Wenn der Kranich ruft

Kranich mit weit geöffnetem Schnabel auf einer Wiese stehend.
Dieser Kranich ruft, etwas verschleiert durch Gestrüpp

Immer hat es etwas Berauschendes, wenn am frühen Morgen die Kraniche von ihren Schlafplätzen im seichten Wasser aufbrechen oder abends von ihren Nahrungsplätzen dorthin zurückkehren. Die Kontaktlaute von diesen Trupps mit 30, 40 oder 50 bis weit über 100 Vögeln … phantastisch! Imposant sind allerdings auch die anderen Rufe des Grauen Kranichs, denn sein voluminöser Stimmapparat produziert eine durchdringende, weitschallende Klangfülle.

Grauer Kranich auf einer Wiese
Aufmerksamer Kranich: sichernd, hin und wieder rufend

Zwei Kranichpaare am Rande des Naturpark Nuthe-Nieplitz beobachte ich seit einigen Jahren: sehe und höre sie. Die Paare, deren Zusammensetzung vielleicht von Zeit zu Zeit gewechselt hat, leben dort ganzjährig in ihrem Revier, das aus Wald, Wiesen und Ackerflächen besteht. Mehrfach sah ich sie balzen, aber Junge aufzuziehen, ist ihnen bisher nicht geglückt. Das dürfte vor allem an Wildschweinen und Füchsen liegen, die sich über Eier und Junge hermachen. Aber ich weiß es letztlich nicht genau.

Kranichpaar steht mitetwa fünf Meter entfernt voneinander auf eienr Wiese
Erstes Kranichpaar auf einer Wiese

Kürzlich traf ich am frühen Vormittag eins der Paare am Rand des Reviers, wo sie auf einer Wiese regelmäßig nach Nahrung suchen. Obwohl meine übliche Wegstrecke hinter Buschwerk und Schwarzerlen verborgen ist, hatte das Paar mich wie üblich rasch entdeckt und warnte mit einzelnen Rufen. Adressat war vermutlich das zweite Paar, das weiter entfernt hinter einer Biegung des Waldstücks stand. Dort sah ich sie wenig später.

Raniche in der Ferne, auf einer Wiese, dahinter Wald.
Zweites Kranichpaar auf einer entfernten Wiese

Durchdringende Warnrufe

Ich wollte diese weitschallenden Rufe endlich per Richtmikrofon, gekoppelt an die Kamera, aufnehmen. Aber: erstens war es windig, und zweitens war zwischen mir und den Kranichen nicht nur ein Graben des Nuthe-Nieplitz-Systems, sondern auch ein Blätterwald. Das Ergebnis lässt sich hier bewundern. Mit anderen Worten, Tonaufnahmen von Kranichen sind kein Kinderspiel.

Rufend hinter Gebüsch verborgen

Allerdings konnte ich mich dann an einem günstigen Ort etwas näher heranpirschen. Und der Wind war manchmal gnädig. Sehr schön zu sehen ist, wie der ganze Körper arbeitet, um diesen Ruf – nicht oben in der Kehle, sondern in der Tiefe des Halses  – zu erzeugen und heraus zu pressen.

Kleine Erklärung: Der Ton wird am unteren Ende der Luftröhre gebildet, also dort, wo sie sich in die Bronchien verzweigt. Kleine Muskeln sorgen dafür, dass die einfach gebauten Stimmlippen vibrieren. Der Stimmapparat heißt bei Vögeln Syrinx – bei uns Larynx – und liefert die Grundfrequenz eines Tons beziehungsweise eines Rufs. Neben der Grundfrequenz entstehen (höherfrequente) Obertöne, und auf dem Weg durch die lange Luftröhre, die sogenannte Trachea, wird der erzeugte Ton verstärkt.

Dass die Stimme der Kraniche, deren Hauptfrequenzen zwischen 600 und 1200 Hz liegen,¹ so imposant ist und die Rufe durchaus eineinhalb Kilometer weit tragen, hat vor allem diesen Grund: Ihre Luftröhre ist besonders lang und gewunden. Das schafft Resonanzboden. Als Doppelschlinge liegt die Luftröhre zum Teil im Kamm des Brustbeins, an dem übrigens die Flugmuskeln ansetzen.

Einzelner Warnruf – der ganze Körper arbeitet mit.

