Wer hätte das gedacht: Die Spitzmaus ist gar keine Maus. Allerdings, das quicklebendige Tier, das sich kürzlich in unsere Lebendfalle für Mäuse verirrt hatte, glich äußerlich in vielem einer Maus.
Zur näheren Verwandtschaft von spitzschnäuzigen Spitzmäusen gehören übrigens der Igel und der Maulwurf, außerdem der Tanrek, der in mehreren Arten auf Madagaskar vorkommt.
Eine Typen-Beschreibung der Spitzmaus lieferte Alfred Edmund Brehm in Band I von seinem Illustrirtes Thierleben (1864), bekannt auch als Brehms Tierleben, Seite 670 *
Die gemeine Spitzmaus (Sorex vulgaris) erreicht nicht ganz die Größe der Hausmaus … die Färbung des feinen Pelzes spielt zwischen einem schönen Rothbraun und dem glänzendsten Schwarz; die Seiten sind immer lichter gefärbt, als der Rücken; die Unterseite ist graulichweiß mit bräunlichem Anfluge; die Lippen sind weißlich, die langen Schnurren, schwarz, die Pfoten bräunlich, der Schwanz oben dunkelbraun, unten aber bräunlichgelb.
Mäuse und Spitzmäuse zu Besuch
Schon immer sind manche Tiere im Herbst aus Wiesen und Feldern in die Stallungen, Keller und Wohnungen der Menschen gezogen. Nicht alle können vor Kälte und Nahrungsknappheit in den warmen Süden flüchten, wie die Zugvögel.
Es ist daher nicht so überraschend, dass wir zu Beginn des Winters sogar in der dritten Etage unserer Berliner Altbauwohnung von Mäusen Besuch bekommen. Im Garten, rund um das Haus herum, wird es ihnen zu ungemütlich, da machen sie es sich in geschützten Räumen – mit Nahrungsvorräten in Reichweite – gemütlich. Und gute Kletterer sind sie auch!
Vermutlich arbeiten sich die pelzigen Besucher in einem schmalen Spalt zwischen Fallrohr und Hauswand hoch, bevor sie unterm Dach durch Mauerritzen, von denen ansonsten unsere Haussperlinge profitieren, in die Wohnung schlüpfen. Wenn sie damit Erfolg haben, sehen wir bald, dass sie an Vorräten knabbern und hier und da ihre kleinen dunklen Köttel hinterlassen.
Die Lebendfalle
Um den possierlich, aber nicht unbedingt erwünschten Mitbewohnern beizukommen, haben wir vor einigen Jahren eine Lebendfalle für Mäuse angeschafft. Hat sich ein Tier von Käse oder Körnern hineinlocken lassen, wird es am nächsten Morgen befreit und im nahe gelegenen Friedhof ausgesetzt.
Im Dezember 2025 hatte sich erstmals eine Spitzmaus in unsere Lebendfalle verlaufen. Dieses ungemein lebendige Tier schnüffelte mit seiner langen, rüsselartigen Nase unablässig das Innere des Käfigs ab. Hin und wieder steckte es seinen weichen und beweglichen Rüssel durch das Drahtgeflecht.
Keine Frage: Das war eindeutig eine Spitzmaus. Aber eben keine Maus – und somit kein Nagetier. Vielmehr zählen die Spitzmäuse zu den Insektenfressern oder Insektenessern, den Insektivoren. Das ist eine eigene Säugetierordnung mit rund 500 verschiedenen Arten, die neben der Säugetierordnung der Nager mit über 2500 Arten steht. Zu den letzteren gehören die „richtigen“ Mäuse wie die Brand- und die Rötelmaus mit ihren ständig nachwachsenden Schneidezähnen.
Und während die einen, wie der Name schon andeutet, es vornehmlich auf Insekten abgesehen haben, sind die Mäuse Vegetarier und typische Vorratsschädlinge, die sich – wie wir selbst erleben konnten – von allerlei Körnern, von Keksen und auch von Schokolade ernähren.
