Wenn es im Winter dunkel und ungemütlich ist, lassen sich viele Menschen von der Vielfalt an Formen und Farben beeindrucken, die Naturkundemuseen zu bieten haben. Diese beherbergen aber nicht nur die öffentlichen Schausammlungen, sondern auch bedeutende wissenschaftliche Sammlungen. Zugänglich sind letztere nur ausnahmsweise und nur für wenige. Es handelt sich um geheime Orte.
An solche Orte entführt Vogelwelten. Expeditionen ins Museum seine Leser und Leserinnen und lässt sie hinter die Kulissen der öffentlich zugänglichen Vitrinen und Präparate blicken. Dabei ist ohne Frage weitaus mehr entstanden als ein Bilderbuch für neugierige Erwachsene, das kenntnisreich von der Geschichte und der Bedeutung ornithologischer Sammlungen berichtet. Der Fotograf Klaus Nigge, der Präparator Jürgen Fiebig und Karl Schulze-Hagen als sachkundiger Ornithologe und Textautor haben es verfasst. Anders gesagt: sich und uns gegönnt.
Das großformatige Buch voll hochwertiger Abbildungen nimmt uns mit in die wissenschaftlichen Sammlungen von fünf Naturkundemuseen im deutschsprachigen Raum. Das sind das Museum für Naturkunde Berlin, das Naturhistorische Museum Wien, das Senckenberg Naturmuseum Frankfurt, das Zoologische Forschungsmuseum Alexander-Koenig in Bonn und das Naumann-Museum im Schloss Köthen in Sachsen-Anhalt.
Auf rund 230 Seiten können wir durch die Linse von Klaus Nigge weltberühmte Vögel mit ihrer einzigartigen Geschichte aus der Nähe betrachten, etwa den etwas plumpen, ausgerotteten Dodo und den Vasapapagei Jakob, der über 30 Jahre bei Alexander von Humboldt gelebt hat und der – wie sich später herausstellte – eine „die“ war.
Andere Fotos zeigen allerlei klassische Sammlungskästen. In ihnen liegen Dutzende Vögel derselben Art ausgestreckt nebeneinander – eingezwängt wie Ölsardinen in einer Dose. Es handelt sich um Vogelbälge, also ausgestopfte Vögel, die hier als Forschungsmaterial verwahrt werden. Jedes Tierpräparat ist mit einem handgeschriebenen, oft vergilbten Zettelchen versehen, das nicht nur Artnamen und Geschlecht festhält, sondern auch wann, wo und von wem es gefunden, erbeutet, geschossen wurde.
Hintergrund: Vom Forschen
Besonders wertvoll ist neben den Abbildungen von faszinierenden Federkleidern und Vogelkörpern, dass es in übersichtlichen Kapiteln gelingt zu vermitteln, was hinter den verborgenen wissenschaftlichen Sammlungen steckt: Warum gibt es in Deutschland noch heute 42 davon mit geschätzten 1,2 Millionen Präparaten – also getöteten Vögeln? Wann und wie wurden sie angelegt? Was war ihr ursprünglicher Sinn? Was und wem nützen sie heute?
Zu diesen Fragen steht viel Wissenswertes in dem Abschnitt Forschen. Da geht etwa darum, dass
Menschen schon in vorgeschichtlicher Zeit Vögel nicht nur gegessen, sondern auch gemalt und Teile des Körpers sogar konserviert haben,
bereits früh versucht wurde, die Erscheinungsformen von Vögeln zu systematisieren, zum Beispiel nach der Schnabelform, und
mit den Entdeckungen von Seefahrern wie Columbus völlig unbekannte Pflanzen und Tiere nach Europa gebracht wurden – ein zusätzlicher Impuls für die Systematisierung des naturkundlichen Wissens.
Die Entdecker beziehungsweise Eroberer neuer Welten und mutige Forschungsreisende – oft in einem kolonialen Kontext unterwegs – sammelten unter teils extremen Bedingungen viele unbekannte Tierarten, beschrieben sie möglichst vor Ort und verschifften die Präparate nach Europa. Dort wurden sie von Wissenschaftlern weiterbearbeitet und inventarisiert, und zwar ab dem 18. Jahrhundert auf Basis des bis heute gültigen Ordnungssystems von Karl von Linné.
