten Jahreszeit kommen von Nordosten viele Waldohreulen zu uns.

Das Befinden einer Waldohreule lässt sich von ihrer Gestalt ablesen: Schmal und aufrecht sitzt der irritierte Vogel auf seinem Ast, breit und gedrungen der entspannte Vogel.

Im Porträt

Breit sitzende Waldohreule auf einem Ast.
Ziemlich entspannt

Markant und namensgeben sind die großen Federohren der Waldohreule. In dem Klassiker der deutschen Ornithologie Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (Gera-Untermhaus, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. 5, S. 54) hat Johann Friedrich Naumann eine Reihe weiterer, regional üblicher Namen gelistet, zum Beispiel Kleine Horneule, Höckereule, Ohrkauz, gehörntes Käuzlein, Katzeneule…

Es ist immer wieder erstaunlich, wie treffend der Köthener Ornithologe Naumann die Wirkung erfasst hat, die bestimmte Vogelarten auf uns ausüben. Einer der Gründe ist sicherlich, dass bis Anfang des 20. Jahrhunderts viele Menschen Wildvögel quasi als Hausgenossen gehalten haben. Dass viele dieser „Stubenvögel“ nicht lange überlebten, ist eine andere, eher traurige Geschichte.

Unter dem Stichwort Eigenschaften porträtiert Naumann die Waldohreule so, Seite 56

Diese Ohreule verrät wenig Wildheit, ist daher auch leicht zu zähmen und vergnügt dann durch die possierlichsten Gebärden und sonderbare Posituren mehr, als irgendeine andere Eule.

Possierliche Haltung einer sitzenden Waldohreule
Eine der possierlichen Gebärden, die allerdings anzeigt, dass der Vogel beunruhigt ist.

Die Federohren sind übrigens nicht zum Hören da, sondern Schmuckfedern und eher als Ausdrucksmittel zu verstehen. Sie werden manchmal etwas angelegt, ohne je ganz zu verschwinden.

Waldohreule am Tag

Tagsüber sitzen Waldohreulen meist ziemlich unbeweglich im Geäst. Manchmal werden sie munter und blinzeln mit den Augen. Bekannte Umgebungsgeräusche können sie – wie erwähnt – nicht erschüttern. Und ein bisschen Wind ist ihnen völlig egal.

Wie und wann sie Gewölle ausstoßen, habe ich nicht beobachten können, vermutlich geschieht es abends, wenn sie aktiver werden und bis auf Reste alles verdaut ist. Am Vormittag sah ich, wie sie sorgfältig ihr Gefieder putzten.

Auch der befiederte Fuß, der beim Beutefang kräftig zupackt, wird gründlich gereinigt und am Schluss werden die Federchen durch den Schnabel gezogen. Danach faltet die Waldohreule ihr zartes Gefieder wieder zusammen und döst eine Runde.

 

Der Mensch als Risiko

Eulen jagen in der Regel bei Dämmerung und nachts. Dabei helfen ihnen ihre großen Augen und ihr fantastisches Gehör. Ich sah die Waldohreulen in der Dämmerung munter werden: Sie wechselten den Sitzplatz in der Weide und nickten mit dem Kopf, bevor sie plötzlich davon stoben. Eine nach der anderen sauste über das Hausdach hinweg, aber keineswegs in gestrecktem Flug. Es ist vielmehr ein wiegendes Schaukeln, eine Art Taumelflug. Mir blieb zu hoffen, dass sie ausgiebig Beute machen.

Zum Glück ist es unwahrscheinlich, dass Anfang Oktober von der Agrarwirtschaft gegen Nagetiere Gift ausgelegt wird. Denn das killt nicht nur die Wühlmäuse, sondern auch diverse Beutegreifer, die auf Mäusefang spezialisiert sind. Im Handbuch der Vögel Mitteleuropas lese ich auf Seite 419

Eine 230 g schwere Waldohreule verbraucht im Jahresdurchschnitt täglich 63 g in Frischgewicht (= insgesamt 18,9 kg oder 822 Mäuse von je 23 g …).

Dazu muss ich anfügen, dass mir in der Region Mittelelbe berichtet wurde, dass 2020 die Jungen verschiedener Greifvögel plötzlich im Nest verendeten. Sie werden vor allem mit Mäusen gefüttert und reagieren auf Gift, das nachweislich hier ausgebracht werden durfte, empfindlicher als adulte Tiere. Dass damals nicht nur Jungvögel umkamen, ist zu vermuten. Aber naturverbundene Menschen beobachten eben meist die Horste von brütenden Vögeln und ihren Jungen. Ein erwachsener Greif, der auf einem Acker oder im Wald stirbt, wird rasch von Fuchs & Co entsorgt.

Waldohreule, bei der die befiederen Füße gut sichtbar sind.

Am nächsten Morgen war die große Weide wieder mit mehr als einem Dutzend Waldohreulen bevölkert. Und ich denke gerne an diese Begegnung Anfang Oktober 2021 zurück .³

¹ Dass es sich um Waldohreulen handelt, die aus Nordost-Europa als Zugvögel gekommen sind, ist unwahrscheinlich. Denn die treffen es später ein, meist im Oktober. Diese Schlafgruppe hatte sich im August etabliert.
² Ich habe die Fotos zum Teil aufgehellt und zeige vor allem die gut sichtbaren Eulen.
³ Wer wie ich die Eulen mit einem großen Objektiv fotografiert, sollte sie bitte nicht beunruhigen, indem er die Tiere zu lange fixiert

Waldohreule | Hibou moyen-duc | Long-eared Owl | Asio otis



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