Das Ufer als Lebensraum

29. Juni 2024 | Kleine Vögel | 0 Kommentare

Auf eine Stein im Flussbett steht ein weiß-brauner Vogel und schaut uns an.

Für Flussuferläufer ist ein steiniges Flussbett besonders attraktiv.

Dem Flussuferläufer begegnen wir in der Tat dort, wo sein Name ihn ankündigt: an Flussufern. Er sucht allerdings nicht nur Fließgewässer auf, sondern es kann ebenso ein Teich oder See mit flachem Ufer sein. Auch in der Boddenlandschaft der Ostsee und ihren Nehrungen lebt der Flussuferläufer, der wie der kleine Sandregenpfeifer und der Große Brachvogel zu den Watvögeln gehört.

In Deutschland sind Flussuferläufer eine Rarität. Gerademal 300 bis 420 Paare brüten hier, etwa an der Mittelelbe, an Mulde und Saale, an der Oder und der Lausitzer Neiße. Brutpaare gibt es schließlich auch an oberbayerischen Flussläufen. All das lese ich im Atlas deutscher Brutvogelarten von 2014. Wie stabil die Population ist, wird sich aber erst bei der von den Avifaunisten geplanten Aktualisierung der Zählungen zeigen.

Auf Holzstegen in Litauen

Ich hatte an drei verschiedenen Orten außerhalb Deutschlands das Vergnügen, dem Flussuferläufer beim Ruhen und bei der Nahrungssuche zuschauen zu können. Beim ersten Mal stand der weißbäuchige Watvogel am Rande eines Holzstegs, und zwar an jenem litauischen Gewässer, an dem ich zuvor eine Beutelmeise beim Nestbau beobachten konnte. Hätte ich ihn sonst überhaupt entdeckt?

In einiger Entfernung steht auf einem grau-braunen Holzsteg ein kleiner Vogel.

Flussuferläufer an einem küstennahen See in Litauen.

Er stand auf einem Holzsteg, als ein paar deutsche Vogelbegeisterte – als Ableitung von Ornithologen beziehungsweise Ornithologinnen auch kurz Ornis genannt – auf ihrem Weg zu einer Lachmöwenkolonie und zu brütenden Flussseeschwalben seine Ruhe etwas störten.

Auf einem grau-braunen Holzsteg über blauem Wasser steht ein kleienr Vogel.

Aufmerksamer und etwas neugieriger Flussuferläufer

Der Vogel – er ist etwas kleiner als eine Amsel und mit 50 Gramm ein Leichtgewicht unter den Watvögeln – begutachtete die ungebetenen Gäste. Doch er beruhigte sich rasch, denn die Birder und Birderinnen ließen ihn gewissermaßen links liegen und strebten der Brutkolonie zu.

Flussuferläufer sind eher vorsichtig und scheu. Johann F. Naumann, dieser geniale Vogelkenner des 19. Jahrhunderts aus Ziebigk bei Köthen, hat ihr Verhalten wie üblich anschaulich beschrieben (Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas, 1887-1905, 3. Aufl., Bd. 9), Seite 8

„Von Natur sehr furchtsam, sucht sich unser Flussuferläufer gern solche Plätzchen an den Ufern, wo er nicht schon von weitem gesehen werden kann und die Aufmerksamkeit anderer Geschöpfe zu früh auf sich zieht.

Auch ich entdeckte und fotografierte den Vogel nur durch das Blättergewirr einer Birke hindurch; und hielt bewusst Abstand. Daher die gewisse Unschärfe in den beiden Fotos.

Flussuferläufer am Haff

Wenig später gab es auf meiner Reise durch Litauen eine zweite Möglichkeit, dem Flussuferläufer nahe zu kommen. Ich schlich mich so gut es ging langsam an.

Ein Grüppchen stand auf einem hölzernen Bootssteg – etwas verborgen hinter kleinen Motor- und Ruderbooten. Manche der relativ kurzbeinigen Watvögel liefen auf Insektenfang dort herum, andere waren offenbar müde und dösten mit geschlossenen Augen vor sich hin.

