
Perlstar auf der Balkonbrüstung bei Schneefall
Vögel sind darauf angewiesen, ausreichend zu trinken. Das gilt immer. Allerdings erst recht bei größerer Hitze, also im Sommer. Die notwendige Menge ist von Vogelart zu Vogelart unterschiedlich. Doch auch im Winter muss der alltägliche, ganz normale Verlust an Wasser durch Trinken ausgeglichen werden.
Aber was tun, wenn das Wasser in der Umgebung gefroren ist und der Körper an seiner Oberfläche ständig Feuchtigkeit abgibt? Was tun, wenn er bei Eiseskälte durch alle möglichen Stoffwechselprozesse außerdem unablässig Wasser verliert?
Starenbesuch im Winter
Für die Stare (Sturnus vulgaris), die im Winter regelmäßig das Futterhaus auf unserem Balkon besuchen, gilt das Trinkgebot wie für viele andere kleine und große Vögel auch. Zumal das Trockenfutter wirklich trocken ist – ganz anders als die Früchte, die sie im Sommer verzehren.
Allmorgendlich kommen im Winter nicht nur jene drei oder vier Stare vorbei, die in unserem oder im Nachbargarten brüten, sondern mit ihnen ein kleiner Schwarm von etwa 15 Artgenossen beziehungsweise Artgenossinnen.
Diese Vögel – wie auch viele andere Stare – sparen sich den Zug in ein südliches Winterquartier und versuchen, in Berlin wie in anderen Großstädten durchzukommen. Manche haben sich in Bahnhöfen von S-Bahn-Stationen einquartiert, wo sie regelmäßig Futter finden und wo sie teils sogar gefüttert werden.
Auf welchen Routen der kleine Starenschwarm, der mehrfach am Tag bei mir einfliegt und das Futterhaus inspiziert, in Berlin unterwegs ist, kann ich nicht sagen. Aber „meine“ Vögel treiben sich vermutlich in der Nähe herum, das heißt zwischen dem Steglitzer Stadtpark¹, dem Friedhof Bergstraße² und den angrenzenden Gärten.
Diese Vögel haben es insbesondere auf die getrockneten Mehlwürmer abgesehen, mit denen ich das Mischfutter aus Getreide, getrockneten Trauben und Erdnüssen anreichere. Sie haben damit in den viel größeren Nebelkrähen (Corvus cornix) übrigens mächtige Konkurrenten, die sich auf alles, was eiweiß- und fettreich ist, stürzen.
Manchmal lassen sich „meine“ Stare von den plötzlich anfliegenden Corviden vertreiben, aber nicht immer.
Auffällig und amüsant zu beobachten, ist vor allem, dass die beiden Arten einander offenbar immer gut im Blick haben oder auch akustisch einander quasi observieren.
Manchmal sind die Nebelkrähen die ersten: Kaum haben sie bemerkt, dass ich Futter ausgelegt habe, fliegen dann auch die Stare herbei, nehmen in der alten Robinie Platz und warten auf eine Gelegenheit, die großen Konkurrenten zu vertreiben.
Andererseits ist es offensichtlich, dass häufig die Stare zuerst am Futterhaus sind und erst dann die Nebelkrähen aufmerksam werden, heranfliegen und ihr Glück versuchen, indem sie mit großen Flügelschlägen die Stare vertreiben – in dem letzten Video dieses Blogbeitrags Schneepickende Stare lässt sich das in der Endsequenz nachvollziehen.
Verführerische Stare
Alfred Edmund Brehm neigte in Brehms Tierleben, also seinem „Volksbuch über Tiere“, bekanntlich zu sehr emotionalen und auch moralischen Statements über die von ihm vorgestellten Tierarten.
Was ihm an den Staren, die zu seiner Zeit noch alle südwärts in ein wärmeres Winterquartier zogen, so gefällt, möchte ich zitieren, weil ich es so gut nachempfinden kann. Denn es ist mir eine tägliche Freude, wenn der kleine Starenschwarm das Futterhaus anfliegt, um sich hier zu bedienen. Und was schreibt nun „Tiervater“ Brehm (Brehms Tierleben, 1900, Bd. 9, Vögel Bd.1), Seite 382
Es gibt vielleicht keinen Vogel, der munterer, heiterer, fröhlicher wäre als der Star …
Wenn er aus dem Winterquartier zurückkommt und die Heimat unwirtlich ist, singt er selbst bei trübem Wetter
… heiter und vergnügt sein Lied in die Welt hinein und setzt sich dazu, wie gewohnt, auf die höchsten Punkte, wo das Wetter ihm von allen Seiten beikommen kann. Er betrachtet die Verhältnisse mit der Ruhe und der Heiterkeit eines Weltweisen und lässt sich nun und nimmer mehr* um seine ewig gute Laune bringen. Wer ihn kennt, muss ihn liebgewinnen, und wer ihn noch nicht kennt, sollte alles tun, ihn an sich zu fesseln. Er wird den Menschen zu einem lieben Freunde, der jede ihm gewidmete Sorgfalt tausendfach vergilt.
