Unterwegs mit dem Beringer

Nistkasten mit drei Jungen, die in die Kamera starren.
Schon fertig beringt: rot rechts, metallisch links

Schon seit einigen Jahren gönne ich mir das Erlebnis: Wenn im Juni Ludwig Schlottke vom NABU jungen Turmfalken im Südwesten von Berlin zwei Ringe um ihre Beinchen klemmt, bin ich dabei. In der Tat sind es zwei Ringe: einer links, einer rechts.

Wer das Glück hat, einen Turmfalken-Beringer begleiten zu dürfen, muss vorbereitet sein. Es gilt fast immer eine Menge Stufen hinter sich zu lassen, oft geht es nicht ohne Leitern ab.

Turmfalkengemach

Turmfalken brüten – ihrem Namen entsprechend – hoch oben, in Berlin meistens in einem Turm mit Nistkasten. Und da ist es in der Regel finster, im Sommer meist schwülwarm oder einfach nur heiß. Oft riecht es bei einer Falkenfamilie nicht eben lecker. Denn hier liegen Gewölle herum, manchmal auch Mäusereste oder frisch eingetragene Beutetiere.

Beringer greif tin den selbstgezimmerter Turmfallkennistkasten, drumherum viele Spinnweben.
Turmfalken-Nistkasten unterm Dach

Und geputzt wird hoch oben auf Kirchtürmen oder den verwinkelten Dachböden alter Gemäuer von Behörden oder Schulen auch nicht. Spinnweben allerorten, manchmal haben Tauben ihren Dreck hinterlassen oder im Gefieder der jungen Turmfalken gehen Lausfliegen spazieren.

Das alles hat mich jedoch noch nie davon abgehalten, die Einladung anzunehmen, wenn Ludwig Schlottke mailt, dass die Turmfalken auf einem Kirch-, Rathaus- oder Wasserturm jetzt bald drei Wochen alt sind. Das ist der beste Zeitpunkt, sie zu beringen, denn weder zu jung noch zu alt dürfen die kleinen Kämpfer sein. Schon um den 25. Tag herum, muss sich der Beringer vor den scharfen Krallen und dem wehrhaften Schnabel schützen. Mit vier Wochen sind sie dann richtig rebellisch.

Jungvogel greift mit dem Schnabel um den kleinen finger des Beringers
Und sie beißen zu, aber unter drei Wochen ist das erträglich.

Beringt werden in Berlin möglichst viele der Turmfalken, die in den passend zurechtgezimmerten Nistkästen heranwachsen. Damit das klappt, werden die Kästen bereits im Februar kontrolliert, repariert und gereinigt. Und wenn die verpaarten Vögel eingezogen sind, prüfen Beringer wie Ludwig Schlottke im April und Mai, wann die ersten Eier im Nest liegen und wie groß das Gelege ist. Dabei vermeiden sie – schon aus Naturschutzgründen – jede Störung der Tiere.

Fssade mit drei Fenstern. Rechts das Einflugloch und davor die Sitzstange
Fassade mit Einflugloch und Sitzstange

Von einem Nest kann man übrigens nicht wirklich sprechen, denn den zierlichen Greifvögeln reicht eine Art Holzkiste, die von innen hinter ein Fenster montiert wird. Vor diesem Ausflugloch – also einem meist sehr kleinen Fenster – ist von außen eine Sitzstange angebracht. Die nutzen vor allem die jungen Falken als Ausguck, wenn sie neugierig den Nistkasten verlassen.

Zwei Ringe

Der metallische Ring mit Gravur wird von der Vogelwarte Radolfzell am Bodensee an die Berliner Beringer verschickt und ist eine individuelle Identifikationsmarke. Der andere Ring ist farbig, gibt über das „Geburtsjahr“ Auskunft und ist eine Besonderheit.

Werkzeug das Beringers mit Beringungsschere und roten sowie metallischen Ringen.
Werkzeug eines Turmfalkenberingers

Vor gut 20 Jahren entschieden drei Berliner Beringer, dass ein zusätzlicher Farbring, dessen Farbe von Jahr zu Jahr wechselt, nützlich wäre. Denn jede der sechs möglichen Farben steht für ein Jahr. 2017 sind die Farbringe der Turmfalken rot und sitzen am rechten Bein. Und weil der silberige Metallring sechs Jahre lang links und dann sechs Jahre lang rechts ans Bein kommt, deckt die Kombination aus Metall und Farbring einen Zeitraum von 12 Jahren ab. Die zuständige Vogelwarte Radolfzell hat die Idee mit den Farbringen durchgewunken, denn schon mit dem Fernglas ist so das Alter gut zu erkennen.

