Beringung: Alles für den Habicht

25. Dezember 2018 | Falke & Co, Große Vögel | 2 Kommentare

Junger Habicht mit viel wei0em Jungendgefieder steht auf der Beringungszange.

Junger Habicht mit Aluminiumring (Vogelwarte Radolfzell): Beringen ist spannend.

Seit mich der erste dieser wunderschönen Greife in unserem Garten überraschte, bin ich Habicht-Fan. Durch ein paar Zufälle habe ich damals sogar seinen Ring ablesen können und mit Fotos den Code für die Berliner Habichtexperten dokumentiert. Die mailten mir sein Alter und dass sie ihn schon einmal aus einer Garage retten mussten – dort hatte er sich verfangen.

Erstmals 2017 konnte ich gewissermaßen zusehen, wie in einem Horst drei Junge zu Ästlingen heranwuchsen und dann das Revier verließen. Und 2018 fragte mich dann Norbert Kenntner – einer der geprüften Beringern und erfahrenen Habichtbeschützer in Berlin –, ob ich beim Beringen mal dazukommen möchte. Na klar!

Urbane Greifvögel

"Unordnetlicher" Habichthorst im Wipfel einer Douglasie.

Habichthorst auf einem Friedhof in Berlin

Berlin wird auch die Hauptstadt der Habichte genannt. Ein Phänomen: Rund 100 Brutpaare dieser eigentlichen Waldvögel, die jedoch das baumreiche Stadtleben nach und nach für sich entdeckt haben, nisten hier.

Den Parkanlagen, etwas verwilderten Friedhöfen und ausgedehnten Waldgebieten, wo sich Kaninchen, Tauben und andere potentielle Beutetiere tummeln, sei Dank.

Von den drei bis vier Nestlingen pro Brutpaar beringen die Ehrenamtlichen in Berlin alljährlich möglichst viele – teilweise finanziell unterstützt von der Stiftung Naturschutz Berlin.

Im zeitigen Frühjahr 2018 hatte sich ein Paar ganz in meiner Nähe eine mächtige Sumpfzypresse als Brutplatz auserkoren. Und, wie bei Habichten üblich, wurde schon im Winter mit dem Fortpflanzungsgeschäft begonnen: Ich sah im Februar Kopulationen auf einem benachbarten Baum, und Zweige wurden im Schnabel herbeigetragen, um einen anständigen Horst – so nennt man die großen Nester von Greifvögeln und auch von Störchen – zu errichten.

Habichtkopulation und das Abflauen der Erregung

Der richtige Zeitpunkt

Schon mehrfach hatte ich das Habichtpaar und die im April geschlüpften Jungen besucht, als der richtige Zeitpunkt für die Beringung kam und mein Telefon klingelte. Das war gerade noch im Zeitfenster für die Beringung, denn die Tiere dürfen nicht zu jung sein – Minimum zwei Wochen –, aber auch nicht zu alt.

Mit Helm und Lederjacke geschützt besteigt der Beringer den Stamm des Horstbaumes.m.

Denn sonst kann es durchaus passieren, dass sie fliehen wollen und vom Horst abspringen, wenn der Beringer in guter Absicht den Horstbaum ersteigt.

Aber ein Beringer oder eine Beringerin, die für ihre besondere Passion viel Freizeit opfern, können nicht bei allen Horsten gleichzeitig erscheinen, wenn im Mai gerade viele junge Habichte das optimale Alter haben.

Das liegt bei zwei bis vier Wochen.

Und außerdem braucht es beim Greifvogelberingen helfende Hände. Norbert Kenntner arbeitet mit einer Tierärztin und einer kundigen Hobby-Ornithologin zusammen, so dass jeder beringte Vogel untersucht und die erfassten Daten protokolliert werden können.

Hoch hinauf und abseilen

Habichthorste werden hoch oben in einer Astgabel angelegt – oft nutzen die Greife verlassene Krähennester aus dem Vorjahr und bauen sie für ihre Zwecke um.

