Kurven fliegen

Der dunkle Schwarzmilan am blauen Himmel hat seine Greife zum Zupacken ausgefahren.
Seine Greife sind ausgefahren.

Kürzlich habe ich längere Zeit einen Schwarzmilan beobachtet und dabei ist mir klar geworden, dass Greifvögel ihre Beute nicht nur erspähen müssen, um dann schnell herabzustoßen und das Tier mit den Zehen – ihren Greifen – zu ergreifen, sondern manche dieser „Beutegreifer“ müssen auch enge Kurven fliegen können. Sonst bleiben sie nicht über dem Ort, wo sie die nächste Mahlzeit gesichtet haben oder mit ihr zu rechnen ist.

Das Verhalten hängt natürlich von der Vogelart und ihrer jeweiligen Jagdtechnik ab.

Ich will es mal so ausdrücken: Sucht ein Greif wie der Schwarze Milan nach Beute, dann segelt er über der Fläche, wo er einen Fisch, eine Maus oder was auch immer erwartet. Gute „Jagdgründe“ sind für Schwarzmilane etwa Teichlandschaften und zuführende Kanäle oder Fließe, wo sie die Beute packen können, die nah unter der Wasseroberfläche schwimmt. Ihre Technik ist allerdings längst nicht so ausgefeilt, wie beim Fischadler, der auf die Flossenträger spezialisiert ist. – Das lässt sich gut in dem Artikel Adler und Milane in der Zeitschrift Vögel (2019/3) nachlesen.

Dunkle Silhouette des Milans mit leicht gegabeltem Schwanz am blauen Himmel.
Im Suchflug: der Schwarze Milan mit dem leicht gegabelten Schwanz.
Dunkler Schwarzmilan im Flug mit zum Boden geneigtem Kopf.
Eine Beute im Visier: der Kopf geneigt, der Schwanz breit gefächert.

Der Schwarzmilan ist ein ausgezeichneter Kurvenflieger, geradezu ein Kunstflieger. Das zeigt er vor allem bei der Balz, wenn die Partner förmlich durch die Luft wirbeln, und auch wenn der dunkle Greif die Fischreiher oder Kormorane so belästigt, dass sie erbeutete Fische loslassen oder ausspeien.

Aber sie können auch selbst zuschlagen. Dieser Schwarze Milan kam von rechts angeflogen, machte eine enge Kurve und holte sich die Rotfeder aus dem Fließgewässer. (Fotos anklicken!)

Schwarzmilane sind in der Lage extrem enge Kurven zu fliegen – ganz im Gegenteil zum Weißstorch, der in weiten Schwüngen unterwegs ist, in großen Kreisen mit der Thermik aufsteigt und vor der Landung meist gemächlich geradeaus segelt.

Weißstorch mit ausgebreiteten Flügeln segelt Richtung Boden.
Storch im gemächlichen Landeanflug

Was mir also kürzlich auffiel, das war diese extreme Schräglage – beinahe eine Senkrechtlage –, die Schwarzmilane einnehmen können: Der Kopf bleibt in einer aufrechten, waagerechten Position, aber die Flügel stehen fast senkrecht in der Luft.

Kurven fliegen: Schwarzmilan steht schräg in der Luft.
Der Schwarzmilan biegt in die Kurve …
Kurven fliegen: Schwarzmilan steht schräg in Luft, Kopf waagerecht.
… aber der Kopf bleibt waagerecht.

Nicht aus der Kurve fliegen

Diese Körperhaltung ist nötig, damit die Vögel beim Kurvenfliegen nicht aus der Kurve fliegen. Denn wer eine Kurve nimmt, hat mit Kräften zu tun, die ihn nach außen ziehen. Diese Flieh- oder Zentrifugalkraft kennt jeder, der mal auf einem Karussell saß. Auch Fahrradfahrer müssen sie berücksichtigen. Der Biologe und Vogelflugexperte Georg Rüppell hat die hier wirksamen Kräfte in Vogelflug (Rowohlt Taschenbuch 1980, S. 83) besonders anschaulich beschrieben:

Genau wie ein Fahrradfahrer sich in die Kurve legt, neigen sich auch Flugzeuge oder Vögel, wenn sie eine Kurve ausführen. Ohne diese Neigung würden sie von der kurvenauswärts wirkenden Trägheitskraft, der sogenannten Flieh- oder Zentrifugalkraft aus der Kurve gezogen werden.

Und um diese Kraft auszugleichen, verstärken Radfahrer und Vögel die Schräglage: der Radfahrer neigt meist Kopf und Rumpf zur Kurve hin.

Bei sehr engen Kurven neigt sich der Vogel fast bis in die Senkrechte.

Anders als es viele Radfahrer machen, bleibt der Kopf beim Schwarzmilan waagerecht.

Indem der Greif die Oberseite seiner beiden Flügel zur Kurvenmitte richtet, nutzt er die sogenannte Querkraft – ein Gegenspieler der Fliehkraft –, die ihn quasi in Kurvenzentrum zieht:

Beim segelnden Vogel (oben) sorgt die Querkraft für den Auftrieb.

Beim Kurvenfliegen (unten) zieht den Schwarzmilan dieselbe Kraft nach links, ins Zentrum der Rechtskurve, die er gerade fliegt.

Das Manöver mindert allerdings den Auftrieb (Pfeil nach unten), weshalb Vögel, die nicht an Höhe verlieren wollen, vor einer engen Kurve ordentlich Tempo aufnehmen müssen.

Interessant ist auch die Frage, wie sich Vögel in die Kurvenlage begeben. Und darauf gibt es nicht nur eine Antwort, wie Georg Rüppell schreibt.

Zum Beispiel können sie einen Flügel absenken; ist es der rechte, folgt daraus eine Rechtskurve.

Auch wenn sie den rechten Flügel etwas zusammenfalten, entsteht eine Rechtskurve, weil die Flügelfläche auf dieser Seite kleiner wird.

Und der Schwanz leitet Kurvenflüge ein, wenn er einseitig abgesenkt wird. Ihn links abzusenken, leitet ein Abbiegen nach links ein – wie auf dem Foto unten zu sehen ist.

Dunkle Silhouette eines Schwarzmilans am Himmel beim Kurvenfliegen
Am klaren, hellen Himmel wie ein Scherenschnitt (Und wieder lassen sich alle Fotos im Blog durch Anklicken vergrößern.)

Schwarzmilan | Milan noir | Black Kite | Milvus migrans



Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

2 Kommentare zu “Kurven fliegen

  1. Liebe Elke,
    Dein Bericht über die Flugtechnik des Schwarzmilans und Vögel generell finde ich sehr interessant und gut beschrieben. Das hilft mir, sie besser zu verstehen bei meinen Beobachtungen am Großschauener See bei Storkow. Danke !!!

    1. Liebe Gabriele, wie gut, dass du an den Großschauener See erinnerst. Ein wunderbares Gebiet, um Vögel zu beobachten und zu entspannen.

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