Segler der Anden

Es ist schon eine Weile her, dass ich in den peruanischen Anden dem Kondor begegnet bin – eigentlich muss es heißen, gezielt dorthin gefahren bin, wo man ihm noch begegnen kann. Und so wie mich damals seine enorme Spannweite und die eleganten Flugmanöver begeistert haben, so haben das jetzt auch die Fotos und Erinnerungen. Hier kommt eine kurze Vorstellung dieses Neuweltgeiers, den man nicht hübsch finden muss. Aber eine Attraktion ist er allemal.

Das Coca-Tal mit grünen Hängen und Felsen, auf denen als kleien Punkte die Kondore sitzen. Im Hintergrund rosa schimmernde Berggipfel der Anden.
Colca Canyon: Links auf den Felsen Kondore in der Morgensonne. Am Horizont die Fünftausender der Anden.

Schon der Ort, wo diese Andenkondor-Population lebt, ist prächtig: Tief hat sich der Rio Colca in das Hochgebirge eingegraben und bildet einen Canyon, der von den Gipfeln der angrenzenden Berge bis zum Talboden 3.400 Meter tief ist. Der Colca Canyon – etwa eine Tagesreise von Arequipa, der zweitgrößten Stadt Perus, entfernt – ist damit doppelt so tief wie der nordamerikanische Grand Canyon.

Am Grunde der Schlucht fließt silbrig-glänzend der Colca.

Hier, und speziell am Aussichtspunkt „Kreuz des Kondors“ (Cruz del Cóndor), kann man am Vormittag die mächtigen Vögel bei ihren imposanten Flugkünsten beobachten.

Morgens hocken junge und alte Kondore meist auf spitzen Felskanten und breiten von Zeit zu Zeit ihre Flügel aus, um in der aufsteigenden Luftströmung des Canyons über der Schlucht zu schweben und Richtung Fluss hinabzukurven.

Wenn die Sonne höher steigt und die Thermik stimmt, schrauben sie sich immer höher und verschwinden irgendwann am Horizont auf der Suche nach Nahrung.

Ein Genuss, auch wenn manchmal viele Touristen hier unterwegs sind. Die Kondore sind daran gewöhnt und lassen sich nicht stören.

Segelflieger mit Fingern

Zunächst war ich von den Flug- und Landekünsten dieser großen Vögel mit bis zu 3m Spannweite einfach nur fasziniert.

Kondor im Gleitflug mit großen Flügel und gespreizten Federn an den Flügelenden. Darunter das tiefe Tal des Colca.
Die Finger an den Handschwingen mindern den Luftwiderstand. Mit dem Schwanz wird gesteuert.

Auffällig und typisch für solche Langstreckensegler sind die breiten Flügel, die sofort an Störche erinnern. Und relativ rasch entdeckt man bei Hinschauen die fast filigranen Finger an den Flügelenden, genauer gesagt: an den Handschwingen. Auch die hat der Storch und zwar aus demselben flugtechnischen Grund.

Kondor beim lande auf einer Felsspitze. Die Flügel sind weit nach vorne geschwunden - ein Bremshilfe.

Der soeben gelandete Kondor ruht auf der Felsspitze. Drei Kondore segeln vorbei.e
Erfolgreich gelandet.

Ich bin der Sache nochmals auf den Grund gegangen und wurde dann bei Georg Rüppell „Vogelflug“ fündig; übrigens ein wirklich gutes rororo Sachbuch, das zunächst bei Kindler und dann 1980 bei Rowohlt erschienen ist.

Ausgebreitete glänzende Flügel des Kondors in einer Aufnahme von hinten.
Breite Flügel, lange Finger.

Nun zur Info: Wer fliegt, hat mit Widerstand zu tun, weil an der Oberfläche des Körpers Reibung entsteht. Zusätzlicher Widerstand rührt daher, dass beim Fliegen der Luftstrom auf die Flügel prallt. Neben diesem Druckwiderstand gibt es einen „induzierten Widerstand“: Unterhalb eines Flügels, ist der Druck hoch, oberhalb gering. An den Flügelenden, also an den Handschwingen, stoßen hoher und niedriger Druck aufeinander. Das führt zu Verwirbelungen, die auf jeden Fall viel Energie kosten.

