Vor wenigen Tagen stieß ich südwestliche von Berlin im Naturpark Nuthe-Nieplitz bei eisiger Kälte auf ein Kranichpaar, das unter der gefrosteten Schneedecke nach Nahrung suchte. In der Nacht hatten die Temperaturen bei -12 °C gelegen.
Ich war begeistert, die beiden zu sehen, denn auf diesem Feld, wo im Sommer oft Maispflanzen wachsen oder Getreide steht, habe ich das Paar* schon oft bei günstigeren Temperaturen beobachten können. Auch tanzend in der Balzzeit.
Bei diesem Anbllick ergeben sich natürlich Fragen. Zum Beispiel: Welches Futter finden Kraniche auf einem Acker, dessen Erdboden hart gefroren ist? Und außerdem: Warum sind die beiden überhaupt noch da? Warum versucht das Paar in Brandenburg zu überwintern, selbst bei Eiseskälte?
Der Reihe nach …
Vielfältige Nahrung
Der Graue Kranich (Grus grus) oder einfach Kranich, mit dem wir es in Europa zu tun haben, ernährt sich sowohl von pflanzlicher als auch von tierischer Kost. In der Biologie wird er als omnivor bezeichnet. Er ist damit das Gegenteil von einem Nahrungsspezialisten. Und das hat viele Vorteile.
Seine pflanzliche Nahrung besteht aus zahlreichen Getreidearten, außerdem aus Hülsenfrüchten und Eicheln. Auch alle möglichen Wurzeln, Knollen und Zwiebeln verzehrt er. Dazu gräbt er mit seinem stabilen Schnabel in der Erde.
Futtersuche: Graben und Stochern unter dem Schnee in der Erde
Je nach Jahreszeit ernähren sich Kraniche von Gemüsesorten wie Kohl, Möhren und Rettich, von allerlei Beeren, selbst von Blättern und frischen Pflanzentrieben.
Was die tierische Nahrung angeht, so verspeist der Kranich diverse Insekten und deren Larven, Spinnen, Libellen, Käfer, Schmetterlingsraupen und Regenwürmer – um nur einige Tierarten zu nennen. Übrigens vergreifen sich hungrige Kraniche auch an kleinen Wirbeltieren, etwa an Fröschen, Eidechsen und Mäusen. Manchmal müssen auch Vogeleier oder ein Jungvogel dran glauben.
Diese Vielfalt im Nahrungsspektrum sichert Kranichen das Überleben in verschiedenen Biotopen und bei wechselnden klimatischen Bedingungen. Das gilt etwa für die Vögel, die ganzjährig hierzulande leben und mit den Ernteresten auf Feldern über den Winter kommen müssen. Und ebenso gilt es für diejenigen, die aus Brutgebieten im Norden zu uns kommen und über Frankreich in Richtung Spanien weiterziehen.
Denn das Nahrungsangebot ist regional unterschiedlich. Zum Beispiel ernähren sich Kraniche im südlichen Spanien auf den dortigen Reisfeldern, und halten sich in Weinanbaugebieten und Olivenhainen auf.
Kein regulärer Zug, aber Winterflucht
Weil heutzutage die Winter in der Regel wärmer sind, bleibt ein immer größerer Teil der Kraniche in Norddeutschland hängen und spart sich die „Weiterreise“. Das heißt: Ihre Zugroute haben sie verkürzt.
Nun gab es in diesem Winter hier jedoch eisige Temperaturen mit fester Schneedecke.
Ein großer Teil der Vögel, die mittlerweile im Norden von Deutschland – zum Beispiel bei Diepholz – überwintern, traten daher eine so genannte Winterflucht an. Das heißt, sie machten sich erst unter dem Einfluss der ungünstigen Wetterlage auf den Weg in mildere Regionen und flogen in Richtung der früher üblichen Winterquartiere ab.
Das hatte das brandenburgische Paar im Nuthe-Nieplitz-Gebiet nicht getan. Sie waren geblieben! Und sie waren nicht die einzigen!
Wetterfeste Vögel
Dem Winter bei Minusgeraden zu trotzen, das ist den großen Kranichen durchaus möglich. Der Kranichexperte Hartwig Prange nennt sie daher passenderweise auch „wetterfest.
