Das hatte mich nun doch verblüfft: Als ich kürzlich im schönen Blankensee nahe der Nieplitz nach der Anzahl der Jungen in einem Storchenhorst schauen wollte, begrüßten mich auf den Kabelverbindungen zwischen alten Strommasten, die schon lange außer Funktion gesetzt sind: Schwalben.
Es waren insgesamt mindestens zweihundert Vögel. Und da ich bei einem früheren Besuch an derselben Stelle eine große Ansammlung von Rauchschwalben beobachtet hatte, dachte ich im ersten Moment: Super, die Rauchschwalben sind wieder da.
Aber nein, diesen Schwalben fehlten die typischen „Spieße“ – also die langen Schwanzfedern der adulten Rauchschwalben.
Auch merkte ich trotz des heftigen Gegenlichts sehr schnell, dass den Vögeln auch die rotbraune Färbung der Kehle fehlte.
Waren es also Mehlschwalben? Auch das nicht!
Die Unterseite dieser Vögel leuchtete nicht so reinweiß, wie wir es von Mehlschwalben kennen. Zudem trugen sie ein graues Brustband.
Das waren also eindeutig Uferschwalben – wie sie mir zuletzt an der Abbruchkante einer Düne auf Spiekeroog begegnet waren.
Früher Herbstzug der Uferschwalbe
Allerdings wunderte ich mich, dass diese Ansammlung an Uferschwalben jetzt und hier in Brandenburg zu sehen war. Diese Vögel waren eindeutig auf dem Zug, denn nur dann sieht man sie nebeneinander aufgereiht wie Perlen an einer Schnur auf Stromkabeln, sonstigen Drähten und Dachfirsten sitzen. Gerade zu Beginn der Zugzeit sind sie extrem unruhig – bei jeder kleinsten Störung fliegen sie auf.
Ziehende Schwalben Mitte Juli zu sehen, das erschien mir für den sogenannten Herbstzug doch etwas früh. Denn der Wegzug aus Mitteleuropa findet im August und September statt. So las ich es mehrfach in der Fachliteratur. Schaut man dann dort genauer nach, so stößt man allerdings auf regionale Unterschiede: Vögel aus dem Norden machen sich früher auf den Weg und legen dann eine ganze Reihe von Zwischenstopps ein. Außerdem: Der Höhepunkt des Herbstzugs liegt im September, aber Mitte Juli geht es los.
Je nach Witterung und Nahrungsangebot können diejenigen, die sich zeitig auf den Weg ins Winterquartier machen, pausieren, wann und wo es sich lohnt. Und: sich vor dem Weiterzug bis jenseits der afrikanischen Sahelzone zu stärken, ist keineswegs eine schlechte Idee. Zugvögel bleiben daher mal länger, mal kürzer an einem Ort.
Von auffällig frühen Abzügen aus Brutgebieten im Norden hat schon Friedrich Tischler* im Jahr 1941 berichtet. Er hatte festgestellt, dass in Ostpreußen, im heutigen Polen, manchmal bereits Mitte Juli Uferschwalben durchziehen, sich hier und da sammeln und dann weiterfliegen.¹
Dennoch war der Durchzug von Uferschwalben südlich von Berlin Mitte Juli 2025 ausgesprochen früh. Zum Beispiel waren mir die Rauchschwalben im September 2020 in Blankensee begegnet … Und natürlich stellt sich für Ornithologen und Ornithologinnen heutzutage die Frage, ob der Klimawandel mitmischt, wenn Zugvögel früher abreisen als die wissenschaftliche Literatur vermuten lässt.
Was die Zugwilligkeit bedingt
Um die Terminierung vom Abzug einer Vogelart aus einem bestimmten Gebiet etwas zu erläutern – sei es dem Winterquartier oder dem Brutgebiet –, muss ich weiter ausholen: Grundsätzlich ist es so, dass Zugvögel eine Art Jahreskalender besitzen. Er ist als „innere Uhr” genetisch verankert. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich eine Vogelart zu einem fixen Zeitpunkt auf den Weg macht, sondern markiert eher eine Zeitnische für den Aufbruch.
