Die gelbe Stelze

Männliche Schafstelze mit Futter im Schnabelfürdie Jungen.
Vater Schafstelze kommt mit Futter für die Jungen

Wer kennt nicht die schwarz-weiße Bachstelze mit ihrem auf und ab wippenden langen Schwanz. Weniger bekannt ist vielen die gelbe Stelze, um die es hier geht. Es ist die sogenannte Schafstelze. Ein agiles Pärchen kümmerte sich auf einer feuchten Wiese mit allerlei kleinem Getier um seinen Nachwuchs, als ich am Rand der Wesermündung nach fliegenden Überraschungen Ausschau hielt. Im letzten Herbst hatte ich zwischen Bremerhaven und Cuxhaven – in einem Abschnitt des Nationalpark Wattenmeer – nämlich den Großen Brachvogel entdeckt. Es war ein wunderbarer Trupp von über 30 Vögeln.

Männliche Schafstelze steht auf einem Holzzaun und singt
Rastplatz und Singwarte der Schafstelze

Auf dem schmalen Pfad zur Beobachtungshütte fiel mir die leuchtend gelbe Stelze mit bräunlichem Rücken und bräunlichen Flügeln sofort ins Auge. Sie erinnerte mich an die Zitronenstelze, die ich kürzlich in Weißrussland gesehen hatte.

Große Verwandtschaft

Von der heimischen Schafstelze gibt es zwischen den Britischen Inseln und Sibirien mindestens 10 Unterarten, von denen jede etwas anders gefärbt ist und die so schöne Namen haben wie Maskenschafstelze (auf dem Balkan) oder Aschkopf-Schafstelze (in Italien). All das verrät mir der Kosmos – Vogelführer von Lars Svensson (2017).

In der Regel sind die weiblichen Tiere sanfter gefärbt als ihre Partner und daher beim Brüten, was ihr Job ist, auch unauffälliger.

Ich hatte jedenfalls ein intensiv gefärbtes Männchen vor der Linse, das langbeinig und äußerst elegant auf einem Zaunpfahl stand. Als Schafstelze, Kuh-, Wiesen- oder Viehstelze wird die Art deshalb bezeichnet, weil sie gerne in der Nähe von Schafen oder Kühen lebt, denen sie manchmal sogar Insekten vom Rücken pickt.

Scharz-weiße Kühe auf einer Wiese, vor dem blauen Horizont.
Die Schwarz-Weißen sind bei der Schafstelze als Nachbarn beliebt.

Auch an der Wesermündung war das Vieh ganz in der Nähe, wurde aber von den Stelzen nicht direkt angeflogen. Offenbar fanden sie auch so genug Futter für ihre Jungen, die verborgen in der Wiese auf Nachschub warteten.

Die Verbindung von Vieh und Schafstelze hat Alfred E. Brehm sehr schön beschrieben (Brehms Tierleben, 1900, Leipzig und Wien, Bd. 4, Die Vögel, S. 242)

Im ganzen Norden sind die Schafstelzen Sommervögel, welche viel später als die Bachstelzen, frühesten im Anfange, meist erst gegen Ende des April und selbst in den ersten Tagen des Mai einwandern und im August, spätestens im September, ihre Winterreise antreten. Während des Zuges gewahrt man sie auch in Gegenden, in denen sie nicht brüten, da jede größere Viehherde sie anzieht und oft während des ganzen Tages festhält.

Auf Futtersuche

Schafstelzen leben von Insekten, Spinnen, kleinen Würmern und Schnecken. Schmetterlinge und Libellen werden vor dem Verzehr bearbeitet, zum Beispiel die Flügel abgetrennt. Das schreiben Hartmut und Winfried Dittberner zur Futtersuche der kleinen Vögel (Die Schafstelze, Neue Brehm-Bücherei, 1984, S. 77)

Die Stelzen laufen an Uferrändern, auf Schlickflächen oder auf trockenem Boden zwischen Gräsern, Saaten oder anderen Pflanzen. Sie picken dabei ständig in die verschiedenen Richtungen und nehmen animalische Kost vom Boden auf, lesen sie von Halmen, Blättern und anderem mehr ab.