Flussuferläufer verhalten sich während der Brutzeit äußerst territorial, sehr „ungesellig“ nennt sie Johann F. Naumann. Das ist außerhalb der Fortpflanzungszeit und speziell zur Zugzeit anders. Da bilden sie Gruppen, sind verträglich und einer profitiert von der Wachsamkeit des anderen, wenn zum Beispiel ein Greifvogel nach Beute Ausschau hält.

Hinter weißen Booten stehen mehrere kleine Vögel auf einer grau-braunen Plattform aus Holz

Hinter Booten verborgen: ein Grüppchen auf dem Holzsteg

Am Rand einer größeren Plattform aus Holz stehen kleine weiß-braune Vögel. Dahinter ist blaues Meer zu sehen.

Außerhalb der Fortpflanzungszeit: gesellig

Dieser Platz war den Flussuferläufern jedenfalls vertraut. Die dunklen Kotkügelchen deuten an, dass sie sich hier oft aufhalten. Verständlich, denn Anfang Mai ist es in Litauen oft noch kühl und die warmen Holzplanken sind da sicher angenehm. Vor allem: Wir befinden uns hier an der Inlandsküste des Kurischen Haffs, wo der Wind etwas rauer bläst als im Binnenland.

Die Gruppe von insgesamt acht Vögeln ließ es zwar zu, dass ich sie aus der Nähe beobachtete, aber irgendwann flogen die ersten davon

mit schnellen Schlägen und unterbrochen von kurzen Gleitstrecken auf steif nach unten durchgebogenen Flügeln.

So beschreibt es Lars Svensson in Der Kosmos Vogelführer mit knappen Worten ihr Flugverhalten. Kurz und knapp umreißt er ihr Flugbild so, beides Seite 154

Flügelstreif breit; Oberseite braun mit deutlichem weißem Keil zwischen Flügelbug und braunen, scharf begrenzten Brustseiten.

Zwar sind auf dem folgenden Foto nicht alle Merkmale zu sehen, aber immerhin die hängenden Flügel und ein weißer Streifen auf dem Flügel … der Flügelstreif wie es in der Ornithologie heißt.

Zwei bräunlich Vögel fleigen mit ausgebreiteten Flügeln von Holzsteg aus über blaues Wasser davon.

Und welch ein Glück: Die Flussuferläufer flogen nicht weit, und so stieß ich auf einen von ihnen am sandigen Ufer, wo er auf einer Bülte stand und ins sanft anflutende Wasser blickte. – Von einer veritablen Flut kann hier nicht die Rede sein.¹ Dennoch wechselt auch im Haff der Wasserstand mit Ebbe und Flut.

Auf seiner Bülte posierte der Flussuferläufer etwas erhöht und konnte im Wasser sicher gut das ein oder andere Beutetier entdecken. Aber zunächst hatte der kleine Watvogel die Fotografin im Auge² … Was treibt sie nur? So mag er gedacht haben …

Am Strand mit Sand und Wasserzonen steht auf einem Grasbüschel ein kleiner Vogel.

Mit Überblick auf einer Bülte

Ein kleienr Vogel steht auf einem Grasbüschel am Strand. Im Kopfbereich ist ein Teil des Gefieders mit einem Kreis markiert.

Artkennzeichen: weißes „Dreieck“

Ich freute mich über diesen Blick auf den Flussuferläufer vor allem deshalb, weil er bei gutem Licht ein Kennzeichen demonstrierte, das ihn als Art unverwechselbar macht: ein weißes „Dreieck“ zwischen dem bräunlichen Hals und dem bräunlichen Rücken.

Am steinigen Fluss

Das geradezu klassische Habitat des Flussuferläufer konnte ich im Frühjahr in Spaniens Extremadura an einem steinigen Flussbett erleben. In dem abgelagerten Geröll dieses idyllischen, naturbelassenen Flusses fiel mir der Vogel zunächst gar nicht auf. Denn sein weiß-braunes Federkleid ist geradezu ideal an diese Umgebung angepasst.

