„Der Zug der Mauersegler” lautet der Titel dieses Buches. Aber passen würde durchaus auch: „Wer den Mauerseglern folgt“. Denn wer Ihnen folgt und dabei nicht nur diese wahnsinnig schnittigen Vögel im Auge hat, die von ihren Brutgebieten in Westeuropa startend durchaus 10.000 km zurücklegen, um in Subsahara-Afrika den Winter zu verbringen, der fragt sich vielleicht auch, welche Länder und Kulturen die Mauersegler überfliegen. Und genau das macht die Autorin.
Auf dem Zugweg
Imke Müller-Hellmann hat im Untertitel „Unterwegs zwischen Kontinenten“ angedeutet, dass sie mehr will, als eine Beschreibung der Zugrouten von Mauerseglern abzuliefern. Zwar macht sie in vielen Abschnitten genau das, aber ihr Buch bietet eben mehr.
Nachdem die Bremerin uns am Beispiels ihres Stadtteils in die deutsche Kolonialgeschichte eingeführt hat, lässt sie uns durch ihr Zimmerfenster auf die Mauersegler über den Dächern, an und zwischen den Hausfassaden schauen. Und dann nimmt sie uns mit zu einer Brutkolonie im niedersächsischen Gehrde. Da werden die Mauersegler seit fast 20 Jahren beringt und manche seit 2021 mit extrem leichten Sendern (Geolokatoren) ausgestattet.
Dort lernt die Autorin von Experten eine Menge, zum Beispiel auch, einen Mauersegler in die Hand zu nehmen. Sie betrachtet ihn aus der Nähe und mit viel Mitgefühl, wenn etwa ein Ring aufgezogen, ein kleiner Sender angebracht oder entfernt wird. Da heißt es auf Seite 69
Und ich stehe tatsächlich auf einem staubigen Kirchendachboden und spüre das kleine Herz eines Mauersegler gegen meine Handinnenfläche pochen und das große Herz eines Menschen in meiner Brust. Der Segler ist leicht. Viel leichter, als ich mir vorgestellt hatte und klein, viel kleiner, als ich dachte. Am Himmel, mit seinen ausgebreiteten, sichelförmigen, langen Flügeln sieht er viel größer aus, aber hier, in meiner Hand, mit angelegten Flügeln, die sich am Ende überkreuzen, ist es ein kleiner, zerbrechlicher Vogelkörper …
Übrigens darf man sich den Zug der Mauersegler ins Winterquartier nicht so vorstellen, als würden sie von Europa aus durchstarten, hier und da einen Stopp einlegen und es sich später in insektenreichen Gegenden über Monate lang bequem machen. Vielmehr sind diese Fernzieher ständig unterwegs, und nur zur Brutzeit lassen sie sich – wie auch bei mir am Brutplatz – nieder.
Das Gros der westeuropäischen Population verschwindet schon im Juli Richtung Spanien und zieht dann weiter nach Westafrika, wo die Vögel fliegend Stippvisiten in feucht-warmen Gebieten einlegen, bevor sie – etwa im Bereich der Sahelzone – von ihrem südwestlichen Kurs abbiegen und ostwärts fliegen.
Das konnte sich Imke Müller-Hermann allerdings nicht vor Ort ansehen.
Die Corona-Epidemie verhinderte, dass sie ihre Reise ins westafrikanische Liberia realisierte, wo zur Überraschung vieler Fachwissenschaftler von einem Experten für die Vögel Liberias mehrfach Mauersegler in großen Schwärmen gesichtet worden waren.
Die Autorin muss umplanen. Bei einem neuen Anlauf in die Winterquartiere europäischer Mauersegler ist ihr Ziel dann die ostafrikanische Küste auf der Höhe von Tansania. Bis dorthin konnten Doktoranden der Universität Siegen dank der Geolokatoren einige Vögel nachverfolgen. Diese 40-Gramm schweren Leichtgewichte hatten eine Zugstrecke von über 10.000 km hinter sich gebracht und auf dem Rückweg ebenso viele Kilometer vor sich.
Vielschichtige Erzählung
Die reale Wegstrecke der Mauersegler ist nur ein Strang, der sich durch dieses Buch zieht. Es gibt mindestens zwei, genaugenommen drei weitere Stränge.