Zugunruhe
Zweimal im Jahr nimmt das zu, was wir in der Biologie als Zugwilligkeit oder Zugdisposition bezeichnen. Sie drückt sich in der sogenannten Zugunruhe aus, die guten Vogelbeobachtern wie Johann Andreas Naumann bereits vor 200 Jahren auffiel und zu allerlei Überlegungen anregte.²
Die Vögel, die viele Menschen damals als „Stubenvögel“ – meist handelte es sich um Singvögel – in Käfigen oder Volieren hielten, wurden alljährlich zweimal extrem unruhig, und zwar erstens wenn die Tage länger wurden und zweitens wenn im Spätsommer die Tage merklich kürzer wurden. Sie hüpften in ihrem Käfig herum und schlugen mit den Flügeln. Nach einer gewissen Zeit ebbte diese Unruhe wieder ab.
Da die Unruhe mit dem Frühjahrs- und Herbstzug der freilebenden Vögel zusammenfiel, wurde schon damals eins und eins zusammengezählt. Und Johann A. Naumann vermutete zu Recht, dass Vögel mit einer länger andauernden Unruhe einen weiteren Weg ins Winterquartier haben – also Langstreckenzieher sind.
Im 20. Jahrhundert ging man der Sache schließlich messtechnisch auf den Grund. Das Phänomen Zugunruhe beschreibt Franz Baierlein in Das große Buch vom Vogelzug von 2022 so, Seite 166
Zugunruhe, die Aktivität gekäfigter Vögel zur Zugzeit, drückt sich vornehmlich als „Flügelschwirren“, als hochfrequentes Flügelschlagen mit geringer Amplitude im Sitzen, aus, daneben auch im Hüpfen, Klettern, Flattern und Fliegen, außer auf Sitzstangen auch am Käfigboden und an den Käfigwänden. Aufgezeichnet werden kann diese Aktivität durch verschiedene Techniken, wie Video, elektrisch gelagerte Sitzstangen und auch Mikrofone.
Dass eine Zugunruhe überhaupt eintritt, ist Teil des genetischen Programms von Zugvögeln. Wann sie eintritt, liegt vornehmlich an den Lichtverhältnissen, wie dem Zu- und Abnehmen der Tageslänge, also der sogenannten Photoperiode. Sie ist der Zeitgeber³, der allerdings durch Wetterbedingungen, Nahrungsangebot, Entwicklung der Nachkommen und vieles mehr beeinflusst wird.
Bekannt ist, dass durch höhere Temperaturen – also den Klimawandel – viele Vögel im Frühjahr früher in den Durchzugsgebieten auftauchen und zeitiger in ihren Brutgebieten ankommen. Das gilt beispielsweise für die Uferschwalbe: Im Jahr 2002 wurden die ersten Rückkehrer etwa 15 Tage früher im Lech-Donau-Winkel gesichtet als Im Jahr 1967. Einzelne Daten der Studie sind in Das große Buch vom Vogelzug auf Seite 292 nachzulesen.
Was den Herbstzug triggert
Aber wie sehen die Veränderungen beim Herbstzug aus? Und was war mit den Uferschwalben in Blankensee los?
Die wissenschaftlichen Daten zum Abzug der Zugvögel gen Süden sind nicht leicht zu interpretieren, weil die Termine schon innerhalb einer Art stark schwanken – und über die Jahre betrachtet erheblich streuen. Von Art zu Art ergeben sich zudem unerklärte Unterschiede: Manche Arten ziehen heutzutage früher ab Richtung Süden, andere sogar später.
Es sieht so aus, als ob einige Vogelarten, die klimabedingt zeitiger bei uns erscheinen, auch früher den Herbstzug antreten. Das wäre nicht verwunderlich. Denn Frühankömmlinge können mit dem Brutgeschäft früher anfangen und können es früher beenden, so dass die Jungen für den Herbstzug eher fit sind und die Altvögel eher beginnen, ihr Federkleid zu wechseln. Diese Mauser ist hormonell gesteuert und an das Ende der Brutzeit gekoppelt. Der veränderte Hormonstatus triggert zugleich den Aufbruch ins Winterquartier.
Ein früher Aufbruch könnte zu der früh im Brutgebiet ankommenden Uferschwalbe passen. Aber ob ich in Blankensee Vögel gesehen habe, die bereits aus dem Norden oder Nordosten zu uns kamen, wie von Friedrich Tischler für Ostpreußen beschrieben, oder hiesige Uferschwalben, die sich schon auf den Weg gemacht hatten, ist mir nicht klar.
