Wundersames am Straßenrand

09. Oktober 2026 | Falke & Co, Große Vögel | 0 Kommentare

Ein „kritischer“ Blick des Bussards zum stoppenden PKW.

Kürzlich war ich im Nuthetal südlich von Berlin unterwegs, um an den Fischteichen, den fließenden Gewässern und in feuchten Niederungen nach ziehenden Kranichen und Wildgänse Ausschau zu halten. Die einen hörte ich, die anderen hörte und sah ich.
Was mich dann riesig gefreut und überrascht hat, das war etwas Anderes: ein Mäusebussard mit sehr hellem Gefieder neben einer Bundesstraße.

Er stand inmitten einer herbstlich getönten Wiese und war dort offenbar „zu Fuß“ unterwegs. Das hatte ich so noch nie gesehen.

Mit bloßem Auge nicht leicht zu entdecken

Am Rand von Bundesstraßen darf ein PKW nicht parken, ich fuhr daher langsam weiter und drehte, sobald es möglich war. Immerhin war der auffällige Greifvogel noch nicht abgflogen.

Und so hielt ich kurz am Straßenrand an, erlaubte mir – mit eingeschaltetem Blinker – zwei Fotos und bemerkte in der Nähe eine kurze asphaltierte Zufahrt zur Bundesstraße.
Dort blieb ich im offenen PKW sitzen und staunte. Hin und wieder setzte ich das Fernglas ab und griff zur Kamera.*

Auf Beutejagd

Der helle Bussard*, in der Biologie sprechen wir von einer hellen Morphe, war durchaus etwas skeptisch und beäugte den neugierigen Besuch jenseits der gegenüberliegenden Straßenseite.
Aber dann setzte er sein „Geschäft“ fort, das heißt: Er schritt – oder hüpfte beidbeinig – über die Wiese. Einmal flog er kurz auf, aber im Prinzip bewegte er sich auf seinen Beinen fort. Hin und wieder senkte er den Kopf und holte etwas aus der Krautschicht hervor. Nur was?

Vermutlich kleine Insektenbeute im Schnabel …

Oberhalb vom Schnabel schimmert die gelbe Wachshaut.

Mäusebussarde haben es vor allem auf Feldmäuse abgesehen, aber sie erbeuten auch Maulwürfe, Hamster, Frösche, Eidechsen, Schlangen und vieles mehr. Das bewerkstelligt dieser streng geschützte Greifvogel jedoch ganz anders als etwa ein Turmfalke, der ebenfalls ein guter Mäusefänger ist: Während der fliegende Falke*** über einem Acker oder einer Wiese rüttelt und hinabstößt, wenn er etwas gesichtet hat, streift der Bussard ruhig umher, rüttelt selten und bevorzugt eine bequeme Jagdtechnik. Er lauert lange auf einem Baum oder einer anderen Erhöhung, um von dort aus Beute zu entdecken, sie anzufliegen und zu packen.

Manfred Melde beschrieb 1956 in seiner Monografie Der Mäusebussard¹ die übliche Fangtechnik sehr anschaulich so, Seite 11

Der Mäusebussard macht stets einen plumpen Eindruck. Da sitzt er am Waldrand auf einem Baum, von wo ihm Überblick über freies Gelände geboten wird. Ebenso gern blockt er in Feldfluren auf einem erhöhten Gegenstand. Einen Fang (= Bein, E.B.) soweit an den Körper angezogen, dass selbst die Krallen im Bauchgefieder verschwinden, verharrt er oft stundenlang bei Wind und Wetter in vollkommener Ruhe. Ihm entgeht nicht die kleinste Bewegung oder das geringste Geräusch.

Hat er so Beute ausgemacht, verlässt er seine Warteposition.

Plötzlich lässt er sich von seiner Warte fallen, die Fänge weit vorgestreckt. Die Entfernung bis zum Ziel mit einigen Flügelschlägen überbrückend, landet er mit ausgebreiteten Schwingen auf dem Acker. Die kurzen, aber kräftigen Fänge fassen mit den scharfen Krallen zu und durchbohren den Körper der Maus.

