Momente mit Blässhühnern

Wer im späten Herbst oder im Winter an einem Seeufer entlang geht, hat gute Chancen dort auf Blässhühner zu treffen. Jedes Kind kann diese schiefergrau bis schwarz gefärbten Wasservögel erkennen, denn unverwechselbar ist der weiße Stirnschild aus Hornsubstanz, der in den ebenso weißen Schnabel übergeht.

Es gibt noch weitere Charakteristika, die es uns leicht machen, die Vogelart aus der Familie der Rallen (Rallidae) bereits aus der Ferne zu identifizieren:

Schwimmende Blässhühner, die nicht gestresst sind, machen nickende Kopfbewegungen, weil ihr Hals sich regelmäßig vor und zurückbewegt.

Die Stimme ist ebenfalls unverkennbar. Zwar haben Blässhühner keinen arttypischen Gesang wie die meisten Singvögel, aber sie produzieren weitschallende Laute. Dazu zählt vor allem ein einsilbiges Köck, Kröck oder Köw, das sie oft aneinander gereiht äußern Köck-Köck-Köck… und ein spitzes Pix.

Kalte Jahreszeit

Blässhühner können wir hierzulande ganzjährig beobachten, denn solange die Seen nicht zufrieren, halten sie sich dort auf – vor allem in der schilfbestandenen Uferzone. Sie gelten als Teilzieher, sind in manchen Gebieten aber Stand- beziehungsweise Jahresvögel.¹ Wenn sich auf den Seen in ländlichen Gebieten eine feste Eisschicht bildet, fliegen Blässhühner häufig in städtische Gewässer, die meist einige Grad wärmer sind und wo Kanäle sowie andere Fließgewässer länger offen bleiben.

Etwa ein Drittel des Trupps: viele Hundert Blässhühner auf dem eisfreien Scharmützelsee (Brandenburg) im Dezember

Im Winter können wir manchmal mächtige Trupps mit mehreren hundert oder mehreren tausend Individuen entdecken. Sie kommen aus Nord- und Nordosteuropa zu uns, sind also Zugvögel, die im zeitigen Frühjahr wieder „abreisen“ werden.

Wintertrupp: Nahrungssuche im Flachwasser des Scharmützelsees

Oft treiben solche Trupps dicht gedrängt auf der Mitte eines großen Sees, wie dem Scharmützelsee. Zur Nahrungssuche begeben sich die Tiere im Schutz der Gruppe hin und wieder ans flache Ufer, wo sie hauptsächlich Wasserpflanzen, aber auch Wasserinsekten, Schnecken und Muscheln ergattern.

Wasserpflanzen, die nah unter der Wasseroberfläche wachsen, werden beim Tauchen abgezupft.

Tief und gut tauchen können Blässhühner übrigens nicht, denn ihr Gefieder enthält beim Abtauchen viele Lufteinschlüsse, die den Auftrieb fördern. Und auch ihre Füße sind zum Tauchen und Schwimmen unter Wasser nicht ideal. Anders als Enten besitzen sie zwischen den Zehen keine Schwimmhäute, sondern (nur) lappenartige Verbreiterungen.

Und während etwa Reiherenten elegant und tief abtauchen können, sind Blässhühner auf seichte Uferzonen angewiesen. Peter Bopp bezeichnet sie in der schönen Monografie Das Blesshuhn² (Neue-Brehm Bücherei, Nr. 238, 1959) daher als Seichtwassertiere. Das Biotop, in dem sie sich aufhalten, ist in diesem Büchlein* sehr schlicht und eindrücklich skizziert.

Flachwasser-Bereich eines Sees, wo sich Blässhühner bevorzugt aufhalten. H = hoher Wasserspiegel, N = niedriger Wasserspiegel wie oft im Winter (Grafik a.a.O., S. 15, verändert).

Ein Revier besetzen

Ende Februar oder Anfang März sind die Zugvögel aus dem Norden, die den Winter als Trupp bei uns verbracht haben, in ihre skandinavische, baltische oder russische Heimat abgeflogen. Die hiesigen Blässhühner haben dann längst Paare gebildet und besetzen ein Brutrevier, das sie nun vehement verteidigen.

Blässhühner gelten als besonders territorial. Wer ihnen allerdings länger zuschaut, bemerkt schnell, dass es zwar durchaus zu kämpferischen Auseinandersetzungen kommt. Meist reichen aber Drohsignale aus. Dazu gehört etwa ein zügiges, gezieltes Schwimmen an die Reviergrenze und ein Aufrichten der Flügel – um durch mehr Körpergröße ordentlich Eindruck zu schinden.

