- Gelbsteißbülbül
- Graubülbül
- Weißohrbülbül
Weltweit leben viele tausende Vogelarten, die wir in Mitteleuropa gar nicht oder nur ausnahmsweise zu Gesicht bekommen. Dazu gehören auch die Vertreter der Familie Pycnonotidae, besser bekannt als Bülbüls oder Haarvögel.¹
Es handelt sich dabei um attraktive Singvögel, von denen sich manche Arten leicht uns Menschen anschließen. Und weil es nicht allzu anspruchsvoll ist, Bülbüls zu halten, waren (und sind) einige von ihnen sogar hierzulande als „Stubenvögel“ bei Vogelhaltern beliebt.
Ihre Heimat sind allerdings afrikanische und südostasiatische Regionen, wo manche der rund 140 Arten in tropischen Gebieten leben, während andere in gemäßigten Zonen vorkommen. Bülbüls ernähren sich weitgehend vegetarisch, sie „verachten“ aber Insekten und Spinnen nicht. Ihr Nachwuchs ist anfangs jedoch immer auf animalische Kost angewiesen.
Ich möchte nun von drei Arten berichten, die zu den Echten Bülbüls – also der ornithologischen Gattung Pycnonotus – gehören. Dieser aus dem Griechischen abgeleitete Name bedeutet soviel wie mit dickem Rücken. Und tatsächlich wirkt der sitzende Vogel etwas rundlich oder pummelig. Namensgeber der Gattung ist übrigens der Jurist und Zoologe Friedrich Boie, der sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts um die zoologische Systematik verdient gemacht hat.
Die drei Echten Bülbüls, um die es im Folgenden geht, sind mit knapp 20 cm Länge etwa so groß wie unsere Amseln oder Stare. Gerade ihr keckes Verhalten hat mich oft an den Star erinnert. Alle drei Vogelarten kommen in ihren jeweiligen Heimatländern häufig vor und sind dort meist gut zu beobachten.
„Drei auf einen Streich” das sind: Graubülbül, Weißohrbülbül und Gelbsteißbülbül.
Der Graubülbül
Meine allererste Begegnung mit den Bülbüls ereignete sich ungeplant und war völlig unerwartet. Sie liegt schon viele Jahre zurück, und Vögel waren zu der Zeit noch nicht in meinem verhaltensbiologischen Fokus. Jedoch lockte mich damals morgendlicher Vogelgesang auf eine Dachterrasse in Marokko. Und ich hörte und schaute genauer hin.
Es folgt eine Tonaufnahme, die bei xeno-canto von einem mir unbekannten Vogelfreund hochgeladen wurde und typisch ist.²
Auf einer Antennen hockte also ein Pärchen und begrüßte den Morgen beziehungsweise stimmte in den morgendlichen Gesang anderer Arten ein. Die beiden Bülbüls waren hier wahrscheinlich zu Hause, so wie es bei uns Amseln im Garten oder Haussperlinge unterm Dach sind.
Wie es der Name erwarten lässt, sind Graubülbüls etwas „langweilig“ getönt. Die Oberseite ist grau-braun, der Kopf etwas dunkler und die Unterseite insgesamt heller. Auffällig lang ist – wie auch bei anderen Bülbül-Arten – der Schwanz. Kurz und geradezu zart sind Füße und Beine.
In Afrika: beachtliche Verbreitung
Der Graubülbül (Pcynonotus barbatus) lebt in Nordafrika*, längs des Nils bis zum Roten Meer sowie im ganzen Gebiet von Subsahara-Afrika – mit Ausnahme der wüstenartigen Regionen von Namibia und Südafrika.
In diesem großen Verbreitungsgebiet haben sich zahlreiche Unterarten herausgebildet. Damit einhergehend gibt es allerlei Farbvariationen: Manche Graubülbüls haben einen besonders dunklen Kopf, bei anderen ist die Brust braun gesprenkelt oder der Bauch ist heller. Bei einzelnen Unterarten schimmert das Körperende unter dem Schwanz hellgelb.³ Ein Beispiel dafür ist Pcynonotus barbatus layardi, der in Kenia, Tanzania und weiter südlich vertreten ist. Zu erkennen sind die Unterarten jeweils am dritten Wort des wissenschaftlichen Namens.
Die Graubülbüls von Marokko und Algerien sind quasi die Klassiker und werden in Abgrenzung zu anderen Unterarten als Pcynonotus barbatus barbatus bezeichnet. Ihr Federkleid ist schlicht grau-braun. Und, wie bei den Bülbüls üblich, unterscheiden sich weibliche und männliche Tiere nicht. Die Herren sind höchstens ein wenig größer.