Das typische Beuteschlagen konnte ich in diesem Fall nicht beobachten, denn der Vogel lief ja am Boden umher. In einem Nebensatz erwähnt Manfred Melde aber was ich sah, Seite 12

Im Sommer sieht man auch oft noch eine andere Jagdweise. Zu Fuß schreitet er über die Stoppelfelder oder durch die Wiesen.

Und in „Der Naumann.“ finde ich dafür auch eine Erklärung.² Im Herbst sitzt er offenbar manchmal auf der Erde neben den Jagdgängen von Maulwürfen, die teilweise nicht tief liegen, und lauert, ob etwa der Bewohner mal wieder hochkommt. Auch von Regenwürmern ernähren sich Bussarde, und außerdem fressen sie Raupen, Maikäfer, Laufkäfer, Heuschrecken, Feldgrillen und andere große Insekten, berichtete schon Johann F. Naumann.

Ich vermute, dass es dem hellen Mäusebussard auf dieser sonnenbeschienen, trockenen Wiesenfläche um Heuschrecken ging. Denn für sie ist dieses Gelände ideal, während es für andere potenzielle Beutearten aktuell viel zu trocken war. Das Schauspiel, das sich mir bot, zeigen die beiden folgenden Videos, in denen nicht viel passiert, aber sehr gut zu sehen ist, wie umsichtig der Bussard unterwegs ist. (Beim ersten Video ist der Ton wegen Verkehrslärm und Windgeräuschen ganz ausgeschaltet, beim zweiten sind Windgeräusche zu hören.)

Zwischendurch blieb er immer wieder stehen und hielt nach Beute Ausschau.

 

Helle Verwandtschaft

Jeder Mäusebussard ist eine Schönheit. Aber einen derart hellen Mäusebussard zu entdecken, ist etwas Besonderes und für mich immer ein Ereignis. Großartig! Die anderen Autofahrer haben nur ihr Ziel vor Augen und übersehen solche kleinen Wunder am Straßenrand, was durchaus verständlich ist.

Ich war auch deshalb so begeistert, weil die hellen Morphe auch in Brandenburg – wo sie immerhin vorkommen – eher selten sind.

Dazu kommt, dass ich möglicherweise Mutter oder Vater, jedenfalls irgendeinen Ahn, des Vogels kenne.

In manchen Gegenden Europas sind helle Morphe vorherrschend, in anderen dunkle oder mittlere Farbnuancen, das wurde gerade erst publiziert, und ich hatte das als Info kurz zusammengefasst.³

Als „Schneewittchen“ habe ich einen möglichen Vorfahr im Jahr 2017 bezeichnet. Ich konnte ihn oder sie über einige Jahre mehrfach nahe Nudow beobachten. Der Vogel lebte damals also gar nicht weit entfernt von dem Bodenjäger, der mir nun an der Bundesstraße aufgefallen war. Luftlinie – also für einen Bussard – ist es ein Klacks, die Strecke zwischen Nudow und Stangenhagen zu überwinden. Ich vermute hier also eine verwandtschaftliche Beziehung.

DIe Oberseite der Flügel ist bei der hellen Morphe eher dunkel.

Auch die Enden der Schwanzfedern sind vorwiegend braun.

Hell ist das Gefieder am Rumpf und den Beinen, den sogenannten Hosen.

Von Vorteil oder von Nachteil?

Helle Vögel sind im Wald oder Parklandschaften auffälliger als dunkle. Es ist nicht verwunderlich, dass helle leuzistische Amseln von Prädatoren leichter entdeckt werden können, was ihre Lebensdauer verkürzt. Womöglich erkennen die Beutetiere von hellen Mäusebussarden die Gefahr schneller und entkommen dadurch ihrem Feind.
Oder ist helles Gefieder – ganz im Gegenteil – ein Vorteil: Der weißliche Rumpf und die insgesamt helle Unterseite könnten eine gute Tarnung sein, wenn Maus & Co. zum hellen Himmel hochschauen? Doch die Antwort steht aus.

Vorne die Graugänse, dahinter die Blässgänse (helle Stirn)

Mich hat die morgendliche Überraschung am Straßenrand jedenfalls beglückt. Die Freude hielt über Stunden an und begleitete mich zu den Feldgänsen. Es handelte sich um Graugänse und Blässgänse, die an diesem wunderbaren Oktobertag rufend über mich hinwegflogen.

