Tschilpende Untermieter

Storchenhorst mit Sperlingen als lebhafte Untermieter

Vielleicht hätte der Titel dieses Blogposts präziser heißen sollen „Sperlinge im Storchenhorst“. Oder: „Was der Weidensperling im Horst von Weißstörchen treibt“. Aber das wäre als Überschrift zu lang und auch langweilig formuliert. Wir nähern uns der Angelegenheit daher nun schrittweise.

Wer Ende August oder im September in Deutschland einen Storchenhorst erblickt, wird schnell feststellen, dass kein Storch in Sicht ist. Denn die Weißstörche sind abgeflogen und ziehen bereits südwärts. Jung und Alt sammeln sich noch hier und dort auf Feldern und Wiesen, entscheiden je nach klimatischen Bedingungen, wie sie weiter fliegen, und irgendwann auch, ob sie in Europa bleiben oder sich auf den Weg nach Westafrika beziehungsweise Ostafrika machen.¹

Verborgene Haussperlinge

Hochsommer: Haussperlinge am Storchenhorst mit Jungstörchen

Oben auf dem Storchenhorst ist spätestens Ende August gähnende Leere. Aber wer genauer hinschaut, sieht womöglich, dass es weiterhin darunter wuselt.

Es sind hierzulande in der Regel Haussperlinge, die dort ein- und ausfliegen oder auf den Zweigen der großen Nester sitzen.

Selbst mit bloßem Auge ist zu erkennen, dass sie in dem Zweiggewirr zeitweilig verschwinden. Wer ein Fernglas parat hat, sieht das natürlich noch besser.

Die kleinen Sperlingsvögel haben im Souterrain des Horstes eigene Nester angelegt, brüten dort und bringen ihre Jungen groß. Manchmal nutzen auch Stare einen Storchenhorst als Untermieter. In der Dunkelheit des zusammengetragenen Geästs gefällt es Höhlenbrütern jedenfalls, und klappernde Störche sind offenbar nicht ihr Problem.

Haussperling am Horst

Weidensperling: Kugelförmige Anbauten

Es ist noch nicht lange her, da konnte ich eine andere Spezies als Untermieter im Souterrain von Storchennestern beobachten, nämlich den Weidensperling. Diese Sperlingsart ist in Deutschland nicht heimisch. Sie hat allerdings von West nach Ost ein riesiges Verbreitungsgebiet. Es reicht von den Kapverdischen Inseln über die Mittelmeerregion bis weit in die Trockengebiete Asiens, Zum Beispiel in Kasachstan.

Generell bevorzugt der Weidensperling ein sommertrockenes Gebiet mit Wasservorkommen in der Nähe. Aber er ist flexibel und bewohnt zum Beispiel auch feucht-temperierte Gebiete.

Männlicher Weidensperling in Kanarischer Dattelpalme
Typisch: kastanienbrauner Kopfschmuck

Der Weidensperling ist dem Haus- und dem Feldsperling ähnlich. Es gibt jedoch ein paar auffällige Kennzeichen: Der Kopf, genauer der Scheitel, ist kastanienbraun – auch als rotbraun wird er bezeichnet. Leuchtend weiß sind die „Wangen“ und streifig wirkt das Gefieder an Brust und Bauch. Das liegt an schwarzen Federchen, die allerdings nur bei den Männchen kräftig getönt sind und eine Art Strichelung erzeugen. Weibliche Weidensperlinge sind unauffällig und ähneln Feld- und Haussperling sehr.

Weiblicher und männlicher Weidensperling

Ich sah diese Sperlingsart mit ihrer auffälligen Strichelung das erste Mal auf Lanzarote, wo sich Weidensperlinge in einer Palme eingerichtet hatten. Zuletzt begegnete ich ihnen in Nordgriechenland, wo sie die Storchenhorste auf eine für sie typische Art und Weise belebten.

Nest mit Einschlupfloch zwischen Palmwedeln auf Lanzarote

Während unsere Haussperlinge – und auch die Feldsperlinge – sich direkt im Geäst des Horstes einrichten, baut der Weidensperling von außen seine kugelförmige Veranda an das Storchenheim.²  Wenn es der künstliche oder natürliche Horstbaum ermöglicht, konstruieren sie auch an Kabelhalterungen und Gestänge unter dem Horst ihre gewobenen Nester.

Kugelförmige Nester von Weidensperlingen im Storchenhorst (Nordgriechenland)

Das Einflugloch ist zugleich Ausflugloch und bodenwärts ausgerichtet. Insgesamt erinnern diese Nester an die mancher Webervögel. Das muss niemanden wundern, denn die Familie der Sperlinge (Passeridae) und der Webervögel (Ploceidae) sind nahverwandt und gehören beide zur Überfamilie der Passeroidea.

