Wundersames Schnabeldesign

26. Mai 2023 | Große Vögel | 2 Kommentare

Männliche Brandgans in einer modrigen Uferzone am Haff von Litauen

Über die farbenprächtige Brandgans – auch als Brandente bekannt¹ – habe ich schon ausführlich berichtet. Aber der wundersame Schnabel des Vogels, der bei den Männchen während der Balzzeit einen imposanten Wulst hat, ist dabei etwas zu kurz gekommen. Weil er gewissermaßen nur saisonal aufblüht und dann wieder verkümmert, bekam ich ihn bisher noch nicht gut vor die Linse.

Ein Brandgans-Paar nähert sich

An der Kurischen Nehrung (Neringa) in Litauen konnte ich nun eine männliche Brandgans mit voll ausgebildetem Schnabelschmuck beobachten. Welch ein Wunderwerk der Evolution!

Der Ganter war mit seiner Gefährtin im Flachwasser auf der Seite des Haffs – also nicht zur Ostsee hin – auf Nahrungssuche und näherte sich dem Ufer. Schon aus der Ferne leuchtete ihr Gefieder in der warmen Maisonne ganz wunderbar.

Ich möchte an dieser Stelle wieder einmal den so kenntnisreichen und wortgewandten Ornithologen des 19. Jahrhunderts Johann F. Naumann zitieren, der in seiner Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas (3. Aufl, Bd. 9) die Brandgans so vorstellt, Seite 383

Diese durch ihre großartige Zeichnung in wenigen abstrakten Farben und vielem Weiß höchst ausgezeichnete und sehr buntscheckige Ente ist mit einer anderen inländischen Art nicht zu verwechseln.

Das stimmt. Auch bei geringer Artenkenntnis ist der Vogel, der heute zu den Gänsen gerechnet wird, leicht zu identifizieren.¹ Mit anderen Gänsearten, mit den Schwänen und den Enten bildet er die Ordnung der Entenvögel (Anseriformes).

Der Algenbewuchs am Ufer verspricht reichlich Nahrung.

Es genügt, den Kopf einzutauchen, um das Wasser zu durchseihen.

Was schwimmend geht, geht auch im Stehen.

Die Wulst: roter Schnabelhöcker

Die Geschlechtsunterschiede sind bei den Enten und Gänsen im Gefieder und bei der Körpergröße unterschiedlich stark ausgeprägt. Bei manchen Arten sehen Männchen und Weibchen im Prachtkleid, das sie zur Paarfindungs- und Balzzeit tragen, recht verschieden aus. Im sommerlichen Ruhekleid ähneln Entenvögel einander meist sehr.

Bei der Brandgans ist dieser Geschlechtsdimorphismus gering: Zwar sind die Ganter etwas größer, aber die Gefiederfarben beider Geschlechter sind gleich. Sie unterscheiden sich vor allem durch die auffällige Schnabelwulst – auch Schnabelhöcker genannt – des Männchens. Der ist zur Balzzeit unübersehbar.

Brandgans-Paar bei Seihen

Manchmal gelangen auch Algen in den Schnabel (links: weibliche, rechts: männliche Brandgans)

Naumann schreibt über den Schnabel der männlichen Brandgans und die Wulst, die er Protuberanz nennt

Vor der Stirn geht er in eine nackte Protuberanz über, die beim Weibchen wenig bemerkbar, beim Männchen aber sehr auffallend, 8 bis 10 mm lang ist …

Und weiter steht dort über die Wulst, dass sie

… in der Fortpflanzungszeit so stark anschwillt, dass sie bei recht alten (Brandgänsen) fast die Größe einer halben Sauerkirsche erlangt, nach jener Zeit aber jedes Mal wieder einschrumpft, und im Winter bis zum Frühjahre sich allmählich wieder von neuem erhebt.

Bei der fleischigen Wulst handelt es sich um ein Gewebe, das zur Paarungszeit unter dem Einfluss männlicher Hormone wächst und dessen Größe übrigens mit der Größe der Hoden positiv korreliert ist. Also: Je größer diese, desto mächtiger die Wulst.

Was der Brandgans schmeckt

Brandgänse leben wie ihre große Enten- und Gänseverwandtschaft meist in Wassernähe. Bei uns sind das vor allem die Nordseeküste und auch die Boddenregion der Ostsee. Seit den 1950er Jahren breitet sich die Art längs der Flüsse, etwa von Elbe und Weser, weiter ins Binnenland aus.

Ihre Nahrung sucht die Brandgans meist in Flachwassergebieten, wie dem Watt, oder in teils etwas modrigen Uferzonen. Dort fahndet sie vor allem nach kleinen Schnecken, Würmern und Krebsen. Diese ergattern Brandgänse entweder schwimmend und indem sie den Kopf etwas eintauchen, oder sie „spazieren“ durch das Flachwasser und stecken den Kopf von Zeit zu Zeit ins Wasser. Dabei durchseihen – beziehungsweise durchsieben sie – das Wasser.

Eine Vegetarierin ist die hübsche Gans definitiv nicht. Aber sie frisst auch die Samen von Gräsern oder Algen mit darin enthaltenen Kleinstlebewesen.

Ihre Art der Nahrungsaufnahme unterscheidet sich grundsätzlich von Tauchenten wie der Reiherente. Auch ist das Gründeln der Schwimmenten, die mit dem Steert nach oben Nahrung suchen, nicht unbedingt ihr Metier. Das können Brandgänse zwar auch, tun es aber seltener.

