Die Singdrossel hat eine laute, durchdringende Stimme. Hat man diese einmal im Ohr, erkennt man die Art leicht wieder. Zwar sind einige Elemente ihres Gesangs besonders einprägsam, aber er ist keineswegs monoton, sondern sehr vielfältig und immer für eine Überraschung gut. Denn, wie der Name schon sagt, die Singdrossel ist eine Vogelart, die sich als gute Sängerin auszeichnet.
Kein Wunder also, dass Carl von Linné ihr den wissenschaftlichen Namen Turdus musicus gegeben hatte. Heute lautet dieser allerdings, dem Vorschlag von Christian L. Brehm folgend: Turdus philomelos. Auch dieser Fachbegriff, der Verwechselungen vermeiden soll, spielt auf ihren beeindruckenden Gesang an. Denn der Bestandteil philomelos (gr.) bedeutet „Freund des Liedes“. Und so, oder so ähnlich, hört sich die Singdrossel als Freundin des Liedes an.
Hörbeispiel: Wenn die „Freundin des Liedes” singt.
Tatsächlich ist es oft der Gesang, der uns mit oder ohne eine Vgelstimmen-App auf diesen Vogel aufmerksam macht und uns hilft, ihn überhaupt zu finden. Wer zum Beispiel in Berlin durch den Grunewald spaziert oder durch Parkanlagen mit viel Gebüsch und einer starken Krautschicht – mit anderen Worten durch städtisches Grün, das im landläufigen Sinne nicht aufgeräumt beziehungsweise gepflegt ist, – hat gute Chancen, diese Drossel zu hören. Sie zu sehen, ist nochmal eine andere Sache.
Ich habe mich kürzlich tatsächlich geplagt, um den im ersten Video singenden Vogel ausfindig zu machen. (Er bekommt später im Blog noch seinen Auftritt!) Ihn zu finden, gelingt am ehesten, wenn er seinen Standort wechselt. – Oder eben im zeitigen Frühjahr, wenn die Bäume und Sträucher noch nicht belaubt sind und er bereits singt.
Am Boden herumwühlen
Die singende Singdrossel hält sich im Geäst von Bäumen auf, so habe ich sie schon früher einmal am Berliner Schäfersee sehr schön beobachten können. Zur Nahrungssuche geht sie allerdings auf den Boden, um unter altem Laub oder frischem Kraut nach Regenwürmern, Käfern, Schnecken, und Insekten in allen Entwicklungsstadien zu fahnden.
Obwohl sie auf und im Erdboden mächtig herumwühlt, ist sie auch dort leicht zu übersehen. Sie versteckt sich definitiv vor unliebsamen Beobachtern und Beobachterinnen.
Singdrosseln bei ihrer Nahrungssuche zuzuschauen, ist höchst amüsant. Sie machen das nicht wesentlich anders als Amseln und andere Drosselvögel, die ebenfalls am Boden nach Futter suchen. Da wird energisch das Laub nach links und rechts mit dem Schnabel weggefegt und lockerer Boden aufgewirbelt. Und wird die Drossel fündig, dann wird gestochert und gepickt.
Übrigens sind Singdrosseln und auch andere Vogelarten, die sich wie Rotkehlchen, Buchfink und der Zaunkönig viel am Boden herumtreiben, total aufmerksam. Nicht nur mit den Ohren, die als auditive Organe permanent online sind, auch mit den Augen, also dem visuellen System, scannen Vögel ihre Umgebung. Bei Störungen fliegen sie auf und davon.
Von Städtern und der Stadtnatur
Ich traf die „Freundin des Liedes” Turdus philomelos zuletzt im Heinrich-Laehr-Park. Er liegt im südwestlichen Berlin (Zehlendorf) und ist ein ganz besonderes Kleinod der städtischen Biodiversität.
Hier leben außer vielen Singvögeln, auch der Bunt- und der Mittelspecht. Es gab auch schon einen Habichthorst im Parkgelände, und Greifvögel lassen sich sowieso immer wieder mal blicken bzw. hören.
Was die Vögel am Rand der Wege quer durch den Park stört, sind nicht Menschen, die diskutierend, auch mal am Stock und öfter mit einem Kinderwagen dort spazieren gehen oder auf einer Bank sitzen. Es sind auch nicht die auf den neu befestigten Wegen vorbeigleitenden Fahrräder, als vielmehr Menschen, die meinen, sie müssten ihren Hund nicht an die Leine nehmen.*
Das jedoch ist Pflicht, wenn man sich in Berlin mit seinem Hund in einer Geschützten Grünanlage, so die offizielle Bezeichnung, aufhält.** Mal scheuchen große wie kleine Hunde einen Vogel auf, mal verschwinden sie im Gebüsch.