Manche Bülbüls haben auf dem Kopf aufstellbaren Federchen, also eine Art Haube. Beim Graubülbül ist sie unscheinbar, aber bei Erregung dennoch manchmal erkennbar.
Nicht nur der Graubülbül, auch all die anderen Bülbülarten, sind im Großen und Ganzen Standvögel. Das heißt, sie ziehen saisonal keine weiten Strecken, um vom Brut- ins Winterquartier – und von dort wieder zurück – zu kommen. Sie bleiben vor Ort! Geht ihnen allerdings die Nahrung aus, dann wandern sie, teils in größeren Gruppen, vorübergehend in eine andere Region.
Die beiden Vögel auf der Dachterrasse waren sicher nicht auf dem Zug, sondern gewissermaßen „Stadtvögel“. In der Nähe von Menschen fühlten sie sich offenbar wohl, weder der Verkehrslärm noch das Gewimmel in den Straßen von Marrakesch schien sie zu schrecken.
Tierarten, die ursprünglich in der Natur – also auf Feldern, in Steppen oder Wäldern – gelebt haben und später das Dorf oder die Stadt als Lebensraum entdecken, werden als „Kulturfolger“ bezeichnet
Die Graubülbüls passen in dieses Schema. Sie kommen mit den Früchten, die auf Terrassen, in kleinen Innenhöfen, in Parks und auf Märkten von Marrakesch zu finden sind, vermutlich gut durch. Notfalls können sie in ländliche Obstanbaugebiete ausweichen.
Neben Früchten verspeisen sie auch Blüten, Nektar und diverse Pflanzensamen. Außerdem schnappen sie sich Termiten, Ameisen, Grashüpfer, Schmetterlinge und viele andere Insekten. Also: Nicht nur in der Brutsaison zum Füttern der Jungen suchen sie animalische Kost, sondern sind auch sonst nicht abgeneigt.
Der Weißohrbülbül
Auch der Weißohrbülbül (Pycnonotus leucotis) begegnete mir erstmals in einer Großstadt, und zwar in Maskat, der Hauptstadt des Omans. Am Rand jener Lagune, in der mich die pausierenden Regenpfeifer fasziniert hatten, hörte ich sie … bevor ich sie sah.
Ihre etwas quietschende, muntere Stimme tönte aus einem dornigen Akaziengebüsch. Und wie schreibt Wilhelm Meise über den Gesang der Bülbüls beziehungsweise von Haarvögeln in Grzimeks Tierleben (Zürich 1970, Bd. 9) so treffend, Seite 192
Die Stimme der meisten Haarvögel klingt mehr laut und heiter als musikalisch.
Als häufige Bewohner von Dorf- und Stadtgärten
sitzen sie dort auf den Zweigspitzen der Gebüsche und machen schon durch ihre lärmende Stimme auf sich aufmerksam.
Für eine Tonaufnahme war es nahe einer vielbefahrenen Straße allerdings zu laut. Darum habe ich erneut eine Hörprobe aus dem Portal xeno-canto eingebunden.
Später konnte ich die Vögel in einem Stadtpark von Maskat beobachten, wo sie sich über die Blütenstände hermachten. In der oberen Etage einer Akazie hockte eine Handvoll Weißohrbülbüls, die manchmal kopfüber an den Zweigen hingen. Dadurch ließ sich am Steiß ihre gelb-orange Unterseite im ansonsten grauen Gefieder gut erkennen.³
Lebensraum: am Persischen Golf
Der Weißohrbülbül kommt besser mit Trockenheit klar als der Graubülbül, der Wasser in seiner Nähe braucht. Das und zahlreiche andere Informationen entnehme ich dem Handbook of the Birds of the World, Barcelona 2005, Band 10, Seite 124 ff.). Außer in Gärten und Parks kommt er in trockenen, buschigen und baumbestandenen Gebieten vor, wo er sich wie seine Verwandten hauptsächlich von Früchten, Blüten, Nektar und allerlei Insekten ernährt.
Kein Wunder also, dass er mir auf meiner Vogelreise im Oman in einem trockenen Wadi erneut begegnete. Dort hatte er es auf die rundlichen Früchte von Akazien abgesehen. Er stand auf dem trockenen Pflanzenmaterial, das der Fluss in der Regenzeit ins Tal geschwemmt hatte und das nun um den Stamm der Akazien gewickelt war.
Weißohrbülbüls leben rund um den Persischen Golf und den Golf von Oman. Ihr Verbreitungsgebiet reicht vom Oman über die arabischen Golfstaaten und den Iran bis nach Pakistan. Es ist insgesamt kleiner als beim Graubülbül, der Afrika bewohnt, und überschneidet sich mit diesem nicht.