Dem bleibt nicht viel hinzuzufügen.
Die bei uns brütenden Stare – mal in einer Baumhöhle im Garten, mal im Mauerseglerkasten – sind liebenswert und unterhaltsam, wenn sie unermüdlich singen, später ihren Nachwuchs füttern oder mit den Jungen auf der Balkonbrüstung landen. (Viel Dreck machen sie allerdings auch.)
Wer isst, muss trinken
Zurück zum Wasserbedarf der Stare. 60 -70 % eines Vogels besteht aus Wasser. Fast ein Viertel davon verlieren sie am Tag und müssen es durch Trinken oder aus der Nahrung ersetzen. Wasser steckt nicht nur in allen Zellen und im Blut, was leicht nachvollziehbar ist. Es spielt zudem eine essenzielle Rolle bei den Stoffwechselvorgängen von Mensch und Tier.
Manche Vögel müssen mehr Wasser trinken, andere weniger – etwa Früchteesser. Und wer in einem wasserarmen Lebensraum lebt, sollte via Evolution zum Beispiel über Techniken verfügen, besonders viel durch Filterprozesse aus den Nieren zurückzugewinnen.
Im Winter können Vögel ihren Durst durchaus mit Schnee stillen. Das konnte ich schon früher bei den Ringeltauben beobachten. In diesem Winter nun – und gleich an mehreren Tagen – demonstrierten es die Stare.
Ein Beispiel: Nachdem eines Morgens der letzte Star das Futterhaus verlassen hatte, flog er direkt in die alte knorrige Robinie vis-à-vis unseres Balkons, deren Äste von Schnee bedeckt waren. Hier traf er auf seine durstigen Artverwandten, die bereits Schnee pickten beziehungsweise „tranken”.
Und trotz des winterlichen Schummerlichts ließ sich gut erkennen, wie die Vögel ihren Durst stillen: Sie fahren mit dem Schnabel in den Schnee und zerstäuben ihn dabei. Oft gelangt nur ein Teil in den geöffneten Schnabel.
Stare beim Schneepicken im Garten
Schon aus der Ferne, war es ein Spaß, den schnee-trinkenden Staren zuzuschauen. An manchen Tagen sparten sie sich dankenswerterweise den Abflug in die Robinie. Denn frischer Schnee lag auf der Balkonbrüstung.
Wie es aussieht, wenn Stare Schnee aufnehmen, um ihren Durst zu stillen, zeigt der folgende Videoausschnitt aus größerer Nähe. Wie formulierte Alfred E. Brehm so freundlich: „Wer ihn kennt, muss ihn liebgewinnen, und wer ihn noch nicht kennt, sollte alles tun, ihn an sich zu fesseln.“
Durstige Stare bei Schneetrinken auf der Balkonbrüstung, und am Ende kommt die Nebelkrähe als grauer Schatten angeflogen.
Kleiner Tipp: Gerade an schneefreien Tagen mit Frost ist es wichtig, Vögeln Trinkwasser zur Verfügung zu stellen. Ich biete ihnen morgens warmes Wasser an und kontrolliere tagsüber, ob es gefroren ist. Dann wird warmes Wasser nachgefüllt.
*Im Sinne von: nun und auch später nicht.
¹ Wolfgang Holtz, Christian Simon: Das Stadtparkviertel in Steglitz. Vom Birkbusch zum Park. AVI Arzneimittel-Verlag, Berlin 2012.
² Wolfgang Holtz, Christian Simon: Gräber und gelebtes Leben – Der Friedhof Bergstraße in Berlin-Steglitz. Mit Beiträgen von Wolfgang Becker-Brüser (Hrsg.), Monika Gesierich, Ludwig Schlottke. AVI Arzneimittel-Verlag, Berlin 2010.
Star | Étourneau sansonnet | Common Starling | Sturnus vulgaris

































Hallo Elke,
schöne Beobachtung.
Ich habe hier in München-Mitte leider keine Stare. Aber letztens sah ich eine Amsel, wie sie Schnee pickte.
LG Waltraud
Danke Waltraud, und ja, Amseln machen es auch. Ich grüße die Vogelkundige aus Bayern!