Derangierte Fassade

07. August 2021 | Kleine Vögel, Wissenswertes | 3 Kommentare

Kleiner Vogel mit rotem Schwanz auf einem Zaunpfahl

In der Mauser: männlicher Gartenrotschwanz mit scheckigem Gefieder

Wenn Vögel ihr Gefieder wechseln, weil die Federn sich mit der Zeit abstoßen und dadurch in Farbigkeit und Funktion nachlassen, sehen sie manchmal wirklich „derangiert” aus. Mit anderen Worten: In der Mauserzeit wirken Vögel oft zerzaust und wenig attraktiv. Der auffällig gefärbte Gartenrotschwanz ist dafür ein gutes Beispiel.

Rebstöcke und daneben Obstbäume mit grüner WieseZwei Gartenrotschwänze begegneten mir kürzlich in einer Nische im Weinanbaugebiet des Elsass.

Dort grenzten die Rebstöcke an einen verwilderten Obstgarten, quasi eine Streuobstwiese. Mirabellen und Pflaumen, Kirschen und Äpfel wuchsen hier – und niemand, der sie erntete. Außer einer bunten Vogelschar.¹

Wer sich in diesem Umfeld am schönsten präsentierte, waren die beiden Gartenrotschwänze. Deren Bestand nimmt bei uns leider ab, weil Biotope wie dieses fehlen. Auf Streuobstwiesen finden nicht nur „Fruchtliebhaber” wie Star und Amsel reichlich Nahrung, sondern im Blattwerk, auf und unter der Baumrinde sowie in der blühenden Wiesen jagen auch die Insektenfresser erfolgreich krabbelnde oder fliegende Beute.

Weiblicher Gartenrotschwanz auf trockenem Ast

Weiblicher Gartenrotschwanz mit zerzaustem Kleingefieder auf seinem Ansitz im trockenen Geäst

Gartenrotschwänze sind geschickte Insektenfänger. Das Weibchen wie auch das Männchen kamen hin und wieder aus der Deckung von Obstbäumen und dichtem Buschwerk heraus und nahmen auf einem Ansitz Platz. Der bot ihnen einen Überblick auf das Gelände und mir einen Blick auf ihr Gefieder.

Blass gefärbter Gartenrotschwanz auf einem trockenen Ast.

Geduckt auf Insektenjagd

Ein blass gefärbter Gartenrotschwanz auf einem Ast, der sich tief duckt und herunter schaut

Ein Insekt bodennah geortet

Gartenrotschwanz im Kleiderwechsel

Beide Vögel waren Ende Juli eindeutig in der Mauser, auch Kleiderwechsel genannt. Das lässt sich zum einen an der teils geringen Länge der Flügelfedern ablesen, zum anderen an ihrem „gescheckten Outfit“. Es entsteht, weil die neuen Federn einen Saum besitzen, der abweichend gefärbt ist. Mit der Zeit stößt sich dieser aber ab und die Federfarben werden zunehmend klarer – Gesicht und Hals des Männchens werden zum Beispiel pechschwarz. Das neue Kleid – wie wir es aus dem Frühjahr kennen und in der Grafik dargestellt ist – erscheint dan nach und nach.

Vier Gartenrotschwänze und drei Hausrotschwänze auf Zweigen und Zaunpfählen als Grafikzaunphälnen

Grafik aus dem „Naumann“ (Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, Gera 1905, Bd.1, Tafel 6) Links: 4 Gartenrotschwänze (= Gartenrötlinge), rechts: 4 dunkle Hausrotschwänze (= Hausrötlinge)

Bei der Mauser nach der Brutzeit² tauschen Gartenrotschwänze auch die großen Federn ihrer Arm- und Handschwingen aus. Diese bilden die Flügel. Der Wechsel behindert die Vögel vorübergehend, macht aber Sinn. Denn das Federkleid hat sich im Verlauf des Jahres abgenutzt, und wer wie die Rotschwänze und viele andere kleine Singvögel nach Spanien oder noch weiter nach Westafrika ins Winterquartier zieht, muss sich auf seine Flügel verlassen können.

Ausgewechselt werden außer den Flügelfedern, die zum Großgefieder gehören, auch das sogenannte Kleingefieder und die rotbraunen Schwanzfedern. Sie haben eine wichtige Steuerungsfunktion beim Fliegen – und sind beim Gartenrotschwanz wie beim Hausrotschwanz namensgebend.

Bei abfliegenden Vogel sind die Flügel grau, der Schwanz leuchtet rot.

Der rötlich aufflammende Schwanz beim Abflug

Wer sich mit den leicht verwechselbaren kleinen braunen Vögeln – auch „lbb“ für little brown birds genannt – nicht so gut auskennt, hat bei den Rotschwänzen am ehesten Bestimmungserfolg: Wenn sie auf einem Ansitz lauern, sticht der rotbraune Schwanz aus dem bräunlichen, beige-grauen Gefieder hervor und im Flug flammt er kurz auf.

