Salzige Attraktion

Der rotstirnige Girlitz mit dunklem Kopf sitzt auf einem Zweig mit jungen, sprießenden Blättern.
Den Rotstirngirlitz gibt es in Deutschland nicht, aber zum Beispiel im Kaukasus. (Zum Vergrößern Fotos anklicken.)

Auf meiner Vogeltour in Armenien haben wir nicht nur die geflügelten Arten im Auge gehabt, sondern durchaus auch die beeindruckenden Klöster, die in abgeschiedenen Gegenden Jahrtausende überstanden haben. Das Kloster Noravankh in 1.600 m Höhe vor rotem Fels und mit fantastischen Ausblicken gehörte dazu.

Aber wie es der Zufall will, hatten sich dort zur Freude der Ornis aus Deutschland ein paar Rotstirngirlitze eingefunden. Der Grund war salzhaltiges Gestein.

Vor rötlichem Felsgestein steht ein Klostergebäude mit Kuppel und einer Fassade mit Kreuz.
Das Kloster Noravankh wurde im 13. Jh. errichtet. Ein Gotteshaus gab es schon zuvor. Mehrfach wurde es durch Erdbeben erschüttert oder zerstört.
m Inneren des Klosters aus rötlichem Stein ein Altar mit Marienbild und Kreuzen
Als weltweit erster Staat hat Armenien im Jahr 301 das Christentum (armenisch-apostolisch) als Staatsreligion eingeführt.

Wie immer hatten wir Spektive, Ferngläser, Kameras und Stative dabei, um in oder über der Felsschlucht vielleicht Greifvögel zu entdecken. Aber es kam anders. Wir gingen mit geschulterter Optik an den berühmten armenischen Kreuzsteinen vorbei und genossen den herrlichen Ausblick auf die Schlucht, bis wir an eine defekte Wasserrohrleitung kamen.

Hintereinander stehen sieben Kreuzsteine im frischen Grün. Dahinter das rötliche Felsgestein der Schlucht.
Kreuzsteine (Chatsch’khare) werden als Bekenntnis zum Christentum aufgestellt.

Dort sah ich meinen ersten Rotstirngirlitz. Er trank von dem heraussickernden Wasser, flog hin und wieder ins schützende Gebüsch, wetzte seinen Finkenschnabel und beäugte uns.

Wie ein dunkler Punkt sitzt der Rotstirngirlitz im Gebüsch.
Im Gebüsch gut gedeckt.
Von dem rötlichen Gestein aus, über das ein defektes Wasserrohr führt, blickt der Girlitz auf das tröpfelnde Wasser.
Vom Sinn defekter Wasserleitungen … eine Vogeltränke

Als auch andere Artgenossen heranflogen, entdeckten wir am Abhang für die braungemusterten, rotstirnigen Finken eine andere Attraktion – im wahrsten Sinne der lateinischen Wortbedeutung „anziehend“: diesen mineralienhaltigen Stein.

Sechs Rotstirngirlitze und ein Ortolan auf einem hellen Gesteinsbrocken.
Salzige Attraktion für Rotstirngirlitze und einen Ortolan

Nicht nur fünf, sechs Girlitze rissen sich dort um ein Plätzchen, auch ein Ortolan kam angeflogen und knabberte an dem Gesteinsbrocken. Ich vermute, dass durch Tau und Regen sich lebenswichtige Salze gelöst hatten und die Vögel es dadurch leicht mit dem Schnabel aufnehmen konnten.

Wozu Salz?

Nicht nur wir Menschen und andere Säugetiere wie etwa das hiesige Rotwild oder Elefanten in Asien und Afrika, sondern auch Vögel benötigen für ihren Stoffwechsel geringe Mengen an Kochsalz und anderen Mineralien. Zum Beispiel hängt die Funktion der Körperzellen hängt davon ab, dass im Wechselspiel von Natrium mit Kalium ständig genügend Ionen aus den Zellen raus und wieder rein können.

Während die fleischhaltigen Mahlzeiten von Raubtieren bereits salzhaltig sind, müssen viele Vegetarier unter den Tieren gezielt Salz aufnehmen.

Das ist kein Problem für Meeresvögel, die davon so viel konsumieren, dass ihre Salzdrüsen – das sind spezielle Ausscheidungsorgane für Salz – besonders groß sind. Wer aber im Binnenland herumfliegt, und sich weitgehend pflanzlich ernährt, muss wie die Finken – oder auch Papageien – sehen, wo er Salz und andere wichtige Mineralien findet.

Bei manchen Vogelarten reichen salzhaltige Kräuter aus, um das über die Nieren ausgeschiedene Salz zu ersetzen. Andere nutzen mineralhaltige Steine oder auch Wasserquellen als Salzspender.

Ein Vogel der Gebirgswälder

Dass ich den Rotstirngirlitz erstmals in Armenien traf, ist kein Zufall. Bei uns und in ganz Westeuropa gibt es ihn nicht. Sein Verbreitungsgebiet beginnt in den Gebirgszügen der Türkei und zieht sich von dort nach Osten bis zum Himalaya.

Johann F. Naumann schreibt in seiner Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. III, S. 278:

Dieses äusserst niedliche Vögelchen bewohnt die Gebirgswälder, in Höhen über 3.000 und 3.500 bis zu 10.500 Fuss über dem Meere, zieht sich aber im Winter in tiefere Lagen hinab. … Die Art ist Brutvogel im Kaukasus, ungeheuer zahlreich im Taurus in Kleinasien, in Nordpersien, Afghanistan und Turkestan …

Durchaus Gerangel

Nicht nur an unseren Winterfutterstellen ist manchmal viel los, und es kommt auf gute Strategien und Durchsetzungsvermögen an, wenn man zum Zuge kommen will. Auch an mineralienreichen Plätzen wird gerangelt, und nicht jeder, der angeflogen kommt, ist willkommen und darf sich setzen.

Die munteren rotstirnigen Girlitze waren definitiv ein Ereignis. Doch nun warte ich auf eine Begegnung mit unseren Girlitzen, also den gelb-grünen Verwandten mit gestreifter Flanke. Ihre trillernde Stimme mit silbrigem Klang – oft wird sie so beschrieben – kenne ich, schwieriger ist es die kleinen Flitzer zu fotografieren. Aber ich rechne mit interessanten Ergebnisse, wie in Armenien.

Wie eine Hummel mit rotem Kopf fliegt der rotstirngirlitz auf uns zu.
„Und tschüss …”

Rotstirngirlitz | Serin front rouge | Red-fronted Serin | Serinus pusillus



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4 Kommentare zu “Salzige Attraktion

  1. Liebe Elke! Deine Mail zu lesen macht mir große Freude. gefällt mir sehr gut, wie du die Vögel beobachtest und einen so schönen Beitrag gestaltest. Liebe Grüße aus Plauen von Erika.

  2. Liebe Elke,
    die Rotstirngirlitze beim »Salztanken« – das ist aber eine schöne und interessante Beobachtung. Ich habe die putzigen Kerlchen erst letztes Jahr im Kaukasus (Aserbaidschan) bei einem hoch gelegenen Dorf Laza gesehen. Sie sind einfach hübsch.

    1. Ja, wir wären uns fast am Rande des Kaukasus über den Weg gelaufen. Ich finde die Rotfärbung der Stirn sehr interessant. Ein tolles Signal – etwas schwächer auch bei den Weibchen vorhanden -, und ich würde gerne den verhaltensbiologischen Sinn herausfinden.

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