Aber das macht dieses Buch unmissverständlich klar: Das Sammeln von Vögeln bedeutete damals in der Regel, sie abzuschießen. Und nicht nur ein Exemplar, sondern möglichst viele. Alle Ornithologen – und es waren bis auf wenige Ausnahmen Männer – arbeiteten so.
Der Vogelreichtum schien damals unbegrenzt, und die Technik, auf die sich heute Forschende und Vogelbegeisterte verlassen können, gab es schlichtweg nicht: Fernglas und Spektiv, Fotoapparate, digitale Aufzeichnungsmöglichkeiten und Drohnen mussten erst noch erfunden werden. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, basierte das vogelkundliche Wissen auf der „Flintenornithologie“, ein Gegensatz zur heutigen „Fernglasornithologie“.
Vögel und auch deren Eier zu sammeln, war noch im 19. Jahrhundert eine verbreitete Passion – vergleichbar dem Sammeln von Briefmarken oder Münzen. Allerdings war es aufwändiger und riskant, denn der geschossene Vogel musste zügig präpariert werden und wurde mit starken Giften wie Arsen behandelt, um ihn vor Insektenfraß zu schützen. Wie das Präparieren früher bewerkstelligt wurde und mit welcher Finesse etwa Jürgen Fiebig arbeitet, ist in einem eigenen Buchkapitel in Vogelwelten nachzulesen.
Aus gutem Grund stellt Karl Schulze-Hagen als Textautor auch die Frage, warum überhaupt so viele Präparate einer Art in wissenschaftlichen Sammlung erhalten und gepflegt werden. Sind sie nicht überflüssig?
Dazu nur kurz: Vögel, die etwas anders aussehen als das zuerst beschriebene Typus-Exemplar oder Holotypus-Exemplar, geben darüber Auskunft, wie variabel Vögel einer Art und desselben Geschlechts sein können und ob sich Merkmale über die Zeit verändert haben. Vielleicht gibt es mehr Unterarten als gedacht? Vielleicht hat sich eine Art in zwei aufgespalten? – Solche Vermutungen lassen sich heute mit Hilfe von genetischen Analysen aus den alten Präparaten verwerfen oder erhärten. Auch davon berichtet das Buch.
Mittelteil: Im Museum
Der mittlere Teil von Vogelwelten trägt den Titel Im Museum und ist außergewöhnlich. Es ist die reine Augenweide! Auf großformatige Fotos von prächtig inszenierten Museumsexemplaren wie dem Goliathreiher und dem Purpurhuhn folgen Abbildungen von starren Vogelbälgen. Mal sind es verschnürte Einzeltiere, mal Schaukästen mit bis zu 100 Vögeln – Schafstelzen in diesem Fall. Relevant für die Forschung ist auch das Knochenmaterial von Vögeln. Wie einen Aufmarsch von gespenstisch anmutenden Vogelskeletten hat Klaus Nigge das knöcherne Gerüst von einigen Dutzend Papageien abgelichtet. Schaurig schön!
Im Anschlusskapitel wird genüsslich die Farbenpracht und Vielgestaltigkeit von Vogelfedern präsentiert. Und wie gut, dass die Fotos nicht glänzen und glitzern, sondern sämtlich auf mattem Papier gedruckt sind, so dass sie wie weichgezeichnet wirken.
Es folgt ein Blick auf Vögel im Glas, also auf die Nasspräparate, die z.B. in Alkohol oder Formaldehyd konserviert sind. Sie füllen im Naturkundemuseum von Berlin einen wunderbar gestalteten Raum, der viel mehr enthält als „eingelegte Vögel“.
Zu guter Letzt haben wir es mit den Eiersammlungen zu tun, mit der meist zarten Grundfarbe von Vogeleiern und ihrer Musterung. Und es zeigt sich: Selbst wenn kein Ei dem anderen gleicht, gleichen sich Eier aus ein und demselben Nest eben doch.
In diesem Mittelteil lenkt übrigens kein entbehrliches Wort von der Bildästhetik ab. Jedes Foto ist nur mit kurzem Begleittext versehen. Das gilt auch für ein Kapitel mit dem Titel Geselligkeit, das die Kunst der Präparation und Ausstellung im wunderbaren Naumann-Museum von Köthen geradezu zelebriert.