Die Kunst des Beringers

Wer junge Greifvögel beringt, möchte sie nicht stressen. Er oder sie geht behutsam vor. Zunächst wird bei den Turmfalken das Ausflugloch versperrt, damit die Eltern – auch Altvögel genannt – vor der „Tür“ bleiben, wenn sie mit Beute zu den Jungen kommen. Anschließend wird der Nistkasten von innen geöffnet. Und die Jungen, meist vier bis sechs an der Zahl, kriegen erstmal einen Schreck oder sind zumindest erstaunt.

Vier Jungvögel, die erstaunt sind, weil der Nistkasten von der "falshen" Seite aus geöffnet wird.
Erstaunen im Gesicht. Gerade wurde der Nistkasten geöffnet, das Ausflugloch ist versperrt.

Ein Geschwister nach dem anderen holt der Beringer aus dem Kasten – und da legt sich bereits die Aufregung. Denn wenn die Menschenhand von schräg-oben langsam über den Kopf des Vogels fährt, beruhigt ihn das. Diese Strategie erinnert das Vogelkind nämlich an den Altvogel, der sich so ähnlich annähert und auf die Jungvögel setzt, sie hudert.

Mit der Hand fährt der Beringer über den Kopf eines jungen Turmfalken.
Gleich wird der Jungvogel ganz ruhig sein.

Ist der Vogel gegriffen, wird er in die andere Hand und dabei auf den Rücken gelegt. Meist streckt er die Beine so nach oben, dass mit der Beringungszange die beiden vorbereiteten Ringe gut um das Bein geklemmt werden können. Der eine links, der andere rechts. Anschließend wird der lockere Sitz der Ringe überprüft und der Vogel behutsam zurück zu seinen Geschwistern gesetzt.

Ein Ring wird mit der Zange um das Bein des Vogels geklemmt. Vogel in der hand des Beringers guckt etwas entsetzt.
Der Farbring schließt sich um das Bein.
Am ausgestreckten Bein prüft der Beringer den Sitz des roten Rings.
Der Sitz des Farbrings wird geprüft.

Wenn alle Jungvögel beringt sind, sorgt man dafür, dass die Kleinen nicht zu nah am Ausflugloch sitzen, sondern möglichst entspannt an der Wand. Ältere könnten sonst auf die Idee kommen, hinaus zu hüpfen, sobald das Ausflugloch wieder frei ist – und würden tief fallen, solange die Flügel sie noch nicht tragen.

Zum Schluss wird zunächst der Nistkasten von innen verschlossen und danach das Ausflugloch entsperrt. Nun können die Altvögel wieder hereinkommen. Und meist lassen sie nicht lange auf sich warten.

Dem „Geburts“ort verbunden

Zur Zeit der Beringung machen die etwa 20 Tage alten Turmfalken gerade die zweite Mauser durch. Die ersten sieben, acht Tage schmückt sie ein Flaum aus weißen Dunen. Der wird bei der ersten Mauser gegen graue, fein verzweigte Dunen getauscht. Und gerade jetzt zeigt sich das braune Jungendgefieder.

Etwa 20 Tage alter Vogel in der Hand des Beringers hat bereits braunes Jugendgefieder unter den Dunen.
Zweite Mauser: Das Federkleid wächst unter den Dunen.

Sobald dieses Gefieder entwickelt ist und die Flügel mit etwa vier Wochen das Gewicht des Jungvogels tragen können, verlassen sie den Nistkasten. Meist lugen sie zunächst neugierig aus dem Ausflugloch hervor. Später sitzen sie auf der Stange davor.

Sie werden dann noch mehrere Tage von den Altvögeln versorgt und treiben sich in der Nähe ihres Geburtsortes herum. Aber kurz darauf sind sie weg. Manche bleiben in Brandenburg, andere fliegen weiter fort. Aber zum Brüten kommen sie offenbar in ihre Geburtsstadt zurück: Die meisten Turmfalken, die in Berlin für Nachwuchs sorgen, sind hier auch geschlüpft.

All das weiß Ludwig Schlottke, der seit 30 Jahre Turmfalken beringt und in dieser Zeit fast 2.700 in der Hand gehabt hat. Kürzlich hat er seine Daten für die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft ausgewertet.

Seine Turmfalken-Ringe werden mit Fernglas und Spektiv – oder auch von verletzten oder toten Vögeln – abgelesen und an die Vogelwarte Radolfzell gemeldet. Da ist auf die Vogelkundler, Ornithologen, Birder und aufmerksamen BürgerInnen Verlass.

Neun Metallringe aufgereiht wie bei einer Perlenschnur.
Metallringe der Vogelwarte Radolfzell mit Gravur. Jeder ist ein Unikat und ermöglicht später die Identifikation eines Tieres.

 

Turmfalke | Faucon créderelle | Kestrel | Falco tinnuculus


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