Grafik mit den Insekten, Würmern und Weichtieren, die vonSchafstelzen gefressen werden.
Grafik aus Die Schafstelze, 1984, Neue Brehm-Bücherei (S. 95)

Zwar ist die Schafstelzen“frau“ für das Brüten alleine zuständig, aber wenn die Jungen geschlüpft sind, gehen beide Eltern auf Futtersuche für ihre Jungen – meist fünf oder sechs an der Zahl.

Die eher blasse Schafstelzen-Mutter kommt mit einem Schnabel voll Futter und sitzt im hohen Gras.
Die eher blasse Schafstelzen-Mutter kommt mit einem Schnabel voll Futter.

Stelzenfreundschaft

Was mich besonders faszinierte war die Nähe zu einer anderen Stelzen-Verwandtschaft: den Wiesenpiepern. Beide Arten saßen immer wieder in unmittelbarer Nähe beisammen – schienen sich gut zu kennen und zu akzeptieren. Wenn sie nicht gerade den Nachwuchs versorgten, hockten sie auf den Zaunpfählen, um sich zu putzen, zu singen oder erneut in die Umgebung zu starten.

eine männliche Schafstelze und drei Wiesenpieper sitzen auf eien alten Holzzaun.
Schafstelze und in geringem Abstand dahinter drei Wiesenpieper

Auch Hartmut und Winfried Dittberner, die an der Oder die Schafstelzen und ihr Habitat ausgiebig erforscht haben, beschreiben das erstaunlich einträchtige Nebeneinander (S.78):

Wir sahen Schafstelzenmännchen und Wiesenpieper unmittelbar nebeneinander auf einer verzweigten Singwarte.

Nah beieinander auf einem alten Zaun sitzen eine Schafstelze und ein Wiesenpieper.
Schafstelze und Wiesenpieper einträchtig wie alte Freunde

Außerdem fanden die beiden Forscher, dass Wiesenpieper wie auch Kiebitz und Rohrammer oft nur wenige Meter entfernt von Schafstelzen brüten. Bei solchen Brutnachbarschaften kommt es allerdings manchmal zu Kabbeleien, weil ein Vogel bei der Futtersuche dem Nest eines anderen zu nahe kommt. Das geschieht jedoch vorallem, wenn im Frühjahr die Territorien neu besetzt werden.

Von solchen Konflikten bemerkte ich allerdings nichts, obwohl ich eine ganze Weile dem Treiben der kleinen Wiesenbrüter zuschaute. Dank Nationalpark-Schutz haben sie hier gute Überlebenschancen und finden am Boden sichere Brutplätze.

Und warum der Name?

„Schafstelze“ ist ein von C.L. Brehm – dem Vater von Alfred E. Brehm – erfundener Kunstname. Der wissenschaftliche lateinische Name stammt von Linné und lautet Motacilla flava. Übersetzt ist das die gelbe (flava) Schwanz (cilla) wipperin (mota von movere = bewegen).

Das Schreiten der gelben Schwanzwipperin und anderer Stelzen – also der Motacilla-Verwandtschaft – hat Alfred E. Brehm so treffend beschrieben, dass ich es unbedingt ergänzend zitieren möchte (S.236):

Ihre Bewegungen sind zierlich und anmutig. Sie gehen gewöhnlich schrittweise, bedachtsam, nicken bei jedem Schritte mit dem Kopfe und halten dabei den langen Schwanz wagerecht oder ein wenig erhoben, bewegen ihn aber, ihren wissenschaftlichen Namen bethätigend, beständig auf und nieder.

Übrigens greift der englische Name „wagtail“ den wippenden Schwanz auf und der französische Name „bergeronette“ stellt – so wie der deutsche – einen Bezug zu den Schafen her: le berger ist der Schäfer.

Schafstelze fliegt vom Zaun ausRichtugn Wiese. Man sieht sie flügelschlagend von hinten.
Und tschüss.


Schafstelze | Bergeronette printanière | Western Yellow Wagtail | Motacilla flava



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