Und das Männchen

Zwischen Rebstöcken un dBäumen sitzt ein Vogel auf einem Holzpfosten

Gartenrotschwanz-Männchen: perfektes Biotop, perfekter Ansitz zwischen Weinreben

Das Männchen mit seinem dunklen Gesicht entdeckte ich wenig später, keine 30 Meter entfernt vom weiblichen Vogel. Besonders eindrucksvoll leuchtete sein rötlicher Schwanz, zumal der ebenfalls rötliche Bürzel gut sichtbar war. Der Grund: Die Federn seiner Schwingen hatten offenbar noch nicht die volle Länge erreicht.

Gartenrotschwanz von hinten auf einem Holzpfahl

Schwanz und Bürzel sind rötlich getönt. Üblicherweise sind zwei Steuerfedern im Schwanz braun.

Es gibt noch ein weiteres Kennzeichen für den Gartenrotschwanz: Sie haben einen Wippsteert³ – wie wir in meiner norddeutschen Heimat formulieren würden. Sie sitzen also selten ganz still, und ständig bewegt sich in Sitzposition ihr Schwanz in auffälliger Weise auf und ab.

Und hier der Bewegungsablauf eines einzelnen Schwanzzitterns in Zeitlupe:

Der Ornithologe Johann Friedrich Naumann hat vor über 120 Jahren dieses Verhalten des Gartenrotschwanzes – damals wurde er meist als Gartenrötling bezeichnet – sehr treffend so beschrieben, a.a.O. Seite 62

Unser Gartenrötling oder, wie man gewöhnlich diesen Vogel nennt, das Rotschwänzchen, ist ein ungemein lebhaftes, unruhiges und fröhliches Vögelchen… eine besondere Eigenheit der Rötlinge, die sie vor allen anderen Vögeln auszeichnet, ist eine zitternde oder schüttelnde Bewegung des Schwanzes, von oben nach unten, aber nicht seitwärts.

Man sieht

von Zeit zu Zeit diese schüttelnde Bewegung, die heftiger wird, wenn er etwas Auffälliges bemerkt, wozu er denn auch noch schnelle Verbeugungen mit dem Kopfe und der Brust macht.

Auge in Auge

Männlicher Gartenrotschwanz in der Mauser aus der NäheZum Abschluss eine kleine Anmerkung: Immer wieder bin ich davon begeistert, wie genau die Vögel, die ich beobachte, mich beobachten. Das bemerke ich beim Blick durch das Fernglas. Und nicht selten wird dieser wachsame Blick des Vogels von der Kamera eingefangen.

Wer das Auge auf diesem Foto betrachten möchte, kann wie üblich durch Anklicken oder Wischen das Bild vergrößern.

 

¹ Binnen einer Stunde begegneten mir außer den Rotschwänzen: Amsel, Star, Buntspecht, Kohlmeise, Girlitz, Buchfink, Mönchsgrasmücke und Türkentaube. Und am Rande wachte eine Saatkrähe.
² Bei dem abgebildeten Weibchen könnte es sich um einen adulten Vogel oder einen weiblichen Jungvogel handeln, der den ersten Federwechsel durchmacht. Da bin ich mir nicht sicher und lasse mich gerne belehren.
³ „Wippsteert” ist das plattdeutsche Wort für Bachstelze. Auch sie wippt ständig mit dem Schwanz (plattdeutsch: Steert). Verwendet wird Wippsteert auch für lebhafte Kinder, die nicht still sitzen können.

Gartenrotschwanz | Rougequeue à front blanc | Common Redstart | Phoenicurus phoenicurus

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

3 Kommentare

  1. Liebe Elke Büser, habe gerade Ihren Beitrag gelesen und er hat mir den trüben Morgen erhellt.
    Liebe Grüße aus dem schönen Neumünster.

    Antworten
  2. Wie immer, bin ich von deinen Beiträgen sehr angetan und lese diese voller Freude. Ende Mai konnte ich in einem Schrebergarten im nördlichen Berlin ein Gartenrotschwanzpaar bei der Aufzucht des Nachwuchses beobachten und fotografieren. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Männchen noch im Prachtgefieder. Es war faszinierend, wie fleißig beide Eltern den Nachwuchs mit diversen Insekten versorgt haben.

    Und hier das Foto des Männchens im frühsommerlichen Prachtkleid ©Günter Vetter.

    Männlicher Gartenrotschwanz im frühsommerlichen Prachtkleid

    Antworten
    • Danke Günter für das tolle Foto, das in seiner Originalgröße sicher noch großartiger ist. Aber es musste ja Blog-kompatibel sein. In der Kommentarleiste ist dieser fütternde Gartenrotschwanz leider nicht sichtbar, aber in den Kommentaren direkt unter dem Blogbeitrag könnt ihr ihn anschauen.

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Vogel gesucht?

Gut sortiert

5 von 749 Kommentaren

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Birding

Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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