Also muss der Beringer, der die Jungvögel aus dem Nest holt, gut gesichert weit hinaufklettern. Vor allem vor Stürzen oder brechenden Ästen soll ihn der Helm und feste Lederkleidung schützen. Manchmal fliegen ihn auch die aufgeregten Vogeleltern an. Meist halten sie sich aber fern. Die Weibchen sind übrigens größer und schwerer als männliche Habichte und sehen es gar nicht gerne, wenn sich jemand ihren Jungen nähert.

Im Nest in der Baumkrone hochenjunge Habichte, zwischen den Zweigen erscheint die Hand des Beringers.

Die Beringerhand erscheint am Nest.

Wenn der Beringer naht, sind die Jungen manchmal unruhig und einige schlagen mit den Flügeln. Aber so oder so, sie werden mit wenigen Handgriffen vorsichtig in einen Leinenbeutel verfrachtet und abgeseilt. Im Schummerlicht des Beutels und von weichem Stoff ummantelt, sind sie dabei total ruhig.

Messen, wiegen, untersuchen

Beringer oder Beringerin müssen entspannt sein und erfahren – entsprechend ausgebildet und geprüft sind sie sowieso. Außerdem benötigen sie immer eine behördliche Beringungsgenehmigung, in Berlin zum Beispiel von der Obersten Naturschutzbehörde.

Habicht im Stoffbeutel wird gewogen.

Jeder Vogel wird gewogen und die Flügellänge vermessen, denn so lassen sich Alter und Geschlecht eines jungen Habichts ziemlich genau bestimmen.

 

Durchschnittsdaten beim adulten Habicht:
weiblich
Höhe 60 cm, rund 1100 – 1500 Gramm
männlich
Höhe 50 cm, rund 750 – 850 Gramm

 

Außerdem wird beim Beringen der Gesundheitszustand geprüft und dazu unter anderem aus dem Rachen eine Probe genommen. Viele Jungvögel sind nämlich mit dem Einzeller Trichomonas infiziert, der vor allem bei den Taubenmahlzeiten auf sie übertragen wird.

Zwei von drei Stadttauben – die Leibspeise der urbanen Habichte – haben den Erreger im Körper. Ein Teil der Jungvögel übersteht die Infektion, die zu erschreckenden Wucherungen im Schnabelbereich führen kann, leider nicht. Bei vielen anderen wehrt das Immunsystem die Erreger erfolgreich ab.

Haben sich Erreger vom Typ Trichomonas festgesetzt?

Ein Flügel wird ausgemessen, vorne sind die Ringmodelle zu sehen.

Wie lang ist der Flügel?

Der Ring

Berliner Habichte erhalten – wie einige andere Hauptstadtvögel auch – zunächst einen Ring von der Vogelwarte Radolfzell; man sieht ihn auf dem Foto mit dem kecken Jungvogel weiter unten. Der Ring wird mit der Beringungszange um den Fuß gelegt und geschlossen.

Vorsichtig befestgt die Beringerin den Farbring am Fuß des Habichs.

Der weiße Farbring wird angebracht.

Auf einem zusätzlichen Farbring ist eine bestimmte Kombination aus Buchstabe und Ziffern eingraviert. Sie macht es später den VogelbeobachterInnen leichter, mit einem guten Fernglas oder Spektiv die Kennung abzulesen. Aus dem Code, zum Beispiel H35, geht also hervor, um welches Individuum es sich handelt.

Dadurch lassen sich unter anderem folgende Fragen beantworten:

Wie treu ist das Tier seinem Brutplatz? Kommt es dorthin wieder zurück?
Wie häufig kommen Partnerwechsel vor?
Wie hoch ist der Bruterfolg und was gefährdet Junghabichte?
Wie groß ist das Streifgebiet von Habichten, die ja ganzjährig bei uns bleiben und nicht ziehen?

In der Regel denkt man, dass der Ring locker am Fuß sitzen muss, weil das Vogelbein noch wächst und kräftiger wird. Aber das Gegenteil ist der Fall. Das etwa drei Wochen alte Vogelbein ist etwas dicker als bei einem adulten Habicht, weil es noch von einer Haut umgeben ist, die bald darauf wegtrocknet.