Dagegen helfen lange, spitz zulaufende Flügelenden oder bei den breitflügeligen Seglern endständige Federn, die sich spreizen lassen – man spricht auch von Fingern. Sie besänftigen sozusagen die störenden Verwirbelungen.

Grafik mit vier Vögeln unterschiedlicher Gestalt: Kurze breite Flüge, spitz zulaufende, lange breite und lange spitz zulaufende Flügel. Sie erzeugen unterschiedlich viel Widerstand. Die Grafik erklärt die Unterschiede.
Bei Vögeln mit hohem induziertem Widerstand (W.ind.) mindern „Finger“ den Verlust an Bewegungsenergie (Ekin). Seevögel mit langen, spitz zulaufenden Flügeln erzeugen generel weniger Widerstand. (Grafik: Georg Rüppell, Vogelflug, S. 65)

 

Und nun etwas präziser der Zoologe Georg Rüppell (S. 65):

Die Luft ist bestrebt einen Druckausgleich zwischen der Unter- und der Oberseite des Flügels herbeizuführen. Sie strömt aus dem Gebiet des Überdrucks auf der Flügelunterseite in das Gebiet des Unterdrucks auf der Flügeloberseite. Diese Ausgleichsströmung findet an den Flügelenden statt … Dadurch entstehen Wirbel. Die Energie, die nötig ist, um diese Luftströme zu verwirbeln, geht dem vorwärtsfliegenden Vogel von seiner eigenen Bewegungsenergie verloren: Der Vogel wird gebremst. An Flügeln mit viel Seitenfläche kann viel Ausgleichsstrom von unten nach oben fließen, viele Wirbel entstehen und so viel Widerstand. … Vögel, wie Geier oder Bussarde, verringern ihre Seitenflächen durch Auffingern der spitz zulaufenden Handschwingen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis mir auffiel, dass im Canyon sowohl braune Individuen navigierten als auch schwarze. Und erst dann fiel mir ein, dass ja die braunen Jugendliche sind und die schwarzen Erwachsene. Später las ich, dass es sechs Jahre dauert bis dem Nachwuchs das adulte Gefieder mit der weißen Halskrause gewachsen ist.

Vier schwarz-weiße Andenkondore segeln über dem Abgrund des Colca Canyons.
Es ist eine Lust zu segeln. Und dabei zuzuschauen.

Ganz schwarz ist das Gefieder des adulten Andenkondore übrigens nicht, obwohl das im Gegenlicht meist so aussieht. Die Schulterfedern sind hauptsächlich weiß, so dass der segelnde Vogel von oben silbrig-weiß glänzt. DerAussichtspunkt am Colca Canyon ist so hoch, dass man auch von oben auf die Vögel schauen kann.

Wenn erwachsene Kondore segeln, ist eine große Partie des Rückens silbirg-weiß. Das sieht man nur in der Aufsicht.
Adulter Kondor mit silbirgem Schultergefieder.

Mit „Hahnen“kamm

Schon im Jugendkleid sind männliche und weibliche Kondore gut zu unterscheiden: Die Männchen haben auffälligere Kehllappen und ihnen wächst ein „Hahnen“kamm. Den Weibchen nicht.

Männlicher Kondor von vorne und auf einer Felskuppe sitzend. Den Kopf hat er zur Seite gewendete.
Er zeigt, was er hat: imposanter Kamm, rötlicher Hals, großer Kehlsack, weißer „Nerz“kragen, silbirges Schultergefieder … und eine „Perlenkette“.

Ansonsten sind die Geschlechter etwa gleich groß – männliche Kondore allerdings gewichtiger. Um die Nachkommen kümmern sich beide Eltern: gleichberechtigt. Erst mit sechs Monaten sind die Jungen flügge, viele Monate werden sie mit Nahrung versorgt.

Jugendlicher Kondor im braunen Gefieder. Auf dem Kopf bereit ein großer Kamm,
Juveniles Männchen mit Kamm und heller Halskrause. Der Hals ist eingezogen und wirkt daher nicht so nackt.

