Vögeln auf die Spur kommen

Buchcover mit großen weißen Vögeln vor blauem Meer und rötlichem Fels, Buchtitel in der Mitte und die Köpfe von Pinguinen.Vieles, was wir heute über das Verhalten von Vögeln ganz neu lernen, basiert auf aktuellen technischen Entwicklungen. Sie machen es möglich, ausgewählte Individuen zu markieren, zu besendern, mit Datenspeichern auszurüsten und sie sowohl in der Luft als auch im Wasser zu verfolgen. Neudeutsch handelt es sich dabei um „Tracking“. Und genauso lautet der Titel eines geradezu überfälligen Buches: Tracking – Der gläserne Vogel.

Ich habe es mir kürzlich druckfrisch von der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft ¹ in Augsburg mitgebracht, wo es zunächst nur in ungebundener Form auf dem Büchertisch des AULA-Verlags einzusehen war.

Und dann lag es plötzlich mit seinem ansprechenden Cover fix und fertig zwischen all den anderen Angeboten des Verlags, der für Vogelbegeisterte eine Fundgrube ist.²

Daten sammeln mit Logger-Technik

Worum geht es auf den gerade mal 120 Seiten? Um erstaunlich viel! Wer meint, in diesem Buch zu erfahren, wie heute mit raffiniert ausgerüsteten Vögeln geforscht wird – mit Vögeln, die also am Bein oder im Gefieder sogenannte Datenlogger tragen – liegt zwar unbedingt richtig, greift allerdings zu kurz. – Aber dazu später.

Der Autor Stefan Garthe und die Autorin Ulrike Kubetzki haben viele ihrer Forschungsjahre dem Verhalten und den Lebensbedingungen von Meeresvögeln gewidmet, insbesondere den Pinguinen und Basstölpeln.³ In diesem Buch berichten sie in angenehm schnörkelloser Sprache über die Entstehung und Entwicklung von Datenloggern für ornithologische Fragestellungen.

Über dem Meer fliegt ein weißer Vogel mit schwarzem Kopf und schmalem Schnabel, er schaut auf die Wasseroberfläche.
Fluss-Seeschwalbe mit winzigem Datenlogger am linken Bein, rechts ist sie beringt (Foto: E. Brüser)

Diese Geräte sammeln bestimmte physikalische Messdaten und helfen so, die Wege und Lebensgewohnheiten von Tieren zu verfolgen. Die Logger-Technik hat die farbliche Markierung und die Beringung von Vögeln nicht vollständig ersetzen, bringt aber eine ganz neue Dimension in die biologische Wildtierforschung.

Die Gründe erklärt das zweiköpfige Autorenteam anschaulich in dem Kapitel Eine Erfolgsgeschichte: Alles begann mit Pinguinen. Wir erfahren zunächst, wie wichtig Visionen, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen einzelner Forschender sind. Anschließend geht es um technische Details:

Die Datenspeicher, mit denen Vögel fliegen, sich fortpflanzen und ernähren müssen, dürfen nicht hinderlich sein. Sie sind in den letzten 30 Jahren immer kleiner und komfortabler geworden sind: Anfangs wurden die kräftigen Pinguine mit ihnen ausgerüstet, heute gibt es 1-Gramm leichte Geräte.

Wo die Technik am Vogel angebracht wird, ist unterschiedlich: Selten und nur bei großen Vögeln ist der Logger bis heute wie ein Rucksack am Rumpf festgeschnallt. Oft sitzt er am Bein oder ist an Federn festgeklebt.

Welche physikalischen Parameter genutzt werden, um Vögel aktuell oder nachträglich zu verorten, ist ein anderes Thema. Eine Zeitlang spielten Lichtsensoren eine große Rolle, heute werden Druck- und Temperaturmessungen gespeichert, aber auch Herzschlag und Magen-Darm-Aktivität erfasst.

Vielfältig ist, wie die ermittelten Daten auf die Computer der Forschenden übertragen werden: Nur selten muss der Vogel heutzutage belästigt werden, um den Logger abzunehmen und die Daten auszulesen. Oft reicht es, sich dem Vogel anzunähern. Vielfach werden die Daten via Satellitentechnik auf einen PC übertragen oder an ein Handy versendet. Auch die Internationale Raumstation (ISS) spielt, etwa beim Erfassen von Tierwanderungen, eine Rolle.

Es geht um mehr als Tracking

Doch, wie erwähnt, ist das noch nicht alles. Aus gutem Grund ist ein Kapitel eingefügt, in dem es um die Bedeutung der oft belächelten Grundlagenforschung geht. Stefan Garthe und Ulrike Kubetzki machen klar, warum anstehende Fragen aus Politik, Wirtschaft oder Naturschutz oft nur dann strategisch klug und zügig untersucht werden können, wenn die Grundlagenforschung bereits geliefert hat.