Tschilpende Weidensperlinge nahe einer Taverne in Nordgriechenland

Gesellige Koloniebrüter

Weidensperlinge leben wie viele Webervogelarten als laute, geschwätzige Gesellschaft und sind ausgeprägte Koloniebrüter. Ihr Tschilpen geht oft von morgens bis abends …  und manchen Menschen „auf den Geist”. Vor allem können die Vögel eins: Nester weben. Äußerst elegant wickeln sie Grashalmen um Zweige und Gestänge, bilden Schlaufen und ziehen Halme mit dem Schnabel durch Löchlein. Ein guter Ausgangspunkt für ihre Nestbauten sind definitiv die trockenen Zweige im Storchenhorst, auf denen sich auch gut ausruhen und flügelschlagend balzen lässt.

Weidensperlinge nisten auch in hohem Gebüsch und in Bäumen. Wenn in der Nähe ergiebige Nahrungsflächen sind, bilden sie tagsüber riesige Schwärme, abends finden sie sich zu vielen Tausenden an den gemeinschaftlichen Ruheplätzen oder Brutplätzen ein.

Storchenhorst mit flügelschlagendem Weidensperling

Bis zu 180 Nester hat man in einzelnen Bäumen gezählt. In einem einzigen Storchenhorst waren es bis zu 20 Einzelnester, lese ich im Handbook of the Birds of the World (Barcelona 2009, Bd. 14, S. 780). Und ich vermute, dass ich genau diese Anlage zufällig in Nordgriechenland gesehen habe. Außerdem fielen mir einige andere Horst auf, in denen Weidensperlinge und Haussperlinge zugleich nisteten – und sich zum Teil verpaart hatten, was nicht ungewöhnlich ist.

Nestbauten des Weidensperlings in einem Horst, den auch Haussperlinge nutzen.

Der Weidensperling lebt von den Samen zahlreicher Wild- und Kulturpflanzen. Eine geringe Rolle spielen bei adulten Vögeln Insekten. Allerdings erhalten die Jungen nur Insektennahrung. Das und noch viel mehr ist nachzulesen in dem Klassiker Handbuch der Vögel Mitteleuropas, herausgegeben von Urs N. Glutz von Blotzheim (Aula, CD-ROM, 1997, Bd. 14/1, S. 125 ff).

Wo Landwirtschaft betrieben wird, ist der Weidensperling nicht gerade beliebt. Denn er verspeist frisch ausgesätes Getreide ebenso wie reifes, lässt sich Sonnenblumenkerne und auch Reis schmecken. Die traurige Folge: Fallen große Schwärme in landwirtschaftliche genutzte Gebiete ein, werden die Vögel unter Umständen mit Aviziden getötet. Das hat man früher, zum Beispiel nach dem 2. Weltkrieg, auch hierzulande gemacht. Heute kommt es am ehesten auf Getreideanbauflächen in Asien vor.

Und im Winter?

Haussperlinge verbringen den Winter bei uns, sind also keine Zugvögel. Denn unterm Dach oder im Storchenhorst bleibt es warm genug. Und während die Vögel früher in der Scheune immer Futter fanden, werden sie heute in Städten und kleineren Gemeinden durchgefüttert. Zudem haben es bekanntlich viele gelernt, sich dort zu bedienen, wo Menschen essen.

Nestanlagen: wo immer möglich!

Der Weidensperling ist in manchen Regionen ebenfalls Standvogel, zieht höchstens etwas hin und her. In Regionen und Höhenlagen, wo es kalt wird und eventuell Schnee fällt, bricht er im Herbst nach Süden auf – etwa nach Nordafrika.

Und wenn er im Frühjahr zurückkehrt, macht er, was quasi seine Profession ist: neue Nester weben, alte flicken und für Nachwuchs sorgen.

 

¹ Die Zugrichtung hängt von ihrem Brutgebiet ab: Ostdeutsche Störche nehmen traditionell die riskantere Route über den Bosporus und die Küstenregion von Nahost nach Ostafrika, west- und süddeutsche Störche fliegen südwestwärts und bleiben entweder in Spanien „hängen“ oder segeln weiter Richtung Westafrika.
² Übrigens nutzen Weidensperlinge auch die großen Nester von Löfflern, Reihern und Greifvögeln für ihre Anbauten
³ Störche bauen ihre Horste bekanntlich auch auf Schornsteinen, Moscheen und andere passende Gebäude.

Weidensperling | Moineau espagnol | Spanish Sparrow | Passer hispaniolensis



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