Kein Gesang

Kraniche singen nicht. Der Vogelgesang ist komplex aufgebaut und viele Elemente werden in ein vorgegebenes Raster quasi „hineingelernt”. Nachtigallen sind ein Paradebeispiel für die Lernfähigkeit und das „vokale Gedächtnis” von Singvögeln. Stare beeindrucken dadurch, dass sie „alles Mögliche” lernen – also imitieren – können. Und unvergessen sind die Zeiten, als manche Amselstrophen wie ein Nokia-Handy klangen – also klingelten.

Die verschiedenen Rufe der Kraniche sind angeboren und verändern sich im Lebenslauf kaum. (Nur dadurch, dass die Strukturen des Stimmapparates wachsen.) Das übrigens ist zugleich ein zentrales Unterscheidungskriterium für Rufen und Singen. Der bedeutende Kranichkenner Hartwig Prange hat das in Der Graue Kranich (Neue Brehm-Bücherei, Bd. 229, Wittenberg/Magdeburg, 1989) folgendermaßen ausgedrückt (Seite 29)

Bei den verschiedenen Rufen handelt es sich um ein erblich fixiertes Signalsystem, das weder größeren situationsabhängigen Modifikationen noch erfahrungsbedingten Lernleistungen unterliegt. Vielmehr sind es stereotype Lautäußerungen, die eine bedeutsame Funktion im sozialen Verhaltensgefüge haben.

Solche Rufe werden durchaus flexibel eingesetzt und haben unterschiedliche Bedeutung. Darauf weist Hartwig Prange in seinem umfassenden Werk Die Welt der Kraniche hin (2016, Universität Halle-Wittenberg und MediaNatur Verlag). Über die zahlreichen Versuche, ein Lautinventar der Vögel zu erstellen, schreibt er (Seite 169):

Einschränkend ist allerdings zu sagen, dass bestimmte Laute nur bei Kenntnis der begleitenden Verhaltensweisen einigermaßen sicher angesprochen werden können.

Mit anderen Worten: Sie bedürfen der Interpretation des Adressaten wie auch des menschlichen Beobachters oder der interessierten Biologin. Denn mal stößt nur ein Vogel einen Warnruf aus, mal das Paar nacheinander oder gemeinsam. Mal warnen Partner sich gegenseitig, mal sollen offenbar auch entferntere Artgenossen alarmiert werden. – Und manchmal sagen die Vögel über ein, zwei Kilometer hinweg wohl nur „Hallo” oder „Moin”, ich bin hier, in meinem Revier.

Im folgenden Ausschnitt sind zwei duettartige Rufe zu hören: Der erste tiefere Ton stammt vom Männchen, dessen Stimmapparat etwas größer ist, der zweite vom nicht sichtbaren Weibchen, das weiter rechts stand. Dann folgt noch ein einzelner Ruf.

Rufreihe aus zwei duettartigen Paarrufen und einem Einzelruf

Von diesen Rufen, die möglicherweise mir – aber vielleicht auch einem nicht-menschlichen Prädator – galten, profitierten wie üblich auch die Rehe, die trotz eines Hochsitzes von Jägern oft auf dieser Wiese „frühstücken“.

Sie waren nur mäßig irritiert, ästen am Rande eines Grabens und schauten nur selten neugierig zu mir herüber. Auch das Jungtier spitzte nur manchmal die Ohren; es ruhte und war meistens unsichtbar.

Drei Rehe auf einer Wiese, dahinter stehen Bäume.

In Aufbruchsstimmung

Mein nächstes Ziel an diesem Vormittag war der wunderbare „Dr. Lothar Kalbe“-Beobachtungsturm am Pfefferfließ bei Stangenhagen – ein Geschenk für alle Vogelbegeisterten. Ich wollte dort das diesjährige Mausergeschehen beobachten. Und was sah ich: Ein Kranichpaar am Ufer des Weihers.

Ob sie dort auf Insektenfutter aus waren, tranken oder die Nacht im Wasser stehend verbracht hatten, weiß ich nicht. Aber das Paar war schon auf Abflug getrimmt, als ich ankam.

Schilfbestandener Teich mit Kranichpaar und ein Graureiher
Ein Graureiher und ein Kranichpaar
Kranichpaar am Ufer eines Teiches
Bereits in Aufbruchstimmung

Gemeinsam und duettartig abgestimmt, stießen sie ihre Rufe aus – untermalt vom unablässigen Geschnatter der Graugänse, deren Federchen hier auf dem Wasser schwimmen. Das Ganze gewissermaßen begleitet von Stockenten.

