Die kleine Waldohreule

Ein bisschen viel Publikum für die kleine Waldohreule, aber alles wird gut.

Es ist schon eine Weile her, dass ich auf einer Vogelgucker-Reise in Weißrussland eine Waldohreule beobachten konnte, die das Nest mit ihren Jungen hütete. Die Kleinen waren da bereits so alt, dass sie ausfliegen konnten – das bedeutet, sie flattern früher oder später vom Nest aus herunter, landen auf dem Boden beziehungsweise auf einem benachbarten Baum oder Strauch und kletterten mit ihren kräftigen Füßen von dort nach oben.

So sind sie vor Fressfeinden am Boden sicher und im Laubwerk vor hungrigen Greifvögeln etwas geschützt. In diesem Stadium, wo sie noch gefüttert werden, nennt man sie bezeichnenderweise Ästlinge.

Der Ästling, der an diesem Morgen das Nest verlassen hat, sitzt geschützt in der kleinen Weide.

An der kleinen Beringungsstation in Turov werden die Jungen der Waldohreule, die dort schon seit Jahren auf dem Gelände brütet, sorgfältig beringt, um so zu erfahren, wohin sie „auswandern“ und wie lange sie leben. Vier Junge waren 2017 in dem Nest groß geworden.

Ästling in der Hand

Als unsere Vogelgucker-Gruppe an einem wunderbaren Tag im Mai bei der Beringung von Kampfläufern zusehen wollten, entdeckte ich diesen kleinen Kerl. Ein Greifvogel-erfahrener Biologe holte ihn aus dem Geäst und brachte ihn zur Beringerin.

Erfahrung ist alles: Die kleine Waldohreule wir vom Ast „gepflückt“.
Und nun zum Beringen!

So konnten wir den Jungvogel genauer betrachten: Er trägt noch das wärmende Dunenkleid, mit dem sich nicht fliegen lässt. Allerdings hat er bereits schöne Konturfedern an den Handschwingen – also im äußeren Bereich der Flügel. Das und die enorme Spannweite ermöglichen dem kleinen Kerl bereits zu segeln. Aber darauf kommen wir noch.

Auch die leuchtenden, großen Augen der jungen Waldohreule waren beeindruckend. Sie erinnerten mich sofort an die Glasaugen der Vogelpräparate im Naumann Museum von Köthen.

Riskante Manöver

Nach der Beringung wurde die kleine Eule wieder in dasselbe Geäst zurückgesetzt. Aber nachdem sie sich zunächst dort auszuruhen schien, entschied sie plötzlich, höher zu klettern. Und nicht nur das! Sie segelte ganz unerwartet herab und landete unter der Weide im sumpfigen Uferbereich eines Flusslaufs, der zur riesigen, glücklicherweise naturgeschützten Flussaue des Pripjats gehört.

Nach der Beringung wird die junge Eule zurückgesetzt.
Hier sieht man den kräftigen – beringten – rechten Fuß des Kletteres.
So weit die Schwingen tragen …

Dieses Flugmanöver der jungen Eule machte mich wirklich nervös. Aber ich kann euch beruhigen: Der Ausreißer wurde  ganz unaufgeregt ergriffen und in die kleine Weide zurückgesetzt. Da hat er sich nicht mehr vom Fleck gerührt. Ihm und uns reichte die Aufregung.

Der Ästling ist zurück an Ort und Stelle.

Freunde von mir fahren jetzt erneut zum Vogelgucken, neudeutsch Birding, nach Weißrussland. Ich bin gespannt, ob wieder eine Waldohreule neben der idyllisch gelegenen Beringungsstation von Turov brütet.

Waldohreule | Hibou moyen-duc | Long-eared Owl | Asio otis


4 Kommentare zu “Die kleine Waldohreule

  1. Wunderbare Bilder!! Ich finde Eulen total toll, mir war allerdings nicht bewusst, dass man ihnen in Weißrussland so nah kommen und beobachten kann. Da bin ich schon ein bisschen neidisch!
    Liebe Grüße
    Lisa

    1. Schön, dass euch die kleine Eulengeschichte gefällt. Im Moment bin ich noch in Armenien und sah hier eine Zwergohreule. Es war allerdings dunkel und Fotos wird es daher leider nicht geben. Dafür bringe ich zum Beispiel Rosenstare und Kappenammern mit nach Berlin.

  2. Dein Ausflug war ja von Erfolg gekrönt, wie man lesen und sehen kann. Freut mich für Dich, aber auch wenn man nicht
    dabei war, ist Deine Doku sehr interessant und bildlich klasse eingefangen. Die kleine Eule besitzt natürlich auch
    den „Niedlichkeitsfaktor“ 100 pro :)) Gut, daß es Menschen gibt, die sich für sie einsetzen.

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