Dazu stellt das Buch drei Beispiele im Kapitel Abenteuer Forschung mit Datenloggern vor. Entscheidungsträger wollten etwa wissen, ob

⇒ sich neue Fischfanggesetze in der EU negativ auf Seevögel auswirken könnten,
⇒ warum die Küken von kanadischen Basstölpeln noch im Nest sterben,
⇒ wie riskant Windenergieanlagen in der Nordsee für Meeresvögel sind.

Die zugehörigen Forschungsvorhaben werden von Garthe und Kubetzki nicht abstrakt abgehandelt, sondern jedes Mal nehmen uns die beiden Autoren mit in ihren Forschungsalltag. Wenn es beispielsweise auf die schaukelnde Überfahrt zu den Basstölpeln in Schottland geht, zu einem der weltweit größten Basstölpel-Brutgebiete an der rauen Küste Kanadas oder zu den Offshore-Windparks nördlich von Helgoland, wo seit 1991 viele Basstölpel brüten und sich selbst sowie den Nachwuchs sturztauchend in der Nordsee ernähren.

Und der Tierschutz

Wer sich darüber Gedanken macht, ob das Anbringen von Datenloggern die Vögel nicht mehr stört als „ein paar“ Windmühlen im Flachwasser der Nordsee, der erfährt zum einen, warum gerade diese Region für Lebewesen im Meer so bedeutsam ist und gleichzeitig, wie voll es dort bereits jetzt durch Schiffsverkehr und anderweitige Nutzung ist.

Großer weißer Vogel mit kräftigem Schnabel im Flug.
Basstölpel (Foto: E. Brüser)

Zudem lässt sich in einem eigenen Kapitel nachlesen, mit welchen Grundsätzen in der Biologie an und mit Tieren geforscht wird.

Das mögen kritische Zeitgenossen oder Zeitgenossinnen als reine Theorie oder Feigenblatt abtun, aber Fakt ist, dass Anträge gestellt und bewilligt werden müssen, die Kontrollen vielfältig sind und so manches wissenschaftliche Projekt eingestampft oder neu gedacht werden muss.

In dem Schlusskapitel Citizen Science – Bürger schaffen Wissen erfahren Interessierte zu guter Letzt, wo sie sich weiter informieren und Projekte konkret unterstützen können.

Wie schön, dass Tracking – Der gläserne Vogel üppig illustriert ist. Es enthält ergänzende wissenschaftliche Literaturbelege, und selbst ein Sachregister fand Platz. All das macht dieses übersichtlich gehaltene Buch mit seinem Fokus auf wunderbare Meeresvögel zu einem Gewinn.

¹ Noch heißt diese traditionsreiche Gesellschaft Deutsche Ornithologen Gesellschaft (DO-G). Aber das wird bald Vergangenheit sein. Die geplante Satzungsänderung reflektiert dann unter anderem, dass in der Vogelforschung zunehmend Wissenschaftlerinnen tätig sind.
² Ich habe schon mehrere Bücher aus dem AULA-Verlag besprochen, wie Das große Buch vom Vogelzug, Die Namen der Vögel, Spechte & Co. und Atlas Deutscher Brutvogelarten.
³ Stefan Garthe und Ulrike Kubetzki sind Biologen, die als Forschende am Kieler Institut für Meereskunde (IfM), dem heutigen GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, unter anderem die Meeresvögel für sich entdeckten. Aus dem IfM, an dem ich als junge Studentin unterwegs war, ging das GEOMAR hervor. Beide Autoren sind am Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ) der Universität Kiel tätig.

Tracking – Der gläserne Vogel
Autorenteam:  Stefan Garthe, Ulrike Kubetzki
Jahr:     2023
Verlag: Aula



Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

2 Kommentare zu “Vögeln auf die Spur kommen

  1. Die Vorstellung, dass es nun schon Satellitensender an Hummeln und Schmetterlingen gibt, ist bald so unbegreiflich wie „der bestirnte Himmel über mir“. Umso schlimmer ist (Prof. Berthold), dass unsere Kenntnisse über die Natur noch nie so weit gingen wie heute und es der Natur dabei noch nie so schlecht ergangen ist wie heute.

    1. So ist es. Aber wie schön, dass die Kraniche wieder in Linum sind und von Ihnen und anderen Ehrenamtlichen gezählt werden. Das sehe ich auf Ihrer Webseite und konnte ja auch einmal bei der frühmorgendlichen Zählung dabei sein!

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