Die Tuschezeichnungen aus Das Blesshuhn (S. 10) illustrieren das Arsenal an Bewegungs- und Verhaltensweisen dieser fast schwarzen Rallenart eindrücklich. Die Ziffer 11 markiert die Drohgebärde mit den aufgerichteten Flügeln, die 12 ein abtauchendes Blässhuhn und die 8 das Laufen auf dem Wasser. (Der VerlagsKG Wolf in Magdeburg danke ich für die Möglichkeit der Nutzung beider Skizzen aus Das Blesshuhn.)

Manchmal reicht es allerdings nicht „Flagge zu zeigen“, also sich dem zu forschen Nachbarn zu nähern und zu signalisieren, wo der Spaß aufhört. Dann kommt es zu heftigen Verfolgungsjagden, bei denen das Wasser hoch aufspritzt und man beobachten kann, dass die Vögel förmlich über das Wasser laufen – so kommen sie am schnellsten aus der Gefahrenzone oder einem Kontrahenten hinterher.

Auf der Flucht: stürmisches Wassertreten
Wasserlandung: dem Kontrahenten entkommen

Das Blässhuhn am Nest

Im März und April wird das Nest angelegt, das die Vögel vielfach im Schilf der Uferzone bauen und das dann vor allem aus kunstvoll gestapelten Schilfhalmen besteht. Entweder wird es zwischen dem Schilfrohr angelegt und an dessen Halmen stabil befestigt, oder es wird mit dem Grund oder umgestürzten Bäumen verankert.

ein See mit Bäumenund einem winterlich gelben Schilfstreifen am Ufer
Berliner Schlachtensee im März: passender Schilfstreifen für Blässhuhnnester

Blässhühner sind als Paar äußerst kooperativ: Beide verteidigen das Revier – Männchen allerdings etwas engagierter –, beide brüten die Eier aus, und beide füttern die Jungen und „Führen“ sie. Das heißt, die Eltern begleiten den Nachwuchs, wenn er bereits selbständig auf dem Wasser unterwegs ist.

Ein Partner bringt einen Halm, der oder die andere brütet.

Solange das Schilf noch nicht wieder ausschlägt, lässt sich das Verhalten am Nest gut beobachten. Und es zeigt sich: Gebaut und ausgebessert wird auch dann, wenn die Eier bereits gelegt sind. – Irgendwann ist aber neues Schilf gewachsen und bildet einen blickdichten, grünen Vorhang.

In der Regel legt das Weibchen 5 – 10 Eier, und zwar eins pro Tag. Nach etwa drei Wochen schlüpfen die Jungen, wozu sie mehrere Stunden benötigen. Sie verschwinden anschließend zunächst unter dem Körper des anwesenden Altvogels, werden also gehudert. Aber schon bald klettern sie im Nest herum, sind „wassertauglich” und schwimmen nach zwei, drei Tagen in der Nähe des Nestes.

Anfang Mai: Die Jungen in diesem Nest sind geschlüpft und schon unterwegs.

Neben dem vollständigen Federkleid ist das einer der Gründe, weshalb man sie den Nestflüchtern zurechnet, die von Anfang an selbstständig sind. Andererseits wird der muntere Nachwuchs viele Tage von den Eltern gefüttert, im Nest gewärmt und bei Ausflügen am Ufer begleitet. Doch einem sogenannten Nesthocker entspricht das junge Blässhuhn definitiv nicht.

Der Nachwuchs

Blässhuhn-Nachwuchs: meist nahe der Altvögel.
Dreierbande: etwas abseits, aber die Eltern sind nicht weit

Wenige Tage alte Blässhühner sind einfach bezaubernd. Das liegt nicht nur an den orangefarbenen Dunenspitzen an Hals und Nacken, die den roten Kopf umspielen und eine kuriose Frisur bilden, sondern auch an ihrem Verhalten. – Die Nestdunen, um das kurz zu erklären, sind die wuscheligen und vor allem wärmenden Federchen von jungen Vögeln. Sie werden nach und nach ersetzt.

Warum beim Blässhuhn die Nestdunen anfangs diese markante Färbung haben, konnte ich bisher nicht herausfinden.

Klar ist aber – und weiter unten auf einem meiner Fotos zu sehen –, dass die auffälligen Spitzen nach etwa zwei Wochen verschwunden sind.

