Prächtiger Besuch

Habicht auf einem Ast der alten Robinie. Durch Blätter etwas verborgen.
Verborgen im Geäst der Robinie

Das erste Mal war ich irritiert und habe es nicht für möglich gehalten: Ein großer Greif, verborgen unter den etwas wirren Ästen einer alten Robinie, war zu Gast in unserem Garten. Gut getarnt, aber direkt vor meinem Balkon. Um wen es sich handelte, hatte ich zunächst überhaupt nicht erkannt, aber doch blitzschnell die heikle Situation erfasst: Auf dem Balkon vergnügte sich unser junger Kater.

Ich griff mir das Kätzchen und gleich darauf den Kosmos-Vogelführer. Von der Zeichnung her konnte das nur ein Sperber oder Habicht gewesen sein. Von der Größe her musste es ein Habicht sein. Vom Kopf bis zur Schwanzspitze messen männliche Tiere 50 cm, die weiblichen sogar 60 cm. Sperber sind kleiner.

Und wie ich mittlerweile weiß, verschmäht der Habicht weder Eichhörnchen noch junge Katzen, obwohl er es vor allem auf Tauben, Elstern, Amseln, Stare und Eichelhäher abgesehen hat.

Irgendwann vergaß ich die Sache mit dem Habicht in unserem Garten.

Die zweite Begegnung liegt über zwei Jahre zurück: Als ich morgens vom Balkon in den Garten blickte, lag dort unten eine tote Taube. Die hatte zweifelsohne ein Greif geschlagen und säuberlich gerupft – bis er irgendwann gestört worden war. Es war noch früh und die Ringeltaube wirkt noch recht frisch.

Eine gerupfte Ringeltaube auf dem Rasen, die der Habicht geschlagen hat.
Habichtfutter im Garten

Mittlerweile weiß ich auch das: Hat der Habicht ein Tier geschlagen, dann kann er ihm sowohl auf dem Boden als auch auf einem Ast zu Leibe rücken. Will er seine Jungen mit der Beute füttern, so rupft er diese meist vor Ort und bringt sie erst dann zum mächtigen Nest, dem Horst.

In diesem Sommer begegnete ich dem Habicht gleich zweimal: Beim Treffen Nummer drei, rauschte er aus der Robinie als ich auf dem Balkon den Tisch decken wollte. Ich sah nur einen breiten Schatten. Das passt, weil der Habicht ursprünglich ein Jäger des Waldes ist. Seine Schwingen sind nicht sehr lang, eher breit. Sein Schwanz – man spricht von Stoß – ist im Flug ebenfalls breit gefächert. Das hilft beim Navigieren zwischen den Bäumen und im Geäst.

Beim vierten Treffen hatte der Habicht sich offenbar verkalkuliert. Vielleicht fühlte er sich in seinem Versteck zu sicher. Wir saßen jedenfalls schon am Tisch und plötzlich ließ mich etwas aufblicken, vielleicht ein Rascheln in der Robinie als er sich aus dem Geäst etwas vorwagte. Auffällig vor allem: Im Garten herrschte Totenstille. Weder die lautstarken Nebelkrähen, noch die zeternden Elstern waren zu hören. Erst recht keiner der quirligen Spatzen.

Habicht auf einem Ast. Kopf setilich geneigt. Wirkt etwas irritiert.
Etwas irritert durch die Menschen gegenüber

Der unerwartete Gast in unserem Garten tat mir dann einen großen Gefallen: Er blieb sitzen während ich die Kamera holte. Viel Zeit ließ er mir nicht, obwohl die abendliche Tischgesellschaft mäuschenstill war. Nach einigen Sekunden hatte er sich durchgerungen und rauschte mit aller Macht aus dem Geäst und davon. Habichte mögen keine Menschen …

Habicht duckt sich, kurz bevor er vom Ast der Robinie abhebt.
C 24 in den Startlöchern

Das Schöne ist, dass sich auf den Fotos der Ring ablesen ließ, den unser Besucher am Fuß trug. Norbert Kenntner, Habichtexperten und Beringer beim NABU Berlin, konnte ihn daher identifizieren: „Mein“ Habicht C 24 ist ein neun Jahre altes Männchen und im Südwesten von Berlin aus dem Ei geschlüpft. Er wurde am 17.6.2007 als Jungvogel beringt und hat vermutlich nicht nur eine unliebsame Erfahrungen in der Großstadt gemacht. Zum Beispiel hat er sich einmal in einer Tiefgarage verfangen, fand nicht wieder heraus.

Aber was die Tiere angeht, sind viele Berliner fürsorglich. Die Experten vom NABU wurden informiert und konnten ihn aus seinem Gefängnis befreien. Damals bekam er einen neuen metallischen Ring am rechten Fuß.

Früher habe ich nicht gewusst, dass einige Dutzend Habichthorste in Berlin verstreut sind. In ganz Deutschland soll es 12.000 Brutpaare geben. Phantastisch! Der Habicht ist ein grandioser und streng geschützter Vogel.

Und ich bin in den letzten Jahren schlauer geworden, auch durch die Informationsabende der AG Greifvogelschutz des NABU Berlin, die Rainer Altenkamp organisiert. Er hatte übrigens mit einem Kollegen auch „meinen“ Habicht aus der Tiefgarage befreit.

Eine wunderbare Lektüre kann ich auch empfehlen: Der Habicht. Vom Waldjäger zum Stadtbewohner, 2015, Verlag Oertel+Spörer. Die Autoren sind im Greifvogelschutz aktiv und ausgezeicnete Fotografen.

Habicht | Autour des palombes | Hawk | Accipiter gentilis


3 Kommentare zu “Prächtiger Besuch

  1. Liebe Elke, welch ein guter informativer Bericht! So weiß ich jetzt wenigstens ein bißchen mehr nicht nur über unseren Garten. Das ist aber sicher noch nicht das Ende! Ich freu mich schon und bin gespannt!

  2. Ich hatte vor ca. 20 Jahren eine Begegnung mit dem Habicht hier in Spandau in einer Nebenstrasse. Direkt vor meinem Auto, ich fuhr zum Glück gerade ganz langsam, landete ein Habicht mit einer in der Luft geschlagenen Taube auf der Strasse. Dort packte er sie neu und flog mit der schweren Last in einen nahe gelegenen Baum. Ich war schwer beeindruckt und wusste damals auch noch nicht, dass der Habicht gerade in Spandau nicht selten ist. Die Tiere brüten im Spandauer Forst und fliegen zum Beute machen wohl ins Häusermeer. Man sieht auch heute in Spandau fast keine Tauben mehr.

    1. Ja, im Spandauer Forst brüten Habichte, und Tauben sind für sie die ideale Beute. In Berlin ist die Zahl der Haustauben in der Tat stark zurückgegangen. Die Gründe sind nicht klar. Andererseits nimmt die Zahl der Ringeltauben in Berlin etwas zu. Der Habicht hatte bei uns eine Ringeltaube erwischt. Wenn man den Greif mal so nah vor sich hat, ist das wirklich total faszinierend.

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