Kürzlich war ich im Nuthetal südlich von Berlin unterwegs, um an den Fischteichen, den fließenden Gewässern und in feuchten Niederungen nach ziehenden Kranichen und Wildgänse Ausschau zu halten. Die einen hörte ich, die anderen hörte und sah ich.
Was mich dann riesig gefreut und überrascht hat, das war etwas Anderes: ein Mäusebussard mit sehr hellem Gefieder neben einer Bundesstraße.
Er stand inmitten einer herbstlich getönten Wiese und war dort offenbar „zu Fuß“ unterwegs. Das hatte ich so noch nie gesehen.
Am Rand von Bundesstraßen darf ein PKW nicht parken, ich fuhr daher langsam weiter und drehte, sobald es möglich war. Immerhin war der auffällige Greifvogel noch nicht abgflogen.
Und so hielt ich kurz am Straßenrand an, erlaubte mir – mit eingeschaltetem Blinker – zwei Fotos und bemerkte in der Nähe eine kurze asphaltierte Zufahrt zur Bundesstraße.
Dort blieb ich im offenen PKW sitzen und staunte. Hin und wieder setzte ich das Fernglas ab und griff zur Kamera.*
Auf Beutejagd
Der helle Bussard*, in der Biologie sprechen wir von einer hellen Morphe, war durchaus etwas skeptisch und beäugte den neugierigen Besuch jenseits der gegenüberliegenden Straßenseite.
Aber dann setzte er sein „Geschäft“ fort, das heißt: Er schritt – oder hüpfte beidbeinig – über die Wiese. Einmal flog er kurz auf, aber im Prinzip bewegte er sich auf seinen Beinen fort. Hin und wieder senkte er den Kopf und holte etwas aus der Krautschicht hervor. Nur was?
Mäusebussarde haben es vor allem auf Feldmäuse abgesehen, aber sie erbeuten auch Maulwürfe, Hamster, Frösche, Eidechsen, Schlangen und vieles mehr. Das bewerkstelligt dieser streng geschützte Greifvogel jedoch ganz anders als etwa ein Turmfalke, der ebenfalls ein guter Mäusefänger ist: Während der fliegende Falke*** über einem Acker oder einer Wiese rüttelt und hinabstößt, wenn er etwas gesichtet hat, streift der Bussard ruhig umher, rüttelt selten und bevorzugt eine bequeme Jagdtechnik. Er lauert lange auf einem Baum oder einer anderen Erhöhung, um von dort aus Beute zu entdecken, sie anzufliegen und zu packen.
Manfred Melde beschrieb 1956 in seiner Monografie Der Mäusebussard¹ die übliche Fangtechnik sehr anschaulich so, Seite 11
Der Mäusebussard macht stets einen plumpen Eindruck. Da sitzt er am Waldrand auf einem Baum, von wo ihm Überblick über freies Gelände geboten wird. Ebenso gern blockt er in Feldfluren auf einem erhöhten Gegenstand. Einen Fang (= Bein, E.B.) soweit an den Körper angezogen, dass selbst die Krallen im Bauchgefieder verschwinden, verharrt er oft stundenlang bei Wind und Wetter in vollkommener Ruhe. Ihm entgeht nicht die kleinste Bewegung oder das geringste Geräusch.
Hat er so Beute ausgemacht, verlässt er seine Warteposition.
Plötzlich lässt er sich von seiner Warte fallen, die Fänge weit vorgestreckt. Die Entfernung bis zum Ziel mit einigen Flügelschlägen überbrückend, landet er mit ausgebreiteten Schwingen auf dem Acker. Die kurzen, aber kräftigen Fänge fassen mit den scharfen Krallen zu und durchbohren den Körper der Maus.
Das typische Beuteschlagen konnte ich in diesem Fall nicht beobachten, denn der Vogel lief ja am Boden umher. In einem Nebensatz erwähnt Manfred Melde aber was ich sah, Seite 12
Im Sommer sieht man auch oft noch eine andere Jagdweise. Zu Fuß schreitet er über die Stoppelfelder oder durch die Wiesen.
Und in „Der Naumann.“ finde ich dafür auch eine Erklärung.² Im Herbst sitzt er offenbar manchmal auf der Erde neben den Jagdgängen von Maulwürfen, die teilweise nicht tief liegen, und lauert, ob etwa der Bewohner mal wieder hochkommt. Auch von Regenwürmern ernähren sich Bussarde, und außerdem fressen sie Raupen, Maikäfer, Laufkäfer, Heuschrecken, Feldgrillen und andere große Insekten, berichtete schon Johann F. Naumann.
