Unerwarteter Inselbewohner

05. Juli 2018 | Mensch & Vogel | 2 Kommentare

Ein Buchfink mit rötlich-zimtfarbener Brust steht auf einer vertrockneten Wiesenfläche.

Ein männlicher Buchfink mit den typischen Kennzeichen: weiße Flügelbänder, bläulich-aschgrauer Scheitel und rötlich bis zimtfarbene Brust

Wer sich gerne den Wind um die Ohren wehen lässt und der Sommerhitze in Berlin oder anderen Großstädten entkommen möchte, der ist an der Nordseeküste genau richtig. Ich hatte einen Besuch der Seevogelkolonien auf der Insel Neuwerk geplant und werde davon noch berichten. Aber gleich am ersten Tag stolperte ich förmlich über diesen hübschen Inselbewohner: einen Buchfink.

Im Vordergrund eine stählerne Konstruktion zur Rettung von Wattwanderen, das brau-graue Watt mit Wattwagen, am tiefen Horizont die Insel.nd hinten die Inselund

Im Hintergrund die Insel Neuwerk, vorne eine Rettungsstation für Wattwanderer, die von der Flut überrascht werden.

Buchfinken kann man in Berlin, etwa im Grunewald oder in Parkanlagen, oft im Grün der Baumwipfel singen hören, bekommt sie aber im Sommer nur selten zu Gesicht. Dass ich einen dieser guten Sänger auf Neuwerk am Boden erwischte, ist nicht wirklich ein Zufall. Aber um das zu erklären, muss ich etwas ausholen.

Nationalpark Wattenmeer

Auf dem grau-blau schimmernden Watt fahren etwa zehn gelbe Wattwagen mit 6 bis 10 Personen.

Parade der Wattwagen: Reiser markieren die sichere Route.

Die Insel Neuwerk liegt im naturgeschützten Wattenmeer vor dem niedersächsischen Cuxhaven, gehört aber zu Hamburg. Drei Wege führen auf das Eiland: Man nimmt das Schiff von Cuxhaven aus, geht zu Fuß bei Ebbe über das Watt oder setzt sich in einen Wattwagen. Der wird traditionell von zwei Pferden gezogen, denen das Wasser in den Prielen manchmal bis an den Hals reicht.

Ein gelber wattwagen wird von zwei Pferden gezogen, denen das Wasser bis zum Hals reicht.

Auch wir waren kurzfristig so tief im Wasser des Priels.

Es war norddeutsches Nieselwetter, und ich hatte mich auf dem Hinweg für den Wattwagen entschieden. Zum Glück: Denn wir konnten zum Beispiel die Silbermöwen beim Zertrümmern von Muscheln und Krebstieren beobachten: Sie ließen sie hoch aus der Luft herabfallen.

Übersichtsplan der Insel Neuerk, eingezeichnet die Schutzzonen I und II.

Was sind Priele?

Priele sind wie Flüsse im Watt. Sie liegen tiefer als der Wattboden drumherum.

In den größeren Prielen fließt selbst dann noch Wasser in Richtung Meer, wenn der Wattboden bei ablaufendem Wasser bereits zu sehen ist.

Die Strömung ist in Prielen meist sehr hoch – nicht nur bei Ebbe, sondern auch bei Flut, wenn das Wasser landwärts strömt.

Für Wattwanderer, die sich mit den Gezeiten nicht auskennen, sind Priele besonders gefährlich.

Auch die Kutscherin unseres Wattwagens prüfte genau, wie weit das Wasser bei den Pferden – und uns Passagieren – reichen würde.

Nachdem die Wattwagen auf der Insel ihre Gäste abgeladen haben, verweilen sie auf einem Stellplatz am alten Leuchtturm, und die Pferde werden gefüttert, bevor es wieder zurückgeht. An sich ist die Insel platt und überall „ist Wiese“. Doch der Stellplatz vor dem alten Leuchtturm liegt erhöht und ist von hohen Bäumen umgeben. Das ist der Platz des Buchfinken! Namensgebend sind die Bucheckern, die bei ihm weit oben auf dem Speisezettel stehen.

Die Zugpferde des Wattwagens bekommen Futter.

Nach getaner Arbeit werden die Pferde belohnt.

Der Reiterfink

Wenn die Pferde im Watt oder auf dem Festland sind, dann fliegt aus den Baumkronen der Buchfink herab und findet am Boden reichlich Nahrung.

Buchfink zwischen den Grashalmen am Boden.

Der Buchfink ist ein naher Verwandter des Distelfinks, auch Stieglitz genannt.

Auf dem Stellplatz gibt es nicht nur Sämereien von Wildkräutern, Getreidekörner und andere Futterreste der kräftigen Braunen, sondern allerlei Insekten, deren Eier und Puppen. Denn die duftenden Hinterlassenschaften der Vierbeiner locken vielerlei Getier an – selbst wenn die Pferdeäpfel hier fleißig entsorgt werden.

Buchfink amBoden, frontal zu uns ... er blickt nach rechts auf der Suche nach Insekten.

Wo flattert das nächste Insekt vom Boden auf?

In der rororo-Ausgabe der Urania Tierwelt lese ich über den Buchfink (rororo Tierwelt, Reinbek, Vögel Bd. 3, S. 478): Er sei überall da zu finden,

wo wenigstens ein paar Bäume stehen, deren Kronen ihm Samen, Knospen und Insekten spenden, Singwarten und einen Platz für das mit Flechten und Gespinsten von Raupen und Spinnen trefflich getarnte Nest bieten. Die Jungen werden hauptsächlich mit Insekten gefüttert, die der Buchfink besonders am Boden sucht; auch sonst sieht man ihn oft auf ebener Erde.

Mehrere Wattwagen auf dem Stellplatz vor dem Leuchtturm aus Backstein auf Neuwerk.

Der Stellplatz auf Neuwerk. Rechts auf der Wiese landete der Buchfink, als die Wagen abgefahren waren.

Darum also traf ich den Buchfink auf Neuwerk, und darum heißt er unter anderem auch der „Reiterfink“. So gesehen, ist es kein Zufall, dass mir der Buchfink gerade hier begegnete. Er hat auf Neuwerk alles was er braucht: die Baumkronen und viel Futter am Boden des Stellplatzes für Wattwagen.

Buchfink |  Pinson | Common Chaffinch | Fringilla coeleps

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

2 Kommentare

  1. Eine nette Anregung im kommenden Inselurlaub etwas intensiver auf die dortige Vogelwelt zu achten. Wir warten gespannt auf deinen Bericht über die Seevogelkolonien.
    Liebe Grüsse

    Antworten
    • Von den eindrucksvollen Brandseeschwalben hast du nun sicher gelesen. Es folgen später auf jeden Fall die wunderbaren Austernfischer und sicher auch die Eiderente. Aber zuvor geht es demnächst wieder in das Umland von Berlin.

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Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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