* Es versteht sich von selbst, dass ich nicht ausstieg. Der Bussard wäre weggeflogen.
** Nur vom Mäusebussard (Buteo buteo) ist in diesem Beitrag die Rede
*** Falken sind keine nahen Verwandten der Bussarde

¹ Manfred Melde, Der Mäusebussard, Die Neue Brehm- Bücherei, Bd. 185, Wittenberg Lutherstadt, 1956
² Johann F. Naumann, Der Naumann. Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, Gera-Untermhaus, 1887-1905, 3. Aufl., Bd 5, Seite 184
³ Kaspar Delhey, Elena F. Kappers u.a., Environmental correlates of spatio-temporal patterns of colour variation in a bird of prey: The common buzzard (Buteo buteo), Ibis, Bd. 168, 3, 2026, S. 985-1001 (Abbildung: verändert nach www.mpg.de/26239174)

Mäusebussard oder Bussard |  Buse variable | Common Buzzard | Buteo buteo  

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Abo-Werbung für den Blog "Flügelschlag und Leisetreter" mit einem Specht, ein Kunstwerk von M. Garff

Vogelthema gesucht?

Gut sortiert

5 von 908 Kommentaren

Alle sind vollständig unter dem zugehörigen Blogbeitrag zu lesen.

  • Wo zu Eine Passion: Watching BirdsWirklich ein beeindruckender Film. Man ist einerseits wegen der offenkundigen Naturzerstörung etwas niedergeschlagen, kann sich aber andererseits mit den Menschen, die von Vögeln so begeistert sind, m…
  • Elke Brüser zu Die Hecken-HockerEs ist in der Tat so, dass viele Medien das Thema "Einbruch der Spatzenpopulation in Berlin" aufgreifen. Aber die Ursachen sind nicht befriedigend geklärt. Ausschlaggebend könnte die von Fliegen übert…
  • Charly Reckel zu Die Hecken-Hockerja, ich hatte dir schon mitgeteilt, dass eine große spatzengruppe aus einer ebenso großen hecke gegenüber sich täglich in meinem futterhäuschen bis zum 31.12.2024 gütlich getan hat. und am 01.01.25 wa…
  • Elke Brüser zu Die Hecken-HockerDas sind auch die Fragen, die mich umtreiben, aber bisher gibt es keine überzeugende Antwort. Dass ein Krankheitserreger eine wesentliche Rolle spielt, ist sehr wahrscheinlich. Aber ich setzte meine R…
  • Henry Nandzik zu Die Hecken-HockerGuten Tag, auch ich beobachte einen plötzlichen, massiven Rückgang der Spatzenpopulation. Sind denn inzwischen die genauen Gründe bekannt und was wird dagegen unternommen? Mit besten Grüßen Henry Nand…

Birding

Keine Frage: Im Wort „Birding“ steckt der englische „bird“. Als Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt außerhalb der eigenen Vierwände – „im Feld“ – hat es sich längst durchgesetzt. Ein paar Anmerkungen und Tipps stehen → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Am Rand von Feldern, einem Teich und dörflicher Umgebung steht etwas erhöht ein grau-brauner hühnerartiger Vogel.

2026 Das Rebhuhn

Drei dunkle Hausrotschwänze in einer Grafik. Links der weibliche Vogel rechts davon der männliche, beide mit roten Schwanzfedern. Der männliche Vogel ist an weißen Federn am Kopf und auf den Flügeln zu erkennen. Ganz rechts auf der Grafik und neben den Eltern ein dunkelbraun-grauer Jungvogel.

2025 Der Hausrotschwanz

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Das Rotkehlchen

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Der Wiedehopf

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Auf grünlichem Wasser schwimmt ein grau-weißer Vogel mit dunklem Hinterkopf und einer weißen Stirn.

2026  Die Zwergseeschwalbe

Drei schwarzköpfige Möwen im sogenannten Prachtkleid oder Brutkleid. In der Mitte steht die Lachmöwe mit orangerotem Schnabel und ebensolchen Beinen.

2025  Die Lachmöwe

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Flussseeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

Cookie Consent mit Real Cookie Banner