Eines ist jedoch klar: Die Lebensbedingungen sind im Nuthe-Nieplitz-Gebiet bei Blankensee für Uferschwalben günstig. In diesem Naturpark wurden überflüssige Strommasten und alte Leitungen nicht abgebaut, sondern als Rastplätze für Schwalben belassen. Und es gibt an den ehemaligen Fischteichen und Seen größere Schilfzonen, die den Uferschwalben als Schlafplatz willkommen sind. Dort fliegen die Vögel abends im Schwarm ein.
Zudem ist es in diesem Juli 2025 feucht und warm, so dass die Insektennahrung – etwa Mücken, Fliegen und Käfer – nicht so schnell ausgehen wird. Ein längerer Zwischenstopp zum Auftanken, bevor sie weiterziehen, ist so gesehen für die Uferschwalben eine passende Option.
Darum, gute Reise!
¹ Nachzulesen in Die Vögel Ostpreußens und seiner Nachbargebiete, Bd. 1, Remshalden; zitiert nach Günter Pannack: Die Uferschwalbe, Die Neue Brehm-Bücherei, Bd. 655, S. 109, Westarp 2006
² Es handelt sich um den ornithologisch versierten Vater von Johann Friedrich Naumann.
³ Über den Zeitgeber Licht lässt sich die Zugunruhe als auffälliges Anzeichen der Zugwilligkeit beeinflussen. Denn bei künstlich gesteuerter Beleuchtung und ansonsten konstanten Bedingungen können Forschende die Hell-Dunkel-Phasen und die Lichtverhältnisse insgesamt manipulieren. Geben sie im Labor statt einem Zyklus (Lichtzunahme im Winterhalbjahr und Lichtabnahme im Sommerhalbjahr) zwei Zyklen vor, kommen die Vögel vier Mal im Jahr in Zugunruhe.
* Historische Notiz: Ich möchte an dieser Stelle an den ornithologisch versierten Juristen Dr. h.c. Friedrich Tischler (2.6.1881 – 31.1.1945) erinnern, der als Amtsgerichtsrat in Heilsberg (heute: Lidzbark Warminski/Polen) tätig war. Gemeint ist dies auch als Plädoyer für den Frieden und als Warnung vor dem Krieg.
Sein Leben lang war Tischler von der Vogelwelt der damaligen Provinz Ostpreußen dermaßen begeistert, dass er auf eine Juristenkarriere in der Stadt verzichtete. Er wollte auf dem Land leben und Zeit für seine Freilandbeobachtungen haben.
Kontakt hatte er mit Ornithologen wie Johannes Thienemann und Ernst Schüz von der Vogelwarte Rossitten (heute: Rybatschi/Russland) auf der Kurischen Nehrung, mit Otto Kleinschmidt und mit den Zoologischen Instituten der Universitäten von Berlin und Königsberg.
Groß geworden und sesshaft auf dem elterlichen Landgut Losgehnen (heute: Lusiny/Polen), hat er den Zusammenbruch des Vaterlandes nicht erleben wollen und wählte beim Einmarsch der russischen Soldaten den Freitod. Bekannt ist auch, dass die übrigen männlichen Bewohner des Gutes erschossen wurden.
(Quellen: Ludwig Gebhardt: Die Ornithologen Mitteleuropas, Wiebelsheim, 2006, Bd. 1, S. 362 und Eugeniusz Nowak: Wissenschaftler in turbulenten Zeiten, 2010, Magdeburg bzw. Biologists in the Age of Totalitarism, Cambridge Scholars Publishing, 2018, Seite 45)
Uferschwalbe | Hirondelle de rivage | Sand Martin | Riparia riparia


































So eine schöne Anmerkung: Reihensitzchen. Und ja, es sind diese Kleinigkeiten, die den Zugang zu einer fremden Sprache oder Kultur eröffnen. Danke Andreas.
A. Gaanz viele Uferschwalben gibt es im Norden der Insel Hiddensee, da ist eine steile Abbruchkante mit – gefühlt – hunderten von Einfluglöchern.
B. Deine Fotos erinnern mich an eine Geschichte von Herta Müller, in der sie berichtet, wie sie in der Schule, mit Deutsch aufgewachsen, plötzlich Rumänisch lernen soll. Das fiel ihr mit einem Mal leichter, als ihr klar wurde, was das rumänische Wort für Schwalben bedeutete: Reihensitzchen.