In die Falle getappt
Was allerdings die kleine Spitzmaus dazu gebracht hat, im dritten Geschoss eines Berliner Altbaus in eine Lebendfalle – ohne animalischen Köder – zu tappen, ist nicht ganz klar. Vermutlich spielt ihre legendäre Gefräßigkeit eine Rolle. Die ist kein Zufall, denn Spitzmäuse haben einen enormen Energieumsatz. Sie sind Tag und Nacht aktiv, auch eine Winterruhe gönnen sie sich nicht und müssen praktisch permanent fressen.
Bei der Nahrungssuche setzen sie auf ihr gutes Gehör, im Nahbereich auf den Geruchs- und ihren Tastsinn. Die Augen sind schlecht, aber an der Schnauze befinden sich sensible Tasthaare für die taktile Wahrnehmung,
Die hauptsächliche Nahrung der Spitzmäuse besteht aus Insekten und deren Larven, auch Asseln, Spinnen und Schnecken sind bedeutsam. Um satt zu werden, fressen manche Spitzmäuse wohl auch echte Mäuse. Und wenn es knapp wird, werden sie sogar zu Kannibalen. Das gilt aber nicht für alle Arten.
Alfred E. Brehm beschreibt recht drastisch dieses Nahrungsverhalten der Spitzmaus so, Seite 671
Unaufhörlich sieht man die Spitzmaus beschäftigt, mit ihrem Rüssel, nach allen Richtungen hin zu schnüffeln, um Nahrung zu suchen, und was sie findet und überwältigen kann, ist verloren: sie frißt ihre eigenen Jungen oder die Getöteten, ihrer eigenen Art auf.
Unablässig wird mit dem Rüssel herumgeschnüffelt …
Komplizierter Energiehaushalt
In Grzimeks Enzyklopädie der Säugetiere finde ich einen schönen Vergleich für die unermüdliche Nahrungssuche der Spitzmäuse (Kindler 1988, Bd. 1, S 475). Roger Fons beschreibt die Schnauze mit den langen Schnurhaaren als ein Organ, das „wie ein Radargerät immer in Bewegung ist“. Er nennt es ein regelrechtes „Schaltbrett der Sinne“.
Doch das ist wohl nötig. Denn ein kleines warmblütiges Tier mit großer Körperoberfläche muss Wärmeverluste ständig kompensieren, Seite 477
Zum Ausgleich ist eine fast ununterbrochene Kalorienzufuhr notwendig. Eine Spitzmaus ist daher dauernd auf Nahrungssuche, ihre Gefräßigkeit ist sprichwörtlich. Manche sind „Mägen mit Zähnen vorne dran“ und müssen täglich das Doppelte ihres Körpergewichts an Nahrung zu sich nehmen.
Spitzmäuse haben jedoch einen besonderen Trick, um Energieverluste zu kompensieren. Manche Arten können angeblich kurzzeitig in eine Art Starre verfallen, bei dem der Energieumsatz stark erniedrigt ist.
Das äußerst aktive Tier, das in unserer Lebendfalle steckte, schien übrigens keinesfalls verängstigt zu sein.
Es testete mit den scharfen Zähnen immer wieder die Festigkeit des Drahts und suchte ganz offensichtlich nach Möglichkeiten, dem Käfig zu entkommen.
Kein Wunder!
Wir haben es nach zwei kurzen Handy-Videos rasch erlöst, das heißt zum Friedhof getragen und dort befreit …
Überraschend
Vielleicht hat der eine oder andere schon einmal bemerkt, dass Katzen zwar Spitzmäuse jagen und töten, aber nicht fressen. Das hat einen plausiblen Grund: Spitzmäuse können bei Stress einen intensiven moschusähnlichen Duft produzieren. Dieses Sekret wirkt nicht nur auf Katzen abstoßend.
Doch Greifvögel, Störche und die Kreuzotter stößt der intensive Geruch nicht ab.
*Alfred E. Brehm spricht hier von der gemeinen Spitzmaus. Er unterscheidet nicht zwischen den drei Arten, die hierzulande häufiger sind: Garten-, Feld- und Hausspitzmaus. Ich vermute, dass bei uns eine Gartenspitzmaus (Crocidura suaveolens) in die Falle getappt ist. Ganz sicher bin ich mir aber nicht.































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