Zum Schluss: Im Porträt
Wem das Buch etwas fleischlos erscheint, zumal die Bälge ja leergeräumt sind und jedes ausgestopfte Präparat nur Haut und Knochen, Federn, Schnabel und Beine vom lebende Vogel enthält, dem liefert der letzte Buchabschnitt noch besondere Delikatessen.
Dabei geht es in Vogelwelten allerdings keinesfalls um das Fleisch von Vögeln, das schon immer Menschen ernährt hat, sondern um Menschen aus Fleisch und Blut. Es geht um jene, die die heutigen Sammlungen möglich gemacht haben. Sie und ihre Leidenschaft für Vögel werden porträtiert.
Zwanzig spannende Geschichten erzählt Karl Schulze-Hagen im Abschnitt Im Porträt.
Da findet sich der Bericht über Johann Natterer, der 18 Jahre lang kreuz und quer in Brasilien unterwegs war und 50 000 Objekte an den Kaiserhof von Wien sandte. Doch obwohl Natterer im Gegensatz zu vielen Begleitern alle Infektionen vor Ort gut überstanden hatte, konnte er seine Präparate in Wien nicht mehr selbst auswerten … Und den Ruhm, der ihm gebührte, schöpften andere ab. Er starb kurz nach seiner Rückkehr in Folge von Tropenkrankheiten.
Auch Christian Ludwig Brehm, der Pfarrer und großartige Ornithologen aus Thüringen, wird mit einer amüsanten Geschichte porträtiert. Er hatte eine Erstbeschreibung der Nachtigall geliefert, die deshalb für Wirbel sorgte, weil der Schwede Carl von Linné ebenfalls eine Erstbeschreibung der Nachtigall verfasst hatte. Aber eine andere. Die Aufregung war groß, und es dauerte, bis sich die Sache auflösen ließ. Die zwei Experten hatten Vertreter von Zwillingsarten beschrieben: die Nachtigall (Luscinia megarhynchos) der eine, den Sprosser (Luscinia luscinia) der andere.
Von den ornithologischen Leistungen und dem Leben der Emilie Snethlage erzählt die Porträtserie ebenfalls. Aus einem brandenburgischen Pfarrerhaus stammend, konnte sie gegen Widerstände – aber mit einer Erbschaft ausgestattet – in Freiburg Zoologie studieren. Nach einer Stippvisite in der Vogelabteilung des Museums für Naturkunde in Berlin nahm sie eine Stelle in Brasilien an und erforschte von da an die Vogelwelt im Amazonasbecken. Wir erfahren in Vogelwelten: Sie war eine treffsichere Schützin, eine ausgezeichnete Präparatorin und ließ sich weder durch Insekten noch durch Fieberschübe von ihren Expeditionen abhalten.
Manche Geschichten, die in den Porträts eine Rolle spielen, sind unglaublich verwickelt. Zum Beispiel:
Wie kam die Vogelsammlung von Christian Ludwig Brehm an den ornithologisch versierten Lionel Walter Rothschild, der nahe London eine berühmte Vogelsammlung aufgebaut hatte? Und wie kamen Brehms Vögel dann von England an das American Museum of Natural History in New York?
Wer verbirgt sich hinter Ernst Schäfer, der von drei Tibet-Expeditionen nicht nur Vogelbälge an das Berliner Museum für Naturkunde verschickte und ausführlich über die Natur des Hochlands berichtet hat, sondern sich zu einem Anhänger der NS-Ideologie formen ließ?
Und wer ist eigentlich Emin Pascha, der als Eduard Schnitzer und Sohn eines jüdischen Kaufmanns in den Dienst der Osmanen eintrat, zum Islam übertrat und schließlich Gouverneur im Gebiet des heutigen Südsudans wurde? Er hat Bälge von mehr als 150 Vogelarten aus Ostafrika an Museen in Bremen, Berlin und Wien geschickt. Aber warum wurde er ermordet?
Mit anderen Worten: Vogelwelten ist nicht nur ein wunderschönes Bilderbuch, ein veritables Kunstwerk, sondern enthält viel Wissenswertes und fasziniert durch abenteuerliche Geschichten. Seinen Preis von 40 € ist es unbedingt wert.
Vogelwelten. Expeditionen ins Museum
Autoren: Klaus Nigge, Karl Schulze-Hagen, Jürgen Fiebig
Verlag: Knesebeck
Jahr: 2022
































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