Mit Gänsearten wie Ringelgans und Weißwangengans, die auf Wiesen und Feldern nach genießbaren Pflanzen suchen und sich gern über frische Saat hermachen, hat die Brandgans in Sachen Nahrungsaufnahme ebenfalls wenig gemein. Der Vorteil: anders als diese Gänsearten gerät sie mit den Landwirten nicht in Konflikt.

Bestandszunahme in Deutschland

Viele Brandgänse brüten in Island, an der Küste Irlands, Norwegens oder Schwedens und verbringen den Winter in der südlichen Nordsee. Aber auch hierzulande wird gebrütet. Eben darum konnte ich an der Nordsee sowohl balzende Brandgänse als auch Elternpaare mit ihren Jungen beobachten.

In den letzten Jahrzehnten hat es in Deutschland übrigens eine erfreuliche Bestandszunahme gegeben, lese ich im Atlas Deutscher Brutvogelarten (ADEBAR, Seite 90): Waren es laut Rote Liste 1995 um die 3.000 Brutpaare, so wurden schon im Jahr 2000 mit rund 6.000 Brutpaaren gerechnet, und im Zeitraum 2005 – 2009 kamen Ornithologen und Ornithologinnen bereits auf 6.300 bis 8.000 Brutpaare im Jahr.


Vom Leid der Tiere durch Krieg und seinen Folgen
Der positive Trend bei den Brandgänsen ist umso erfreulicher, als nach dem 2. Weltkrieg die mausernden Vögel auf grausige Art und Weise zu Tode kamen. Im Urania Tierreich (Ausgabe: rororo Tierwelt, Reinbek bei Hamburg, 1974) lese ich auf Seite 96

Auf dem Knechtsand wurden in den Jahren 1954 bis 1957 ungezählte tausende von Bomben zerrissen, als die britische Luftwaffe die Insel zum Zielgebiet erkoren hatte.

Die Brandgänse hatten damals keine Chance den (rechtmäßig abgeworfenen) Bomben zu entkommen. Der Grund: Die Knechtsände² waren und sind ihr traditionelles Mausergebiet. Dorthin fliegen sie zu tausenden aus hiesigen und den nordischen Brutgebieten, um weitgehend ungestört das Gefieder zu wechseln. Sie sind dann energetisch am Limit und für drei bis vier Wochen flugunfähig.
Fliegend konnten die Vögel den Bombenabwürfen also nicht entkommen. Und dass die Überlebenden im Folgejahr auf ihrem Mauserzug eine andere Richtung einschlagen würden, um ein passendes und sicheres Gebiet zu finden, sah ihr Verhaltensprogramm nicht vor.³


Der Ganter, den ich am haffseitigen Ufer der Nehrung in Litauen beobachten konnte, hatte übrigens ein Problem: ein zweiter Ganter hatte sich angenähert und interessierte sich offenbar für seine Gefährtin. Beschäftigt mit der Nahrungssuche, hatte er sie aus den Augen verloren.

Die beiden folgenden Videoausschnitte zeigen, wie der Ganter das Weibchen sucht, den Hals reckt und sich vom Ufer entfernt.

Im nächste Videoausschnitt lässt die Unruhe ablesen, mit der er nach der verlorengegangenen Partnerin links und rechts Ausschau hält.

Es dauerte dann nicht lange bis die drei Brandgänse aufeinander stießen, der Konflikt eskalierte und der Konkurrent vertrieben wurde.

Bei Konflikten ist Wegfliegen oft die beste Lösung.

¹ Lange war strittig, ob es sich um eine Ente oder eine Gans handelt. Doch mittlerweile steht fest, dass die Brandgans (Tadorna tadorna) wie die nahverwandte Rostgans (Tadorna ferruginea) zu den Gänsen zählt.
² In der Elbe-Wesermündung liegen mehrere Knechtsände. Der Große Knechtsand ist neben der Insel Trischen traditionell ein wichtiges Mausergebiet für Brandgänse
³ Zum Glück wurden durch engagierte Naturschützer und Verhandlungen mit den Briten die Bombenabwürfe nach drei Jahren endlich eingestellt.

Brandgans | Tadorne du Belon | Common Shelduck | Tadorna tadorna

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2 Kommentare

  1. Ich glaube die gesamte (europäische) Population hat nur einen gemeinsamen Mauserplatz, zu dem sich alle Gänse zur Mauserzeit gleichzeitig einfinden. Vielleicht kann man das auch noch mal recherchieren und als Besonderheit in den Bericht aufnehmen?

    Antworten
    • Hallo Britta, danke für diesen Hinweis, aber den Mauserzug würde ich lieber als eigenes Thema noch einmal abhandeln. Hier passt er nicht so gut zum Text. Erwähnt habe ich den Mauserzug in dem Blogpost „Ein Jahr mit der Brandgans“. Jedenfalls ziehen Brandgänse zum Mausern auf Sandbänke und flache Inseln ins Wattenmeer, um ihr Gefieder zu wechseln. Sie sind nämlich in dieser Zeit flugunfähig und also gefährdet. Auch Eiderenten machen einen Mauserzug, erwähnt habe ich das im Blogpost „Von einem anderen Stern“. In meinem Vogel-ABC auf der Startseite kannst du nach den Blogposts zu beiden Vogelarten suchen.

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Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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