Ich vermute, dass es dem hellen Mäusebussard auf dieser sonnenbeschienen, trockenen Wiesenfläche um Heuschrecken ging. Denn für sie ist dieses Gelände ideal, während es für andere potenzielle Beutearten aktuell viel zu trocken war. Das Schauspiel, das sich mir bot, zeigen die beiden folgenden Videos, in denen nicht viel passiert, aber sehr gut zu sehen ist, wie umsichtig der Bussard unterwegs ist. (Beim ersten Video ist der Ton wegen Verkehrslärm und Windgeräuschen ganz ausgeschaltet, beim zweiten sind Windgeräusche zu hören.)
Zwischendurch blieb er immer wieder stehen und hielt nach Beute Ausschau.
Helle Verwandtschaft
Jeder Mäusebussard ist eine Schönheit. Aber einen derart hellen Mäusebussard zu entdecken, ist etwas Besonderes und für mich immer ein Ereignis. Großartig! Die anderen Autofahrer haben nur ihr Ziel vor Augen und übersehen solche kleinen Wunder am Straßenrand, was durchaus verständlich ist.
Ich war auch deshalb so begeistert, weil die hellen Morphe auch in Brandenburg – wo sie immerhin vorkommen – eher selten sind.
Dazu kommt, dass ich möglicherweise Mutter oder Vater, jedenfalls irgendeinen Ahn, des Vogels kenne.
In manchen Gegenden Europas sind helle Morphe vorherrschend, in anderen dunkle oder mittlere Farbnuancen, das wurde gerade erst publiziert, und ich hatte das als Info kurz zusammengefasst.³
Als „Schneewittchen“ habe ich einen möglichen Vorfahr im Jahr 2017 bezeichnet. Ich konnte ihn oder sie über einige Jahre mehrfach nahe Nudow beobachten. Der Vogel lebte damals also gar nicht weit entfernt von dem Bodenjäger, der mir nun an der Bundesstraße aufgefallen war. Luftlinie – also für einen Bussard – ist es ein Klacks, die Strecke zwischen Nudow und Stangenhagen zu überwinden. Ich vermute hier also eine verwandtschaftliche Beziehung.
Von Vorteil oder von Nachteil?
Helle Vögel sind im Wald oder Parklandschaften auffälliger als dunkle. Es ist nicht verwunderlich, dass helle leuzistische Amseln von Prädatoren leichter entdeckt werden können, was ihre Lebensdauer verkürzt. Womöglich erkennen die Beutetiere von hellen Mäusebussarden die Gefahr schneller und entkommen dadurch ihrem Feind.
Oder ist helles Gefieder – ganz im Gegenteil – ein Vorteil: Der weißliche Rumpf und die insgesamt helle Unterseite könnten eine gute Tarnung sein, wenn Maus & Co. zum hellen Himmel hochschauen? Doch die Antwort steht aus.
Mich hat die morgendliche Überraschung am Straßenrand jedenfalls beglückt. Die Freude hielt über Stunden an und begleitete mich zu den Feldgänsen. Es handelte sich um Graugänse und Blässgänse, die an diesem wunderbaren Oktobertag rufend über mich hinwegflogen.
* Es versteht sich von selbst, dass ich nicht ausstieg. Der Bussard wäre weggeflogen.
** Nur vom Mäusebussard (Buteo buteo) ist in diesem Beitrag die Rede
*** Falken sind keine nahen Verwandten der Bussarde
¹ Manfred Melde, Der Mäusebussard, Die Neue Brehm- Bücherei, Bd. 185, Wittenberg Lutherstadt, 1956
² Johann F. Naumann, Der Naumann. Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, Gera-Untermhaus, 1887-1905, 3. Aufl., Bd 5, Seite 184
³ Kaspar Delhey, Elena F. Kappers u.a., Environmental correlates of spatio-temporal patterns of colour variation in a bird of prey: The common buzzard (Buteo buteo), Ibis, Bd. 168, 3, 2026, S. 985-1001 (Abbildung: verändert nach www.mpg.de/26239174)
Mäusebussard oder Bussard | Buse variable | Common Buzzard | Buteo buteo
































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