Der Gelbsteißbülbül
Dieser Bülbül mit hellen Augenringen im sehr dunklen Gesicht und mit intensiv gelben Unterschwanzdecken³ am Steiß ist ebenfalls ein Bewohner der arabischen Halbinsel. Seine typischen Merkmale gehen einerseits in den deutschen Namen Gelbsteißbülbül** ein, andererseits in den englischen Namen White-eyed Bulbul oder auch White-spectacled Bulbul.
Anzutreffen ist er von der südlichen Türkei ausgehend längs der Mittelmeerküste in Syrien, dem Libanon und Israel bis ans Rote Meer.
Zudem leben Gelbsteißbülbüls in Saudi-Arabien, im Jemen und im Oman.
Sein Verbreitungsgebiet – statt äußerlicher Merkmale – ist für die französische Bezeichnung Bulbul d’Arabie ausschlaggebend und steckt ebenfalls im spanischen Namen: Bulbul Àrabe.
Im Süden des Sultanats Oman konnte ich nahe Salala einige Vertreter dieser Bülbül-Art im Februar 2025 in dem idyllischen Quellgebiet Ayn Razat beobachten.
Wieder hörte ich zunächst den Gesang, denn die Vögel waren anfangs in einem fruchtenden Baum verborgen, den ich bisher leider nicht identifizieren konnte.
Dort machten sich einige Gelbsteißbülbüls über dessen gelbe Früchte her. Zu sehen waren die Vögel nur, wenn ich immer wieder den Standort wechselte. Dabei fiel mir mal das hellumrandete Auge auf, mal der gelbe Steiß.
Wichtig: Früchte und Wasser
Wie bei anderen Bülbüls besteht die Nahrung vornehmlich aus Früchten, Blättern, Blüten und deren Nektar. Oft halten sich die Vögel in Gärten und in Plantagen auf, weil sie dort reichlich Nahrung finden. Am Boden und auf den Pflanzen picken sie aber auch immer nach Insekten und Spinnen.
Von Zeit zu Zeit konnte ich die Vögel beim Trinken an einem Wasserbecken beobachten. Es war hier, in den Ausläufern des Dhofar-Gebirges, auch während der Trockenzeit gut gefüllt. Am Wasser und frei von Blättern und Geäst ließ sich der Bülbül-typische lange Schwanz gut erkennen.
Das Quellebiet Ayn Razat ist nicht nur bei Ornis und anderen Touristen ein beliebtes Ziel, sondern – vor allem an Wochenenden – auch bei der einheimischen Bevölkerung. Immer wenn es ruhig war und neu ankommende Besucher sich verstreut hatten, flogen einige Gelbsteißbülbüls auf den Boden, um unter dem fruchtenden Baum herabgefallene Früchte zu verspeisen.
Ganz offensichtlich wählten die Vögel sehr sorgfältig die besten Früchte aus. Denn sicher waren manche mehr, manche weniger lecker … Akribisch zupften sie das Fruchtfleisch ab, wie das folgende Video vorführt.
An diesen schönen Ort, den die Omanis zu jeder Jahreszeit gerne besuchen, um im Schatten zu ruhen oder zu picknicken, gab es zahlreiche andere Vögel zu entdecken. Sie haben so zauberhafte Namen wie Graubrust-Paradiesschnäpper, Afrikanischer Silberschnabel, Somalibrillenvogel … Von der einen oder anderen Art werde ich sicher irgendwann berichten.
¹ Im Nacken haben manche Bülbüls feine, lange Federchen. Daher der deutsche Begriff „Haarvogel”.
² xeno-canto ist ein Portal für Tierstimmen. Menschen, die etwa von Vogelgesang und Vogelrufen gute Tonaufnahmen gemacht haben, können diese hochladen und der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.
³ Die Federn in diesem Bereich heißen Unterschwanzfedern oder Unterschwanzdecken.
* Der Graubülbül Nordafrikas scheint mittlerweile in Europa einzuwandern. Einige Vögel brüten bereits in Südspanien bei Tarifa.
** Die wissenschaftliche Erstbeschreibung der Art Gelbsteißbülbül (Pygnonotus xanthopygos) im Rahmen des Linnéschen Systems nahm 1833 Gottfried Christian Ehrenberg vor. Als Forschungsreisender in Arabien und Begleiter von Alexander von Humboldt auf der Reise nach Sibirien ist er kein Unbekannter.
Graubülbül | Bulbul des jardins | Common bulbul | Pycnonotus barbatus
Weißohrbülbül | Bulbul à oreillons blanc | White-eared bulbul | Pycnonotus leucotis
Gelbsteißbülbül | Bulbul d‘Arabie | White-eyed bulbul | Pygnonotus xanthopygos


















































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