So hat die Autorin recherchiert, was Deutschland als Kolonialmacht in einigen der Länder angerichtet hat, die alljährlich von den Mauerseglern in Afrika angeflogen werden. Dabei kommt sie mehrfach auf die Rolle der Hansestadt Bremen und ihrer Überseehändler in den Kolonien zu sprechen.¹
Auch erinnert sie daran, wie stark die Corona-Epidemie unser Leben hierzulande eingeschränkt hat. Sie selbst hat unter den Reisebeschränkungen gelitten, als sie in Liberia die Mauersegler aufspüren wollte, war dann – trotz Impfung – schwer erkrankt und hat bis heute mit Nachwirkungen zu kämpfen.
Von den Freuden und Leiden des Vogelguckens erzählt dieses Buch ebenfalls. Oft ist die Vogelbeobachtung ein Glück, oft heißt es aber abwarten, ausharren bei Hitze wie bei Kälte, und dann sind die Vögel doch nicht dort, wo man sie erwartet hatte.
Fluchtwege – Zugwege
Wie die Mauersegler, so fliegt auch die Bremer Autorin – jedenfalls gedanklich – über mehrere Länder und ihre Menschen in der Subsahara hinweg. Engagiert in der Hilfe und Rettung von Geflüchteten, berichtet sie von Zuständen und Einzelschicksalen in Ländern wie den beiden Kongo-Staaten und im Gebiet der Sahara. Und wenn man – wie Imke Müller-Hellmann – sich für Geflüchtete einsetzt, ein Diplom in Religionswissenschaft und in Pädagogik hat, ist das und ihre Perspektive nur konsequent.
Als die Autorin auf der Spur der Mauersegler Sansibar erreicht hat, geht es ihr wiederum nicht nur um die Gefiederten, sondern auch um die Geschichte der Region. Diese wurde u.a. von persischen, portugiesischen, indischen und arabischen Einflüssen geprägt, bevor die Deutschen als Kolonialherren im heutigen Tansania und Sansibar die Macht übernahmen. Und danach kamen durch ein Tauschgeschäft und den Ausgang des 2. Weltkriegs die Briten. Dazu weiß die Autorin eine Menge Lesenswertes zu berichten.¹
Und was erfahren wir über die Vogelwelt von Sansibar? Auf der Insel leben gleich mehrere Arten von Seglern, darunter der Haus- und der Palmensegler und außerdem Kuckucke mit einem spannenden Familienleben, Seite 186
Das Grillkuckucksweibchen ist bunt geschmückt – in der Vogelwelt muss-darf sich oft nur das Männchen hübsch machen –, und das Weibchen verteidigt mit Gesang ein großes Revier. Es paart sich mit mehreren Männchen und überlässt Ihnen die Aufzucht der Brut. Die Weißbrauenkuckucke hingegen sind monogam und ziehen den Nachwuchs gemeinsam auf.
Weil die Mauersegler über der Insel Sansibar aber nicht auftauchen wollen, geht es bald zur Nachbarinsel Pemba – wo ein tansanischer Ornithologe die Zugvögel vermutet. Auch von dort wird viel Spannendes über Kultur und Gesellschaft berichtet. Und die Vogelwelt wird vorgestellt, Seite 219
Am Tag fliegt der afrikanische Paradiesschnäpper seinen Weg über das Gelände, der türkis- blau-violett, metallisch schimmernde Pemba Veilchenbrust-Nektarvogel ebenso, viele Madagaskarspinte und einige Braunkopf-Zwergfischer. Kuckucke rufen versteckt aus höheren Bäumen heraus. Einer wird Regenvogel genannt, da er vor allem vor dem Regen rufe.