Der Andenkondor ist ein Neuweltgeier, der zwar in vielem wie ein Altweltgeier wirkt, aber näher mit den Störchen verwandt ist als mit einem Gänsegeier oder sogenannten Schmutzgeier.

Die äußere Ähnlichkeit beruht auf ähnlichen Lebensbedingungen, Biologen sprechen von Konvergenz: Geier sind Aasfresser – sowohl diesseits als auch jenseits des Atlantiks – und da sind ein kahler Kopf und Hals, die man tief in einen Kadaver stecken kann, ohne dass Federn oder Haare verschmutzen, mehr als praktisch. Mit breiten Flügeln lässt es sich zudem gut segeln und im Flug nach einer verendeten Ziege oder einem toten Lama Ausschau halten. Das gilt in den Pyrenäen, einem Hotspot für Altweltgeier, wie auch in den Anden.

Jugendliche Rangeleien

Fünf braune, jugendliche Andenkondore auf einem Fels.
Die Jugendgang: ein Halbstarker mit Kamm, teilweise ist die helle Halskrause erkennbar.

Ich hatte das Vergnügen einer Gruppe junger Kondore dabei zuzusehen, wie sie sich auf einem felsigen Ruheplatz rangelten und es den anfliegenden Kollegen schwer machten, sich ebenfalls dort niederzulassen. – Es war in der Tat etwas eng geworden.

Sieben jugendliche Kondore auf einem Fels und ein achter im Anflug über ihnen.
Ist hier noch Platz?
Unruhe und Flügelschlagen unter den jungen Kondoren. Der Neuankömmling sucht das Weite.
Nein!

Anfangs sahen die Streitereien harmlos aus, man rangelte mit den Hälsen. Aber es wurde dann doch auch zugeschnappt und mit rauem Krächzen geschimpft, bis der Kollege oder die Kollegin etwas Platz machte oder doch lieber sofort in den Canyon segelte.

Ich blieb so lange am „Kreuz des Kondors“, bis die Vögel sich immer höher in die Luft schraubten und nach und nach verschwanden. Der Anden-Kondor fliegt übrigens durchaus 300 km bis an die Küste des Pazifiks, um dort nach toten Fischen, angespülten Kadavern von Seelöwen oder nach Vogeleiern zu fahnden.

Zur Familie der Neuweltgeier (Cathartidae) gehört außer dem Andenkondor auch der Kalifornische Kondor. Dieser US-amerikanische Gefährte war – dank Schießwut und Gift – schon einmal fast ausgerottet, konnte aber durch Schutzmaßnahmen gerettet werden. Der Bestand ist nun stabil.

Am blauen Himmel fliegen vier Kondore über die Andengipfel davon.
Und dann segelten sie davon.

Allerdings sind alle Geierarten bedroht, denn sie sind auf Aas angewiesen und es gibt immer weniger Tiere, die draußen verenden. Außerdem dürfen in vielen Regionen die Schäfer ein verendetes Lamm heutzutage nicht mehr einfach liegen lassen. Aber manchmal sterben Geier eben auch, weil sie einen vergifteten Kadaver gefressen haben. Doch das ist eine andere, sehr traurige Geschichte.

Andenkondor | Condor des Andes | Andean condor| Vultur gryphus

 


2 Kommentare zu “Segler der Anden

  1. Danke, dass du uns den Flug der Kondore so nah gebracht hast. Ich bin leider immer ohne Fernglas unterwegs und konnte deshalb, als ich in den Anden war, diese faszinierenden Vögel nie in voller Schönheit sehen.

  2. Ein wunderbarer und außergewöhnlicher Bericht von diesem großen Vogel. Bin beeindruckt. Um dieses Erlebnis
    beneide ich Dich :))
    Im Zoo Berlin gibt es ja auch Kondore in einer zugegeben sehr schönen Voliere. Aber Kondore gehören m.E. eben nicht
    in solch eine Begrenzung. In Deinem Bericht sieht man, wie sie sich in ihrem natürlichen Habitat bewegen und das
    sieht einfach grandios aus !!! So soll es auch sein …

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