Wirklich gestresst wirkten die Kraniche nicht, denn zwischendurch putzte sich der rechte Vogel, den ich für die Partnerin halte, ganz in Ruhe. Und ergänzend nochmals das Rufen, etwas gestört vom Dröhnen eines Kleinflugzeugs.

Jedenfalls entschieden sich die Vögel bald zum Aufbruch auf ihre Nahrungsflächen. Das sind unzugängliche Wiesen und Äcker hinter den großen Baumgruppen der Teichlandschaft am Pfefferfließ. Kurz vor dem Abflug wurden die Hälse immer länger und gemeinsam hoben sie ab.

Zwei Kraniche stehen im Wasser und spiegeln sich in der Oberfläche

Flügelschlagende Kraniche im Abflug

Zwei kraniche fliegen niedrig über den Teich, im Hintergrund Bäume
Abflug

¹ Mit Kranichrufen und ihrer Interpretation anhand von Sonagrammen, die Frequenz und Zeitverlauf wiedergeben, und anhand von Spektogrammen, die zusätzlich die Lautstärke (Schalldruck) abbilden, hat sich viele Jahre Bernhard Weßling beschäftigt. Sein Fokus ist die individuelle Wiedererkennung einzelner Vögel. In seinem Buch Der Ruf der Kraniche (München, 2020) hat er beschrieben, wie er zu dieser Fragestellung kam und mit welcher Technik er bei der Analyse gearbeitet hat. Durch seine Beobachtungen kommt er außerdem zu Überlegungen hinsichtlich der kognitiven Leistungen und Emotionen von Kranichen, die weitreichend und zumindest diskussionswürdig sind.

Grauer Kranich | Grue cendrée | Common crane | Grus grus



Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

4 Kommentare zu “Wenn der Kranich ruft

  1. Gerade las ich deinen Blogpost, danke Elke.
    Nun muss ich schnell von unseren Erlebnissen in Südschweden/Öland berichten:
    Bis zum 16.9. hatten wir praktisch keine Kranichbeobachtungen, obwohl sie üblicherweise über die östliche Hälfte der Insel im September und Oktober hinweg ziehen. Am 17. September fing es morgens gegen 10 Uhr mit den ersten Kranichtrupps an. Mal waren es nur 10, mal 30 oder auch 50 Kraniche, die über uns hinweg zogen, meist in einer Höhe von vielleicht 50 bis 150 m. Zwischen den einzelnen Trupps waren manchmal nur einige hundert Meter Abstand. Aber es kamen auch größere Trupps, oder auch mehrere Gruppen mit 20 + 30 + 50 Tieren.
    Wir sahen dann, wie sich die Zugformationen dieser drei Trupps, die ziemlich still angesegelt waren, unter lauten Rufen auflösten und sich in der Thermik hoch schraubten.
    Die Rufe schienen immer wieder zu bedeuten: kommt her, hier ist ein Thermikschlauch, der sich lohnt! Die Trupps verschmolzen dabei, kreisten mal enger mal weiter, und riefen ständig. Als sie offensichtlich hoch genug waren, formierten sie sich wieder mit nur wenigen Rufen zu großen Keilen und segelten dann (fast) lautlos in größerer Höhe und im schnellen Tempo weiter nach Süden.
    Und das Zuggeschehen setzte sich den ganzen Tag fort. Am nächsten Tag waren es nur zwei bis vier Trupps, die wir zum Teil nur hörten und wegen ihrer großen Flughöhe zwar hörten, aber nur schwer am Himmel entdecken konnten.

  2. Da schließe ich mich an, ein wunderschöner Blog!
    Auch ich liebe diese Jahreszeit, wenn die Kraniche wieder ziehen. Was gibt es schöneres an einem Herbstmorgen, als im Nebel ziehende Kraniche – ein unvergessliches Erlebnis.
    Es ist so schön, dass die Kraniche es “geschafft” haben. In meiner Jugend galten sie noch als extrem selten und waren in der ehemaligen DDR nur in der Lausitz zu finden.
    Mittlerweile kann ich im “Zarth”, einem Naturschutzgebiet in der Nähe des Nuthe-Nieplitz-Gebietes, wieder etliche Kraniche beobachten – ein wirklicher Lichtblick bei sonst eher schlechten Meldungen aus der Vogelwelt.

  3. Wiedermal ein wunderschöner Blog! Ich lebe im UK und seit ein paar Jahren gibt es bei uns auch wieder Kraniche. Jedesmal wenn ich sie höre und sehe krieg ich eine Gänsehaut!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.