Ein Flüsschen mit viel Geröll am Ufer und auf dem Boden schlängelt sich durch die Landschaft.

Ein idyllisches Flussufer

Auf einem von vielen helbraunen Steinen des Gerölls im Flussbett steht ein kleiner Vogel. Kaum erkennbar.

Suchbild mit Flussuferläufer

Auch die Spiegelungen auf dem Wasser, Wasserpflanzen sowie Licht und Schatten machten es nicht leicht, den Flussuferläufer hier zu entdecken. So gut fügt er sich in die Umgebung ein. Wenn man allerdings weiß, wo er sich gerne aufhält, fällt er eher ins Auge. Bei Naumann lese ich, Seite 7

Seine Lieblingsplätzchen sind bald ein stiller Winkel am flachen Ufer oder ein Schlammhäufchen mit offener Aussicht zur Wasserseite, bald ein dicht am oder aus dem Wasser herausragender grosser Stein, ein nicht zu hoher Pfahl, ein Balken …

Im Geröll eines Flussbetts steht ein weißbrauner Vogel auf einem Stein.

Plätzchen auf einem Stein

Was beim Flussuferläufer sofort ins Auge fällt, ist sein eher unruhiges, teils hektisches Verhalten bei der Nahrungssuche. Wie eine Bachstelze nickt er mit dem Kopf und bewegt seinen Hals derart, dass der Körper gewissermaßen vor und zurück kippt. Auch das erinnert an eine Bachstelze.

Der kleine Watvogel stakst sehr geschickt von Stein zu Stein, verharrt hier und da, um das Wasser auf verwertbare Partikel zu prüfen, watet weiter durch das Flussbett. Hat er etwas entdeckt, senkt er blitzschnell er den Schnabel ins Wasser.

Kleiner Vogel seht auf einen Stein im Wasser und blickt herab auf der Scuhe nach Nahrung.

Die Beute im Fokus

Brauner Vogel mit langem Hals streckt sich, um blickt über Steine hinweg ins Wasser.

Langer Hals zum Nachjustieren

Kleiner brauner Vogel steht am Wasser und senkt seinen Schnabel hinein, so dass auf der Oberfläche Ringe entstehen.

Und zugeschnappt

Auf seinem Speiseplan stehen alle möglichen Insekten. Diese liest er nicht nur vom Boden, zwischen Steinen und in Spalten auf, sondern er erbeutet auch tief fliegende und auf einem Blatt oder Halm sitzende Insekten wie etwa Schmetterlinge und Fliegen. An solche Beute schleicht er sich geduckt an, lese ich im Handbuch der Vögel Mitteleuropas (Urs N. Glutz von Blotzheim u.a., Bd. 7, S. 581).

Dazu lasse ich nochmals den Herrn Naumann zu Wort kommen – wen sonst, wenn es um das unterhaltsame Beschreiben von Verhaltensweisen geht. Der kommentiert die Jagd des Flussuferläufers auf Insekten jedenfalls so, Seite 7

Er macht sich hierbei niedrig und ganz schlank, den Kopf mit dem eingezogenen Halse niedergebückt, und schreitet leise und sehr behutsam darauf los; und sein Schnabelstoß verfehlt dann selten das Ziel. Bei diesem Beschleichen eines Raubes benimmt er sich gerade wie eine Katze, welche so etwas vor hat …

 

¹ Jedenfalls nicht für Mensch wie mich, die von der Nordsee stammen.
² Beim Vergößern des Fotos ist gut zusehen, wie das Auge auf die Kamera gerichtet ist.

Flussuferläufer | Chevalier guignette | Common Sandpiper | Actitis hypoleucos

Liebe Fans meiner Fotos, ich freue mich, wenn euch das eine oder andere Foto so gefällt, dass ihr es von meiner Website herunterladen möchtet. Allerdings sind alle mit ©Copyright geschützt. Darum fragt mich bitte per E-Mail vor jedem Download. Elke Brüser

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Du ahnst es vielleicht schon: Im Wort Birding steckt der englische „bird“. Unter Vogelfreunden ist das ein Schlagwort für die Beobachtung der gefiederten Tierwelt – im Feld, wie man so schön sagt. Also draußen. Ein paar Anmerkungen dazu findest du → hier.