Ihr Federkleid bietet einen guten Schutz vor Kälte, und wenn sie nicht auf einem Feld nach Nahrung suchen, dann halten sie sich vornehmlich im Wald auf. Dort sind sie insbesondere vor kaltem Wind geschützt und finden an Orten, wo Wild gefüttert wird, sogar Futter.
Bekanntlich schlafen Kraniche stehend im Flachwasser – auch dann, wenn dieses eiskalt ist. Es liegt an einem raffinierten Durchblutungssystem, dass Ihnen die Beine nicht abfrieren. Nach dem Prinzip des Gegenstroms erwärmt das vom Herzen kommende arterielle Blut das kalte in den Beinvenen, das von unten in den Rumpf und bereits angewärmt zum Herzen zurückströmt.
Übrigens ist es so, dass Kraniche, die ihre nordischen Brutgebiete aufsuchen, dort mit Schnee und teilweise gefrorenen Eisflächen rechnen müssen. Sie sind Kältephasen gewissermaßen gewohnt und – was ihren Energiehaushalt angeht – dank Evolution physiologisch darauf vorbereitet. Wenn allerdings Kraniche beim Flug in ihre Brutgebiete von Wintereinbrüchen überrascht werden, dann unterbrechen sie ihren Zug nach Norden, und es kommt zum Stau. Manchmal sogar zur kurzzeitigen Umkehr.
Die ausreichende Nahrungsaufnahme ist bei Kälte das A und O. Das folgende Video zeigt, dass zeitweise beide Vögel die Nahrungsquelle nutzen, was nicht immer ganz konfliktfrei möglich war. Zweimal bedroht der rechte Vogel, vermulich der männliche, seine Partnerin. Er lässt sie dann aber doch fressen. Das spricht dafür, dass beide recht hungrig waren.
Der etwas mächtigere männliche Kranich mit größerem Federbusch steht rechts. Insgesamt sichert er das Umfeld mehr als die Kranichdame. (Anfangs ist ein auf der Straße vorbeifahrendes Auto zu hören. Das kennen diese Vögel, die immer wieder mal auf diesem Acker unterwegs sind.)
Was die beiden Kraniche unter der Schneedecke an Fressbarem gefunden hatten, blieb allerdings rätselhaft. Ich wollte mich ihnen keinesfalls annähern, sondern machte Fotos und Videos mit starkem Tele von der Straße aus durch das offene Autofenster. Jede weitere Annäherung hätte vermutlich dazu geführt, dass das Paar auffliegt, sie also unnötig Energie verlieren und ihre Energiequelle nicht weiter hätten nutzen können.
Ich hoffe, dass die beiden Vögel des Glücks, wie Kraniche oft genannt werden, die eisigen Tage gut überstehen. Demnächst soll es ja etwas wärmer werden.
* Ich kann nicht belegen, dass ich immer dasselbe Paar beobachte. Aber es erscheint mir sehr wahrscheinlich, weil sie immer auf diesem Feld oder einer nah gelegenen Wiese unterwegs sind, sich bei Bedarf in den angrenzenden Wald zurückziehen und gut an den Autoverkehr auf der Landstraße gewöhnt sind.



































Daaanke für den ausführlichen Bericht über die Kraniche die sich entschlossen haben, hier zu überwintern.
Am Wochenende haben wir bei einer NABU-Aktion Kraniche gehört und gesehen.
Nicht viele, aber einige.
Ich habe mich gefragt, was sie bei der durchgehenden Schneedecke wohl an Futter finden??
Hoffentlich verhungern sie nicht, dachte ich. Denn selbst wenn sie sich jetzt auf den Weg nach Spanien machen, werden sie unterwegs wohl nur auf Schneeregionen treffen.
Dann kam der Vogel-Blog von Elke zum Glück. Jetzt bin ich schlauer. Sie haben ein großes Nahrungsangebot auf ihrem Speisezettel, das erklärt vieles. Graben im Schnee bis auf die Erddecke und fliegen sogar in Wälder, erstaunlich.
Danke Elke für die Infos und die tollen Videos und Fotos.
Sabine Goedigk
NABU Bezirksgruppe Steglitz-Zehlendorf