Schließlich kommt es auf Pemba zu dem Punkt, den alle Vogelbegeisterten kennen: Vogel B sollte eigentlich da oder da zu sehen sein, ist er aber nicht. Vieles Andere wird stattdessen entdeckt – aber nicht Vogel B …
Zuletzt besucht die Autorin Bagamoyo, das für kurze Zeit die Kolonialhauptstadt von Deutsch-Ostafrika war. Bis heute gibt es dort ein Museum der Katholischen Mission, einen deutschen Soldatenfriedhof und viele Fischerboote.¹
Von all dem lesen wir in diesem Kapitel, aber die Vogelwelt kommt natürlich auch zu Wort, Seite 240
Am nächsten Tag sehe ich vom kleinen Zimmer Vorsprung aus einen Rosenbauch-Bartvogel, roter Kopf, weißer Bauch, schwarzer Rücken. Der Schnabel ist kräftig und weiß. Oben am Kopf sind rote Tupfer, die aus dem Übergang zum Schwarz der Rückenpartie entstehen. Ich sehe viele Maidschwalben im kunstvollen Flug über mir, geschuppter Bauch, fuchsroter Kopf, der Schwanz tief gegabelt, an den Enden schwarz …
Und zum Schluss
Diese und andere Textabschnitte zum Thema Vogelwelt in Afrika kommen vielfach etwas staccatoartig daher. Sie basieren aber keineswegs auf der (angeblich) künstlichen Intelligenz, sondern sind gelungene und sprachlich kreative Zusammenschnitte an Hand von Bestimmungsbüchern. – Mit denen arbeiten üblicherweise Ornithologen und Ornithologinnen, die in einem unbekannten Gebiet Vögel entdecken und sich darauf vorbereiten wollen.²
Von den Mauerseglern in ihrem Winterquartier kehrt Imke Müller-Hellmann nach fünf Monaten Tansania in die eigenen vier Wände zurück. Und die Vogelwelt, mit der sie „in Bremen und umzu“ (wie es an der Weser heißt) zu tun hat, die stellt sie uns natürlich auch vor. Als der Zielort Liberia ausfiel und Corona den Alltag bestimmte, trieb sie sich im Bürgerpark der Stadt und längs der Weser herum, Seite 128
Der Zaunkönig im Garten nebenan singt lautstark, wie immer. Ein Teilzieher, über den es viele Legenden gibt. Die Melodie des Gartenbaumläufers ist fein und eingängig. Der Läufer selber ist filigran, er wandert von unten nach oben, die Baumstämme rauf, aber nicht Kopf unter wieder runter. Das macht nur der Kleiber.
Später dann, zwischen Weser und Wümme:
Ich sehe Rohrammern, die vielleicht unterwegs waren, vielleicht aber auch nicht, und das schöne Schwarzkehlchen, dass den Winter in Südwesteuropa erträglich fand, schwarzer Kopf beim Männchen, orange rot bei beiden die Brust.

Rohrammer in den Wümmewiesen (bei Bremen)
Imke Müller-Hellmann ist also wieder zu Hause. Sie hat ein facettenreiches Buch verfasst – und eine Sprache gewählt, die respektvoll ist, engagiert, griffig und gefühlvoll.
Als gebürtige Bremerhavenerin – mit Bremen im Süden und der Nordsee gewissermaßen vor der Haustür – bin auch ich am Ende lesend in meiner alten Heimat angekommen. Ich danke als Leserin, Rezensentin und Birderin für den Ausflug, der mich bei hiesigen Temperaturen um die 40 Grad Celsius auf vielerlei Weise sehr berührt hat.
¹ Ich bin den Spuren der deutschen Kolonialherrschaft ebenfalls begegnet, habe sie sogar gesucht: in Namibia, Tansania und Sansibar. Und von der sogenannten Gewürzinsel führte es mich später nicht zufällig in den Oman.
Bereits 1978 – zur Zeit von Julius Nyrere – war ich nach intensiver Vorbereitung und mit einigen Suaheli-Kenntnissen in Tansania und auch auf Sansibar. Dort habe ich mir die finsteren Höhlen, in denen Sklaven vor der Verschiffung eingepfercht waren, von Sansibari zeigen lassen. Und natürlich steht bei mir „Die Memoiren einer arabischen Prinzessin“ von Emily Ruete im Regal.
Auch Bagamoyo habe ich damals gezielt angesteuert, war auf dem deutschen Soldatenfriedhof, um dem Kolonialismus und seinen Folgen nachzuspüren, und habe morgens – gepiesackt von Moskitos – die Fischer mit ihren Booten und Dhaus beobachtet.
² So mache ich das auch, wenn ich in einer fernen Region Vögel beobachten will. Dass beim Birden heute oft nur ein Handy mit einer Vogel-App in die Landschaft gehalten wird, ist neu und trägt meines Erachtens nicht wesentlich dazu bei, Vogelarten kennen zu lernen und unterscheiden zu können. Denn dazu braucht es immer den Vergleich zwischen dem gesichteten Vogel, diversen Abbildungen und Tonbeispielen. (Johannes Klemenz hat sich dazu in Der Falke Gedanken gemacht. Ich habe davon berichtet.
Mauersegler | Martinet noir | Common swift | Apus apus


























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