Frau mit Fernglas beobachtet etwas in der Ferne

Mit Fernglas und Kamera auf Vogel-„Jagd“ zu gehen, ist mancherorts geradezu ein Sport und von Wetteifer geprägt. Ich halte aber wenig davon, möglichst viele und auch seltene Arten aufspüren zu wollen, um sie akribisch in Listen zu erfassen. Mein Ding ist: stehen bleiben, lauschen und schauen, was Tiere so treiben.

Textes en français

Si cela t’intéresse: Ma chère amie Annie Riou a traduit quelques articles du blog en français. Et depuis 2023 Juliette Rakei, étudiante de la zoologie à Berlin et bilingue, fait des traductions. Merci! Tu les trouves ici.

Vogel des Jahres

Zwei schwarz-weiße Vögel mit teils schillernden Flügeln stehen sich gegenüber, unter ihnen ein kleiner Jungvogel.

2024  Der Kiebitz

Zwei Braunkehlchen sitzen auf einer Distelblüte, es sind Männchen und Weibchen.

2023  Das Braunkehlchen

Ein Rotkehlchen hockt auf einem Ast und füttert mit einem Wurm, den es im Schnabel hält, einen Jungvogel.

2022  Der Wiedehopf

Wiedehopf mit gesträubter Haube - Ausschnitt aus einer Grafik im "Naumann" Bd.IV

2021  Das Rotkehlchen

Eine rosabrüstige Taube sitzt auf einem Ast und blickt mit ihrem roten Auge zu uns.

2020  Die Turteltaube

Vier Lerchenvögel, in der Mitte ein adultes männliches Tier mit kleiner Holle.

2019  Die Feldlerche

Männlicher und weiblicher Star im Frühjahr im Prachtkleid - mit weißen Tupfern auf schwarzem Grund - auf einen Zweig sitzend.

2018  Der Star

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2017  Der Waldkauz

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2016  Der Stieglitz

Seevogel des Jahres

Ein Waldkauz sitzt auf einem Ast; kolorierte Zeichnung aus Brehms Tierleben.

2024  Der Sterntaucher

Brandseeschwalbe mit schwarzem Schädel und Mähne steht auf einem Felsen am Meer.

2023  Die Brandseeschwalbe

Ein möwenartiger Vogel steht auf einem Felsstein im nordisch anmutenden Meer

2022  Der Eissturmvogel

Der Jahresseevogel 2021 als Zeichnung: Zwei Weißwangengänse mit weißer Stirn und weißer Kehle vor einem nordischen Meer mit steilen Felsen.

2021  Die Weißwangengans

Auf einem Felsvorsprung am Meer steht eine Fluss-Seeschwalbe mit deutlich schwarzer Schnabelspitze. Links eine Zwergseeschwalbe und hinter ihr eine Küstenseeschwalbe.

2020  Die Fluss-Seeschwalbe

Eine schwarzweiß gemusterte Eiderente mit pfirsichfarbener Brust paddelt mit den Füßen im grünlich Meerwasser.

2019  Die Eiderente

Drei Sandregenpfeifer stehen am Meeresstrand. Links das Weibchen, rechts ein blasser gefärbter Jungvogel und in der Mitte das Männchen auf einem Stein. Jungtier

2018  Der Sandregenpfeifer

Vier Eisenten hocken auf Steinen im Wasser: großes männliches Tier mit brauner Brust, helleres weibliches Tier und zwei ebenfalls helle Jungvögel.

2017  Die Eisente

Drei Basstölpel in verschiedenen Altersstufen: weißes Baby, dunkler Jungvogel und weißer Altvogel mit gelblichem Kopf.

2016  Der Basstölpel

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