Bei der ganzen Beringungs-Prozedur, bei der ich mittlerweile schon zweimal dabei war, sind die Junghabichte auffällig ruhig, was natürlich auch auf das Konto des entspannten Teams geht.

Jungvogel sitzt entspannt auf einer Plane vor den Füßen der Beringerin.

Ein Jungvogel macht es sich gemütlich.

Wenn man den Jungvögeln etwas Freiraum gibt, werden sie übrigens richtig munter und zeigen, was sie mit drei, vier Wochen schon alles können – auch wenn Wegfliegen in diesem Alter zum Glück noch nicht dazu gehört. Aber man kann ja mal drohend Eindruck machen.

Junger Habicht am Boden spreizt seine Flügel.

Ein kecker Jungvogel spreizt sein Gefieder.

Zurück ins Nest

Sind die Vögel durchgecheckt, werden sie in ihren Leinenbeuteln an der Reepschnur wieder ins Nest befördert. Auch hier heißt es für Beringer: Ruhe bewahren, damit die munteren Jungvögel sich möglichst rasch hinhocken, ohne viel herumzuflattern.

Der Horst oben im Geäst, ein Jungvogel legt seine Feder zusammen.

Im Horst kehrt wieder Ruhe ein. Der letzte Jungvogel hockt sich auf den Nestboden.

Norbert Kenntner, dem für sein unermüdliches Engagement und auch seiner Auskunftsbereitschaft gegenüber interessierten BürgerInnen mein besonderer Dank gilt, hat das super hinbekommen: Alle Jungen saßen zügig wieder in ihrem Nest und duckten sich weg.

Ein Mann mit Helm steigt zwischen grünen Zweigen herab.

Der Beringer steigt herab.

Wer jetzt denkt, wir hätten danach gewartet, bis „Mama“- oder „Papa“-Habicht zum Horst zurückkehren, der irrt. Es ist besser, rasch zu verschwinden, denn die Altvögel sind während solcher Aktionen meist in der Nähe und warten nur darauf, dass die lästige Beringertruppe endlich abzieht.

ein junger habicht mit geflecktem Brustgefieder sitzt auf einem Ast und schaut in die Ferne.

Eine Woche nach der Beringung: Dieser Junghabicht wartet in der Morgensonne auf die Futterlieferung eines Altvogels.

Ich habe den Horst eine Woche später wieder besucht: Die Jungvögel hatten sich zu ansehnlichen Ästlingen gemausert und wurden von ihren Eltern gut versorgt.

Mein Dankeschön für vielerlei Informationen geht an Norbert Kenntner und an die AG Greifvogelschutz des Berliner NABU, wo ich viel gelernt habe. Eine wunderschöne Lektüre ist übrigens das Fotobuch Der Habicht, an dem der Beringer mitgearbeitet hat.

Nachtrag

Einige Zeit nach der Beringung bin ich dem Habichthorst dann fern geblieben. Denn nicht nur Vogelfreunde und passioinierte Ornis, sondern auch einige zu gierige Fotografen hatten die Jungvögel entdeckt, belagerten sie förmlich und verhielten sich in meinen Augen wenig respektvoll.
Insofern hat es etwas Gutes, dass der Horst von einem mächtigen Sturm fast vollständig herabgeweht wurde, nachdem die Jungvögel zum Glück längst auf benachbarten Bäumen unterwegs waren, also nicht mehr auf ihr Nest angewiesen waren.
Ich vermute, dass „Herr Habicht“ – er ist beringt und kein Unbekannter – mit dieser oder einer anderen „Dame“ schon bald an einem neuen Ort einen Horst errichten wird. Seine offenbar kompetente Gefährtin (4 Junge!) in 2018 war unberingt und ist erst 2017 aus dem Ei geschlüpft.

Habicht | Autour des palombes | Goshawk | Accipiter gentilis

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

2 Kommentare

    • Wie schön, dass der Bericht für dich interessant war. Und die 30 Grad im Schatten, unter denen vor allem die Beringer litten, sind schon längst wieder vergessen. Ich erinnere mich gerne an dieses Erlebnis.

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5 von 749 Kommentaren

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Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

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Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

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Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

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