Im Fall des Heinrich-Laehr-Parks handelt es sich nicht nur um eine Geschützte Grünanlage, sondern zusätzlich sogar um ein Landschaftsschutzgebiet. Wie das folgende Foto zeigt, tut das zuständige Grünflächenamt einiges dafür, dass hier ein möglichst naturbelassenes Habitat für Vögel, Insekten, andere Wirbellose und für kleine wie große Säugetiere erhalten bleibt.
Mit den großen Säugern meine ich in diesem Fall die Wildschweine, die sich in Berlin nicht unbedingt beliebt gemacht haben, die aber andererseits – wie auch die Füchse – die Hauptstadt als einen Ort markieren, in dem Natur eine große Rolle spielt und die Stadt zu einem medialen Ereignis macht.
Die singende Parkbewohnerin: ein Geschenk
Dass wir in Städten wie Berlin die Singdrossel hören und beobachten können, ist ein tolles Geschenk.
Das Geschenk datiert aus dem frühen 19. Jahrhundert. Damals kamen nach und nach die Singdrosseln aus den Wäldern in städtische Gärten und Grünanlagen.
Und natürlich sind bis heute Künstler und Künstlerinnen von der kecken Singdrossel total begeistert, und zwar nicht nur Menschen aus der klassischen und modernen Musikszene, sondern ebenso Vertreter der darstellenden Kunst.
Von Matthias Garff und dessen Vogelplastiken, die aus entsorgten Dingen des Alltags entstehen, habe ich schon einmal berichtet. Diese Singdrossel hat er zum Beispiel auf zwei Kuchengabeln drapiert. Schon länger hat sie einen Platz in meinem Büro.
Was die Wandlung der Singdrossel vom Wald- zum Parkvogel angeht, hat das berühmte Zoologenpaar Oskar Heinroth und Magdalena Heinroth in ihrem gemeinsamen Mammutwerk Die Vögel Mitteleuropas¹ eine aufschlussreiche Anmerkung zum Berliner Tiergarten gemacht, Seite 41
Gerade während ich diese Zeilen diktiere, am 24. März 1924, ist die Singdrossel aus der Winterherberge nach Berlin zurückgekehrt, und seit heute Morgen erscheint der bezeichnende, schöne Gesang hier im Zoologischen Garten von vielen Baumwipfeln, trotzdem die Teiche noch mit Eis bedeckt sind …
Und weiter:
Wir haben hier diesen so reichen Singdrosselbestand noch nicht lange. Vor etwa zehn Jahren nisteten ganz wenige Paare im Tiergarten, dann aber waren sie auf einmal überall, und in wenigen 100 m Umkreis kann man jetzt mehrere Nester finden. Dasselbe hört man auch von anderen Orten. Sie ist dort ebenfalls zusehends mehr Parkvogel geworden, und ihre Zahl ist jetzt häufig größer als die der Amsel …
Das Phänomen, dass die Singdrossel von einem Waldvogel zu einem Parkvogel mutierte, kennen wir auch von der Amsel. Falko Melde und Manfred Melde sprechen in ihrem wertvollen Werk Die Singdrossel übrigens von einer „Verstädterung“.² Auch als Kulturfolger können wir den Vogel bezeichnen.
Singend im Geäst
Wie eingangs erwähnt hatte es eine Weile gedauert, bis ich eine singende Singdrossel im Heinrich-Laehr-Park ausfindig machen konnte. Und sie saß auch nicht besonders günstig, aber immerhin. Hier singt sie, bevor sie sich vom Ast aus auf dem Boden stürzt!
Hier singt die Singdrossel, und zwar in Abstimmung mit einer zweiten. Sie sind Reviernachbarn und grenzen sich so voneinander ab.
Mich beeindruckt die Stimme des kleinen Vogels jedes Mal von Neuem. Und den Ornithologen früherer Jahrhunderte ging es ebenso. In Brehms Tierleben³ lese ich über den Singdrossel-Gesang, Seite 87
Die Gesänge gehören zu dem Besten aller Singvögel überhaupt. Unserer Singdrossel gebührt die Krone; ihr fast ebenbürtig ist die Amsel …
Und weiter
Ihr Gesang ist ein Inhaltsreiches, wohl- und weittönendes Lied. Mit den flötenden Lauten wechseln allerdings auch schrillende***, minder laute und nicht sehr angenehme Töne ab; aber die Anmut des Ganzen wird trotzdem kaum beeinträchtigt.
Nach dem Abflug blieb diese Gesangskünstlerin leider verschwunden. Ich möchte sie abschließend nochmals, umgeben von anderen kleinen Singvögel „zu Wort kommen“ lassen.
Morgendliche Gesangskulisse im Heinrich-Laehr-Park im Juni: Zaunkönig, Mönchsgrasmücke, Grauschnäpper, Buchfink, Singdrossel. Und unüberhörbar trommelt auch ein Buntspecht.