Und nun zum Verhalten: Einerseits werden Blässhühnküken von ihren Eltern unermüdlich betreut und gefüttert, andererseits versuchen die Kleinen schon früh, eigenständig Nahrung zu ergattern.

Diese Mischung aus drolliger Selbstständigkeit und elterlicher Fürsorge – gepaart mit einem energischen Betteln um Futter – macht es äußerst unterhaltsam, einer Blässhuhn-Familie längere Zeit zuzuschauen.

Ein Altvogel reicht Futter an
Ein Jungvogel experimentiert mit Fressbarem.

Aus dem Nest herauszuklettern und wieder hinaufzusteigen üben die Jungen von Anfang an. Schwimmen können sie kurz nach dem Schlüpfen, und sie tauchen nach 5 – 6 Tagen. Doch es dauert etwa 2 Monate, bis die kleinen Flügel sich so weit entwickelt haben, dass die Jungvögel auch fliegen können. All das entnehme ich dem Handbuch der Vögel Mitteleuropas (Hrsg. Urs N. Glutz von Boltzheim, Bd.5, S. 559, Aula-Verlag). Anfangs nutzen die Küken ihre Flügelchen vor allem zum Balancieren auf dem Nest, wie folgender Videoausschnitt zeigt.

Es gibt drei interessante Bereiche im Bild: vorne drei schwimmende Küken, zwischen den Halmen klettert ein weiteres herum, und auf dem Nest ist ein Altvogel mit den vermutlich jüngeren Geschwistern beschäftigt.

Und dann?

Mit der Zeit werden die Jungen nicht nur selbstständiger, sondern es werden auch weniger – obwohl die Altvögel sie ständig begleiten und Feinde attackieren, wie etwa Greifvögel oder Krähen. Aber das hilft nicht immer, zumal Gefahr sowohl aus der Luft als auch vom Ufer und auf dem Wasser droht. Schließlich können starke Wellen oder Überflutungen den Tod bedeuten.

Gut geschützt im frisch ausgeschlagenen Schilf unterwegs

Es war einer dieser Zufälle, der mir klar machte, was von einer Brut übrig bleibt, wenn der Feinddruck – wie es in der Biologie heißt – zu hoch ist oder längere Zeit Unwetter herrscht. In diesem Fall blieb übrig: ein Junges.³

Dieses Blässhuhn am Genfer See ist wenigstens eine Woche älter als die Jungen vom Berliner Schlachtensee. Dementsprechend ist es nicht nur größer, sondern die farbigen Dunenspitzen sind weitgehend verloren gegangen.

Auf die kleine Familie traf ich im Yachthafen von Yvoire, der an eine Schilfzone grenzt. Dort vermutete ich auch das Nest, das Blässhühner generell oft zur Nacht aufsuchen. Möglicherweise hatten allerdings Unwetter, die einen starken Anstieg des Wasserspiegels ausgelöst hatten, das Nest zerstört.

Tagsüber hielten sich das Junge und seine Eltern zwischen den Segelbooten auf, wo ich sie in der Nachbarschaft der Kolbenenten immer wieder beobachten konnte.

Ich hatte viel Spaß an diesem Blässhuhnkind, das darauf spezialisiert war, die futterbringenden Altvögel auf der Verankerung der Boote zu erwarten. Und ich hoffe, es hat die riskante Jugendzeit gut überstanden.

Abschließend eine Fütterungsszene, die illustriert, wie das adulte Blässhuhn mit einem kleinen Kopfsprung zur Futtersuche abtaucht, und wie der Jungvogel die Nahrung aus dem Schnabel der Mutter oder des Vaters nimmt.

Wenn sich gegen Ende des Sommers die Blässvogel-Familien auflösen, beginnt der Federwechsel – also die Mauserzeit. Die teils flugunfähigen Vögel ziehen sich dann zurück. Erst im Herbst sind sie wieder präsenter und gut zu beobachten.

* Nicht alle Details des Büchleins sind auf dem aktuellen Stand des Wissens.
¹ Es hängt von den klimatischen Bedingungen in einer Region ab, ob die Vögel weit ziehen müssen oder ganzjährigen im Brutgebiet bleiben können.
² Früher war es zeitweise üblich, Blesshuhn statt Blässhuhn zu schreiben.
³ Den Blässhühnern werden etwa von Krähen die Eier geraubt, Greifvögel und Hechte holen sich Jungvögel.

Blässhuhn | Foulque macoule | Eurasian Coot | Fulica atra



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