Hungriger Besuch

Sperber von hinten mit rückwärts gedrehtem Kopf. Das linke Auge sichtbar.
Hungriger Sperber kontrolliert die Umgebung und auch mich.

So kann’s kommen. Eigentlich wollte ich heute über meine erste Kontaktaufnahme mit dem Waldkauz berichten, denn der ist der „Vogel des Jahres 2017“ (siehe Seitenstreifen/Sidebar im Blog). Und dann überraschte mich – beim morgendlichen Bettenmachen! – ein wundervoller Greifvogel. Zu groß für einen Turmfalken, zu klein für einen Habicht. Er saß in dem Geäst der mächtigen Ulme vor einem Fenster. Ich ahnte warum: Eine Etage tiefer habe ich ein Futterhaus angebracht. Vor allem Kohlmeisen, Blaumeisen und Sperlinge besuchen es im Winter.

Im Sommer habe ich bereits einen Habicht als echten Überraschungsgast vorgestellt. Heute überraschte mich dieser kleinere Greif nicht weniger. Denn normalerweise sitzen in der Ulme Ringeltauben, Sperlinge, Meisen oder der Eichelhäher.

Ein kluges Köpfchen

Man muss anerkennen, dass der Sperber ein praktisches Plätzchen gewählt hatte: In der Ulme war er hinter allerlei Geäst verborgen – was mir das Fotografieren erschwerte. Seine Beute hatte er dabei gut im Visier. Und der Abstand zwischen dem Ansitz des Sperbers und dem Futterhaus betrug kaum vier Meter.

Das Bild eines vollständigen Sperbers von hinten. Braunes Gefieder mit langem Schwanz sind typisch.
Der lange Schwanz ist typisch für Sperber.

Die weißen Tupfen im Rückengefieder lassen darauf schließen, dass ich es mit einem jungen Greif zu tun hatte. Allerdings war ich erst nach Beratung durch drei Greifvogelexperten der Berliner Greifvogel-AG des NABU einigermaßen überzeugt, dass es sich um einen jungen Sperber handelte – ein weibliches Tier im ersten Winter.

Sperber von hinten. Er hat seinen Kopf um fast 18 Grad nach hinten gedreht.
Kopf fast um 180 Grad gedreht. Foto aus einem anderen Winkel.

 

Womöglich ist es eine Berlin-Touristin, denn im Winter jagen Sperber gern in der Nähe von Wohnhäusern und Gärten.

Sperber sind gute Beobachter und können ihre Umgebung dadurch im Auge behalten, dass sie ihren Kopf auf jeder Seite um rund 180 Grad nach rückwärts wenden. Ohne Platzwechsel, ohne Geräusche zu machen.

 

Sperberdamen sind deutlich größer als Sperberherren. Das ist typisch für Greifvögel. Und es gibt viele Theorien, warum das so ist. Am Eierlegen kann es nicht liegen, dann müsste auch in anderen Vogelgruppen der Unterschied erheblich sein. Faszinierend ist die Theorie, dass sich auf diese Weise die Geschlechter beim Beutefang im selben Revier nicht so rasch in die Quere kommen. Demnach wählen weibliche Sperber größere und männliche kleinere Beutetiere. Besonders stark sind bei Sperbern übrigens die Gewichtsunterschiede: Weibliche Sperber wiegen zwischen 220 und 300 Gramm, männliche mit 110 bis 150 Gramm in der Regel nur die Hälfte.

Zwei helle Flecken am Hinterkopf wirken wie augen.
Irritierende Scheinaugen am Hinterkopf

Und beim Fotografieren fiel mir noch etwas auf: Am Hinterkopf hatte die Sperberdame zwei helle Flecken. Sieht man diese aus größerer Entfernung oder eben nicht ganz scharf – etwa beim Fokussieren – durch ein Objektiv, dann erinnern sie an Augen. Mit anderen Worten: Ich wusste manchmal nicht, ob ich den Kopf des Greifs von vorne oder von hinten im Visier hatte. Kleinvögeln, die ihn entdecken, geht das sicher ähnlich.

Mein morgendliches Erlebnis der Reihe nach

In Berlin ist Winter. Das Thermometer zeigt seit Tagen Minusgrade an. Schnee ist auch gefallen. Der junge Greif hatte sicher Hunger und durchaus pfiffig erkannt, dass hier Kleinvögel zu holen waren. Als ich zum ovalen Fenster ging, saß er im Geäst einer großen Ulme, den Rücken mir zugewandt – etwa vier Meter vom Futterhaus entfernt.

Sperber sitzt vor einem ovalen Fenster. Dahinter Häuser der Großstadt.
Mein Blick durchs Fenster

 

Er hat allerdings rasch bemerkt, dass sich hinter ihm etwas tat. Obwohl ich mich kaum bewegte, nachdem ich die Kamera in der Hand hatte, hat er mich immer wieder fixiert. Aber doch nicht wirklich als Gefahr erachtet.

Die Kleinvögel, die sonst morgens das Futterhaus besuchen, waren übrigens weg. Seinen Magen konnte der Sperber also nicht füllen.

Und plötzlich machte er sich davon, aber nicht als Jäger, sondern als Gejagter.

Eine der Nebelkrähen, die mich immer wieder amüsieren, scheuchte ihn leider auf.

 

 

Dazu bemerkte Johann Friedrich Naumann in seiner „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“ (1905, 3. Auflage, S. 257)

Er wird von Raben und Krähen verfolgt … Wenn sie ihm gleichnichts anhaben können, so sieht man doch oft, dass sie ihn dadurch stören und manche Jagd vereiteln.

Ich hätte ehrlich gesagt nicht viel dagegen gehabt, wenn der Greif doch noch zugeschlagen hätte. Denn es ist für Sperber eine Frage des Überlebens, ob sie einen Kleinvogel ergattern.

Früher, also etwa zu Zeiten von Johann Friedrich Naumann, hieß der Sperber noch Finkenhabicht und wurde dem Hühnerhabicht als kleinere Varainte gegenübergestellt. Heute unterscheiden wir schlichter nur Sperber und Habicht. Sowohl im deutschen Sperber als auch im englischen Sparrowhawk steckt jedoch noch die Beute, von der sich der kleine Greif mit Vorliebe ernährt: Sperlinge! Und das sind englisch die sparrows.

Sperber | Épervier | Sparrowhawk | Accipiter nisus


Kommentar zu “Hungriger Besuch

  1. Ich kann noch berichten, dass die Sperberdame inzwischen mehrfach unseren Garten aufgesucht hat. Ich hatte sie ja am 13. Januar so schön fotografieren können. Zweimal saß sie inzwischen in der Ulme vorm Fenster mit Blick auf das Futterhäuschen. Und im Garten hat sie – oder ein Artgenosse – einen Sperling zerpflückt. Ich fand kürzlich die Rupfung, so nennt man die gerupften Federn, auf dem Rasen. Der erfoglreiche Greif wird wohl wiederkommen.

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