¹ Oskar Heinroth, Magdalena Heinroth: Die Vögel Mitteleuropas in allen Lebens- und Entwicklungsstufen photographisch aufgenommen und in ihrem Seelenleben bei der Aufzucht vom Ei ab beobachtet von Dr. Oskar und Frau Magdalena Heinroth. Berlin-Lichterfelde, Bd.1, 1926, Zur Einführung. Was wir wollen und Seite 41 ff.
² Falko Mende, Manfred Mende: Die Singdrossel, 1991, Die Neue Brehm-Bücherei, Bd. 611, Wittenberg Lutherstadt/Magdeburg, Seite 27
³ Alfred E. Brehm: Brehms Tierleben, 1900, 3. Aufl., Leipzig und Wien, Bd. 4, Seite 87
* Ich bemühe mich immer wieder, Menschen freundlich und erklärend auf den Sinn und die Notwendigkeit des Anleinens aufmerksam zu machen. Aber die Reaktionen sind in der Regel frustrierend: Der Hund ist entweder schon sooo alt oder noch sooo jung, er läuft nur nebenher und er tut doch nichts …
Dabei besteht das Missverständnis darin, dass ich keinerlei Angst vor Hunden habe. Ich mag Hunde, aber Hundehalter und Hundehalterrinnen, die sich nicht an Regeln halten, sind ein Problem. Weil sie nicht problembewusst sind.
Meine schönste Replik an der Krummen Lanke in Berlin: „Hier ist doch keiner!“ (Dabei war das Nistmaterial suchende Rotkehlchen gerade vom Weg aufgeflogen.) Längst meide ich die üblichen Gassi-Geh-Zeiten, und manche Orte in Berlin meide ich bereits generell. Ich möchte mich nicht ärgern und beschimpfen lassen. Treffe ich auf den zweiten oder dritten unangeleinten Hund in naturgeschützten Bereichen, schlägt mir das aufs Gemüt.
**Für Geschützte Grünanlage gelten in Berlin die Parkregeln, die auf der Webseite der Senatverwaltung in inmsgesamt elf Sprachen nachzulesen sind. Solche Grünanlagen sind mit dem sogenannten Tulpenschild gekennzeichnet. In Berlin ist es oft mit Aufklebern verunziert.
*** Statt „schrillende Stimme“ würde es heute „schrille Stimme“ heißen.
Singdrossel | Grive musicienne | Song Trush |Turdus philomelos






























Ich bin immer wieder beeindruckt was für Geduld ihr Tier-Fotografen habt. Die Singdrossel dann doch im Baum ausfindig zu machen, obwohl sie so eine perfekte Tarnung hat. Die Suchbilder sind herrlich. In Berlin habe ich noch keine Singdrossel gehört.
Ja, mit den Hundebesitzern ist wirklich ein Problem, sie sind sich in den meisten Fällen keiner Schuld bewusst. Sie anzusprechen da braucht es schon Mut. Weil sie ihren Hund und deren Interessen verteidigen wie ihre Kinder.
Es müssen zur besseren Aufklärung Schilder aufgestellt werden ,, Hunde an die Leine,, auch in geschützten Grünanlagen. Dann wäre die Rechtslage schon mal geklärt.
Danke, liebe Sabine. Die Rechtslage ist zwar klar, aber es wäre eine Argumentationshilfe – und Ausflüchte würden nicht zählen. Am besten gleich Schilder in mehreren Sprachen anbringen, denn auf der Webseite der Senatsverwaltung für Umwelt etc. stehen sie auf Deutsch und in zehn anderen Sprachen.
Was für eine Freude am heute schon heißen frühen Morgen das Konzert der Singdrosseln und den vielen anderen Vogelstimmen aus dem kühlen Wald zu hören.
Und Ihr Kommentar ist für mich natürlich auch eine Freude. Wie schön, eine Freude mit Vogelgesang zu machen. Merci!
Mich nervt es auch sehr, dass sich so viele Menschen nicht an die Regeln, die in einer geschützten Grünanlage in Berlin (Tulpenschild) gelten, halten.
Nicht nur unangeleinte Hunde, auch Nutzung als Fußballplatz, kreuz und quer sogar mit Kinderwagen über Beete und durch Büsche und sogar Nutzung als Toilette. Rücksichtslosigkeit, Zerstörung, oft auch Ahnungslosigjeit
Es ist leider so. Und es ist in der Tat schwer, es den Menschen verständlich zu machen, worum es hier geht.
Ich kann dem Klagelied über uneinsichtige Hundebesitzer leider nur zustimmen. Die Ausreden, warum Fifi ohne Leine läuft, sind Legion. Mein „Liebling“: „Haben sie noch nie etwas Verbotenes gemacht?“ – Ich war sprachlos.
Danke für Ihre Antwort. Und ich befürchtete schon böse Worte …